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Ein Messer und sechs Colts

von Feechen
KurzgeschichteAbenteuer, Familie / P12 / Gen
Barney "The Schizo" Ross Billy "The Kid" Timmons Lee Christmas
14.09.2013
14.09.2013
4
13.565
 
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14.09.2013 2.220
 
Dies ist mein Beitrag zum Deutsch-Bigbang 2013 auf Livejournal. Leider ist das bisher nur der erste Teil, doch der zweite wird so bald es geht nachgereicht.
Mein Dank gebührt Aku, die einen fantastischen last-minute Betajob abgeliefert hat, ohne den ich komplett verloren gewesen wäre.
Diese Story ist ihr und rei17 gewidmet, denn niemand kann so schön auf Billy draufhauen wie diese beiden. <333






Prolog


Billy erwachte mit einem Stöhnen. Sein Schädel dröhnte, sein rechter Arm schien taub zu sein und sein Rücken brannte wie Feuer. Sein Mund war so ausgedörrt, dass er im ersten Moment nicht einmal bemerkte, dass ihm Sand auf die Zunge rieselte.

Wo war er?

Er versuchte, sich auf die andere Seite zu drehen, doch er konnte sich nicht rühren und als er auf seine linke Hand schaute, erstarrte er vor Schreck: blutverkrustet und geschwollen sprang ihm das Handgelenk entgegen, die Finger gekrümmt wie Vogelkrallen, und Billy bemerkte voll Schrecken, dass er keinen Schmerz verspürte - bei Gott, das konnte nichts Gutes bedeuten.

Mühsam riss er den Blick von seiner missgestalteten Hand los und sah sich um. Dornen schnitten ihm über die Wange, als er den Kopf ein wenig vom staubigen Boden hob, doch er ignorierte sie und konzentrierte sich auf seine Umgebung.
Er lag im Schatten, am Boden einer Schlucht, die sich wie ein Pfeil in den rotbraunen Fels um ihn herum bohrte und lediglich einen kleinen Streifen blauen Himmel freigab, auf den Billy nun starrte. Er musste den Abhang hinunter gestürzt sein, als das Pferd vor der Klapperschlange gescheut hatte und tatsächlich, ein paar Meter weiter über ihm hing ein Stück seines einst weißen Hemdes im Gestrüpp, das aus dem Felsen wucherte.  

Billy fluchte und versuchte erneut, sich aufzusetzen, darauf bedacht, seine linke Hand so wenig wie möglich zu bewegen. Mit zusammengebissenen Zähnen zog er sich auf die Knie, um wenigstens aus dem Gebüsch zu kriechen, doch seine Beine gaben augenblicklich unter ihm nach und er sank schwerfällig zurück. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich mit dem Rücken an den kalten Stein zu lehnen, während die Dornen erneut in sein Fleisch stachen. Sein Hemd und seine Hose waren zerrissen, einen seiner Stiefel hatte er verloren, genau wie den Gurt und - wo war sein Gewehr?

Hektisch schaute er nach links und rechts, doch er konnte es nirgends entdecken. Vielleicht lag es weiter hinten? Billy streckte den Hals. Die Schlucht verdiente diesen Namen kaum, stellte er nach ein paar Augenblicken fest, denn eigentlich war das Ganze lediglich eine Laune von Mutter Natur, ein unregelmäßiges Loch mitten im Felsen, gerade groß genug, dass Billy - wenn er aufstehen könnte - zehn Schritte in jede Richtung machen könnte, ehe er vor einer turmhohen Mauer aus glattem, kalten Stein stünde und von seinem Gewehr gab es nicht die geringste Spur.

Oh Gott. Barney und Lee und vor allem Hale würden ihn umbringen.
Wenn sie ihn überhaupt je fanden.  
Verzweifelt ließ Billy den Kopf hängen, zog Knie und Arme eng an den Körper und starrte auf seine blutig gescheuerte Haut. Er hockte hier, mit gebrochenem Handgelenk, ohne Verpflegung und ohne Gewehr und niemand wusste, wo er war.
Er schluckte und schob die Schmerzen in Mund und Rachen auf den Mangel an Wasser und nicht etwa auf den Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hatte, und drohte, ihn zu ersticken.

Er hätte nicht weglaufen dürfen, das stand fest.  
Aber während der letzten Wochen war so viel schief gegangen, dass er einfach keinen anderen Ausweg mehr gesehen hatte, als einen Haufen Meilen zwischen sich und die anderen zu bringen. Natürlich hätte er sich nicht mitten in der Nacht davonstehlen sollen, doch er hatte schließlich vorgehabt, spätestens in New Orleans einen Brief an Tool zu schreiben, damit Barney sich nicht sorgte.
Falls er das überhaupt getan hätte, schoss es Billy durch den Kopf, denn wenn Lee ihm wirklich erzählen würde, was im Stall passiert war, dann war es gar nicht so abwegig, anzunehmen, dass Barney hocherfreut wäre, Billy endlich los zu sein.
Das Pochen in seinem Schädel nahm zu und Billy schloss verzweifelt die Augen. Er begann, tief ein- und auszuatmen, um die aufwallende Panik in den Griff zu bekommen, aber schon nach dem ersten Atemzug fiel ihm plötzlich auf, wie totenstill es um ihn herum war. Nicht einmal Insekten sirrten vorbei. Hastig riss er die Augen wieder auf und dabei fiel ihm der dunkle Blutfleck genau vor seinen Füßen auf.

Wieso hatte ihn eigentlich noch kein Schakal angefallen oder ein Geier ihm das Fleisch von den Knochen gerupft, fragte er sich plötzlich. Vielleicht hatte er einfach Glück gehabt, dachte er. Oder aber, und das erschien ihm viel wahrscheinlicher, es war so, dass er der einzige Idiot auf  Gottes Erde war, der in dieses Loch fiel, in das sich nicht einmal ein Tier hineinwagte.
Die Sonne stieg höher. Bald würde sie auf dieses miserable Stück Land unter seinen Füßen hinab brennen und auch noch das letzte bisschen Wasser aus ihm heraus kochen.

Billy seufzte. Er wusste, dass er sich zusammenreißen und einen Weg nach oben finden sollte.
Erneut schaute er auf seine verletzte Hand, die immer noch wie totes Gehölz am Ende seines Armes hing.

Selbst wenn er es irgendwie schaffen sollte, aus der Schlucht zu klettern, so würde er doch niemals den endlos langen Marsch nach Hause überleben. Er war zwei Tage lang scharf geritten, hatte weder sich noch seinem Pferd viel Erholung gegönnt und  er hatte während all dieser Zeit keine einzige Siedlung gesehen.

Nein, selbst wenn er hier raus käme, er würde elendiglich verdursten oder von Tieren angefallen werden, bevor er auch nur in die Nähe von Belmonte gelangen würde.

"Hilfe", krächzte er dann plötzlich völlig verzweifelt. "Hilfe! Ist da jemand?"

Er wusste nicht, wie lange er so da gesessen und geschrien hatte, doch er hörte erst auf, als seine Stimme endgültig starb und er Blut schmeckte. Seine Worte hallten von den Wänden wider, bis er das seltsame Gefühl hatte, ein hilfloses Selbstgespräch zu führen.  

Er wollte sich zurücklehnen und die Augen schließen, nur für ein paar Augenblicke, um wieder zu Kräften zu kommen, als plötzlich ein Kopf am oberen Rand der Schlucht auftauchte.

Billy traute seinen Augen nicht, zumal er gegen die Sonne schaute und nicht einmal die Hautfarbe des Mannes erkennen konnte, doch er verlor keine Zeit. Er entrang seiner staubtrockenen Kehle weitere krächzende Laute, er schlug mit der rechten Faust gegen den Stein und veranstaltete so viel Lärm, wie er nur konnte.

"Hier, hier bin ich!", krähte er und fürchtete, dass der Kopf sich jeden Moment zurückziehen würde, wenn er auch nur für eine Sekunde den Blick abwandte.
Doch das tat er nicht. Stattdessen hörte er, wie jemand rief: "Da unten liegt er!", doch das Echo verzerrte die Stimme so sehr, dass er nicht wusste, wer das war.
Ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf Billys Gesicht aus. Sie hatten ihn gefunden, sie hatten ihn tatsächlich gefunden. Vielleicht waren Barney und Lee ihm sofort nachgeritten, Hale konnte schließlich jede Spur auch noch nach einer Woche und drei Regenfällen verfolgen, wie Toll immer sagte.

Es war ihm plötzlich egal, was Lee Barney erzählt hatte, oder ob er ihm überhaupt etwas erzählt hatte, er würde schon einen Weg finden, das wieder hinzubekommen. Er würde jede Strafe auf sich nehmen, von ihm aus konnten sie ihn jahrelang in Belmonte einsperren und nie wieder irgendwohin mitnehmen, solange er nur wieder nach Hause durfte.

Während Billy sich seine wahrscheinlich endlosen Strafen in den schillerndsten Farben ausmalte und dabei wie irre lachte, flog ihm plötzlich ein Lasso an den Kopf.
"Bind dich fest, Junge", tönte es von oben und Billy konnte immer noch nicht genau sagen, wer da mit ihm sprach. Gunnar vielleicht oder sogar Yin? Die beiden hatten zumindest einen recht starken Akzent. Egal wer es war, Barney und Lee würden nicht weit sein.

Er ignorierte den Schmerz in seinen Armen und seinem Rücken, als er sich das Lasso umwarf,  denn endlich würde wieder alles gut werden und er würde diesen albernen Streit mit Lee beenden und überhaupt, er würde nie wieder Widerworte geben und alles machen, was Barney ihm sagte, ohne auch nur ans Murren zu denken.

Billy zog zweimal an der Leine und mit einem Ruck wurde er in die Höhe gezerrt. Er keuchte, als das Seil in sein wundgescheuertes Fleisch schnitt, doch auch das war ihm egal, als er immer höher stieg und sein staubiges Gefängnis hinter sich ließ.    
Was sollte er bloß sagen, sobald er den anderen gegenüberstand?

Fieberhaft legte er sich ein paar Sätze zurecht, die zum allergrößten Teil aus Entschuldigungen bestanden und hoffte, dass er die wenigstens noch hervor bringen würde, bevor seine Kehle ihn endgültig im Stich ließ.
Ihn trennten nur noch ein paar Meter vom oberen Rand der Klippe und er beschloss, dass es das Beste wäre, wenn er die anderen gar nicht erst zu Wort kommen lassen würde, wenn er sie sah. Billy fürchtete, dass er andernfalls vor Erleichterung zusammenbrechen würde und das bisschen Stolz, das ihm noch geblieben war, wollte er keinesfalls auch noch aufs Spiel setzen.

„Es tut mir Leid, Barney“, begann er also, noch bevor sein Kopf gänzlich über dem Rand des Felsens aufgetaucht war. „Wirklich, es tut mir schrecklich leid, bitte verzeih mir, ich…“

Zwei Arme schoben sich unter seine Achseln, man hievte ihn über den Rand und er
versuchte sich hastig aufzurichten.

„Bitte, ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe, einen törichten Fehler“, brabbelte er weiter, während er aufsah, „und ich werde es nie wieder tun, versprochen und…“

Oh Gott.

Oh Gott, bitte nicht.

Billy gefror das Blut in den Adern.

Da war nicht Barney, oder Lee oder Gunnar.
Vor ihm stand ein Dutzend Männer mit schwarzen Tätowierungen am Hals oder auf den Händen, von denen er gehofft hatte, dass er sie nie zu Gesicht bekommen müsste.

„Ein törichter Fehler, in der Tat“, sagte der Mann in der Mitte, der auf einem nervös schnaubenden Pferd saß. Er war klein, mit einem Kreuz breit wie ein Türrahmen und auf seinem zerfurchten, sonnenverbrannten Gesicht stand ein Ausdruck höhnischen Triumphs, mit dem er nun auf Billy hinuntersah. „Billy the Kid. Was für ein schöner Fang.“

Sein Name war Jean ‚Black Neck‘ Vilain, ein französischer Söldner, der zum gefürchtetsten und ruchlosesten Banditen diesseits des Colorado-Rivers geworden war. Seine Bande, die ‚Söhne Satans‘, waren dafür bekannt, ganze Züge auszurauben und niemanden am Leben zu lassen, bis auf den Lokführer, der mit einem Zug voller Leichen bis in die nächste Stadt fahren musste.

Billy kannte die Geschichten und auch wenn er es niemals zugegeben hätte, so machten sie ihm doch Angst, insbesondere, weil er wusste, dass Barney und Yin Villain schon mehr als einmal begegnet waren und immer nur knapp mit dem Leben davon gekommen waren.

Und nun hatten sie ihn eingefangen, Villain wusste, wer er war und mit Sicherheit auch, dass er zu Barneys Truppe gehörte und sie würden weiß Gott was mit ihm anstellen.

Bevor er richtig wusste, was er tat, war Billy aufgesprungen und auf den schmalen Pfad zugestürmt, der sich rechts von ihnen am Felsen entlang schmiegte. Er hörte, wie Villain etwas brüllte, doch plötzlich knickten Billys Beine unter ihm ein und er stürzte zu Boden. Instinktiv streckte er die Hände aus, bremste seinen Fall ab, sein linkes Handgelenk schlug auf einen scharfkantigen Kiesel auf – und Billy schrie, als der Schmerz in seinem Arm explodierte und ihn bis zum Rücken hinunter lähmte. Tränen schossen ihm in die Augen, er schnappte nach Luft und bekam doch nichts in seine widerspenstigen Lungen hinein und dann sprangen vier ausgewachsene Männer auf seinen Rücken und nagelten ihn fest.

Während in seiner Schulter und seinem Arm ein Krieg tobte und er wie besessen nach Atem rang, kam Villain näher. Er stieg von seinem Pferd und schaute mit bodenloser Verachtung auf Billy hinunter.

„Weißt du, was das Problem mit euch jungen Burschen ist?“, fragte Villain, doch er ließ Billy keine Zeit zum Antworten, ehe er fortfuhr: „Das Problem ist, dass ihr keinerlei Respekt vor irgendetwas oder irgendjemandem mehr habt.“
Durch den Tränenschleier vor seinen Augen sah Billy, dass Villain kurz nickte – einer der Schergen streckte Billys linken Arm am Boden aus und ehe er auch nur einen Muskel rühren konnte, trat Villain mit voller Kraft auf seinen Ellbogen.

Billy schrie.

Blut füllte seinen Mund, er hustete, wollte schreien und sterben gleichzeitig, er bekam keine Luft mehr, sein Arm war ein einziges Chaos aus Feuer und alles vernichtender Pein, das dröhnende Lachen der Männer über ihm, das wahnsinnige Schnauben des Pferdes, alles dröhnte in seinen Ohren, sein Arm, sein verfluchter Arm, warum schnitt ihm niemand diesen Arm ab –
Rote Punkte blitzten vor seinen Augen auf, als sich Villain plötzlich nach unten beugte und Billy am Nacken packte.

„Hast du Angst vor mir, Junge?“, murmelte er ihm zu, ein manisches Lächeln auf den Lippen.

Billy konnte an nichts anderes denken als an den grausamen Schmerz in seiner Hand und er merkte, wie sich sein Verstand langsam verabschiedete.

„N-nein“, krächzte er, während ihm Blut und Tränen übers Gesicht liefen, doch das war gelogen, denn Billy hatte Angst wie noch nie zuvor in seinem Leben.
Villain schien das ebenfalls zu wissen.

„Das wirst du noch“, teilte er ihm mit, dann hob er seinen Colt und schlug Billy quer übers Gesicht.

Er spürte noch, wie ihm die Unterlippe aufplatzte, dann versank er in gnädiger, allumfassender Dunkelheit.
 
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