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Vendetta

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
13.09.2013
07.03.2014
23
163.721
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13.09.2013 5.968
 
- How could this happen to me? I made my mistakes, I've got nowhere to run, the night goes on…
as I'm fading away. I'm sick of this life! I just wanna scream! How could this happen to me? -

(Simple Plan – Untitled)



Mit einem frustrierten und zugleich wütenden Laut warf  - oder vielmehr pfefferte - Emelie ihre beiden halbautomatischen Waffen in die nächstbeste Ecke. Sie zerrte sich die Jacke von den Schultern, verhedderte sich in den Ärmeln und fluchte nur noch lauter.
„Schlechte Nacht gehabt?“, spottete es von der anderen Seite des karg möblierten Zimmers. Der junge Mann stützte sich auf seiner Hand auf und grinste.
Sie antwortete ihm mit einem bösen Fauchen, das unverkennbar drohend ihre Fangzähne zeigte, die noch immer ganz ausgefahren waren.
„Beruhig dich, Puppe“, winkte der andere ab, „willst du was zur Entspannung?“ Trotz seines Angebotes machte er keine Anstalten, sich aus dem Bett zu erheben. Er sah prüfend auf den Wecker, der auf seinem Nachttisch stand. „Du bist heut ziemlich spät. Sag nur, es ist dir entgangen, dass die Sonne in einer Stunden aufgeht?“
„Halt die Klappe und schlaf, Kage, dann tust du mir echt einen Gefallen!“, zischte sie.
„Ach, mach dir nichts draus“, erwiderte der junge Mann und strich sich ein paar braune Strähnen aus dem Gesicht. Er lehnte sich zur Seite, wodurch die Haare, die er gerade beiseitegeschoben hatte, wieder nach vorn fielen. Er angelte nach einem kleinen, samtenen Beutel und warf ihn auf ihr Bett. „Das ist meine Ausbeute heute.“
Missmutig öffnete Emelie den Beutel und schüttete vier spitze, weiße Zähne heraus. Vampirzähne. Vielmehr waren es dreieinhalb, einer von ihnen war schief abgebrochen. Das hatte sicher wehgetan.

Automatisch glitt ihre Zungenspitze über ihre eigenen Reißzähne. „Mager“, urteilte sie dann.
Kage lachte leise. „Ist mir klar. Aber wenn ich das richtig deute, immer noch mehr als du.“
„Ach, sei still, verdammt!“ Zielsicher traf das Beutelchen seinen Besitzer am Kopf. Emelie zog sich die Springerstiefel aus, ließ ihre verdreckte Armyhose über ihre Hüften nach unten rutschen in dem Wissen, dass sie ihrem Zimmergenossen nichts zeigte, was er nicht schon gesehen hatte. Das Tanktop landete auf dem unordentlichen Haufen und sie ging in Unterwäsche zu dem schmalen Schrank am Fußende ihres Bettes.
„Hey, der blaue Fleck da ist aber neu.“ Kage Yamamori setzte sich in seinem Bett auf. „Heute Nacht abgeholt?“
„Wenn ich jemanden brauche, der mich bemuttert, suche ich mir jemanden“, schnappte Emelie und Kage lächelte. „Ich wäre wohl eine schlechte Mutter für dich“, erwiderte er, „vielleicht eher ein spitzenmäßiger Liebhaber oder so.“
Obwohl sie es nicht wollte, zuckten ihre Mundwinkel. „Träum nur weiter.“
„Das ist mein voller Ernst“, behauptete er gekränkt, ließ sich dann wieder zurück auf sein Kissen fallen und starrte an die rissige Decke. „Erstattest du jetzt noch Bericht?“
„Ja“, antwortete seine Partnerin schon wesentlich ruhiger, „dann habe ich es hinter mir. Außerdem wollte ich gleich heute Abend wieder los. Ich habe noch ein, zwei Spuren zu verfolgen.“
„Okay“, seufzte Kage, „dann reden wir nachher.“
Emelie nickte, schlüpfte in ein Kapuzensweatshirt und eine schwarze Haremshose, zog schließlich noch ein Paar Turnschuhe an und ihr Schulterhalfter wieder über. Eine Waffe ließ sie entsichert auf ihrem Nachttischchen liegen, die andere – ungesicherte – nahm sie mit.

Mit zügigen Schritten verließ sie ihr Quartier wieder, durchquerte die steinernen Gänge unterhalb der Erde, die angenehme Kühle spendeten. Sie war vielleicht die einzige, die die Kälte schätzte, doch das war ihr gleich. Sie und Kage bewohnten eines der wenigen Zimmer, die es unterirdisch gab, doch sie brauchte Schutz vor der Sonne, wenn sie Nacht für Nacht ihren Job machen sollte.
Schweigend passierte sie zwei Gitter und stieg die Treppe in einen vorgeblichen Weinkeller nach oben. In keinem der hier gelagerten Fässer war Wein, bestenfalls Wasser, um sie zu beschweren. Die meisten Jäger, die sie unterwegs traf, warfen ihr finsterere Blicke zu, denn niemand mochte die seltsame Eigenbrötlerin, die eines Tages plötzlich mit zur Jagdgesellschaft gehörte.
Emelie hatte keine Ahnung, ob die Männer und Frauen überhaupt wussten, was sie war, aber wahrscheinlich war es den meisten klar. Schließlich waren Jäger darauf trainiert, ihre Rasse zu erkennen und zur Strecke zu bringen.
Sie hatte sich nie mit den tieferen Tugenden, Geheimnissen und Strukturen der Jägergilde befasst, denn es war ihr ebenso egal, wie es ihr egal war, dass sie hier bestenfalls geduldet wurde. Es gab vereinzelte Jäger, die tatsächlich übermenschliche Kräfte wie Telekinese beherrschten, doch sie waren rar gesät. Bis heute hatte Emelie nie verstanden, wie Menschen davon ausgehen konnten, Vampire eines Nachts ausrotten zu können.
Gefährliche Jäger konnte sie an einer Hand abzählen – einer von ihnen war Grünfeld Bach, auf dessen Geheiß sie auch hier war. Es war nicht so, dass nie ein Vampir erlegt wurde, doch die Jäger erwischten meist nur Küken, Vampire mit wenig Erfahrung, die noch nicht einmal ein Jahrzehnt durch die Nacht gingen.
Sie waren nicht der Rede wert. Natürliche Selektion nannte Emelie dieses Vorgehen.

Den Weinkeller hinter sich lassend, stieg sie eine knarrende Holztreppe nach oben und gelangte in das Innere eines Klosters, das die Jäger zu ihrem Hauptquartier in Kalifornien auserkoren hatten.
Aber auch diesen Teil beachtete sie nicht weiter, sondern nahm die nächste Treppe. Hier oben versammelten sich die Jäger der Leopoldsgesellschaft, aßen, unterhielten sich, eine Art Aufenthaltsraum, wenn man so wollte. Die Unterhaltung erstreckte sich allerdings nur auf Bücher und vielleicht noch einige Brett- und Kartenspiele, denn es gab nirgendwo Elektrogeräte.
Kage hatte irgendwann ein Radio mitgebracht, doch der Empfang war denkbar schlecht.
Emelie trat in den türlosen Raum gegenüber des Treppenhauses. Der Geruch von Weihrauch stieg ihr in die Nase und sie hustete verhalten. Sie mochte diesen süßlichen Geruch nicht, das hatte nichts damit zu tun, dass sie ein Vampir war. Wenn ihr danach gelüstete, könnte sie sich in Weihrauch wälzen, ohne Schaden davonzutragen. Kein Vampir zeigte irgendeine Regung, wenn es um Weihrauch ging, nicht einmal jene, die Jahrtausende alt und damit empfindlicher waren.
Die beiden Jäger, die leise miteinander gesprochen hatten, musterten sie auf eine Art, die Emelie nun schon mehr als vertraut war. Am Anfang hatte sie darauf recht unfreundlich reagiert, doch mittlerweile kümmerten sie die Menschen nicht mehr.
Sie nahm sich einen Füllfederhalter vom Tisch und schlug das dicke Buch auf, das auf einem mannshohen Ständer lag. Das Lesezeichen markierte noch die heutige Nacht, also setzte sie einfach ihre Unterschrift und schrieb ihre Erfolge auf: null.
Sie überflog die Seite und stellte fest, dass die anderen kaum mehr Glück gehabt hatten. Lediglich Kage hatte „ein bis zwei, vielleicht anderthalb“ eingetragen. Sie grinste. Er würde deshalb Ärger bekommen, so viel war sicher.
Emelie warf den Füllfederhalter zurück und wollte zurück in ihr Quartier, wurde aber von einem riesigen Kerl mit Kopftuch aufgehalten. „Du kannst deine Waffe abholen, wenn du willst.“
Ugly war eine Ausnahme von ihrer Ablehnung gegenüber den anderen Jägern. Sie hatte keine Ahnung, weshalb er „Ugly“ genannt wurde, denn abgesehen von den Narben, die man als Mensch unweigerlich bei einem Kampf mit Vampiren und anderen Nachtgestalten davontrug, war er weder hässlich noch irgendwie missgebildet. Der Waffenspezialist wusste genau, was sie war, doch er ließ sich nie etwas anmerken.
„Klappt es jetzt? Ansonsten erst wieder abends.“ Fragend sah sie den Jäger an, der gleichmütig die Schultern zuckte. „Klar können wir jetzt.“
Sie bedeutete ihm, vorzugehen, was Ugly auch tat. Die Treppe knarzte unter seinem Gewicht, seine breiten Schultern streiften immer wieder die Steinwand zu ihrer Rechten.

Das Waffenlager, welches ebenfalls unterirdisch lag, war klein und Ugly wirkte wie ein Riese inmitten der Kammer. Doch dies hier war sein Reich und jeder war gut beraten, die Finger von seinen Sachen zu lassen.
Er klappte einen Kasten auf und reichte ihr mit stolzem Blick ihr Gewehr zurück. Die Waffe war einer Muskete nachempfunden und entsprechend lang. Vor einigen Nächten war ihr Gewehr leider in einen Unfall verwickelt gewesen und sie hatte schon gefürchtet, es nicht mehr benutzen zu können, doch Ugly hatte – wie immer – wahre Wunder vollbracht.
„Und außerdem habe ich für den einzigen Vampir, den ich in meiner Nähe dulde, noch ein kleines Geschenk.“ Er griff hinter seinen Tresen und holte eine große, flache Schachtel heraus. Emelie musste nicht hineinsehen, um zu wissen, was es war, sie grinste. „Wahnsinn, danke!“
„Keine Ursache.“ Ugly lehnte sich vor. „Du weißt, dass ich eigentlich nicht neugierig bin, aber… wer hat diese Dinger erfunden?“
Sofort wurde das bleiche, beinahe schon graue Gesicht der Vampirin abweisend. Sie starrte auf den Deckel und hob ihn schließlich herunter. Zum Vorschein kamen drei Reihen Hohlspitzmunition, gefüllt mit weißem Phosphor. Am Ende der Patronen, für die ihre Muskete extra umgebaut werden musste, lugten drei winzig kleine Zacken hervor, die beim Eindringen in Gewebe ausfuhren und sich verhakten.
Wurde ein Vampir von diesem Geschoss getroffen, verlor er mit ein bisschen Glück nur ein Körperteil, wenn sie schlecht zielte. Traf sie den Torso…nun, sie hatte schon etliche Blutsäufer zum Explodieren gebracht. Allerdings war die Herstellung aufwendig und fürchterlich kostspielig. Ugly hatte zudem nur einen Nachbau herstellen können.
„Ob du es glaubst oder nicht“, antwortete sie schließlich, „aber es war ein Vampir.“
Er sagte nichts, fragte nicht nach. Emelie hätte ihm auch keine weitere Information gegeben. Sie schloss die Schachtel wieder, wünschte Ugly einen angenehmen Tag und kehrte zurück in ihr Quartier.

Kage schlief noch nicht, sondern beschäftigte sich damit, ihre beiden Katzen zu streicheln, die abwechselnd um seine Gunst buhlten. Normalerweise war das Katzenpaar wenig zutraulich, doch Kage war schon so lang ihr Wegbegleiter und Freund, dass sie ihn wohl oder übel akzeptieren mussten. Und warum nicht das Notwendige mit dem Praktischen verbinden?
Bei ihrem Eintreten hoben alle drei die Köpfe und Wärme durchflutete sie, die in den letzten Jahren so spärlich aufgetaucht war.
„Was ziehst du für ein Gesicht?“, wollte der Braunhaarige wissen und sie seufzte. Ihr Gewehr sowie die Munition verstaute sie im Kleiderschrank. „Ugly hat mich nach den Geschossen gefragt. Ich habe lange nicht mehr an ihn gedacht.“
„Willst du drüber reden?“ Irgendwie ahnte der Mann wohl, dass sie die Frage als rhetorisch betrachtete, denn er wandte sich sofort der weißen Katze zu, die ihren buschigen Schwanz gerade durch sein Gesicht zog.
Emelie tauschte das Sweatshirt gegen ihr Schlafshirt aus (Ein Geschenk von Kage; es trug die Aufschrift „Während du sprichst, jongliert ein Affe in meinem Kopf mit Bananen“) und nahm den langhaarigen, schwarzen Kater auf den Arm. Mitnal schnurrte auf und rieb seinen Kopf an ihrer Schulter. „Also, hast du irgendetwas herausgefunden?“
Kage hob beide Augenbrauen, eine Geste, die seine seltenen Augen betonte. Farblich waren sie eine Mischung aus Gelb und Grün, doch seine Pupillen waren vertikal geschlitzt. „Ich habe nichts Neues zu berichten. Du sagtest doch, du hast Spuren.“
„Ja. Ich habe von zwei Vampiren gehört, die in der Filmindustrie tätig sind.“ Ein träges Lächeln, das die Vampirin wütend aussehen ließ. „Ich will ihnen hinterherschnüffeln.“
„Und wo?“
„In Hollywood.“ Emelie ließ ihren Kater zu Boden und legte sich hin. Die Sonne hatte den Horizont fast erreicht, lange würde sie die Augen nicht mehr offen halten können.
„Fein, dann komme ich mit. Ich schwimme momentan auf dem Trockenen.“ Kage warf sich auf seine Matratze. „Nehmen wir das Auto?“
„Müssen wir“, knurrte es von der anderen Seite des Zimmers, „mein Motorrad ist noch zur Reparatur.“
„Du solltest aufhören, dauernd deine Sachen zu schrotten“, bemerkte Kage grinsend, „Ist dir klar, was du im Jahr sparen würdest, wenn du nur früh genug die Bedeutung des Wortes Bremse gelernt hättest?“
„Und du solltest endlich lernen, deine Klappe zu halten“, zischte Emelie zurück, „sonst lernst du die Bedeutung von Gehirnerschütterung neu.“
„Bist du sicher, dass du nicht zu dieser aggressiven Sorte Vampir gehörst?“
„Ich habe dir schon tausend Mal gesagt, dass ich keine Brujah bin. Und jetzt halt‘ endlich die Schnauze, Schlitzauge!“
Er lachte, denn seine Freundin benutzte dieses Schimpfwort nur zu gern, obzwar seine Gesichtszüge asiatisch waren, er allerdings keine so schmalen Augen hatte, wie sie ihm unterstellte. Er wusste sich gut gegen diese verbalen Attacken zu wehren. „Aber deinen Clan willst du mir trotzdem nicht verraten“, fuhr er fort.
Als jedoch nach längerer Zeit keine Antwort kam, drehte er den Kopf in ihre Richtung. Auch in der tiefen Dunkelheit, die hier unten herrschte, sah er genug. Ihre Augen waren geschlossen. Die Sonne war also inzwischen aufgegangen.

*************************

Als Emelie die Augen pünktlich zum Sonnenuntergang öffnete, stand Kage schon angezogen neben ihrem Bett. Sie blieb einen Moment liegen, um sich zu orientieren, ehe sie ihn ansah. „Du weißt, dass ich es nicht leiden kann, wenn man mir beim Schlafen zusieht?“
„Aber das ist die einzige Gelegenheit, dich mal still zu erleben“, entgegnete ihr Freund ungerührt.
Sie packte mit einer schnellen Bewegung ihr Kopfkissen und warf es ihm ins Gesicht. Er lachte nur, nahm aber Abstand, damit sie aufstehen konnte. „Wie lang bist du schon wach?“
„Seit heut‘ Nachmittag. Übrigens sind zwei Lieferungen für dich gekommen. Reichlich spät, oder?“
„Verpiss dich einfach!“, fauchte Emelie. Sie beide wussten, welche Art von Lieferung das war sowie sie beide wussten, dass sie darüber nicht einmal mit Kage sprechen würde.
„Dann sehe ich dich oben.“ Kage schnappte sich seine Tasche und ließ sie ungerührt allein.

Emelie wartete, bis sie seine Schritte nicht mehr hören konnte, ehe sie ihre Beine über die Bettkante schwang und aufstand.
Augenblicklich begann sich das Zimmer zu drehen. Ächzend hielt sie sich den Kopf und wartete, bis der Schwindel wieder nach ließ. So ungern sie es zugab, aber Kage hatte Recht; es war höchste Zeit, dass die Päckchen ankamen.
Er hatte sie am Fußende ihres Bettes gestapelt. Eines ließ sie verpackt und verstaute es im Schrank, direkt auf der Munitionsschachtel. Das andere öffnete sie, nachdem sie sich damit aufs Bett gesetzt hatte.
Routiniert packte Emelie alle nötigen Instrumente aus; eine Spritze, Desinfektionsmittel, zwei dunkle Behälter mit Plastikdeckel.
Kurz dachte sie noch darüber nach, die Tür abzuschließen, entschied sich dann aber dagegen; der Hunger war größer.
Sie riss mit den Zähnen die Schutzfolie von der Spritze, deren Größe selbst in Krankenhäusern unüblich war, und stach die Kanüle durch den Plastikdeckel. Mit zusammengepresstem Kiefer sah sie dabei zu, wie sie vorsichtig Blut in die Spritze zog.
Mit etlichen, gemurmelten Flüchen lehnte sich Emelie an die kalte Wand neben ihrem Bett, streckte den linken Arm aus, desinfizierte ihn aus Gewohnheit und setzte die Injektion an.
Ihre Augenlider flatterten, fielen zu, als das Blut durch ihre Vene spülte. Aufstöhnend biss sie sich auf die Unterlippe, drückte geübt und ohne Hast auch den letzten Rest aus der Spritze.

Die Dosis Blut machte sich sofort bemerkbar. Der Schwindel wurde ein tiefes Brummen, das sich in ihrem Körper ausbreitete. Adrenalin pochte in ihren Adern, doch sie nahm sich zusammen. Wie immer brauchte ihr Körper erst noch ein paar Minuten Zeit, um das frische Blut zu verarbeiten. Wäre die Lieferung eher gekommen, hätte sie sich tagsüber eine Bluttransfusion gegönnt, aber jetzt hatte sie dafür keine Zeit.
Seufzend leckte sie die winzige Stichwunde zu, die aufgrund des Desinfektionsmittels ekelhaft bitter schmeckte, warf die Spritze mit den restlichen unbrauchbaren Sachen in den Müll. Die übriggebliebene Blutdosis sowie eine unbenutzte Spritze stellte sie ebenfalls in ihren Kleiderschrank. Es erstaunte sie immer wieder aufs Neue, wie viel Platz darin doch vorhanden war. Aber was hatte sie auch schon an Kleidung? Festes Schuhwerk, arbeitstaugliche Klamotten, Unterwäsche und die wenigen Ausnahmen, die Kage ihr in einem Anfall von Spendierlaune gekauft hatte.
Emelie suchte sich ihre Kleidung für die heutige Nacht zusammen; Unterwäsche, eine Jeans, ein langärmliges Shirt und ihre Lederjacke, alles in Schwarz gehalten; Kage zog sie deswegen gern auf, doch erstens tarnte Schwarz besser und zweitens sah man Blutflecke darauf nicht so schnell.
Mit den Sachen auf dem Arm verließ Emelie das Zimmer, schloss die Tür zu und begab sich auf dem Weg in die Bäder. Glücklicherweise waren sie um die Zeit sehr selten besucht, die meisten Jäger waren bereits unterwegs. Außerdem mochte sie die Gemeinschaftsduschen nicht wirklich.
Schon während der kurzen Dusche stellte sie fest, dass das Blut ihr wieder Kraft gab, sie fühlte sich nicht mehr so ausgelaugt wie seit Anfang der Woche. Ein schönes Gefühl, das jedoch beizeiten wieder verschwinden würde. Sie kannte dieses Prozedere nun lang genug.
Kage kannte es auch, in schlimmen Zeiten hatte er ihr die Injektion schon verabreichen müssen, aber sie fühlte sich nicht wohl dabei, wenn er ihr zusah – oder es an ihrer statt tat.
Emelie schüttelte die unliebsamen Gedanken ab, beendete die Dusche und beeilte sich, trocken ihre Kleidung zu kommen.

Sie kehrte noch einmal in ihr Zimmer zurück, warf ihre Schlafkleidung aufs Bett und rüstete sich mit ihren beiden halbautomatischen Waffen aus. Das Gewehr ließ sie vorerst im Schrank. Heute Nacht wollte sie sich nur umhören, wenn sich die Gelegenheit ergab, musste sie eben improvisieren.
Kage und sie hatten in den letzten Jahren ihre Technik im Fallenstellen verbessert, sie griffen selten frontal an. Los Angeles war zwar, im Vergleich zu anderen Städten, von vielen jungen Kainiten besiedelt, doch man konnte nie vorsichtig genug sein.
Emelie fand Kage im Speiseraum. Er unterhielt sich mit zwei anderen Jägern, deren Gesichter beinahe augenblicklich gefroren, sobald sie sich zu ihnen gesellte. Emelie hatte für sie nur einen verächtlichen Blick übrig. Kage wurde in der Jägergesellschaft respektiert und war recht beliebt, was auch kein Wunder war: er hatte schließlich Puls und außerdem atmete er.
Sie wollte zurücktreten, damit er in Ruhe sein Gespräch beenden konnte, doch der Japaner schlang einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich.
Emelie hatte keine Ahnung, welche Gerüchte über sie und ihren Partner im Umlauf waren, wahrscheinlich vermuteten die meisten, dass sie ein Paar waren. Keine absurde Vorstellung, doch es entsprach nicht der Wahrheit. Doch obwohl er es ohne sie wirklich leichter hätte, ließ er sie nie im Stich.
Mit verschränkten Armen lehnte sie sich gegen ihn. Für einen Japaner war er erstaunlich groß, doch gerade einmal wenige Zentimeter größer als sie selbst.
Sie kam nicht weiter dazu, über ihre Beziehung zu Kage nachzudenken (etwas, das sie sehr gern tat, weil es sie aufmunterte, wenigstens einen Freund zu haben), denn der Mann vor ihnen klopfte Kage auf die Schulter und zog mit der Jägerin ab.
Er seufzte übertrieben. „Du vertreibst ständig meine Freunde.“
Sie schnaubte. „Du hast keine Freunde. Sei froh, dass ich mich mit dir abgebe.“
Kage kniff ihr in den Hintern und sie fauchte ihn an. „Lass uns gehen, bevor du meinen Ruf völlig ruinierst.“
Emelie folgte ihm grummelnd nach draußen.

Der Weg zu Kages Geländewagen war schwierig, denn das Kloster stand inmitten einer Klippenlandschaft, zudem waren die Autos wohlweislich versteckt. Eine mühselige Arbeit, doch leider unerlässlich. Gemeinsam befreiten sie den schwarzen Land Rover von Ästen und Blätterwerk, prüften den Wagen auf eventuell platzierte Sprengfallen oder GPS-Sender.
Während sich Kage hinter das Steuer setzte, nahm Emelie auf dem Beifahrersitz Platz, schnallte sich an und kramte unter ihrem Sitz einige Karten hervor. Kage startete den Wagen und rollte in gemäßigtem Tempo zurück auf die Straße.
Schweigend betrachtete Emelie den Stadtplan von Hollywood.
„Soll ich durch Santa Monica fahren?“, wollte Kage wissen.
„Mach‘ lieber einen Bogen drum rum. Dort gibt es zwar nicht viele Vampire, aber sie müssen ja nicht wissen, dass sich Jäger für sie interessieren.“ Es würde eine gute Stunde dauern, bis sie den Stadtteil der Stars erreichen würden, wenn Kage einen Umweg fuhr, vielleicht sogar noch länger. Genügend Zeit also, um sich den Stadtplan einzuprägen.
„Erzähle mir etwas über Hollywood.“ Kage ließ das Radio ausgeschaltet, damit sie sich besser auf die Karten konzentrieren konnte.
„Es ist eine Baronie. Der Prinz beansprucht zwar ganz Los Angeles für sich und damit für die Camarilla, aber soweit ich weiß, ist der Baron schon länger da, zumal die Camarilla noch ein ziemlicher Frischling in Los Angeles ist. Keine Ahnung, wann die Anarchen es geschafft haben, alle rauszuhauen, aber einige Jahre hat‘s auch ohne Prinz geklappt.“
„Trotzdem leben hier Camarillavampire? Auch ohne Prinz?“
Sie grinste flüchtig. „Ja, aber soweit ich weiß sind Hollywood und Santa Monica ohnehin schon immer Baronien gewesen. Und es gibt hier nur drei Clanälteste. Nosferatu, Malkavianer und Tremere. Die Tremere mag niemand und mit den Nosferatu gibt sich auch selten jemand gern ab. Oder mit den Malks.“
„Kann ich ihnen nicht verübeln“, murmelte Kage, „mir reicht der Anblick des Nosferatus von vor zwei Jahren.“
„Okay, der war besonders hässlich.“ Sie lachte bei der Erinnerung laut auf. „Aber unterschätze sie nicht. Sie sind gefährlich.“
Die Mundwinkel des Dunkelhaarigen zuckten. „Welcher Clan ist das nicht?“
„Auch wieder wahr.“ Emelie kannte sich mit den Strukturen von Camarilla und den Clans besser aus, doch Kage hatte sehr viel dazu gelernt in den letzten Jahren.
„Was ist mit dem Sabbat?“, fuhr Kage fort, „Gibt es ihn hier auch?“
Sie brummte. „Den gibt es überall, genau wie Ungeziefer. Seit die Camarilla wieder aufmarschiert ist, ist es hier unruhig. Also haben wir jetzt alle drei großen Organisationen: Camarilla, Sabbat, Anarchen. Den Anarchen gehörte die Stadt, jetzt kommt die Camarilla und hat sie sich einfach genommen und der Sabbat wittert vermutlich seine Chance, sich Los Angeles ebenfalls unter den Nagel zu reißen, da es zwischen Camarilla und Anarchen Ärger gibt. Sei’s aber drum, wir sollten uns vor allen in Acht nehmen.“

Die Vampirin dachte eine Weile über die so genannten Sekten nach. Die Camarilla spielte gern König, der Sabbat war der Antagonist und die Anarchen wollten weder das eine noch das andere akzeptieren. Es war kein einfaches Schwarz-Weiß, es gab kein Gut und Böse, zumindest nicht aus der Sicht eines Vampirs. Aus der Sicht eines Menschen war vermutlich der Sabbat böse und die Camarilla gut, weil letztere Strukturen und Organisation vorzuweisen hatte, während der Sabbat grausam und monströs war. Doch in den höheren Etagen des Sabbats waren sehr kluge, sehr gefährliche Köpfe am Werk.
Die Anarchen hingegen waren kaum der Rede wert. Ein Haufen frustrierte Vampire, ein Rudel bissige Hunde.

„Ich frage dich bestimmt schon das hundertste Mal; aber warum heißen Vampire hier Kainskinder?“
„Sie führen ihren Ursprung zurück auf Kain. Kain, der seinen Bruder erschlug.“
„Du nicht?“
„Ich bin ein Kainskind wie jeder andere Vampir. Aber vielleicht habe ich eine andere Auffassung, was unseren Ursprung angeht.“
„Klar, ihr könntet zum Beispiel von einem anderen Planeten aus einer anderen Galaxie gekommen sein“, schlug Kage vor.
Emelie verzichtete darauf, ihn zu schlagen, schließlich saß er am Steuer. „Diese Theorie geht um.“
Ihr Freund lachte, beendete die Unterhaltung aber dann.
Hollywoods Stadtplan noch vor den Augen, warf Emelie immer wieder Blicke aus dem Fenster. Nicht lange, und Kage würde nachfragen, ob sie etwas beunruhigte. Er hatte einen Sinn dafür entwickelt, ihre Stimmungen aufzuspüren. Besser, sie erzählte ihm gleich davon. „Ich werde beobachtet.“
Kage sah sie flüchtig an, dann zurück auf die Straße. „Seit wann?“
„Seit ein paar Nächten, glaube ich. Ich sehe niemanden, ich höre nicht einmal jemanden. Aber ich weiß es.“
„Also ein Vampir.“
„Aller Wahrscheinlichkeit nach.“ Emelie faltete den Stadtplan zusammen und steckte ihn in die Jackentasche.
„Aber umbringen will man dich wahrscheinlich nicht“, überlegte Kage, „sonst hätte er oder sie es schon versucht. Wir waren in letzter Zeit oft getrennt unterwegs.“
„Das habe ich mir auch schon gedacht.“ Emelie überprüfte automatisch den Sitz ihrer Waffen. „Ich weiß, dass das Gefühl zurückkommt, wenn wir in Hollywood aussteigen. Ich weiß es einfach.“
„Ich glaube dir ja“, murmelte Kage, „aber du darfst dich davon nicht ablenken lassen.“
Das hatte sie nicht vor. Es war nicht das erste Mal, dass man sie verfolgte. Doch nie war es ein so penetrantes, störendes Gefühl gewesen. Manche Kainiten konnten sich regelrecht unsichtbar machen, sie musste sich also nicht einmal abmühen, jemanden zu suchen. Sie würde niemanden finden.

Die restliche Fahrt verlief schweigend. Während sie ihren Gedanken nachhingen, betrachtete Emelie die vorbeiziehenden Häuser und Bäume. Wie so oft dachte sie an die Jägergesellschaft, in der sie untergekommen war. Sie und Kage kannten sich vorher, doch richtig zusammengeschweißt hatte sie erst die gemeinsame Jagd. Soweit sie es beurteilen konnte, hatte Kage nicht wirklich einen Grund, Vampire zu töten. Weder fühlte er sich von ihnen bedroht, noch war er ein Mensch, der sich dem Kampf gegen „das Böse“ verschrieben hatte.
Dass Grünfeld Bach ausgerechnet hier sein Lager aufgeschlagen hatte, war den meisten Jägern egal. Von all ihren Mitstreitern mochte Emelie jedoch ihren Anführer am wenigsten, obwohl sie es seiner Gnade zu verdanken hatte, dass sie noch am Leben war (bzw. eben immer noch untot und nicht ganz tot). Sie hatten sich unter widrigen Umständen getroffen und er hatte sie nur aus einem Grund verschont: weil sie sich nicht eine Sekunde gegen ihn gewehrt, vielmehr auf ihre Exekution gewartet hatte. Ein Vampir, der sich einem Jäger ergab? Das hatte Bach neugierig gemacht. Und wenngleich seine Meinung von ihr vermutlich ebenso hoch war wie umgekehrt, er hatte ihr die Türen und Tore öffnen können, die sie bis zu diesem Zeitpunkt vergebens immer nur eingerannt hatte.
Warum also ausgerechnet Los Angeles? Eine Stadt, in der es zwischen Vampiren Streit gab, war ein Hexenkessel. Eigentlich stellten sich die Jäger genau in die Schusslinie. Günstiger wäre es gewesen, abzuwarten, welche Lösung die Kainiten wählten. Man hätte in Ruhe die obsiegenden Sekte in Grund und Boden stampfen können, wenn sie sich noch die Wunden leckte.

Aber am Ende war Bach nur ein Mensch. Sein Motiv war Rache, dem ihren nicht unähnlich. Rache an einem Mann namens Sebastian LaCroix, der amüsanter Weise der neue Prinz der Stadt war. Emelie hatte bisher nur einmal einen Blick auf den blonden Franzosen werfen können, gegen den sich die ganze Stadt zu verschwören schien; selbst die ansässigen Clanältesten schienen wenig begeistert von seiner Anwesenheit. Die meisten hielten ihn für zu jung – eine seltsame Auffassung für Menschen, denn LaCroix musste zweihundert Jahre bereits überschritten haben.
Es war nicht leicht, als Jäger an Informationen über einen Kainit heranzukommen, aber Emelie war hartnäckig, was das betraf. Ihre Kollegen interessierten sich kein Stück für die persönliche Geschichte eines Vampirs, schon das machte sie zu einer Außenseiterin.

Aber sie war nun einmal gut, und das war keine Arroganz. Es war wichtig, dass sie über jeden Vampir Bescheid wusste.
LaCroix hatte erstklassige Lehrer gehabt, er war ehrgeizig, zu ehrgeizig vielleicht. Nun, sie würde sehen, ob er ihr irgendwann noch von Nutzen sein konnte. Dass er von Bach gejagt wurde, wusste der Prinz mit Sicherheit. Schließlich tötete er Bachs Vater und Großvater, aber wenn sie es richtig einschätzte, hatte er sich nur eine weitere Gefahr vom Hals geschafft.

Die Vampirin wurde aus ihren Überlegungen gerissen, als der Wagen stoppte. Fragend sah sie zu Kage, der grinste. „Wir sind da, Traumtänzer.“ Er ignorierte ihr Fauchen, das er nachts sicher gefühlte eintausend Mal hörte, und beugte sich nach vorn, an ihr vorbei zum Handschuhfach. Er nahm eine kleine Dose heraus, zog die Sonnenbrille ab, die er während der Fahrt getragen hatte, warf sie ins Handschuhfach und klappte es wieder zu.
Emelie stieg aus. Sie hatte Kage schon zigmal dabei beobachtet, wie er sich farbige Kontaktlinsen einsetzte, die seine seltsamen Pupillen verdeckten. Sie waren auffällig und sie waren darüber übereingekommen, dass er in den USA lieber nachts keine Sonnenbrille trug. Das letzte, was sie brauchten, war Aufmerksamkeit. Zwar möchte es in Kalifornien nicht als seltsam angesehen werden, wenn man mitten in der Nacht mit einer Sonnenbrille herumlief, doch manche kamen auf die Idee, er sei vielleicht ein asiatischer Schauspieler oder Sänger, der ein bisschen Ruhe wollte, und schossen Fotos. Das konnten sie wirklich nicht gebrauchen.
Kage sprang aus dem Land Rover und schloss sein heiß geliebtes Auto ab. Nun sah er sie mit einfachen braunen Augen an, die er auch auf seinem (falschen) Ausweis und seinen (ebenfalls gefälschten) Fahrzeugpapieren hatte. „Wohin also, oh große Stadtführerin?“
Sie warf ihm einen finsteren Blick zu, der an ihm abprallte, denn in Wahrheit genossen sie beide diese nächtlichen Sticheleien. „Umsehen“, lautete die schlichte Antwort und Kage seufzte. „Wie ich diesen Teil hasse.“

Die nächsten zwei Stunden wanderten sie tatsächlich lediglich in Hollywood umher, um ein besseres Gefühl für diesen Stadtteil zu bekommen, ihre Orientierung zu schärfen.
Da der Prinz der Camarilla sicher nicht einfach die Tür für Bach aufmachen und sich töten lassen würde, wäre sie sicherlich auch noch einige Zeit in Los Angeles, also konnten sie auch Zeit in eine Stadterkundung investieren.
Hollywood kam, wie viele nordamerikanische Großstädte, nie zur Ruhe, weshalb die farbigen Kontaktlinsen eine gute Wahl waren. Sie wichen den Menschen größtenteils aus, doch das war nicht immer möglich.
Aus Clubs drang laute Musik, die angesagtesten DJs legten auf, aus Restaurants hörten sie Geschirrklappern, es hatten sogar noch einige Läden geöffnet.
Sie bogen in eine kleine Nebengasse und blieben stehen.
„Wie geht’s dir?“, fragte Kage ohne jeglichen Hohn.
„So viele Menschen“, murmelte Emelie, „aber es geht noch.“ Sie sah sich um. „Hier werden wir vermutlich nicht fündig. Wir müssen da hin, wo es dreckig zugeht.“
„Ich krieche nicht durch die Kanalisation“, protestierte ihr Freund sofort und sie grinste. „Das meinte ich nicht. Ich wäre für einen Friedhof. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wo der Baron sein Büro hat, aber ich weiß, dass sein Ghul den Friedhof überwacht. Vielleicht hat er uns interessante Dinge zu erzählen.“
„Die er dann seinem Chef ebenfalls berichten kann.“
Emelie legte den Kopf schief. „Ich kann Leute dazu bringen, dass sie vergessen“, flüsterte sie beinahe erheitert, „Weißt du noch?“
Ja, Kage wusste es noch. Doch seine Freundin wendete so selten irgendwelche Disziplinen an, dass er es gern außer Acht ließ. Sie sprach nie darüber, aber er vermutete, dass ihr dazu einfach die Kraft fehlte. Sie hatten nicht viele Geheimnisse voreinander, dennoch gab es ungesagte Dinge. Er wusste beispielsweise ihren Clan nicht, fragte aber nie danach, denn er hatte noch nie eine Antwort bekommen. Er stellte Theorien auf, verwarf sie wieder, denn dachte er, ein typisches Clansmerkmal entdeckt zu haben, widerlegte sie es mit einer völlig untypischen Eigenschaft oder etwas anderes tauchte auf. Im Grunde war es auch völlig egal, welche Art Vampir sie war, denn sie arbeiteten seit vielen Jahren zusammen und kamen gut miteinander aus. Nur das zählte am Ende.

Emelie zog den Stadtplan hervor und glättete ihn an einer Hauswand. „Ich würde sagen, wir müssen nur diese Straße runter und ein bisschen in Richtung Westen“, murmelte sie.
Kage warf ihr einen Blick über die Schulter, zuckte dann mit den Achseln. „Lass es uns einfach versuchen.“
Den Teil Hollywoods, den sie jetzt kennen lernten, hatte nichts mehr mit Glamour zu tun. Die Straßen waren verschmutzt, es waren immer noch viele Leute unterwegs, doch die gehörten sicherlich nicht zum Showbusiness. Huren tummelten sich an den Straßenrändern, Obdachlose suchten Wärme an brennenden Mülltonnen.
„Wie viel Vampire gibt’s hier?“, fragte Kage.
„Drei insgesamt“, kam die überraschende Antwort. Der Japaner zog beide Augenbrauen nach oben. „Nicht besonders viel.“
Emelie nickte. „Je kleiner der Stadtteil, desto weniger Vampire, wenn es nicht gerade Sabbat ist. Es geht um die gerechte Aufteilung von Nahrung unter der Wahrung der Maskerade.“
„Die auch von Anarchen respektiert wird?“
„Oh ja. Ich persönlich finde, sie ist für alle Kainiten überlebensnotwendig.“
„Und die hier gehören zur…?“
„Anarchen. Der Baron und sein Kind sind Anarchen, die Toreador hier müsste ein Teil der Camarilla sein, aber soweit ich weiß, kommt sie gut mit dem Baron aus.“
„Könnten sie dich erkennen? Von früher?“
„Ich weiß es nicht“, erwiderte Emelie und führte ihn zwischen zwei Gebäuden in einen Hinterhof, „ausschließen kann ich es nicht. Aber wir sind relativ gut klargekommen.“
Der Friedhof lag düster hinter einer großen Mauer da. Obdachlose tummelten sich davor, die die beiden Fremdlinge nicht beachteten.
„Räuberleiter?“, schlug Kage vor, doch seine Freundin zeigte auf ein von Brettern schlecht verdecktes Loch. Ohne weiter auf ihn zu warten, räumte sie die Paletten und Holzstücken lautstark (mit Fußtritten) beiseite und duckte sich hindurch. Kage folgte ihr seufzend.
Emelie hatte weder Blicke für die Gräber noch für die Gruft übrig, sondern ging zielstrebig auf das kleine Haus zu, in dem der Ghul sein Dasein fristete. Kage würde versuchen, diplomatisch vorzugehen, deshalb beeilte sie sich, den Vorsprung zu halten. Sie trat die schlichte Holztür aus den Angeln, hörte das Klicken eines Gewehrs, hob den Arm und schlug die Waffe dem dunkelhaarigen Mann aus den Händen.
Mit einem Zähnefletschen packte sie seine Kehle und drückte ihn neben den Türrahmen. Ghule wurden von Vampiren sorgfältig ausgewählt und ein Kainit, der nett zum Plaudern kam, würde ihn wenig beeindrucken. Besser, sie überzeugte ihn gleich davon, dass sie ihm jeden Moment die Kehle herausreißen würde, wenn er im falschen Takt atmete.

„Wenn du mir meine Fragen beantwortest, lasse ich dich am Leben“, erklärte Emelie. Obwohl die Füße des Ghuls den Boden nicht mehr berührten und er schlecht Luft bekam, kniff er die Augen zusammen. „Schon mal was von Anklopfen gehört, Lady? Bin ich eine Touristeninformation oder was?“
„Du sprichst, wenn ich dazu auffordere.“ Ghule waren loyale Diener und dieser hier würde lieber sterben, als etwas über seinen Meister zu verraten, das spürte Emelie. Sie musste ihn zum Reden bringen. „Wie läuft das Geschäft in Hollywood?“
Als er sie nur verständnislos anblickte, packte sie fester zu. Er hustete trocken. „Alles ruhig, verdammt!“
„Das hört man doch gern.“ Sie ließ ihn vorsichtig wieder auf den Boden und lockerte den Griff soweit, dass er vernünftig Luft holen konnte. „Ich habe kein Interesse an Isaac Abrams“, erklärte Emelie grantig, „aber ich muss dennoch mit ihm reden. Braucht man eine Einladung oder…“
„Du kannst nicht mit ihm sprechen, er ist nicht da.“
„Wo ist er dann?“ Ungeduldig legte sie eine Hand an ihre Waffe.
„Ist nur ein Gerücht, weil‘s mich nicht interessiert“, brummte der Ghul widerwillig, „aber angeblich wurde ein neues Kind erschaffen. Ohne Zustimmung des Prinzen. Heute Nacht soll die Verhandlung geführt werden.“
„Wo?“
„In Downtown. Genaueres weiß ich auch nicht, Lady.“ Er schielte zu seinem Gewehr und Emelie versperrte ihm die Sicht, indem sie noch einen Schritt zur Seite machte. „Ich bin auf der Suche nach aufstrebenden, kainitischen Regisseuren“, fuhr sie fort, „Sowas in die Richtung gehört?“
„Neue Filmproduzenten?“ Der Ghul hielt inne und Emelie horchte auf. Er wusste irgendetwas. „Willste‘ ein neues Sternchen am Splatterfilmhimmel werden?“
Sie ließ ihn los und er sackte zusammen, überrascht davon, dass sie ihm für diese Frechheit nichts gebrochen hatte. Er riskierte einen Blick in das bleiche Gesicht der fremden Vampirin und schluckte. Sie war nicht nur sauer, sie war scheiße wütend. Ihre Augen waren hart, ihr Miene angespannt. Langsam ging sie vor ihm in die Hocke. „Wiederhol‘ das bitte noch mal für mich.“
„Es tauchen verdammte Splatterfilme auf. Sie werden unter den Sterblichen gehandelt, die das Ganze für einen genialen Streich der Filmindustrie halten. Aber verdammt, die Filme sind echt.“
„Namen“, grollte Emelie hervor.
„Keine Ahnung. Die Filme sind ganz frisch hier angekommen, erst vor ein paar Tagen. Isaac sucht auch schon.“
Emelie stand auf und tätschelte dem Ghul herablassend den Kopf. „Du hast mir weitergeholfen. Vielen Dank.“
Er fuhr ebenfalls in die Höhe, doch bevor er bei ihr war, presste ihm jemand eine Waffe an die Kehle. Kage schnalzte mit der Zunge. „Keine gute Idee.“
Die Vampirin nutzte den Augenblick seiner Erstarrung, versenkte ihren Blick in seinen Augen und drang direkt in seinen Geist ein, um die letzten Minuten und damit ihren Besuch aus seiner Erinnerung zu löschen.

„Wie hast du ihn zum Reden gebracht? Erzähl mir doch nicht, dass ein Diener eines Barons so viel quatscht.“ Kage entsicherte seine Waffe und steckte sie zurück ins Holster.
„Auf genau demselben Weg, wie ich ihm jetzt die Erinnerung genommen habe.“ Emelie musterte den Ghul, der bewusstlos zusammengesunken war.
„Sieht aus, als ob du die richtige Spur hast“, fuhr Kage fort, ohne weiter auf das Thema Manipulation einzugehen.
„Offenbar.“ Trotzdem wirkte sie nicht zufrieden. „Wenn der Baron in Downtown ist, sollten wir vielleicht auch dort hinfahren.“
„Hat er nicht was davon gefaselt, dass ein neues Kind erschaffen wurde?“ Kage sah sie zweifelnd an, während sie sich auf den Rückweg machten. „Ist vielleicht nicht der geeignete Moment, um mit ihm zu sprechen.“
Ihre Mundwinkel zuckten. „Ich liebe Herausforderungen, das weißt du doch, Kage.“
Er knirschte mit den Zähnen und sah schon förmlich vor sich, wie die Camarilla zwei Jäger der Leopoldsgesellschaft mit offenen Armen empfing – um ihnen die Eingeweide herauszureißen. „Klingt nach einem super Plan.“
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