Lithium

GeschichteSchmerz/Trost / P16
19.09.2013
04.08.2014
23
55946
15
Alle Kapitel
120 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Er erwachte in einem Meer aus Schmerzen. Es dauerte einige Augenblicke, bevor er sich erinnern konnte, wo er sich befand, immer wieder schwappte eine Welle aus Qualen über ihn hinweg, begleitet von einem Schleier aus Dunkelheit, der sich jedes Mal über seine Augen legte.
Noch immer lag er zwischen den Sitzbänken der Kapelle, an genau derselben Stelle, wo er nach seinem Sturz gelandet war. Auch die Erinnerungen kehrten zurück. Die Anstalt, der Ausbruch, der Unfall, die Kapelle, der Pastor, sein Sturz. Und immer wieder dieses Mädchen. Edna. Edna Konrad mit ihrem blauen Stoffhasen Harvey.

Schwerfällig erhob er sich, seine Muskeln protestierten gegen die Beanspruchung. Es schien unendlich lange zu dauern, bis er schließlich auf seinen Füßen stand. Schwindel und Übelkeit überkamen ihn, er musste sich mit den Händen auf einer der Sitzlehnen abstützen, um nicht sofort wieder zu fallen.
Verschiedene Schrammen und Platzwunden befanden sich überall auf seinem Körper, die größte auf der Stirn, getrocknetes Blut klebte in seinen Haaren und auf seinen Augenlidern. Die rechte Rippenreihe fühlte sich angebrochen an und drückte auf die Lunge. Doch wie durch ein Wunder schienen alle anderen Knochen heil geblieben zu sein.
Er schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, den Schwindel zu vertreiben, zwang seinen Magen, Ruhe zu geben.

Was sollte er als Nächstes tun? Auf diese Frage hatte er keine Antwort. Doch irgendwas würde ihm schon einfallen, ihm war bisher immer etwas eingefallen.

Er öffnete die Augen wieder und sah sich um, aber im Grunde war ihm klar, dass der Schlüssel der Kapelle nicht mehr da war. Edna hatte ihn an sich genommen, um flüchten zu können.
Trotz der Schmerzen verzog ein Grinsen seine Lippen. Kluges Mädchen. Sie wollte zum Haus ihres Vaters, wahrscheinlich war sie bereits dort.

In seinem Kopf formte sich eine Idee. Er gehörte nicht hierher, jedoch gehörte er auch nicht in die Anstalt. Genauso wenig wie Edna. Gewissermaßen saßen sie also im selben Boot, teilten dasselbe Loss oder wie immer man es nennen wollte. Vielleicht war es also nicht die schlechteste Idee, nach ihr zu suchen und sie wiederzufinden. Dass ihm das gelingen würde, daran zweifelte er nicht.
Mit diesem neuen Ziel vor Augen verließ der Schlüsselmeister die Kapelle.

**********

„Es ist alles meine Schuld, Harvey.“ Jegliche Kraft schien aus ihrem Körper gewichen zu sein. Sie taumelte und wäre vermutlich gestürzt, wenn nicht die Tür hinter ihr ihr Halt gegeben hätte. Langsam ließ sich daran heruntergleiten bis sie auf dem Boden saß. „Ich habe ihn umgebracht, Harvey. Ich habe Alfred ermordet.“
„Es war kein Mord, es war ein Unfall.“, entgegnete der Hase energisch.

Doch für Edna machte das keinen Unterschied. Sie fühlte sich beschmutzt und widerwärtig. Nicht nur, dass sie Alfred getötet hatte, indirekt hatte sie auch ihren Vater auf dem Gewissen. Plötzlich war ihr verdammt kalt und sie begann zu zittern. All ihre Pläne und Hoffnungen waren von einem Moment auf den anderen zerstört. Sie konnte nichts ins Reine bringen, ihren Vater nicht entlasten. Sie war nichts weiter als eine flüchtige Mörderin. Edna erwischte sich bei dem Gedanken an eine Rückkehr in die Anstalt. Dort war alles irgendwie einfacher gewesen. Die Vorstellung, alles vergessen zu können, noch einmal ganz von vorn beginnen zu können, hatte gerade etwas verdammt Verlockendes.

„Edna, komm schon, steh auf. Die Polizei und Doktor Marcel werden gleich hier sein.“, versuchte Harvey es erneut.
„Vielleicht wäre das ja gar nicht so schlecht. Dann wäre wieder alles so wie… wie noch vor ein paar Stunden.“ Nun, da ihr deutlich wurde, dass seit ihrer Flucht erst wenige Stunden verstrichen waren, erschien ihr die gesamte Situation noch surrealer. Es fühlte sich an als sei sie schon vor Monaten aus der Anstalt ausgebrochen.
„Ach ja? Und was, glaubst du, werden sie mit uns machen, wenn wir wieder zurück sind?“, rief Harvey. Da Edna nichts sagte, gab er selbst die Antwort selbst. „Sie werden uns trennen. Doktor Marcel weiß irgendwoher, dass ich es bin, der dich immer wieder erinnert. Wir sind so weit gekommen, du kannst doch jetzt nicht einfach aufgeben.“  Seine Stimme war immer weinerlicher geworden, je länger er redete.

Doch diese Worte brachten Edna wieder auf die Beine. Sie hatte nichts mehr zu verlieren, nichts außer Harvey. Sie konnte nicht zulassen, dass man ihn ihr wegnahm. Tief in ihrem Inneren wusste Edna, dass Harveys Persönlichkeit ein der Teil ihrer eigenen war. Die Kindheits-Edna. Deshalb konnte sie sich durch ihn auch immer wieder erinnern. Für jeden anderen Menschen war er einfach nur ein blauer Stoffhase, nicht lebendiger als ein Stein im Garten. Aber für Edna war er verdammt real. Und genau deswegen konnte sie jetzt nicht einfach aufgeben.
„Wir müssen hier weg, bevor die Polizei auftaucht.“, sprach sie in die Dunkelheit des Flurs.
„Meine Rede.“, bestätigte Harvey.

Das Mädchen lief die Treppen hinab, ohne sich noch einmal umzusehen. Plötzlich hatte sie es sehr eilig, von hier weg zu kommen. Das hier war nicht mehr ihr zu Hause.
Gerade als sie die Hand auf die Klinke der Haustür legte, waren draußen Stimmen zu vernehmen. Augenblick erstarrte sie in der Bewegung, ihr Atem ging stoßweise. Das war eindeutig die Stimme von Doktor Marcel und eine weitere, die sie nicht kannte, wahrscheinlich gehörte sie einem Polizisten.

„Und Sie sind sich sicher, dass das Mädchen hier ist?“, fragte der gerade.
„Ja, ganz sicher. Das hier ist das Haus.“, antwortete Doktor Marcel gereizt. Diese Angelegenheit strapazierte seine Nerven aufs Äußerste. „Herrgott nochmal, nun machen Sie endlich die verdammte Tür auf.“
„Ich bedaure, aber meine Anweisungen sind klar. Keine Hausdurchsuchungen oder Sachbeschädigungen ohne handfeste Beweise.“
„Das Haus steht doch leer und das schon seit Jahren. Der Eigentümer ist längst verstorben.“
„Soviel ich weiß, ist das Mädchen achtzehn und damit gehört das Haus ihr. Also kein unbefugtes Eindringen.“
„Aber sie ist eine entflohene Irre!“
„Jedoch nicht durch ein Gericht entmündigt. Somit ist die Rechtslage für mich klar.“

Edna hatte genug gehört. Die Polizei und die Gesetze verschafften ihr etwas Zeit, aber sie war nicht so naiv, zu glauben, dass würde sie ewig draußen halten.
So geräuschlos wie möglich trat sie zurück. Ihr Atem, ihr Herzschlag, das Patschen ihrer nackten Füße auf dem Boden, alles erschien ihr auf einmal unheimlich laut. Vorsichtig betrat sie die Küche. Ihre Hoffnung war, zur Hintertür unbemerkt hinaus zu kommen, doch wollte sie kein Risiko eingehen und spähte zum Fenster hinaus. Ein leiser Fluch entschlüpfte ihr, als sie durch die verschmutzte Scheibe einen jungen rauchenden Polizisten ausmachen konnte. Verdammt, der hatte ihr den Fluchtweg abgeschnitten. Panik stieg in ihr auf, doch Edna rang sie nieder. Auch wenn es momentan schwer erschien, sie durfte jetzt nicht den Kopf verlieren.
Leise wich sie vom Fenster zurück, wieder in den Schatten zurück. Sie musste nachdenken. Vor dem Haus stand wahrscheinlich die Polizei plus das Klinikpersonal. Dahinter lag das Dorf. Hinter dem Haus lag ein kleines Wäldchen. Als Kind hatte sie dort oft mit Alfred gespielt.
Eilig schob sie die Gedanken an den toten Spielkameraden beiseite, sie brauchte ihre Konzentration jetzt für andere Dinge.
Dort würde sie schwer zu finden sein, der Wald bot ihr Unterschlupf. Bis morgen könnte sie sich dort verstecken, dann würde sie weitersehen. Es nützte also alles nichts, sie musste irgendwie durch den Garten, um in diesen Wald zu gelangen.

Da ihr momentan nichts Besseres einfiel, huschte sie zurück in den Keller. Vielleicht konnte sie ja denselben Weg nach draußen nehmen, wie sie auch hereingekommen war.
Ihre Finger tasteten nach dem Holzrahmen des Kellerfensters. Sie musste behutsam vorgehen, wollte sie den rauchenden Polizisten nicht durch ein Geräusch auf sich aufmerksam machen. Zum Glück war ihr Klettern noch nie schwergefallen. Mit katzengleicher Leichtigkeit schlüpfte sie durch das Fenster.
Draußen schlug ihr die kühle Nachtluft entgegen und ließ sie frösteln. Die Feuchtigkeit des Grases drang mit Leichtigkeit durch ihr dünnes Nachthemd, das mittlerweile nicht mehr ganz so weiß war.
Der Polizist nahm keine Notiz von ihr, sowieso zeigte er wenig Interesse für seine Umwelt. Seiner Meinung nach war das ganze Unternehmen hier reine Zeitverschwendung  und daraus machte er keinen Hehl.

Nachdem Edna sich vergewissert hatte, dass sie nicht bemerkt worden war, robbte sie weiter vorwärts, indem sie sich mit den Ellenbogen stückweise nach vorn zog. Ihre Beine schrammten am Rahmen des Kellerfensters entlang, von dem sich plötzlich ein Splitter löste und sich in ihre Haut bohrte. Sie konnte gerade noch verhindern, vor Schmerz und Überraschung laut aufzuschreien, indem sie sich auf die Unterlippe biss. Aber gegen ein kurzes heftiges Aufkeuchen war sie machtlos.
Der Polizist horchte auf und trat von der Tür weg. „Ist da jemand?“
Reglos verharrte Edna in ihrer Position, wagte nicht einmal mehr zu atmen. Mit wachsendem Entsetzen beobachtete sie, wie er drei Schritte nach vorn tat, er vermutete die Ursache des merkwürdigen Geräuschs im Garten.
Ednas Glück war, dass er nicht nach hinten oder zur Seite schaute, weshalb er sie nicht entdeckte. Und der Zufall schien ihr noch ein weiteres Mal hold zu sein, denn in diesem Augenblick donnerte die Stimme des Einsatzleiters durch die Nacht. Er rief nach all seinen verstreuten Polizisten. Der Polizist an der Hintertür schien kurz zu überlegen, ob er dem Befehl Folge leisten oder dem Geräusch auf den Grund gehen sollte. Er verharrte einige Sekunden, dann zuckte er mit den Schultern und wandte sich zum Gehen. Er zündete sich eine weitere Zigarette an, während er ohne Eile davonschlenderte.

Edna hatte sich unterdessen von ihrem Schrecken erholt und witterte nun ihre Chance zur Flucht. Der Holzsplitter steckte noch immer in ihrem Bein, doch darum konnte sie sich im Moment nicht kümmern. Wenn sie jetzt nicht loslief, würde sich vielleicht nie wieder die Gelegenheit dazu bieten.
Wie zur Bestätigung rief auch Harvey: „Jetzt oder nie!“

Edna sprang auf die Füße und lief los. Sie kümmerte sich nicht darum, ob sie jemand sah, ihr einziger, alles beherrschender Gedanke war, sie musste den Wald erreichen. Der Wind zerrte an ihren Haaren, das Nachthemd flatterte ihr um die Knöchel. Sie ignorierte den Schmerz, der von ihrem Bein ausging, achtete nicht auf ihre Schritte, obwohl ihre Füße nackt und ungeschützt waren. Harvey hatte sie sich fest unter den Arm geklemmt.
Schließlich erreichte sie das Wäldchen, hörte jedoch nicht auf zu laufen. Zweige zerkratzten ihr Gesicht, Nadeln und kleine Steine stachen ihr in die Füße. Sie lief bis sie stolperte und mit dem Gesicht voran in den Dreck fiel. Die Erde und das Moos fühlten sich wunderbar kühl an auf ihrer verschwitzten Haut. Sie drehte den Kopf und sah ihre Hand nur wenige Zentimeter von ihrer Nase entfernt. Diese weiße Hand mit den langen, schlanken Fingern, die schon einen Mord begangen hatten. Gequält kniff Edna die Augen zusammen, der Schweiß brannte ihr in den Augen. Sie wusste nicht, wie lange sie so dagelegen hatte, als Harveys Stimme sie wieder in die Realität zurückholte.

„Das war echt voll krass!“
Trotz ihrer Schmerzen und ihrer Situation musste Edna lachen. Harvey schaffte es immer, sie aufzumuntern, das war schon seit ihrer Kindheit so gewesen. Sie war wirklich froh, ihn an ihrer Seite zu wissen. Langsam hob sie den Oberkörper und lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm einer alten knochigen Buche. „Wenn du meinst, kleiner Kumpel.“
„Doktor Marcel wird toben, wenn er mitkriegt, dass du ihm schon wieder entwicht bist.“, freute sich der Hase.
„Ja, das wird er, aber ich glaube nicht, dass er so schnell aufgeben wird.“
„Aber erstmal wird er toben und allein das war es schon wert. Toben ist immer gut.“ Dann wurde er plötzlich ernst. „Wie geht es deinem Bein? Hast du dich schlimm verletzt?“
Daran hatte Edna überhaupt nicht mehr gedacht. Nun konnte sie auch die Schmerzen lokalisieren. Vorsichtig hob sie den Saum ihres Nachthemds und betrachtete ihr Bein. Viel konnte sie in der Dunkelheit, die nur das Licht des Mondes ein wenig erhellte nicht erkennen. „Ich weiß nicht so genau.“, antwortete sie also. „Ich muss wohl den Splitter rausziehen.“ Behutsam legte sie ihre Finger um das Holz, das noch immer in ihrer Haut steckte. Mit zusammengebissenen Zähnen zog sie es heraus, neues Blut quoll aus der Wunde und floss über das bereits angetrocknete alte. Nun blieb nur noch zu hoffen, dass es sich nicht entzündete.

Edna lehnte sich zurück, Erschöpfung stieg in ihr auf. Viel war an dem vergangenen Tag geschehen, zu viel, um es so schnell verarbeiten zu können. Doch nicht nur ihr Geist war müde, auch ihr Körper war völlig kraftlos. All ihre Muskeln schmerzten und doch fühlte sie eine seltsame Zufriedenheit in sich. Dabei sollte sie sich nicht zufrieden fühlen, nicht nachdem sie erfahren hatte, dass sie eine Mörderin war. Wahrscheinlich handelte es sich lediglich um eine Auswirkung des nachlassenden Adrenalins und der gelungenen Flucht. Doch sie war zu müde, um weiter darüber nachzudenken.
Sie ließ sich zur Seite sinken bis sie auf dem weichen, duftenden Waldboden lag und fiel beinahe sofort in einen unruhigen Schlaf.

_________________

Das war's für das erste Kapitel.
Mich würde Eure Meinung darüber echt interessieren. :)
Review schreiben