Loving you is killing me

GeschichteDrama, Romanze / P12
Michael "Mick" Brisgau Tanja Haffner
16.09.2013
18.09.2013
9
12.367
1
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Dieses Kapitel
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16.09.2013 2.266
 
Titel:  Loving you is killing me
Autor: CrazyCat179
Spoiler: Staffel 3
Rating: P12
Kategorie: TaMi
Disclaimer: Mick Brisgau und Co. gehören mir nicht. Ich leihe sie mir nur mal kurz für ein bisschen Spaß aus und gebe sie unbeschadet und ohne finanziellen Nutzen für mich wieder zurück. Versprochen!
Feedback: …pretty please! CrazyCat179@yahoo.de


Loving you is killing me


Die Zeit heilt alle Wunden, das sagte man zumindest allgemeinhin. Auch ihr alter und etwas verschrobener Psychologieprofessor Doktor Paulseki war davon überzeugt gewesen und hatte es, einem Mantra gleich, immer wieder in den verschiedensten Situationen angeführt. Doch heute wusste Tanja Haffner, dass die Zeit nicht die Macht besaß, Wunden zu heilen. Sie konnte zwar dafür sorgen, dass die Erinnerungen an den Schmerz verblassten, doch eine Wunderheilerin war sie nicht. Ihre mächtigste Verbündete war die Fähigkeit des Menschen, emotionale Traumata zu verdrängen, im Bewusstsein so tief zu vergraben, dass der Betroffene eine Decke des Vergessens darüber ausbreiten konnte. Und nicht wenige fanden Erfüllung in diesem Vergessen. Doch grub man etwas tiefer oder zerrte ein vager Erinnerungsfetzen jenes Trauma an die Oberfläche, so gab es kein Entrinnen. Der menschliche Geist verfügte glücklicherweise über enorme Selbstheilungskräfte, aber es hing von vielen Faktoren ab, ob ein traumatisierter oder gebrochener Mensch über genug Willen verfügte, diese zu mobilisieren. Und letztendlich musste man bereit sein, sich darauf einzulassen, gnadenlos in der eigenen Psyche herumzustochern, sie sprichwörtlich zu sezieren.

Und da sie selbst die Hauptschuld trug an dem Schlamassel, in dem sie gerade steckte, wäre es vielleicht sogar vermessen, dieses Schandmal auf der Seele gänzlich auszuradieren. Denn wie sonst sollte sie sich ihr eigenes menschliches Versagen eine Lehre sein lassen, wenn sie alles daran setzte, jeden Erinnerungsfunken daran rigoros zu verbannen? Und im Grunde ihres Herzens wusste Tanja auch, dass sie den Schmerz, den sie nun fühlte,  mehr als nur verdient hatte. Er machte ihr das Zugeständnis an das eigene Scheitern einfacherer. Es fiel ihr schwer, sich an die Zeit zu erinnern, in der sie sich gut und beinahe unbeschwert gefühlt hatte. Fast war es, als wäre dies in einem anderen Leben gewesen, einem Leben, das sie nicht in ein starres Korsett aus Vernunft und rationalem Denken einzwängte und in dem auch sie ein Anrecht darauf gehabt hatte, glücklich zu sein.

Tief in ihre trübseligen Gedanken vertieft, griff die dunkelhaarige Frau nach ihrer Teetasse und trank einen kleinen, vorsichtigen Schluck. Der warme Tee und das süße Apfelaroma wärmte sie auf eine tröstende Art. Sie presste ihre klammen Finger gegen die heiße Tasse und starrte mit leerem Blick in die rötliche Flüssigkeit. Heute war wieder einer dieser Tage, an denen sie stark gegen ihren sehnlichen Wunsch ankämpfen musste, einfach nach den Telefon zu greifen und ihn anzurufen, nur um seine tiefe Stimme hören zu können. Doch sie fühlte sich nicht stark genug, die Worte, die er ihr sagen würde, zu verkraften.
Ihre Kündigung nach seiner Rückkehr aus der Versenkung und die darauffolgende Flucht aus Essen hatten Mick Brisgau weder versöhnlicher gestimmt, noch ihn dazu veranlasst, ihren Worten Glauben zu schenken. Jeden Erklärungsversuch ihrerseits hatte er mit einer für ihn untypischen Rigorosität abgeblockt und schlussendlich hatte sie es einfach nicht mehr ertragen können und die einzig logische Konsequenz aus der Situation gezogen. Tanja hatte zusehen müssen, wie sich Mick ihrer stärksten Waffe bediente und diese gegen sie selbst richtete. Und erst jetzt hatte sie den Hauch einer Ahnung erhalten, wie er sich all die Monate zuvor unter ihrem Beschuss gefühlt haben musste. Und mit dieser neugewonnenen Erkenntnis war die Resignation eingekehrt und sie hatte aufgegeben. Den Mann, der ihr so viel bedeutete, den sie liebte. Was sie sich selbst anfänglich nur als eine kurze Auszeit schön geredet hatte, dauerte bereits mehrere Monaten an und in diesen Monaten hatte sich die Welt, die sie kannte, komplett gedreht und verändert, sich nahezu auf den Kopf gestellt.

Ihre rechte Hand wanderte ihren Bauch hinab, strich irritiert über die sanfte Wölbung, die kaum verriet, was sich darunter verborgen hielt. Ihre unerwartete Schwangerschaft war es auch, die die Situation, in der sie sich gerade befand, weiter verkomplizierte, sie an manchen Tagen sogar in die Verzweiflung trieb. Sie kannte Mick gut genug um zu wissen, dass er, sobald sie ihn über ihren Zustand in Kenntnis setzten würde, all das Geschehene mit einer Handbewegung vom Tisch wischen würde. Er würde niemals seine Wut, die er ihr entgegen brachte, auf das Kind richten, das sie unter dem Herzen trug. Er würde sich dem Würmchen zuliebe sogar mit ihr aussöhnen, ihr verzeihen und sie wieder in sein Leben zurück lassen. Doch das würde er nicht ihr zuliebe tun, und das war der einzige Grund, der für sie selbst zählen würde. Also hatte sie feige geschwiegen, ihr Mutterwerden nicht zur Sprache gebracht, und nun befand sie sich mit dem Rücken zur Wand. Eine weitere Lüge, in die sie sich verstrickt hatte.

Ein Teil von ihr, wenn auch nur ein winzig kleiner, für den sie sich schämte, wünschte, sie hätte sich gegen das Baby entschieden, denn einen ungünstigeren Zeitpunkt konnte sie sich schwerlich vorstellen. Vor einigen Jahren, in einer Zeit, die weit vor ihrem ersten Zusammentreffen mit Mick Brisgau lag, hatten sie und ihr damaliger Partner sich ein Baby gewünscht. Sie hatten sogar vorgehabt, zu heiraten, um ihrem Nachwuchs das bestmögliche Nest zu bereiten. Und irgendwann zwischen dem Wunsch, Eltern zu werden, und ihrem beidseitigen Bestreben, beruflich Fuß zu fassen, hatten sie einander verloren. Und ganz tief in ihrem Innersten hatte sie schon zu diesem Zeitpunkt gespürt, dass René und sie keiner gemeinsamen Zukunft entgegen schauten. Nur hatte sie damals nicht die Kraft besessen, das Unausweichliche auszusprechen. Also hatten sie weitere Jahre nebeneinander her gelebt und die Tatsache, dass sich eine Schwangerschaft einfach nicht einstellen wollte, hatte sie als Zeichen gesehen, dass es ihr einfach nicht vergönnt war, Mutter zu werden. Erst Renés Fremdgehen mit einer Fitnesstrainerin hatte ihr die Augen geöffnet. Zuerst war sie schockiert gewesen, aber im Nachhinein betrachtet war es nicht René oder seine verlorene Liebe, denen sie nachgeweint hatte, es war vielmehr der Verlust ihrer Zweisamkeit und das Ende einer sehr langen Beziehung gewesen. Menschen waren nun einmal Gewohnheitstiere, und der Verlust eines Mannes im Leben hatte sie, mehr als sie es zugeben wollte, aus der Bahn geworfen.

Was sie zu diesem Zeitpunkt bereits vehement verdrängt hatte, war die stetig wachsende Präsenz eines verdammt unverschämten Kommissars, der ihr nicht nur beruflich im Kopf herum zu spuken begann. Immer wieder hatte sie sich dabei ertappt, wie sie ihn förmlich mit ihren Augen verschlang denn selbstverständlich war ihr nicht entgangen, wie ungeheuerlich gutaussehend und charmant Mick Brisgau war. Und mit dieser Erkenntnis hatte das Verhängnis seinen Lauf genommen. Sie, Tanja Haffner, die stets Berufliches von Privatem trennte und Professionalität über die Maße schätzte, hatte begonnen, sich in einen Patienten zu verlieben. Eine unerfreuliche Entwicklung, die sie anfangs mit allen Mitteln zu verhindern versucht hatte. Doch gegen die Liebe war selbst sie machtlos, egal wie oft sie diesen Mann von sich stieß, er war stets aufrechten Hauptes zu ihr zurück gekommen und irgendwann war es ihr nicht mehr möglich gewesen, sich gegen ihre Gefühle zu erwehren. Er hatte Mittel und Wege gefunden, sich in ihr Herz zu schleichen, und schließlich hatte sie Micks Drängen, seinem raubeinigen Charme und ihren Emotionen nachgegeben und sich auf eine halsbrecherische Gefühlsachterbahn gewagt. Doch sie hatte lernen müssen, dass Liebe und Anziehungskraft nicht die alleinige Basis einer gut funktionieren Beziehung sein konnten. Mick und sie waren einfach zu verschieden, sie hatten unterschiedliche Vorstellungen von einer Beziehung und dem Leben im Allgemeinen und die Tatsache, dass sie befördert worden war und somit die Rolle seiner Vorgesetzten inne hatte, hatte ihrer noch frischen Beziehung den Todesstoß versetzt. Ihr Herz hatte geblutet und es war fast unerträglich gewesen mitanzusehen, wie sehr Mick litt, doch sie hatte sich mit eiserner Disziplin dazu angehalten, in dieser Sache nicht nachgiebig zu werden, egal was ihr schmerzendes Herz von ihr verlangte.

Und in einem Moment der emotionalen Schwäche und mit ordentlich Wut im Bauch hatte sie die Kontrolle über ihre Selbstbeherrschung verloren. Sie hatte mit Mick Brisgau geschlafen, ihn nahezu mit leidenschaftlicher Gier ganz und gar verschlungen. Was sie in jener schicksalhaften Nacht unwissentlich geschaffen hatten, erfüllte sie heute mit Euphorie und zugleich mit verzweifelter Angst. Abermals ließ Tanja ihre zittrigen Finger über ihre gewölbte Bauchdecke streichen, versuchte Kontakt zu dem winzigen Lebewesen aufzunehmen, welches in ihr zu einem perfekten kleinen Menschen heranwachsen würde.
Die Rückkehr in die Realität nach diesem ersten und einzigen Mal, das sie mit Mick Brisgau geschlafen hatte, war schmerzlich gewesen. Für sie beide.  Mick, der durch den Sex wie beflügelt gewirkt hatte und der sie mit neu gewonnener Energie umschwärmt, rannte gegen ihre errichtete Schutzbarrieren an, die nach ihrer gemeinsamen Liebesnacht bereits feinste Haarrisse bekommen hatte. Sie war nahe daran gewesen, seinem Werben nachzugeben, ihrem Herzen die Chance zu geben, sich gegen ihren protestierenden Verstand durchzusetzten.

Dann jedoch hatte Mick herausgefunden, dass sie ihm all die Jahre lang wichtige Details zu dem Fall vorenthalten hatte, der den Kommissar vor mehr als zwei Jahrzehnten ins Koma befördert hatte. Ein nicht zu verzeihender Vertrauensbruch, daran gab es nichts zu rütteln. Enttäuscht und verletzt hatte Mick, als er die ganze Wahrheit erfuhr, die Stadt verlassen. Er hatte sich für mehrere Wochen zurückgezogen, um seine Wunden zu lecken. Diese Zeit war die Hölle für Tanja gewesen und als sie dann auch noch herausfand, dass die permanente Abgeschlagenheit und die kaum zu ertragende Übelkeit keine Symptome für einen Virus oder eine Grippe waren, sondern Vorboten ihrer baldigen Mutterschaft, war die Welt um sie herum in tausend kleine Scherben zersprungen. Als sie dann von Micks Rückkehr erfuhr, hatte sich Vorfreude mit unbeschreiblicher Angst vermischt. Sie hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass Mick die Zeit seiner Abwesenheit genutzt hatte, um sich Tanja aus dem Kopf zu schlagen. Ihren Versuch, versöhnlich und reuig auf ihn zu zu gehen, hatte er mit kühler Professionalität abgewiesen und ihr deutlich zu verstehen gegeben, dass sie sich von ihm fernhalten solle. Ein klassischer Schutzmechanismus – denn die Person, die ein Mensch am meisten liebte, war auch im Stande, den größtmöglichen emotionalen Schaden anzurichten. Mick hatte beschlossen, sie und all den Schmerz, den sie verursacht hatte, aus seinem Leben zu verbannen. Und gegen diesen steinharten Panzer gab es kein Ankommen. Schweren Herzens hatte sie ihren Job als Leiterin der Mordkommission gekündigt. Sie hatte versagt, auf beruflicher, und was noch viel schwerer wog, auch auf privater Ebene; zudem würde der Zeitpunkt kommen, an dem sie ihre Schwangerschaft nicht mehr verbergen konnte. Also hatte sie ihre Konsequenzen gezogen, nicht ohne noch einmal unmittelbar danach den Versuch zu unternehmen, mit Mick ein offenes und ehrliches Gespräch zu führen. Dieses Unterfangen hatte in einer weiteren Abweisung geendet und seine Worte hatten sie verletzt wie nichts zuvor in ihrem Leben.

„Tanja, ich will nicht mehr. Ich will keine Diskussionen mehr, ich will nicht mehr darüber nachdenken und um ganz ehrlich zu sein bist du die letzte Person, die ich im Moment sehen will. Dich zu lieben macht mich kaputt.“ Seine Worte hatten sie schmerzlich getroffen, tief in ihrem Herzen. Sprach Mick die Wahrheit? Konnte man sie einfach nicht lieben, war ihre Liebe Gift und zerstörte andere Menschen? Nach diesem Geständnis sah sie sich außer Stande, ihn darüber zu unterrichten, dass er ein zweites Mal Vater werden würde. Das hatte sie nicht gekonnt und in ihrer Gekränktheit war es ihr sogar wie eine gerechte Strafe vorgekommen. Er verwehrte ihr schließlich eine dringend nötige Aussprache, also war es in ihren Augen nur gerecht, wenn sie ihm ihrerseits etwas verwehrte.

Die folgenden Tage nach ihrer Kündigung hatte sie weinend zu Hause verbracht. Gerne hätte sie diesen Gefühlsausbruch auf ihre Schwangerschaft und die in ihr wütenden Hormone geschoben, doch fairerweise hatte sie sich eingestanden, dass sie um Mick weinte und um die Chance auf eine Zukunft mit ihm, die sie selbst zerstört hatte. Eine Woche darauf war ihr die Decke ihrer Wohnung sprichwörtlich auf den Kopf gefallen und sie hatte sich zu einem Tapetenwechsel durchgerungen.
Sie hatte sich Abstand verordnet, Abstand von Essen, ihrem verlorenen Job und vor allem von Mick, das war sie ihrem Baby und sich selbst schuldig. Denn auch wenn es ihr schwer fiel – sie musste nach vorne sehen und nicht im Selbstmitleid versunken der Vergangenheit hinterher trauern, an der sie nichts mehr ändern konnte. Wenn auch nicht für sich selbst, dann immerhin für das Kleine, das schließlich nichts für die Katastrophen im Leben seiner Mutter konnte. Also hatte sie sich kurzerhand für einen Besuch bei ihren Eltern entschlossen, die an der Küste lebten.

Selbstverständlich war ihrer wachsamen Mutter nicht entgangen, in welch aufgewühltem Zustand sich ihre Tochter befand, die sie viel zu selten zu Gesicht bekam. Und mit ihrem mütterlichen Instinkt hatte sie Tanja so lange bearbeitet, bis diese weinend in ihren Armen zusammengebrochen war und ihrer Mutter all ihr Leid klagte. Sie berichtete von Mick und den zutiefst verwirrenden Verwicklungen mit diesem Mann bis hin zu ihrem Verrat an ihm und nach kurzem Zaudern sogar von ihrer Schwangerschaft. In einer beruhigenden Geste hatte die ältere Frau Tanja über den Rücken gestrichen, sie sanft dazu animiert, weiterzusprechen, wenn sie ins Stocken geriet und ihr schlussendlich die Tränen getrocknet, wie es nur eine Mutter für ihre Tochter tun konnte. Und wie schon in ihrer Kindheit hatte Petra Haffner ein perfektes Mittel gegen den Schmerz der Welt zur Hand: eine Tasse duftenden heißen Kakao.
"Alles, was in unserem Leben geschieht, tut dies aus einem ganz bestimmten Grund, Kleines“, hatte sie beschwichtigend geflüstert und ihrer Tochter sanft eine dunkle Locke aus dem Gesicht gestrichen. In diesem Moment hatte Tanja zum ersten Mal seit langer Zeit so etwas wie Zuversicht empfunden.
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