Gefährliche Träume

GeschichteAllgemein / P18
12.09.2013
12.09.2013
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Ich liege schon seit einiger Zeit mit geschlossenen Augen auf dem Bett. Ich spüre wie die Sonne über meine Haut streicht und die weiche Matratze leicht unter meinem Gewicht nachgibt. Doch ich traue mich nicht meine Augen zu öffnen. Mein Kopf dröhnt vor Schmerzen und ich habe Angst, dass sich das Gefühl verstärkt, wenn ich es wage einen Blick auf meine Umgebung zu werfen.
Resigniert seufze ich, aufstehen muss ich ja doch. Vorsichtig öffne ich meine Augen, blinzele gegen das helle Licht, das mich umgibt und starre an die Decke. Sie ist weiß. Und im Inneren meines Schädels dröhnt es weiter. Der Schmerz breitet sich über die Schläfen bis in meinen Nacken aus. Woher kommt er nur?
Als ich den Kopf schließlich doch zur Seite drehe, fällt mein Blick auf eine große Fensterfront, die den Blick auf einen strahlend blauen Himmel und das dunkelblaue Meer freigibt. Ich kann mich nicht erinnern jemals etwas Schöneres gesehen zu haben. Langsam setze ich mich auf und streife die dünne Baumwolldecke ab, in die ich mich in der Nacht gekuschelt hatte. Für einen kurzen Moment muss ich erneut die Augen schließen, um mich zu sammeln. Wo bin ich nur?
Genauso langsam wie ich mich aufgesetzt habe, stehe ich nun auf. Ich bin etwas wackelig auf den Beinen, kann mich aber aus eigener Kraft aufrecht halten. Eine weiße Toga schmiegt sich an meinen Körper und umweht meine Beine.
Die Fensterfront nimmt eine ganze Seite des Zimmers ein, an der gegenüberliegenden Wand befinden sich nebeneinander zwei Türen. Ich bewege mich auf die größere der beiden zu und lege meine Hand auf den Türknauf. Vorsichtig drehe ich, nur um sie verschlossen vorzufinden. Bei der zweiten Tür habe ich mehr Glück. Sie springt auf und gibt mir den Weg in ein geräumiges Badezimmer frei.
Als ich den Raum betrete, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das Licht geht an, ohne dass ich einen Schalter betätige. Der ganze Raum ist edel eingerichtet, Marmor und gläserne Finessen an allen Ecken. Eine große Badewanne steht an der Wand, die Armaturen glänzen golden. Neben der geräumigen, gläsernen Duschkabine hängt ein dickes, weiches Duschtuch über einen Handtuchhalter. Ich kann nicht anders, als mit den Fingern hinein zu greifen. Das flauschige Gefühl auf meiner Haut ist wohlig und anregend.
Über dem marmornen Waschbecken hängt ein überdimensionaler Spiegel. Eigentlich ist die ganze Wand hinter dem Waschbecken verspiegelt. Von dort sieht mich eine Frau an, aus einem Impuls heraus drehe ich mich um, um zu sehen, ob sie hinter mir steht. Doch da ist niemand. Ich gehe näher an den Spiegel heran, die Frau kommt mir entgegen.
Ich sehe in ein blasses Gesicht mit großen blauen Augen, das von widerspenstigen dunkelbraunen Locken umrahmt wird.
Ungläubig strecke ich meine Hand aus, um den Spiegel zu berühren. Bin die Frau dort wirklich ich? Langsam greife ich mir mit der anderen Hand ins Haar - das Spiegelbild tut es mir gleich. Ich berühre meine Lippen - sie tut es auch. Mir wird klar, dass ich gar nichts über die Frau weiß, die mich anstarrt.
Wer bin ich? Wo bin ich? Und was ist geschehen?

"Geliebt und gehasst - bewundert und verachtet - sehen Sie gleich nach der Werbung ein ausführliches Feature über den widersprüchlichen Tony Stark - Technologiemagnat, Genie, Superheld."
"Milliardär, Playboy und Philanthrop", Tony steht am Fenster seiner Villa in Malibu und sieht hinaus aufs Meer, das sich direkt unter dem Gebäude erstreckt. In Gedanken versunken lässt er das Glas in seiner Hand kreisen. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit darin bewegt sich von einer zur anderen Seite.
"Jarvis, schalte den Fernseher aus, bitte."
Mit einem Mal ist es still im Wohnzimmer. Fast ein bisschen zu still. In den vergangenen Wochen hatte er in der Avengers Mansion in New York gelebt, in der immer etwas los war und man eigentlich nie eine Sekunde für sich hatte.
"Erledigt, Sir."
"Danke, Jarvis. Ein bisschen Hintergrundmusik wäre nicht schlecht. Heute mal was Klassisches."
"Ja, Sir."
Leise ertönen die Klänge einer Klaviermelodie aus den Lautsprechern an der Decke. Tony kennt das Stück sehr gut, kann sich aber nicht mehr an den Titel erinnern. Nur daran, dass es von diesem deutschen Komponisten stammt - Liszt. Er führt das Glas an seine Lippen und trinkt einen Schluck des scharfen Getränks. Der Alkohol darin hat kaum noch Auswirkungen auf ihn, dafür trinkt er zu häufig. Besonders nach Nächten wie dieser. Er hatte kaum ein Auge zu getan und stattdessen in seiner dunkelblauen Jogginghose und seinem grauen Muskelshirt auf dem Sofa gesessen und aus dem Fenster gesehen. Die Sterne und das Meer beobachtet.
Auch jetzt noch steht er barfuß auf dem steinernen Fußboden und schaut wieder hinaus. Das Meer hat etwas Beruhigendes an sich. Es ist aufbrausend, hat Höhen und Tiefen, verhält sich aber in der Regel recht konstant. Genau wie er. Er nimmt noch einen Schluck aus seinem Glas, bevor er es auf den kleinen Tisch neben dem Sofa abstellt.
"Sir?"
"Jarv."
"Ihr Besuch ist erwacht."
"Danke. Hast du einen biometrischen Scan durchgeführt?"
"Ja, Sir. Kein Treffer in unserer Datenbank, keine Auffälligkeiten, außer einer Anomalie in ihrem Energiefeld."
"Die darauf hindeutet, dass wir es hier mit jemandem zu tun haben, der Superkräfte hat." Tony seufzt. Nicht mal zu Hause hat er Ruhe.
"Sehr wohl, Sir. Obwohl ich nicht genauer spezifizieren kann, welcher Art ihre Fähigkeiten sind."
"Danke, Jarvis."
Tony macht sich schnurstracks auf den Weg zu seinem Gästezimmer. Er ist froh, dass er gestern geistesgegenwärtig genug war die Tür abzuschließen. Leichtfüßig nimmt er die letzten Treppenstufen, die ihn zu seinem unangekündigten Besuch führen. Behutsam klopft er an, keine Reaktion.
"Sir, soll ich S.H.I.E.L.D. oder die Avengers verständigen?"
"Nein danke, Jarvis. Ich versuch's allein." Er klopft erneut, wieder keine Reaktion. "Jarvis, ist sie wirklich wach?"
"Ja, Sir. Nach ihrer Körpertemperatur und ihrem Energiefeld zu urteilen sitzt sie auf dem Bett."
Tony kramt den Schlüssel aus seiner Hosentasche, lässt ihn ins Schloss gleiten und dreht ihn herum. Mit einem leichten Klacken öffnet sich die Tür und er schiebt sich langsam hindurch.
Auf dem Bett sitzt die junge Frau, die er gestern bewusstlos vor seinem Haus gefunden hat.
"Hi", sagt er. Sie starrt ihn aus ihren großen, blauen Augen an und erinnert dabei an ein verschrecktes Reh.
"Hi", erwidert sie schüchtern und sieht auf ihre Finger herab, die sie auf ihrem Schoß ineinander verschränkt. Tony geht einen Schritt auf sie zu und streckt ihr freundlich die Hand entgegen.
"Mein Name ist Tony Stark. Sie wissen schon, der Typ mit den Millionen auf dem Konto und dem Reaktor im Herzen." Er zwinkert ihr zu, als sie für einen Moment aufsieht. Sie reicht ihm ihre Hand nicht, so dass sein Willkommensgruß in der Luft hängen bleibt. Tony fährt sich mit der ausgestreckten Hand durchs Haar. "Na, das fängt ja gut an."
Er wendet sich zum Gehen, hält jedoch inne als er ihre Stimme vernimmt.
"Wo bin ich?" Ihre blauen Augen suchen seine. Er ist erschrocken über die Angst, die in ihnen liegt.
"In Miami, Florida. Um genauer zu sein: in meinem Haus am Meer. Wunderbarer Ausblick, nicht wahr?" Er zeigt mit dem Kopf aufs Fenster, sie nickt lautlos. Tony kommt wieder auf sie zu, setzt sich neben sie aufs Bett. "Mit wem habe ich denn das Vergnügen?"
Ihr braunes Haar hüllt ihren Oberkörper fast vollständig ein, wenn sie so zusammengerollt dort sitzt. Ihre Haut ist weiß wie Schnee und ihre Augen blicken ihm traurig entgegen. Sie schließt sie und schüttelt den Kopf.
"Ich weiß es nicht", flüstert sie so leise, dass Tony sie kaum verstehen kann.
"Du weißt es nicht?", fragt er nach, doch sie antwortet nicht, sondern schüttelt nur energisch den Kopf.
"Wow, der Tag heute fängt wirklich gut an."