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Ein Messer und sechs Colts

von Feechen
KurzgeschichteAbenteuer, Familie / P12 / Gen
Barney "The Schizo" Ross Billy "The Kid" Timmons Lee Christmas
14.09.2013
14.09.2013
4
13.565
 
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14.09.2013 5.108
 
Eigentlich lief alles wie am Schnürchen.

Der Zug stoppte, wie vorhergesehen, die Infanteristen von Fort Willis schossen noch schlechter als Lees blinde, tote Großmutter und sogar Gunnar zündete ausnahmsweise die genau ausreichende Menge an Dynamitstangen, um die Waggontür aufzusprengen. Als Maggie den Tresor sah, glaubte Barney, sie lachen zu hören und innerhalb von vier Minuten hatten sie das Geld und, was noch wichtiger war, die Druckplatten in Leinenbeutel gestopft und sprangen aus dem zerstörten Wagen, schießend und fluchend, während sie sich den Hügel hinauf kämpften, wo Billy mit den Pferden wartete. Barney kam als Vorletzter, Lee ein paar dutzend Meter hinter ihm. Er schleuderte ein Wurfmesser nach dem anderen auf die Soldaten und nicht ein einziges verfehlte sein Ziel.

Sie waren also schon auf dem Rückzug, als es passierte.

Billy sah Barney nicht in die Augen, sondern hielt ihm bloß stumm die Zügel entgegen, als er angerannt kam und sich in den Sattel schwang.

„Steig auf“, befahl er Billy, doch der Junge zögerte.

„Lees Pferd“, sagte er.

„Darum kümmere ich mich, lauf!“

Billy nickte, dann erstarrte er plötzlich und eh Barney richtig wusste, wie ihm geschah, stürzte Billy an ihm vorbei und rannte wie ein Besessener den Hügel hinab.
Barney beugte sich jäh nach vorn, um die Zügel der schnaubenden, nervösen Pferde aufzufangen, dann wandte er sich panisch um.

Die Szene war beängstigend.

Lee lag am Boden, er musste gestürzt sein, und richtete sich gerade fluchend auf, als ein blutüberströmter Soldat wie aus dem Nichts hinter ihm auftauchte. Der Mann brüllte vor Schmerz, Barney konnte eins von Lees Messern in seinem Oberschenkel erkennen, wie war er überhaupt so weit hinaufgekommen? Er hielt einen Felsbrocken hoch über dem Kopf, bereit, ihn jeden Moment auf Lee niedersausen zu lassen, um seinen Kopf und die Schultern zu zerquetschen, doch plötzlich sprang Billy über Lee hinweg gegen die Brust des Mannes. Sie schrien, der Soldat ließ den Stein fallen, fiel hintenüber, Billy stürzte über ihn hinweg, schlitterte ein paar Meter den Hügel hinab, doch dann sprang er sofort wieder auf die Beine, zog seinen Colt, aber der Soldat war tot, der Felsen hatte ihm den Nacken zerschmettert.

„Was zum Teufel!“, hörte Barney Lee brüllen und endlich erwachte er aus seiner Starre.  

„Lauft!“, schrie er den beiden zu und sie rannten tatsächlich los, Lee fluchend und mit schmerzverzerrtem Gesicht, Billy mit dem breitesten Grinsen, das Barney je an ihm gesehen hatte.

Er riss sein nervös tänzelndes Pferd herum, ein Auge auf den zerstörten Zug gerichtet, doch es schien nicht so, als seien die übrig gebliebenen Soldaten besonders erpicht darauf, ihnen zu folgen - irgendwer musste ja schließlich die Schienen frei räumen und Leichen gruben nicht besonders gut.

Endlich waren die beiden oben und Barney sah mit Erleichterung, dass Lee aufsitzen konnte. Ohne ein weiteres Wort jagten sie davon über die staubige Prärie, den anderen hinterher, die einen derartig großen Vorsprung hatten, dass sie bloß noch schwarze Punkte in der Ferne waren. Sie würden bald anhalten, wie abgesprochen.
Barney rechnete in Gedanken ihren Anteil aus – er würde großzügig ausfallen, Tool würde sich freuen – als Lee hinter ihm auf einmal explodierte.

„Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht, Junge!“, schrie er so laut, dass sein Pferd empört wieherte.

Barney wandte verwirrt den Kopf. Was war denn jetzt schon wieder passiert?

„Hä?“, fragte Billy und lenkte sein Pferd näher an Lees, wahrscheinlich weil er glaubte, sich verhört zu haben. „Was meinst du?“

„Du solltest hinten bleiben, schon vergessen!“ Lee war knallrot angelaufen. „Du hattest dort absolut nichts zu suchen!“

„Ich hab dir das Leben gerettet!“, schrie Billy zurück und Barney konnte praktisch sehen, wie ungerecht er sich behandelt fühlte. Er wollte sich einmischen, doch Lee war noch lange nicht fertig.

„Du hast dich in völlig unnötige Gefahr gebracht, du verdammter Grünschnabel! Du hast einen klaren Befehl mit Füßen getreten und es hätte wer weiß was passieren können! Und wieso zum Teufel hattest du deine Maske nicht auf, hm?!“

„Ich…was… der Kerl hätte dich töten können!“ Billy war nun ebenso rot wie Lee und er zerrte wutentbrannt an den Zügeln.

„Verschon mich mit deinen Ausreden, Bursche! Ich hatte alles im Griff. Das wird ein Nachspiel haben, verlass dich drauf, du gottverfluchter… Sobald wir in Belmonte sind, werde ich dich nicht mehr aus den Augen lassen, bis du lernst, was es heißt, einem Befehl zu gehorchen!“

Billy wollte etwas erwidern, doch Lee warf ihm einen derartig mörderischen Blick zu, dass er bloß zornig die Lippen aufeinanderpresste, sich soweit es ging über den Hals seines Pferdes beugte und niemanden mehr eines Blickes würdigte.

Lee fluchte weiter leise vor sich hin und Barney schnappte Fetzen auf, die nach „viel zu jung“ und „hab ich doch gesagt“ klangen. Er überlegte, ob er etwas sagen sollte, doch wenn er ehrlich war, dann waren diese Reibereien zwischen Lee und Billy keine Seltenheit und nach einem scharfen Ritt oder spätestens nach einer Nacht waren sie meist vergeben und vergessen. Lee meinte es nicht so, das musste Billy klar sein und bis Belmonte würden sie mindestens drei Tage brauchen. Zeit genug also, damit sich die Gemüter wieder beruhigen könnten.

Kopfschüttelnd wandte er sich also wieder den dringlicheren Problemen zu und sagte nichts.

Eine halbe Stunde später hatten sie den Treffpunkt erreicht, einen winzigen, staubbedeckten Tümpel, gerade gut genug, um die Pferde zu tränken.

Gunnar und Yin waren dabei, das Geld zu zählen, während Hale und Toll die Druckplatten begutachteten. Lacy und Maggie saßen etwas abseits.

„Da seid ihr ja endlich“, begrüßte Hale sie. „Wir dachten schon, ihr wärt an Altersschwäche gestorben.“

„Spar dir deine Sprüche“, knurrte Lee und stieg ab. Hale runzelte die Stirn.

„Was ist los, Christmas? Haben sie dir in den Hintern geschossen?“

„Mach einfach weiter, ja?“, antwortete Lee barsch und führte sein schnaubendes Pferd zum Wasser.

Hale warf Barney einen fragenden Blick zu, doch der winkte ab.

„Wie sieht‘s aus?“, wollte er stattdessen wissen.

„Ganz gut“, erwiderte Toll. „Zwei Platten haben Risse, aber die obere Hälfte ist noch zu gebrauchen.“

„Gute Arbeit.“

„Hab  ja auch ich gemacht.“

Barney verdrehte die Augen, dann stieg er ab und ging zu Maggie und Lacy hinüber.

„Alles in Ordnung?“

„Klar“, antwortete Maggie und hielt paradoxerweise ihre dick verbundene Hand in die Höhe. „Bloß ein Kratzer, dank der verdammten Tür.“

„Mit ‚bloß ein Kratzer‘ meint sie, dass sie sich vier Finger gebrochen hat“, warf Lacy trocken ein und riss einen Fetzen groben Stoffs in lange Streifen.

„Ach, sei nicht sauer, Lacy“, erwiderte Maggie gutgelaunt. „Die rechte Hand funktioniert doch noch.“

„Als ob mich das trösten würde!“

„Im Bett normalerweise schon.“

„Maggie!“

Barney blinzelte ein paar Mal und dann beschloss er, dass es besser war, so zu tun, als habe er das nicht gehört und als sei er plötzlich farbenblind geworden, sodass er Lacys dunkelrotes Gesicht nicht sehen konnte. Ging ihn schließlich auch nichts an.

„Großartige Arbeit“, sagte er also bloß. „Ihr bekommt meinen Anteil. Als Entschädigung für die Hand.“

Maggie hörte sofort auf zu grinsen. „Ist das dein Ernst?“

„Ja.“

Sie schwieg einen Moment lang und betrachtete Barney eingehend, dann schüttelte sie belustigt den Kopf. „Du bist wirklich völlig wahnsinnig, Barney Ross. Aber mein Problem soll’s nicht sein, wenn du keinerlei Geschäftssinn hast.“

Barney nickte nur.

„Gunnar“, rief er dann. „Zähl den Damen meinen Anteil hinzu.“

„Wird erledigt, Boss.“

„Wieso das denn?“, rief Yin.

„Weil Maggie sich verletzt hat. Das ist eine Aufwandsentschädigung.“

„Aha. Und wo ist meine? Ich betreibe schließlich immer diesen Aufwand! Eigentlich
sogar doppelten, immerhin bin ich nur halb so groß wie ihr Riesen.“

„Müsstest du dann nicht auch nur halb so viel Geld brauchen?“, rief Toll, woraufhin Yin ihm einen Stein an den Kopf warf.

„Idioten“, sagte Barney kopfschüttelnd und schenkte ihnen keine weitere Beachtung.

In ein paar Minuten würden sie aufbrechen und er hatte noch eine äußerst unangenehme Aufgabe vor sich.

Lee hockte am Wasserrand und schälte sich vorsichtig aus seinem Hemd, als Barney sich neben ihm fallen ließ.

„Schleich dich nicht so an, du Trottel!“

Barney ignorierte ihn und deutete auf die blauschwarze Verfärbung knapp unterhalb von Lees Brust. „Wie schlimm ist es?“

„Pah, das ist nichts. Eine gebrochene Rippe, allerhöchstens.“ Er log, das war Barney klar. Doch bevor er etwas erwidern konnte, hatte Lee das Thema gewechselt: „Um den Jungen solltest du dir Gedanken machen!“

„Er hat dir das Leben gerettet.“

„Gehorcht hat er nicht, das wolltest du wohl sagen.“

Barney seufzte. „Du bist zu streng.“

„Und du zu weich.“

Sie schwiegen einen Augenblick lang.

„Er wollte bloß helfen, Lee. Seinen Freund beschützen.“

„Glaubst du allen Ernstes, dass ich mit diesem hirnlosen Soldatentrottel nicht allein fertig geworden wäre?“, fragte Lee hitzig und Barney wusste, dass, egal was er jetzt sagen würde, der Ritt nach Belmonte eine einzige Katastrophe werden würde.

Also zuckte er bloß die Schultern und wiederholte: „Er hatte Angst um dich.“

Lee seufzte plötzlich und all der Ärger schien aus seinem Körper zu fließen. „Das ist doch genau das Problem. Er denkt nicht nach. Ich war nicht in Gefahr, doch der Kleine… er hätte sterben können, Barney!“

Lee schaute ihn an und in seinen Augen stand eiskalte Angst, wie sie Barney noch nie gesehen hatte.

Bei Gott, was erwiderte man auf so etwas?

„Lee…“, begann er unschlüssig. „Du kannst ihn nicht ewig beschützen. Gerade nicht in unserem… Gewerbe.“

Barney kam sich plötzlich sehr herzlos und ungeschickt vor, kaum, dass er das gesagt hatte, doch Lee schien es nicht zu bemerken, denn er starrte entschlossen auf seine blutverkrusteten Hände hinunter.

„Das wollen wir doch mal sehen.“

Stur wie zehn Esel, schoss es Barney durch den Kopf, doch er liebte ihn schließlich deswegen.

Langsam stand er auf. Er hätte gern noch etwas Tröstliches gesagt, oder etwas Beruhigendes und Kluges. Doch da ihm nichts einfiel, überlegte er, dass es keine sonderlich schlechte Taktik wäre, Lee ein wenig abzulenken.

„Ich habe meinen Anteil übrigens Maggie und Lacy gegeben.“

„Was?!“

„Schien mir gerecht. Sie hat schließlich den Safe geknackt.“

„Du bist der weichherzigste Vollidiot, der mir je untergekommen ist. Ich soll dich wohl wieder mit durchfüttern, hm?“

„Nur bis zum nächsten Überfall.“

„Klar, und kurz danach siehst du ein paar halbverhungerte Kinder, wirfst das Geld auf den Boden und rennst, als sei der Teufel hinter dir her. Scher dich weg, los.“  

Barney lachte auf, als Lee ihn mit wedelnden Armen vertrieb.

Ihm war klar, dass Lee seine Schimpftiraden nicht ernst meinte. Obwohl er sich andauernd beschwerte und alles und jeden angiftete, war er, wenn man es genau nahm, noch sentimentaler als Barney. Er mochte verschlossen wirken und sich benehmen, als habe die Welt sich tagtäglich aufs Neue gegen ihn verschworen. Doch tief im Inneren war er recht optimistisch und lebensfroh, loyal bis zum Äußersten und sobald er jemanden ins Herz geschlossen hatte, war er bereit, alles für denjenigen zu tun.

Wenn Billy das ahnen würde, hätten sie einige Sorgen weniger, stellte Barney betrübt fest, aber es nützte nichts, der Junge verdiente ein Gespräch.

Er entdeckte ihn neben Maggie und Lacy und obwohl er nicht hören konnte, was sie miteinander besprachen, war er sich ziemlich sicher, dass Billy sich für sein Benehmen entschuldigte. Lacy tätschelte versöhnlich seinen Oberarm, während Maggie milde lächelte und ihm dann sogar durchs Haar strich. Das war etwas, was normalerweise niemand außer Barney durfte und wenn er Billy nicht genau gekannt hätte, dann wäre ihm wahrscheinlich nicht einmal aufgefallen, wie gequält sein Lächeln dabei aussah.

Wärme flutete durch Barneys Brust. Er war stolz auf ihn, so unendlich stolz…

Er folgte ihm, als sich Billy von den beiden Frauen verabschiedete und zu seinem Pferd hinüber schlenderte.

„Das hast du gut gemacht“, meinte Barney und kam sich augenblicklich dämlich vor. Es ergab keinen Sinn, Billy zu loben, nur weil er sich entschuldigt hatte, doch Barney hatte verzweifelt nach einem gutmütigen Anfang gesucht.

Nicht, dass es viel bewirkt hätte. Billy schnaubte lediglich ungläubig und machte sich an seinem Sattel zu schaffen, während er sich bemühte, alles außer Barney anzusehen.

„Ich habe mich nur entschuldigt. Wie du gesagt hast. Ich kann nämlich Befehle befolgen“, ätzte er.

„Ach, Billy…“ Hilflos hob Barney die Hände. „Lee war bloß nervös. Du hast ihm und mir einen Heidenschrecken eingejagt und… du kennst ihn doch.“

„Tu ich das?“, sagte Billy leise. Er hob den Kopf und sah Barney trotzig an. „Ich kenne seine Wutanfälle und sein ständiges Meckern und das nichts, was ich tue, gut genug für ihn ist. Was ich nicht kenne, ist seine Angewohnheit, mir an allem die Schuld zu geben.“

„Das ist nicht wahr, Junge.“

„Lass gut sein, Barney. Ich rette ihm das Leben, weil ich seltsamerweise nicht tatenlos mit ansehen will, wie er ermordet wird – und alles, was ich bekomme sind Vorwürfe und das Versprechen auf eine Strafe, die sich gewaschen hat! Als hätte ich die Pferde abhauen lassen oder vergessen, die Wasserflaschen aufzufüllen“, fügte er leise und mehr für sich selbst hinzu. Barney runzelte die Stirn. Hatten sie ihn tatsächlich irgendwann einmal wegen so etwas bestraft? Es kam ihm absurd vor, doch aus Billys Worten sprach so viel gerechter Zorn, dass Barney sie lieber nicht in Frage stellen wollte.    

„Ich will nicht mal ein Dankeschön“, fuhr Billy fort. „Ich hätte das für jeden von euch getan. Wir sind immerhin eine Familie, oder nicht?“

„Hm.“

„Und normalerweise vertraut man sich in einer Familie. Das ist es, was ich will. Ein kleines bisschen Vertrauen!“ Den letzten Teil hatte Billy beinah geschrien und Barney sah aus dem Augenwinkel, wie Hale und Maggie die Köpfe wandten.

„Er vertraut dir“, beeilte Barney sich zu sagen, aber es klang selbst in seinen eigenen Ohren hohl und leer. Billy stöhnte schwach auf.

„Wirklich? Dann hat er eine beschissene Art, das zu zeigen.“

„Billy!“ Die Ermahnung kam ganz automatisch, Barney musste nicht einmal mehr darüber nachdenken und so brauchte er einen Moment, um den matten Blick, den Billy ihm zuwarf, zuzuordnen. Es machte ihm beinah Angst.

„Ich bin kein Kind mehr, Barney“, sagte Billy müde. „Wieso glaubt ihr mir das nicht?“

Zum ersten Mal fiel Barney auf, dass Billy fast eine Handbreit größer war als er selbst. Verdammt noch mal, wann war das denn passiert? Seit wann musste er zu dem Burschen aufschauen, den er noch vor kurzem auf den Schultern getragen hatte? Der beim Reiten irgendwann so müde wurde, dass Barney ihn vor sich aufs Pferd setzen musste, damit er nicht hinunterfiel? Der von Gunnar am Hosenbund aus dem Wasser gefischt wurde, hustend und spuckend, weil er noch nicht schwimmen konnte?

Ein Riss ging durch Barneys Herz und er griff sich unwillkürlich an die Brust.

„Hab ein wenig Nachsicht mit uns“, murmelte er milde. „Es ist schwierig mit anzusehen, wie die Kinder erwachsen werden.“

Er hatte es nett gemeint, eine leise Spöttelei auf Lee und sich selbst, denn es stimmte, sie waren alt und störrisch und der Junge war dabei, ihnen endgültig zu entwachsen. Doch Billy verstand es völlig falsch.

„Er ist nicht mein Vater“, sagte er zornig. „Und ich bin nicht sein Sohn!“

Barney blinzelte verwirrt. „Was… so meinte ich das nicht, Bursche.“

Billy winkte ungeduldig ab. „Das weiß ich. Doch das ändert nichts daran, dass ich… ich könnte…“ Er unterbrach sich unvermittelt und schaute auf seine Hände, als sähe er sie zum ersten Mal.

„Junge?“ Stirnrunzelnd stellte Barney fest, dass er anscheinend schon seit längerem nicht mehr Teil dieses Gespräches war.

„Ich könnte gehen“, flüsterte Billy schließlich, in Ehrfurcht vor seiner eigenen Überlegung versunken. „Ich könnte gehen, wenn ich wollte, oder, Barney?“

Wie bei allen vermaledeiten Höllenhunden war er denn jetzt darauf gekommen?
„Ich…ich verstehe nicht, was du meinst“, erwiderte Barney, allerdings nur, um Zeit zu gewinnen.

Billy errötete und wandte den Blick ab. „Ich sage nicht, dass… ich meine nur… ich könnte verschwinden. Die Expendables verlassen und mein eigenes Ding drehen. Oder nicht?“

Es kostete ihn einiges an Kraft, dem Jungen nicht an den Hals zu springen und diesen Unsinn aus ihm raus zu schütteln. Was für ein Blödsinn! Ausgemachter Schwachsinn!

Trotzdem brach Barneys Stimme als er fragte: „Wohin würdest du gehen?“ und er musste sich hastig räuspern.

Billy sah ihn immer noch nicht an. „Weiß ich nicht. Irgendwohin.“

„Hm.“

Barney war wie vor den Kopf gestoßen. Er wünschte sich, ihm würden die richtigen Worte einfallen. Wenn er ihn nur glauben machen konnte, dass es nicht nötig war, zu gehen, dass sie mit Sicherheit eine Lösung finden würden, doch seine Kehle schnürte sich zu, wann auch immer er den Mund aufmachte.

Es war schrecklich, festzustellen, dass man nicht perfekt war.

„Hör zu, Junge. Komm mit nach Belmonte. Alles andere wird sich ergeben, das verspreche ich dir. In Ordnung?“

„Ja. Ja, natürlich.“

Billy lächelte und Barney fiel ein Stein vom Herzen, als er in dem scheuen Grinsen immer noch eine Spur des kleinen Jungens von früher fand.
Vielleicht war noch nicht alles völlig hoffnungslos.



Der Ritt nach Belmonte war ereignislos, wenn man von einem gewaltigen Regensturm in der ersten Nacht absah, bei dem Toll sich einen Schnupfen einfing und sie für den Rest des Weges mit ohrenbetäubend lautem Niesen unterhielt.
Es wurde sogar so schlimm, dass Hale ihm etwas von seiner Spezialmixtur abgab, einem fast schwarzen, klebrigen Tee. Das war noch nie passiert und Gunnar behauptete, dass er ab sofort an Gott glauben würde, immerhin hatte er soeben ein Wunder mit eigenen Augen miterlebt. Yin erklärte, dass Gunnar besser daran täte, an die chinesischen Götter zu glauben, weil er dann immerhin mehrere zur Auswahl hätte, wenn der Christengott zu beschäftigt war.

Hale unterbrach die hitzige Diskussion, die sich daraufhin entspann, indem er ihnen das dreckige Blechgeschirr vor die Füße knallte und sagte, dass sie ihn alle mal kreuzweise könnten, er würde nie wieder etwas für irgendjemanden kochen.

Es waren diese Neckereien, die dafür sorgten, dass die Stimmung nicht völlig unerträglich wurde, während sie drei Tage lang durch wildes, unbewohntes Land ritten und nur das Nötigste an Pausen machten.

Lacy und Maggie hatten sich bereits am ersten Abend von ihnen getrennt, sie wollten ihr Glück in Kalifornien versuchen.

„Gebt uns eine Nachricht, wenn ihr den nächsten Zug überfallt“, sagte Lacy zum Abschied. „Wir sind ein gutes Team.“

„Ich bringe euch um, wenn ihr euch nicht meldet“, fügte Maggie grinsend hinzu, dann ritten sie davon und Barney atmete erleichtert aus. Immerhin würde sich Lee nun nicht mehr alle drei Sekunden vor Lacy zum Affen machen, das war doch schon mal etwas wert.

Leider hatte Barney unterschätzt, dass Lees überschüssige Energie ein neues Ventil brauchen würde und das fand er naturgemäß in Billy.

Es war zum Heulen.

Jede noch so kleine Verfehlung des Jungen wurde gnadenlos ans Licht gezerrt – nicht dass es davon viele gab, immerhin ritten sie bloß stur durch die Wildnis, doch Lee war außerordentlich kreativ – Lee schimpfte ihn aus, wo es nur ging und Billy wurde immer zorniger und bissiger.

Barney indes trug immer schwerer an dem, was Billy ihm anvertraut hatte. Er hatte Lee gegenüber das Gespräch mit keinem einzigen Wort erwähnt, teils, weil er es selbst noch nicht so recht glauben konnte, teils weil es Dinge gab, die man besser in einem Haus am Tisch mit einer Flasche Selbstgebranntem zwischen sich besprach.  

„Man könnte meinen, du sitzt auf einem Zaun“, fauchte Lee im Laufe des dritten Tages. „Mach den Rücken gerade beim Reiten, Herrgott nochmal!“

Billy saß mit einem Mal stocksteif und kerzengerade im Sattel. Nur seine bebenden Schultern verrieten, wie wütend er war.

„So besser?!“, fragte er giftig zurück.

„Nicht in diesem Ton, junger Mann!“

„Ich hab doch nur gefragt, ob…“

„Keine Widerrede!“

Billy fluchte derb, gab seinem Pferd die Sporen und trieb es nach vorn neben Hale, der ihn mit lauter Stimme und besonders freundlich begrüßte.
Lee schien drauf und dran ihm zu folgen, doch Barney versperrte ihm hastig den Weg.

„Du bist der wahrscheinlich streitsüchtigste Mensch diesseits der Rocky Mountains“, sagte er wütend. „Kannst du dem Jungen nicht wenigstens fünf Minuten Ruhe gönnen?“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“

„Du merkst es nicht einmal. Sitzt da auf deinem Gaul und merkst nicht, wie du uns allen den letzten Nerv raubst.“ Barney schüttelte verärgert den Kopf und dann, weil er es sich nicht verkneifen konnte, fügte er hinzu: „Du wirst ihn noch dazu bringen, abzuhauen!“

Das verschlug Lee tatsächlich für ein paar Augenblicke die Sprache und Barney fühlte, wie das schlechte Gewissen an ihm zu nagen begann. Lee war immerhin noch verletzt und hielt sich kaum im Sattel und eigentlich meinte er es doch auch nur gut, auch wenn er wahrscheinlich das denkbar dämlichste Mittel gewählt hatte, um das zu zeigen.

Gottverfluchte Höllenhunde, allesamt, dachte Barney und rieb sich die Schläfen, um das Kopfweh zu vertreiben.

„Red doch keinen Unsinn“, hörte er Lee da sagen. „Wo soll er denn hin? Er hat doch niemanden außer uns.“

Barney war drauf und dran zu sagen, dass sich Lee da nicht so sicher sein sollte, doch er hielt sich im letzten Moment zurück.

Ein Tisch, zwei Gläser und eine Flasche Schnaps, daran musste er sich halten. Es konnte schließlich nicht mehr lange dauern, bis sie…

„Da vorne!“, rief Toll plötzlich und tatsächlich tauchten am Horizont die ersten windschiefen Häuserfronten  und halbverfallenen Scheunen auf.

„Trautes Heim“, flötete Gunnar lachend.

Endlich.

Belmonte war eine kleine Stadt von kaum bemerkenswertem Äußeren. Die Häuser drängten sich links und rechts der breiten Hauptstraße wie Schaulustige aneinander, grell bemalte Fassaden wechselten sich mit schäbigen Bretterverschlägen ab und die ganze Siedlung schmiegte sich in den Schatten einer Hügelkette, deren erste Ausläufer bereits eine halbe Meile hinter der Stadtgrenze im Norden zu spüren waren. Auf den ersten Blick war Belmonte also nicht anders als hundert andere kleine Städtchen im Westen.

Auf den zweiten Blick hingegen entpuppte es sich als modernes Sodom und Gomorra.

Belmonte war bevölkert von Banditen und Taugenichtsen, die hier Unterschlupf vor dem Gesetz fanden, denn der Marshall war einer von ihnen und im Gefängnis hing der Schlüssel an der Innenseite der Zelle. Es gab zwei Banken, eine für das normale Tagesgeschäft und eine andere, die auch Gold und Dollarscheine von dubioser Herkunft verwaltete – gegen horrende Zinsen natürlich. Saloons und Vergnügungsetablissements gab es zuhauf, die Kirche, in der Sprengstoff und Alkohol gelagert wurde, flog einmal alle paar Jahre in die Luft und der Waffenladen hätte jedem Armygeneral Tränen der Rührung in die Augen getrieben. Trotz der mehr als zwielichtigen Bewohner herrschte Ruhe und Ordnung in der Stadt, denn jeder ging bloß seinen eigenen Geschäften nach und wer beim Stehlen erwischt wurde, wurde auf der Stelle erschossen. Man betrog nicht einmal beim Kartenspielen und es gab sogar eine Schule, geführt von der eiskalten Miss Sally, in der die Kinder der örtlichen Huren und alle interessierten Erwachsenen Lesen und Schreiben lernen konnten.

Belmonte war ein Zufluchtsort für sämtliches kriminelles Gesinde und Barney hatte bereits vor Jahren ein Haus in den hinteren Straßen gekauft und eine treue Seele hineingesetzt, die es in Schuss hielt und allzu neugierige Interessenten vertrieb.

Es herrschte wie immer hektisches Treiben in den Straßen und wie üblich schenkte niemand den sieben Reitern größere Beachtung, nur ein oder zweimal wurden Hüte von Köpfen gezogen und ein halblauter Gruß gerufen und dann standen sie auch schon vor dem schwarzgrauen zweistöckigen Gebäude. Eine kleine dunkelhäutige Frau mit pechschwarzen Haaren öffnete die Haustür, warf einen kurzen Blick auf die Bande und verschwand wieder im Inneren. Doch noch bevor sie alle aus dem Sattel gestiegen waren, kehrte sie mit zwei jungen Mädchen an der Hand zurück und ging auf Barney zu.

„Ihr seid früh“, sagte sie.

„Ja. Wir sind scharf geritten.“

„Hm.“

Dann streckte sie die Hand aus und Barney ließ ein Bündel Dollarnoten hineinfallen.

„Du weißt, wo du mich findest, Ross“, sagte sie zum Abschied und verschwand in Richtung des städtischen Hotels.

Barney sah ihr nach.

„Hör auf zu gaffen, du grässlicher alter Mann“, knurrte Lee. „Die Pferde müssen in den Stall. Bill-“

„Ich mach das, Lee!“, unterbrach ihn Toll, schnappte sich in Windeseile alle Zügel und führte die müden Tiere um die Ecke hinters Haus.

„Wir brauchen Vorräte“, sagte Barney. „Yin. Sieh, was du auftreiben kannst.“

„Wieso ich?“

„Weil ich das sage, du chinesische Nervensäge.“

„Außer natürlich, du bist zu klein um über die Theke zu schauen?“

„Halts Maul, Gunnar. Ich geh ja schon!“

Sie grinsten als sie Yin fluchen hörten, dann betraten sie das Haus und inspizierten rasch die Küche, das große Hinterzimmer und die zwei Kammern im oberen Stock
Es war alles in perfektem Zustand, sogar die Wassereimer waren bis obenhin gefüllt.

„Sandra ist Gold wert“, sagte Hale anerkennend und Barney nickte.

„Sag es ihr bloß nicht.“

„Ich schätze, das weiß sie bereits.“

„Die Befürchtung hege ich auch.“

Sie lachten, dann verschwand Hale nach oben. Er teilte sich ein Zimmer mit Toll und so wie Barney ihn kannte, würde er keine Zeit verlieren und sich das bessere Bett aussuchen.    

Gunnar verweilte ein wenig unschlüssig in der Küche, bis Barney seufzend den Schlüssel für den Schuppen aus dem Schrank nahm und ihn Gunnar zuwarf.

„Hier. Und wehe du jagst wieder die Kühe in die Luft.“

„Niemals, Boss“, erwiderte Gunnar, doch das manische Glitzern in seinen Augen sprach Bände. Er verließ die Küche und bereits ein paar Minuten später hörten sie kleinere Explosionen und vergnügtes Gelächter.

„Der wird uns nochmal alle umbringen“, sagte Lee missmutig, dann ließ er sich auf die Sitzbank fallen. Er stöhnte und presste die Hand auf die Seite. Es ging ihm wirklich nicht gut, soviel stand fest. Der scharfe Ritt hatte ihm wahrscheinlich den Rest gegeben.

Barney legte seinen Hut ab, zog einen der Wassereimer heran und setzte sich neben Lee.

„Was wird…“, knurrte er, als Barney begann, erst Lees Weste und dann das Hemd aufzuknöpfen und es ihm von den Schultern zu streifen. „Lass das!“

„Idiot“, antwortete Barney leise und machte weiter, bis Lee erschöpft die Augen schloss und sich widerstandslos zurücklehnte.

„Wenn du nicht so verdammt stur wärst, du alter Esel…“

Barney tauchte den Lappen ins Wasser und wusch vorsichtig Lees Oberkörper ab. Seine linke Seite schimmerte in allen möglichen Schattierungen von dunkelblau bis gelb. „Wir hätten dich verbinden können.“

„Red doch keinen Unsinn. Mir geht’s gut.“

„Na klar. Und ich heiße Brenda und tanze im Saloon.“

„Ich hab‘s schon immer gewusst.“

Barney schnaubte, doch er sagte nichts und konzentrierte sich wieder darauf, keinen Druck auf die malträtierten Rippen auszuüben. Er machte sich Vorwürfe, dass er Lee nicht gezwungen hatte, ihm schon früher Bescheid zu sagen. Er schaute ihm ins Gesicht, doch Lee hatte die Augen geschlossen und sogar die dauerpräsente steile Falte zwischen seinen Brauen schien sich zu entspannen.

Ein schöner Anblick, fand Barney und wenn er sich ein wenig die Lippen leckte, dann war das nicht schlimm, Lee konnte es immerhin nicht sehen.

„Ich war grässlich zu ihm, oder?“, fragte Lee ein paar Herzschläge später.

„Hm“, sagte Barney und ließ den kühlen Lappen weiter über seine Brust kreisen.

„Es war bloß… ich hatte solche Angst um ihn. Es hätte wer weiß was passieren können, der Kerl hätte ihm eiskalt eine Kugel zwischen die Augen jagen können und es wäre meine Schuld gewesen…“

Barney sagte nichts und wusch ihn weiter.

„Wenn dem Kind etwas zustößt… oder dir… ich könnte das nicht ertragen. Ihr seid alles, was ich habe.“

Lee öffnete die Augen, doch sein Blick war so gequält und verletzlich, dass es Barney war, der zuerst wegschauen musste.

„Uns passiert schon nichts“, murmelte er lahm und er hoffte, dass Lee nicht sehen konnte, wie er errötete. Solch ein Geständnis hörte man schließlich nicht alle Tage.

„Das sagst du so.“

„Hey, ich habe mich bisher ganz gut geschlagen, oder? Immerhin bin ich noch nicht tot.“

„Das hast du bloß mir zu verdanken.“

„Das wäre mir neu. Wer sitzt denn hier und sieht aus wie von einer Herde Büffel überrannt?“

„Ach, halt doch den Mund“, knurrte Lee, doch er lächelte dabei.

Barney hielt inne und stellte erfreut fest, dass sie, obwohl kein Selbstgebrannter sondern nur ein Eimer Wasser  zwischen ihnen stand, genau das Gespräch führten, dass er wollte. Er nahm den Lappen weg und fing Lees Blick ein.

„Um deine Frage zu beantworten: ja, du warst grässlich zu dem Jungen. Er verdient eine Entschuldigung. Und vielleicht sogar ein anerkennendes Nicken, immerhin hat er dir tatsächlich das Leben gerettet.“

„Hm“, machte Lee zurückhaltend, doch Barney wusste, dass er gewonnen hatte. Lee war schließlich kein Feigling. „Ja, ich werde mich entschuldigen. Du hast wahrscheinlich Recht.“

„Wie bitte? Was war das Letzte?“

Lee knurrte und fuchtelte halbherzig mit dem rechten Arm, als wolle er Barney vertreiben. „Bist du taub? Hat dich dein hohes Alter endlich eingeholt?“

„Das zweite Wunder in zwei Tagen“, erwiderte Barney fröhlich, dann fing er Lees Hand ein und hielt sie fest. „Vielleicht hatte Gunnar Recht.“

Lee blieb einen Moment lang stumm, schaute erst auf ihre Hände und dann in Barneys Augen. Er lächelte milde und Barney bemerkte, dass sein Herz plötzlich schneller schlug.

„Lee…“

In diesem Moment flog die Vordertür auf und Yin trat vollbeladen ins Haus. Wie von der Tarantel gestochen flogen Barney und Lee auseinander, Lee raffte seine Kleider zusammen und stand hastig auf, Barney warf den Lappen unter die Bank und schenkte Yin ein unnatürlich breites Grinsen.

Yin hielt mitten in der Bewegung inne und starrte misstrauisch von einem zum anderen.

„Tut mir Leid, falls ich etwas unterbrochen habe?“, sagte er, woraufhin Lee empört schnaubte.

„Red doch keinen Unsinn!“

„Hm.“ Yin schien nicht sonderlich überzeugt, doch dann zuckte er bloß die Schultern und stellte zwei Körbe voll mit Lebensmitteln auf den Tisch.

„Hier. Hat mich beinah beide Beine gekostet.“

„Du bekommst das Geld  zurück. Wie immer.“

„Das will ich auch schwer hoffen. Ach, und ich habe noch etwas gefunden.“

„Was denn?“

Yin grinste und ließ sich Zeit mit der Antwort, offensichtlich hocherfreut, dass er die beiden in der Hand hatte. Lee war allerdings kein sonderlich geduldiges Publikum.

„Jetzt mach schon, bevor ich dich noch einen Kopf kürzer mache und du unter der Tür durch passt!“, knurrte er, während er sich Hemd anzog.

Yin verdrehte die Augen, dann zog er ein großes Blatt graugelbes Papier unter seiner Jacke hervor.

„Hier. Lag in der Poststation. Aufgehängt haben sie es natürlich nicht.“

Barney erstarrte, als Yin das Papier entfaltete und ein Fahndungsposter zum Vorschein kam. Unter dem üblichen „Gesucht - tot oder lebendig“  stand ein Kopfgeld mit derartig vielen Nullen, dass Barney tatsächlich überlegen musste, wie man diese Zahl aussprach. Doch das eigentlich Erschreckende war die ungenaue, grobschlächtige und dennoch eindeutig erkennbare Zeichnung von Billy ‚the Kid‘ Timmons, die mehr als die Hälfte des Blattes einnahm und jeden ordentlichen Bürger aufforderte, Ausschau nach dem Burschen zu halten und ihn sofort den Behörden zu melden.

Vorsichtig wandte Barney den Kopf und warf einen Blick über die Schulter.

Lee war mitten in der Bewegung erstarrt, das Hemd bloß zur Hälfte über die linke Schulter gezogen und sein Blick war – mörderisch.

Und mit einem Mal wusste Barney, dass sich Lee niemals bei Billy entschuldigen würde und dem Jungen der schrecklichste Augenblick seines Lebens bevorstand.
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