Eingebung

von Florimori
GeschichteAbenteuer, Horror / P12
OC (Own Character)
10.09.2013
06.05.2017
16
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10.09.2013 2.007
 
Kapitel 1

Schwer atmend bahnten sich zwei Gestalten ihren Weg durch den Schnee, der ihnen bis zum Bauch reichte. Der unablässig wehende Wind trieb die Eiseskälte durch ihre Kleidung  und machte es den entkräfteten Menschen noch schwerer, sich fortzubewegen. Trotz der dicken Strahlenschutzanzüge, die beide trugen, war diese Kälte bis in das kleinste Blutgefäß ihrer Körper vorgedrungen. Die Sichtgläser ihrer Gasmaske waren von außen verschmiert und erschwerten das Gucken erheblich.
Der Größere der beiden trug auf seinem Rücken einen ledernen Sack. Dazu hing über seiner Schulter ein Sturmgewehr. Der Andere, etwas kleinere, trug ebenfalls ein Sturmgewehr und beobachtete durch dessen Visier ständig die Umgebung. Diese beiden Menschen waren Stalker, die gerade von einer Mission im Postapokalyptischen Hamburg zurückkehrten.
Keiner von beiden wollte auch nur ein Wort sagen. Bei diesem Wind würde es ohnehin schwer sein, auch nur ein Wort zu verstehen. Sie bewegten sich nur langsam vorwärts. Der Kräftige beobachtete dabei unablässig den mit grauen Wolken verhangenen Himmel. In dieser Gegend war dies  äußerst sinnvoll, denn hier musste man jederzeit mit einem Angriff von oben rechnen, befanden die beiden sich doch im Stadtteil Bahrenfeld. Dieser Stadtteil wurde von grausamen, fliegenden Echsen bewohnt, die auch bei diesen Windbedingungen tödliche und präzise Jäger waren. Erst vor kurzen hatten die beiden einen Angriff dieser Bestien nur knapp überleben können.
Es war eine seltsame Straße, auf der sie sich bewegten. Ringsherum befanden sich die Ruinen zerstörter Häuser. Viele davon waren bis auf die Grundmauern eingestürzt und mittlerweile nur noch als große Schneehaufen zu erkennen, aus denen ab und zu ein paar Mauerstücke oder Bewehrungsstäbe schüchtern hervor ragten. Links von den beiden Stalkern konnte man eine alte Tankstelle erkennen, deren Überdachung wundersamerweise der Zeit und dem Wind standhielt, auch wenn es eine klägliche Schieflage erreicht hatte.
Auf diesem Dach türmte sich meterhoher Schnee. Doch der Schnee dort wirkte alles andere als unberührt. Er war tief zerfurcht und an einigen Stellen blutig. Der schmale Stalker bemerkte dies, stupste seinen Kollegen an und deutete mit seiner anderen Hand in die Richtung der Tankstelle.
Der kräftige bemerkte nun auch das Blut, nickte und schaute nun noch genauer in den Himmel, bereit bei Gefahr sofort seinen Sack fallen zu lassen und sein Gewehr hervorzuholen. Beiden war bewusst, dass die arme Beute dieser fliegenden Echsen noch vor wenigen Minuten am Leben gewesen sein musste, andernfalls wäre das Blut schon längst von frischen Schnee überdeckt worden. Diese Tatsache war alarmierend.
Langsam stapften sie weiter und näherten sich einer eingestürzten Brücke. Unter dieser Brücke verlief die Autobahn 7, welche damals aus dem Norden Deutschlands bis in den tiefen Süden des Landes führte. Kurz vor der zerstörten Brücke ging rechts ein Fahrstreifen zu dieser Autobahn ab.
Diesem Weg mussten sie folgen, um an ihr Ziel zu gelangen. Dazu mussten die beiden Stalker aber zuerst einen großen Schneehaufen umrunden, dessen metallisches Grundgerüst einst ein majestätischer Reisebus gewesen war. Nun aber lag dieser umgekippt da und es würde niemals mehr ein Mensch einen nutzen aus ihm ziehen können. Normalerweise wurden alle Fahrzeuge von Stalkern aufs Gründlichste nach verwertbaren Teilen abgesucht und ausgeschlachtet.
Doch hier, mitten unter dem freien Himmel, war dieses Unterfangen viel zu gefährlich. Vielen Menschen hat die Gier nach wertvollen Altmetallen und sonstigen Gütern schon den Tod gebracht. Nicht wenige wurden dabei von den seltsamen Kreaturen gefressen, die nun diese Stadt beherrschten. Diese Kreaturen waren ein Produkt der hohen Strahlung an der Erdoberfläche. Über viele Jahrzehnte hinweg waren verschiedene Arten von Tieren mutiert und hatten gefährliche und erschreckende Ausmaße angenommen. Die meisten von ihren waren gefährliche Jäger geworden, die allesamt eine Sache liebten: süßes, leckeres und unverseuchtes Menschenfleisch.
Und noch etwas hatten die meisten dieser Monster gemeinsam, nämlich die Fähigkeit, in dieser lebensfeindlichen Umgebung zu überleben. Nur die Menschen waren gezwungen, in unterirdischen Behausungen zu leben, und wenn sie dann doch einmal an die Oberfläche mussten, konnten sie die hohe Strahlung nur mit Strahlenschutzanzügen und Gasmasken überstehen.
Das alles machte die Mission der beiden Stalker so schwer. Stalker, so nannte man jene waghalsige Helden, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um von der Oberfläche die verschiedensten Güter zu beschaffen. Vorausgesetzt natürlich, dass die Bezahlung gut war.
Als die beiden den eingeschneiten Bus umrundet hatten, waren es nur noch wenige Meter bis zum Beginn der Autobahn. Diese war ebenfalls mit einer dicken Schicht aus Schnee bedeckt und beherbergte zahllose Autowracks. Die Umgebung wirkte durch den vielen Schnee idyllisch, doch das täuschte. Unter dem Schnee versteckten sich die Spuren einer Atombomben Explosion, welche vor 25 Jahren die Stadt zerstört hatte.
Die herrenlosen Wracks aus Stahl und Kunststoff bildeten kleine Gassen. Dieses Labyrinth zu durchqueren würde  einige Zeit in Anspruch nehmen, während sie allen erdenklichen Angreifern ein perfektes Ziel bieten würden. Doch hatten die beiden Menschen unerwartetes Glück, der Schnee war unberührt und auch im Himmel gab es nichts zu sehen, mit Ausnahme der grauen Wolkenmasse, die der Sonne gnadenlos die Sicht verdeckte.
Als die beiden nun dieses Labyrinth betraten, kam in einigen Hundert Metern Entfernung langsam eine große Anlage in Sicht. Sie baute sich vor ihnen auf wie eine Wand. Ihre roten Ziegelsteine waren zum Großteil mit einer Schicht aus Eis bedeckt. Inmitten der Eisflächen waren kreisrunde Fenster eingelassen, die stark an die Bullaugen eines Schiffes erinnerten. Unterhalb dieser Fenster, von denen die meisten keine Glasscheibe mehr hatten,  gab es vier große, rechteckige Öffnungen. Diese Öffnungen waren jeweils ein Einlass zu einer Tunnelröhre, welche die Autobahn früher unter der Elbe hindurch bis ans andere Ufer geführt hatte. Heute waren drei der vier Tunnelöffnungen mit hermetischen Toren verschlossen, lediglich der linke Tunnel hatte kein Tor und offenbarte eine tiefschwarze Finsternis. An der Oberkante dieser Anlage war in goldenen, nicht mehr ganz auf einer Höhe hängenden Buchstaben "Elbtunnel Hamburg" geschrieben.
Diese Tunnel, auch Röhren genannt, war ihr Zuhause.

Die beiden Stalker erreichten das ganz rechts gelegene hermetische Tor. Das stählerne Tor war an seiner linken Seite mit massiven Scharnieren an einen ebenso massiven Rahmen befestigt. Auf dem Tor war in weißer Farbe eine große 1 gezeichnet. Unter dieser Zahl befand sich eine Art Regal, auf dem ein großer, roter Knopf installiert war.
Der schmale Stalker schulterte sein Sturmgewehr und schlug mit seiner flachen Hand auf diesen Knopf. Dann warteten sie ab. Nichts passierte. Die Stalker sahen sich an.
In diesem Moment ertönte von innen ein Klopfzeichen.
Zweimal lang, einmal kurz, zweimal lang.
Der schmale zog aus einer Brusttasche einen vom Stiel abgebrochenen Hammerkopf hervor und antworte mit lauten Klopfzeichen.
Viermal kurz, zweimal lang.
Dieser Klopfcode bedeutete, dass zwei Stalker Einlass erbaten. Wieder passierte einige Sekunden lang nichts, bis sich schließlich unter lauten Quietschen und Knarren das hermetische Tor bewegte. Es schwang nach außen hin auf, was die Stalker dazu zwang, ein paar Schritte zur Seite zu gehen.
Als das Tor sich etwa zwei Meter geöffnet hatte, blieb es stehen und verharrte in seiner Position. Helles Licht strahlte den beiden entgegen und blendete sie. In dem Lichtkegel war eine schattenhafte, männliche Gestalt zu sehen, die näher kam. Ebenso wie die Stalker war er in einen Strahlenschutzanzug gekleidet. Dazu trug er einen blauen Helm und in seiner Hand hielt er eine Pistole, die auf die beiden Ankömmlinge gerichtet war.
Doch er schien die beiden Stalker augenblicklich zu erkennen, denn schon ein paar Sekunden später steckte er diese Pistole zurück in das Halfter. Er drehte sich um, machte eine abwinkende Armbewegung. Der grelle Scheinwerfer erlosch und machte Platz für ein gemütliches Licht.
Die Stalker traten ein und  befanden sich in einem quadratischen Raum. Dieser war eingerichtet wie eine Militärbasis. An der vom Tor gegenüberliegenden Seite waren halbhoch Sandsäcke aufgestapelt worden. Hinter diesen befanden sich zwei Maschinengewehrstellungen, sowie ein großer Flammenwerfer. Außerdem war mittig ein riesiger Strahler angebracht, von dem kurz zuvor dieses helle Licht ausgegangen war. Hinter den Sandsäcken lauerten Dutzende schwer bewaffnete  Soldaten, die allesamt angespannt wirkten.
Schon bald aber kümmerten sie sich nicht mehr um die Ankömmlinge.
Der Blauhelm gab erneut ein Handzeichen und kurz darauf begann das hermetische Tor sich unter großen gequietsche und krächzen zu schließen. Der schmale Stalker blickte ein letztes Mal flüchtig nach draußen, in diese eiskalte, kaputte Welt. Kurz bevor das Tor komplett zugefallen war, erblickte er am Himmel mehrere große Vögel. Sie schlugen mit ihren schwarzen, ledernen Häuten und legten ihre kantigen, riesigen Köpfe zurück und stießen ein widerliches Kreischen aus. Der Stalker erstarrte.
Anscheinend hatten diese Vögel die Spuren der beiden Wanderer entdeckt und waren ihnen gefolgt.
Das Tor schloss sich komplett.
Keine Sekunde zu spät.

"Die Gebrüder Schulz, willkommen zurück!", begrüßte der Blauhelm die beiden Neuankömmlinge. "Ihr seid gerade noch rechtzeitig hier angekommen, wie man sieht. Diese vermaledeiten Flugechsen waren euch auf der Spur. Aber wem erzähle ich das ..."
Die beiden Stalker antworteten nicht und begannen sich ihre Schutzanzüge auszuziehen. Der schmale Stalker fummelte zuerst seine Gasmaske ab. Zum Vorschein kam ein unrasiertes, verschwitztes  Gesicht. Trotz eines Alters von über vierzig Jahren wirkte dieses Gesicht frisch und von Alterung war kaum etwas zu erkennen. Die braunen Augen allerdings wirkten müde. Er fuhr sich durch sein Haar, welches dieselbe Farbe hatte wie seine Augen und lockerte es so ein wenig auf. Die Gasmaske hatte ganze Arbeit geleistet und sein Haar dicht an die Kopfhaut gepresst.
Dann zog er auch den Rest seiner Ausrüstung aus und stand nun fast nackt da, lediglich seine Unterhose behielt er an. Der Stalker fröstelte.
"Dennis, bereit für die Dekontamination, wie ich sehe" stellte der Blauhelm fest. "Du weisst ja, wohin du gehen musst."
"Ich glaube, ich finde den Weg, Tom" sagte Dennis lächelnd zum Blauhelm und zwinkerte ihm zu. "Es ist übrigens verdammt kalt hier, schon mal gemerkt?"
Tom grinste und zwinkerte zurück.
Dennis wandte sich um und ging auf eine schwere blaue Eisentür zu. Hinter dieser Tür befand sich ein großer, mit grünen Fliesen ausgestatteter  Duschraum. An der gelblichen Decke, welche vor vielen Jahren einmal weiß gewesen war, hingen mehrere Glühbirnen herab, von denen nur noch die Hälfte funktionierte. Die rostigen Duschbrausen wirkten nicht gerade einladend, doch das war Dennis egal. Er musste sich die verstrahlten Rückstände von Körper waschen, die er sich eventuell in der Stadt eingefangen hatte. Vorschriften waren eben Vorschriften.
Sicherlich würden hier zehn oder mehr Menschen gleichzeitig duschen können, doch nun war er alleine. Er stellte sich unter eine der Brausen und genoss mit geschlossenen Augen das warme Wasser. Gänsehaut verbreitete sich über seinen ganzen Körper und er konnte spüren, wie sich die Kälte allmählich zurückzog.
Er genoss noch eine Weile diese Wohltat, bis er hörte, dass eine weitere Person den Raum betrat. Es war sein Bruder, der kräftig gebaute Stalker. Auch er war unrasiert und eine feine Schmutzschicht überzog sein jugendlich wirkendes Gesicht und den Rest seines Körpers.
Sein Körperbau war äußerst muskulös, man könnte sagen, er war breit wie ein Schrank. Hier und da hatte er die eine oder andere Narbe. Seine kurzen, ebenfalls braunen Haare waren vom Schweiß durchnässt und standen zottelig in alle Richtungen vom Kopf ab.
"Das du auch immer so trödeln musst, Marcel!" spöttelte Dennis und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
"Du kennst doch Tom!" erwiderte er, "Er plaudert gerne über das, was uns unterwegs passiert ist."
Nun wandte auch er sich einer der Duschbrausen zu und drehte den Hahn auf.
Nichts passierte.
Marcel ließ genervt seinen Kopf sinken und fing kurz darauf an zu grinsen. Dennis erwiderte es.
"Noch nicht einmal hier habe ich Glück!" sagte er kichernd.
Er bewegte sich ein paar Schritte zur Seite und probierte eine andere Duschbrause aus. Diese funktionierte und übergoss nun auch ihn mit warmem Wasser. In seinem Gesicht machte sich ein genussvolles Lächeln breit.
"Tut das gut..." seufzte er und schloss seine Augen.
Beide Stalker standen noch eine Weile wortlos da, ehe Dennis seine Duschbrause als erster abstellte und begann, sich mit einem ausgeblichenen Handtuch abzutrocknen und seine Unterhose wieder anzuziehen.
"Wir sehen uns später!" sagte er knapp und verließ den Raum wieder durch die blaue Tür.
Sein Bruder nickte ihm zu, was Dennis jedoch nicht mehr sah.
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