Hinter dem Vorhang

von Meeralith
SongficRomanze, Tragödie / P16
Masao Murasako Tatsumi
15.09.2013
15.09.2013
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Author’s Notes: Einige Dinge vorweg: Mir ist durchaus bewusst, dass Masao eher wenig Fans hat und wie merkwürdig es wirken muss, dass ich ausgerechnet ihn als Hauptpairing wähle. Aber du, lieber Leser, wirst das im Laufe der Oneshots noch nachvollziehen können.

Das hier ist eine OS-Sammlung, aber die Charaktere im Mittelpunkt der Handlung werden immer Masao und meine OC, Sayoko sein. Ich gehe hier auch streng episodisch vor, im Stil von Higurashi. Falls du nicht weißt, was ich meine: Ich beleuchte eigentlich immer das selbe Szenario, nur mit minimalen Unterschieden, die im Endeffekt aber den Verlauf der Geschichte verändern.

Jeder OS ist teilweise eine Songfic. Das Lied, das ich verwende, kannst du im Kapiteltitel sehen.

So, viel Vergnügen!



Hinter dem Vorhang





I – Wir töten was wir lieben






Watch those subservient creatures that want to break free
the kiss releases them from any pain and disease
from pain and disease
we’re no demons, we’re no witches
we hate to feel the heat
come on and celebrate ourselves
and quench our needs
we still love you




Er hatte nicht im Ernst gedacht, dass ein Glas reichen würde. Eigentlich hatte es das nur schlimmer gemacht.

Tatsumi hatte ihm frische Kleidung gegeben, damit er nicht in dem Begräbniskimono durch die Straßen laufen musste.
Es war noch nicht spät, vielleicht neun Uhr abends, Masao hatte nicht wirklich auf die Uhr gesehen, ehe er Yamairi verlassen hatte. Dieses Kind, das im Nebenraum gelegen hatte, war wohl später von jemandem anderem getötet worden, denn Masao hatte es nicht angerührt.

Die Straßenlaternen flackterten oder waren komplett ausgeschaltet in dieser Straße. Er war absichtlich in einen der verlasseneren Bezirke Sotobas gegangen, um nicht jemandem über den Weg zu laufen, der ihn kannte, immerhin war er offiziell tot.
Es war noch keine zwei Stunden her, dass tatsumi ihn aus seinem Grab befreit hatte und Masao war dementsprechend noch ziemlich verwirrt und wackelig auf den Beinen.
An seine Familie dachte er nicht, eigentlich dachte er gar nicht. Sein Kopf war leergefegt, nur einzelne Eindrücke, Gerüche, Lichtimpulse erreichten sein Bewusstsein.
Das Flackern der Laterne. Der Geruch einer Sommernacht. Eine Taube, die über ihn hinwegflog.

Und Schritte. Schnelles, flaches Atmen. Herzschlag.
Eine Stimme.

„Masao-kun?“

Der Klang seines Namens riss ihn aus seiner Trance und er fuhr herum, als hätte ihn jemand mit einem Stein beworfen.

Da stand ein Mädchen, einen guten Kopf kleiner als er selbst, vermutlich in seinem Alter. Sie trug ihr dunkles Haar zu einem losen Zopf gebunden, aus dem sich einige Strähnen lösten. Sie war offenbar gerannt, zumindest deutete Masao ihre geröteten Wangen und den gehetzten Gesichtsausdruck so.

„Murasako Masao?“ fragte sie erneut, allmählich kam sie wieder zu Atem. „Du warst eine Weile nicht mehr in Schule, stimmt’s? Warst du krank? Geht’s dir besser?“

Er blickte sie verständnislos an. War nicht allgemein bekannt, dass er nicht mehr am Leben war? Hatte die Nachricht sie überhaupt erreicht?

„Ich bin Mayonaka, Mayonaka Sayoko, erinnerst du dich? Ich gehe in deine Klasse. Dritte Reihe, sechster Platz von rechts?“ sagte sie und Masao nickte langsam.

Mayonaka. Natürlich.
Sie hatte immer hinter ihm gesessen und ihm hin und wieder die Hausaufgaben abschreiben lassen.
„Sayoko?“ echote er, durchaus realisierend, dass er sich momentan wie ein Vollidiot benahm.
Sayoko nickte allerdings eifrig.

„Gut! Du weißt noch, wer ich bin!“ freute sie sich und klatschte erfreut in die Hände.
Masao fiel auf, dass er ihren Vornamen bis dato nicht gekannt hatte. Er hatte sie immer mit „Mayonaka-san“ angesprochen. Das gehörte sich auch so, wenn man sich nicht nahe stand.

„Ich hab’ mir ein bisschen Sorgen gemacht, weißt du. Meine Eltern sagen, hier geht eine schlimme Krankheit um und es sind ja auch schon Leute gestorben, oder? Dir geht’s doch wieder gut, oder?“ erkundigte sich Sayoko weiter und schien sich nicht daran zu stören, dass sie ein relativ einseitiges Gespräch mit ihm führte.

„Ja...“ antwortete er nach kurzem Zögern.
Sein Blick war längst in Richtung Hals gewandert. Er konnte ihre Schlagader sehen. Er konnte ihr Blut in den Adern fließen hören.
Hastig machte er ein paar Schritte rückwärts.

„Ich muss weg.“ teilte er ihr mit und wollte sich schon aus dem Staub machen, als Sayoko ihm etwas sehr Fatales hinterherrief:
„Du kannst mich ja mal besuchen kommen! Jetzt, wo es dir besser geht!“

--

Die Stunden vergingen langsam für Masao. Er hatte bis ein Uhr in dem verlassenen Haus in Yamairi gesessen, die Arme im die angezogenen Beine geschlugen und das leere Glas angestarrt.
Er war noch nie so hungrig gewesen.

Gab es irgendein Lebewesen auf diesem Erdball, das erfolgreich seiner Natur widerstand?

Er erinnerte sich, dass ihn Sayoko eingeladen hatte und Tatsumi hatte ihm erklärt, dass er ohne Einladung in kein Haus hineinkam. Um diese Uhrzeit war niemand mehr auf der Straße und Masao wollte nicht verhungern.
Also blieb ihm nur eine Wahl, so leid es ihm tat.

Remember the sweet taste, it wakes us every night
the beating of her heart, ignore the hateful light
Of the day ..



Sayokos Fenster stand über Nacht offen. Es war fast so, als bettelte sie darum.

Ihr Zimmer war im Erdgeschoss, also musste sich Masao kaum anstrengen, hineinzuklettern.
Ihm fiel im Vorbeigehen auf, dass der Raum für ein Jugendzimmer ziemlich kahl und spartanisch war, kaum Dekorationen hatte, obwohl es ein großer Raum war.

Sayoko schlief.
Ihr Gesicht war ausdruckslos, ein bisschen verschmierte Mascara klebte unter ihrem rechten Auge.
Masao schob vorsichtig, um sie nicht zu wecken, die Decke ein Stück zurück. Dabei streifte seine Hand ihre Wange und sie runzelte die Stirn, öffnete dann ihre Augen einen Spalt.
Er schreckte zurück, als hätte er sich verbrannt.

Ein Schimpfwort schoss ihm durch den Kopf und er wich in den Raum zurück, hoffend, dass die Dunkelheit dicht genug war um ihm zu verbergen, als sich Sayoko aufsetzte und sich verwirrt umsah.

„Hallo?“ fragte sich ängstlich in den Raum hinein und entlockte Masao ein unfreiwilliges Lächeln. Erwartete sie, dass, was auch immer sie glaubte, was sich da in der Dunkelheit versteckte, ihr antworten würde?
Er war im Begriff, sich vorsichtig in Richtung Fenster davonzumachen und es nochmal zu versuchen, wenn Sayoko wieder eingeschlafen war, als es hell wurde.

Es gab kein Adjektiv in der menschlichen Sprache, das Sayokos Gesicht beschreiben könnte, als sie ihre Nachttischlampe angeknipst hatte und in seine Richtung sah.

„M-Masao-kun...? Wie bist du hier rein-...?“ fragte sie, ohne sich einen Millimeter zu bewegen.

Die Absurdität der Situation ignorierend, deutete Masao auf das offene Fenster hinter sich.
„Du solltest es wirklich über Nacht zumachen.“ riet er ihr, sich innerlich ohrfeigend, dass ihm nichts Besseres einfiel.
Sayoko nickte langsam.
„Okay. Und, entschuldige, aber... würdest du mir verraten, was du hier machst?“

Masao merkte, wie sich etwas im Magengegend zu einem Knoten verkrampfte.
„Ich...“ setzte er an, verwarf den Satzanfang aber wieder. „Sayoko, ich muss dir was sagen.“

Sie hob eine Braue und verschänkte die Arme.
„Ich höre.“

Masao ließ den Kopf hängen.
„Du hattest schon Recht, ich bin dieser... Krankheit zum Opfer gefallen. Aber mir geht’s nicht wieder gut. Überhaupt nicht. Um genau zu sein, ich bin gestorben.“ fing er an und wartete ihre Reaktion ab.

„Versteh’ ich nicht. Wieso stehst du dann mitten in der Nacht an meinem Bett?“ wollte sie wissen und stand endgültig auf.
Es war erstaunlich wie einschüchternd ein Mädchen im Schlafanzug auf ihn wirken konnte.

„Du kennst doch die Geschichten über die Okiagari, oder?“ fuhr er vorsichtig fort. „Ja, um es kurz zu halten, ich bin gebissen worden, gestorben und wieder auferstanden. Aber um zu überleben muss ich...., naja, du kannst es dir ja vorstellen. Aber das Problem ist, ich kann nur Häuser betreten, in die ich eingeladen werde und momentan kann ich nur deins betreten. Ich wollte deine Familie nicht angreifen, aber...“
Er hielt inne.
Ich wollte deine Familie nicht angreifen, also bringe ich lieber dich um?

Sayoko reckte ihr Kinn.
„Also hast du beschlossen, dass ich dein Abendessen werde.“ vervollständigte sie seinen Satz.
Er konnte nur ergeben nicken.

„Ich will nicht töten, Sayoko, wirklich nicht. Aber ich hatte keine Wahl. Ich dachte, wenn ich es tue während du schläfst, dann merkst du es vielleicht nicht, weil, weißt du, ein Biss wird dich nicht töten, du wirst dich bloß eine Weile ziemlich mies fühlen, aber... Ich plappere, tut mir leid.“

Sayokos Blick hatte etwas abwesend gewirkt, während Masao gesprochen hatte. Sie löste ihre Arme aus der Verschränkung und ließ sie sinken.
„Masao.“ sagte sie und er zuckte zusammen. „Heißt das, ich bin deine letzte Chance?“

„Ja, man kann es so ausdrücken.“ antwortete er langsam und bemerkte überrascht, dass sie auf ihn zugekommen war und nunmehr eine Armlänge von ihm entfernt stand.
Wieder hörte er ihr Herz schlagen.

„Wenn du mich nicht umbringst, hab ich kein Problem damit. Ich mag dich, weißt du, und wenn ich mit einer kleinen Blutspende verhindern kann, dass du stirbst, dann tu ich das gern.“ deklarierte sie und strich ihr Haar zur Seite.
Blutspende, so nannte sie das also.

Entgegen seinem Willen schoben sich Masaos frisch gewachsene Fangzähne in den Vordergrund und stachen ihm ins Zahnfleisch, weil er den Kiefer verkrampft hatte und dagegen ankämpfte.
Er fühlte sich noch schlechter dabei, wenn sie es ihm erlaubte.

Ich mag dich, weißt du.

Ihre Worte, hallten in seinem Kopf nach, als er nach vorn schnellte, ihr in die Haare griff und ihren Kopf leicht zur Seite drückte.
Es erschreckte ihn, wie leicht er ihre Haut durchdringen konnte, da war fast gar kein Widerstand, weder von ihr noch von ihrer Haut.

Das pure, warme Leben war es, was seine Lippen benetzte und seine Kehle hinabfloss. So süß, so warm, so erlösend. Instinktiv stützte er sie mit einer Hand, als ihre Knie nachgaben.
Ihr Blut pulsierte und ihr Puls trieb es ihm entgegen. Es erfüllte seinen kalten, toten Körper, schien ihn von innen aufzuwärmen und Masao fühlte sich erstmals wirklich lebendig – zum ersten Mal, und das post mortem.

Langsam kehrte sein Verstand zurück und er ließ sie los, bemerkend, dass sie sich an ihm festhalten musste, um nicht umzukippen.
Sie hatte ihre Augen zusammengekniffen und hob eine Hand an ihren Hals, doch die Bisswunde blutete nicht mehr.

Masao half ihr stumm und schuldbewusst zurück zu ihrem Bett, wo sie sich setzte und zu ihm aufsah.

Wieso lächelte sie?

„Fühlst du dich besser, Masao-kun?“


Like a lover, like a beast we catch you in your sleep
the lips approach your neck again
her skin smells so sweet, it smells so sweet
despair after the deed as I’ve been the beast again
each night the raid repeats
our nature drives me on
we kill what we love
No kiss gave me release, they call me the unkind
no kiss gave me fulfillment, I’m simply the unkind



Er war in dieser Nacht direkt in sein Refugium in Yamairi zurückgekehrt, hatte den Raum verriegelt, sich auf dem Boden zusammengerollt und auf den komatösen Schlaf gewartet, vor dem Tatsumi ihn gewarnt hatte.

Ich mag dich, weißt du.

Wann hatte das letzte Mal jemand so etwas zu ihm gesagt? Seine eigene Familie hatte Tage gebraucht, um überhaupt zu bemerken, dass er nicht mehr lebte.

Kurz bevor der Morgen anbrach traf es ihn wie ein Blitzschlag: Sayoko hatte ihn die ganze Zeit gemocht. Sie hatte ihm geholfen, wo sie nur konnte, hatte ihn jeden Morgen gegrüßt, hatte ihm ihre Aufgaben abschreiben lassen, ohne dass er sie überhaupt darum bitten musste. Sie hatte immer das Gespräch mit ihm gesucht, und sei es über das Wetter. Sie hatte seine Gesellschaft gewollt, hatte ihm Gesellschaft leisten wollen. Sie hatte sich an seinen Namen erinnert und sich um ihn gesorgt.
Ihr war seine Abwesenheit in der Schule aufgefallen, bevor seiner eigenen Familie sein Tod aufgefallen war.
Sie mochte ihn.
Und nun hatte sie ihm ihr Blut gegeben. Weil sie ihn mochte.

--

„Sie weiß also, was du bist?“ fragte Tatsumi und lächelte auf Masaos Nicken hin. „Dann muss sie sterben.“

Er wollte Luft holen, um zu widersprechen, als Tatsumi ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen brachte.
„Hör zu. Niemand darf wissen, was wir sind. Du bringst uns alle in Gefahr. Entweder sie stirbt oder wir eine von uns. Das läuft aber, wie du weißt, auf’s selbe hinaus. Du wirst jede Nacht zu ihr gehen, Masao, und du wirst sie töten. Entweder du tust es, oder ich schicke jemand anders.“

Tatsumi war bereits an der Tür, als er sich noch einmal umdrehte.
„Und wenn du sie schützt, kann ich dir nicht sagen, ob du den nächsten Tag überlebst.“


Und so stand Masao wieder vor ihr.
Er hatte sie absichtlich geweckt und bat sie nun, sich wieder zu setzen – für den Fall, dass diese Information ihr den Boden unter den Füßen wegfegte.

„Was ist los?“ fragte sie drängend, nachdem Masao eine Weile geschwiegen hatte. „Wenn du Hunger hast, ich kann dir nichts mehr geben, sonst wird es kritisch. Du musst dir jemand anderen suchen.“

„Das ist es nicht.“ entgegnete er. „Die anderen sind besorgt, dass du uns auffliegen lässt, weil du über mich bescheid weißt.“

„Das heißt? Ich ahne Schlimmes.“ harkte sie nach.

„Sie wollen, dass du entweder stirbst oder auch so wirst wie ich.“ gestand er. „Das würde so oder so passieren, Sayoko. Wenn ich mich weigere, töten sie mich und schicken jemand anderen zu dir. Ich hab dich da mit reingezogen, tut mir leid.“

Er studierte ihr Gesicht genau, nachdem er diese Bombe hatte platzen lassen.

Zu seinem Erstaunen nahm sie es sehr gelassen, zumindest den Umständen entsprechend. Sie versuchte nicht zu flüchten und bewarf ihn auch nicht mit religiösen Gegenständen. Stattdessen senkte sie den Blick.

„Ich will nicht sterben.“  murmelte sie. „Aber, so wie es aussieht, ist, von dir getötet zu werden das geringere Übel. Immerhin kenne ich dich.“

„Es tut mir so leid.“ flüsterte er, sich ernsthaft schämend, dass er sie aus purer Selbstsucht zum Tode verurteilt hatte. Es trieb ihm die Tränen in die Augen.
Er wusste, wie es sich anfühlte zu sterben und die Vorstellung, dass dieses herzensgute Mädchen auch durch diese Hölle gehen müsste, tat ihm weh. Es war seine Schuld.

„Tut es weh?“ riss sie ihn aus seinen Gedanken.
„Sterben?“ fragte er. „Nein. Nicht wirklich. Gebissen werden tut weh. Aber das eigentlich Sterben... es ist ein bisschen wie Einschlafen. Geht nur schneller.“
„Wie oft wirst du mich beißen müssen?“ fragte sie weiter.
„Noch zwei mal, mindestens.“ antwortete er. „Hast du Angst?“
„Ein bisschen.“ entgegenete sie.

Ihre Hände lagen zitternd auf ihren Knien.
„Ich werde doch auch erwachen, oder? Ich bin noch so jung, ich will nicht, dass es jetzt schon vorbei ist. Jetzt, wo ich endlich den Mut aufgebracht habe,...“ Sie brach ab und blickte zu Boden. „Masao, ich mag dich wirklich. Und wenn ich sterbe und erwache, dann haben wir so viel Zeit...

Sie löste den obersten Knopf ihres Schlafanzugoberteils.
„Tu es. Los, bevor ich wirklich Angst kriege.“

Wie betäubt tappte Masao auf sie zu und kniete sich vor ihr auf den Boden, legte ihr eine Hand in den Nacken und zog sie näher zu sich.
Jede Faser seines Seins wehrte sich, aber er wollte nicht sterben, nicht noch einmal. Außerdem, zumindest redete er es sich ein, war es besser so für Sayoko. Wenn er es tat. Tatsumi selbst zum Beispiel würde sich keine großen Sorgen darum machen, ob sie Angst hatte.
Masao konnte zumindest Rücksicht auf sie nehmen.

Das süße, warme Blut war noch genauso wie in der Nacht zuvor. Doch eine Sache, ein winziger Aspekt war es, der diese Nacht von der vorhergehenden Unterschied.

Sie umarmte ihn.

Masao hatte es zuerst im Blutrausch gar nicht bemerkt, doch als er abließ, dämmerte ihm, dass sie ihn in die Arme genommen hatte.
Es war nicht schwer, ihre Arme von ihm zu lösen, sie war so leblos wie eine Puppe, obwohl sie bei Bewusstsein war.
Vorsichtig, als hätte er Sorge, ihr etwas zu brechen, legte er sie wieder zurück auf ihr Kissen und deckte sie zu.

„Masao-kun?“ fragte ihr zittriges Stimmchen.
„Ja?“

Sie drehte ihren Kopf auf die Seite, damit sie ihn ansehen konnte.
„Kannst du heute Nacht bei mir bleiben?“ bat sie. „Zumindest, bis ich schlafe? Ich will nicht allein sein.“

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern sagte er ihr zu und setzte sich neben ihrem Bett auf den Boden, mit den Rücken zu ihr.

--

Er schreckte hoch.
Ein Blick auf Sayokos Wecker sagte ihm, dass es kurz nach Sonnenuntergang war, etwa acht Uhr abends.
Wieso war er noch bei ihr? War er eingeschlafen? Hatte er die Zeit vergessen? Wieso lebte er dann noch und war nicht in der Sonne verbrannt?

Er schaute zum Fenster und erkannte, was ihm das Leben gerettet hatte – die Jalousien.
Vor ihm auf dem Boden lag ein sorgsam gefaltetes Stück Papier, das mit seinem Namen beschriftet war.
Langsam beugte er sich vor, hob es auf und faltete es auseinander.


Du bist eingeschlafen und ich konnte dich nicht wecken.
Ich hab mir Sorgen gemacht, weil ich ja weiß, dass Vampire in der Sonne sterben, deshalb hab ich die Jalousien runtergelassen, damit du nicht verbrennst. Mein Zimmer ist von außen abgeschlossen, ich glaube nämlich nicht, dass du meinen Eltern erklären willst, wie du hier reingekommen bist.
Ich bin bei Dr. Ozaki. Meine Eltern haben gemerkt, dass ich ein bisschen blass um die Nase bin und haben Angst, dass ich infiziert bin. Naja. Sie haben eigentlich Recht.
Wenn ich bis Sonnenuntergang nicht wieder da bin, du weißt ja, wie du aus dem Fenster kommst.
Ich verstehe schon, dass du deinen Freunden sagen musst, wo du warst, damit sie sich keine Sorgen machen, aber das hier ist mein letzter Tag. Bitte komm wieder, sobald du kannst. Ich will nicht alleine sein.

Sayoko

Die letzten Sätze brachen Masaos Herz.
Wieso nahm sie es einfach so an? Sie hatte nicht einmal versucht, ihrem Schicksal zu entfliehen. Hatte sie so schnell resigniert?

Tatsumi konnte ihm gestohlen bleiben. Sollte er sich doch fragen, wo er war. Masao würde bleiben und auf Sayoko warten. Er schuldete ihr was, immerhin war es seine Schuld, dass sie sterben musste.
Ihm fiel auf, dass einige Kanji auf dem Brief verwischt waren, als hätte Sayoko beim Schreiben geweint.
Das war ihr letzter Tag.
Der letzte Tag im Kreise ihrer Familie, die sie, nicht wie in Masaos Fall, abgöttisch liebten.
Er verstand ihren Schmerz nicht, aber er konnte sich vorstellen, dass es furchtbar für sie war.

Kaum eine Viertelstunde später drehte der Schlüssel im Türschloss und Sayoko schlüpfte ins Zimmer.

„Masao-kun? Du bist schon wieder hier?“ fragte sie erstaunt.
„Nein, ich war nie weg.“ widersprach er.
„Du hast gewartet?“ Diese Erkenntnis hellte Sayokos Gesicht auf.
„Das ist deine letzte Nacht, oder nicht? Ich bin schuld, dass du.... es ist das Mindeste, was ich tun kann.“

Er konnte ihr nicht in die Augen sehen.
Allein die Tatsache, dass sie sich am Türrahmen festhielt, um nicht umzukippen, versetzte ihm schmerzhafte Stiche in den Bauch, was er als Gewissensbisse interpretierte.
Er konnte es kaum erwarten, dass sie eine Okiagari wurde. Dass sie nicht mehr unter ihm zu leiden hatte.

Der Biss ging rasch vorüber. Sie hatte nicht mehr viel, was er ihr rauben konnte.
Die Süße ihres Blutes auf seinen Lippen tat weh. Es war ihre letzte Nacht.

Als Masao sie vorsichtig aufs Bett legte, hatten ihre Augen sämtlichen Glanz verloren.
Sie hob schwächelnd einen Arm und bat so wortlos und seinen Beistand. Mit gesenktem Blick kniete er sich neben ihr Bett und hielt ihre Hand.

„Keine Angst. Ich bleibe bei dir.“ versprach er ihr, wagte nicht, lauter zu sprechen als ein schwaches Flüstern. Eine merkwürdige Demut erfüllte ihn und er begriff, dass er an ihrem Sterbebett kniete.

„Masao?“ fragte sie mit ihrer ersterbenden Stimme.
„Ja?“ Er würde ihr jetzt jede Frage dieser Erde beantworten.
„Bist du allein gestorben?“

So viel Mitgefühl und Zuneigung in vier Worten.
Tränen fielen auf ihre verschränkten Hände, als Masao nickte.

„Ich wünschte, ich hätte deine Hand halten können.“ hauchte Sayoko.

Masao sah auf, als ihre Stimme verklungen war.
Ihre Augen waren noch offen und blickten zu ihm, aber er wusste, dass sie ihn nicht mehr sah.
Sie war erloschen.

Seine Hände krampften so heftig, dass sie die ihre brachen, doch auch das konnte Masaos Schrei nicht zurückhalten. Er erstickte ihn, indem er in die Matraze biss.


Remember the sweet taste, it wakes us every night
the beating of her heart, ignore the hateful light
and when the day is dawning I have to say good-bye
a last lookback into your broken eyes
Of the day ...



„Die Sonne geht bald auf, Masao.“ informierte Tatsumi ihn, der plötzlich hinter ihm erschienen war.
„Ich weiß.“ antwortete er, ohne sich umzudrehen.

Vor ihm war das frische Grab Sayokos, ihr Name auf dem Holzpfahl, ihr Körper unter der Erde.
„Nur noch ein bisschen. Ich will da sein, wenn sie aufwacht. Sie soll keine Angst da unten haben, ich will sie so früh wie möglich berfreien.“ erklärte er sich.

„Masao.“ fiel Tatsumi ihm ins Wort. „Riechst du das nicht?“

Masao wurde kalt.
„Was. Was.“ keuchte er und fuhr herum. „Tatsumi?!“

Der Werwolf kam näher und ging neben ihm in die Hocke.




„Das ist der Geruch von Tod. Verwesung, Junge. Sie wird nicht aufwachen.“
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