Es war einmal - ganz anders II: Schneewittchen

von Ishtar
KurzgeschichteHumor, Parodie / P16
09.09.2013
09.09.2013
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Wie sehr man sich auch bemüht - man erntet nichts als Undank! Meine Fußsohlen tun mir immer noch furchtbar weh, gerade bei Wetterumschwüngen.


Wie es dazu gekommen ist? Gute Frage. Stelle ich mir auch immer wieder.


Einst war ich eine Bauerntochter mit mehr Hirn im Kopf als meine Verwandtschaft inklusive Kühe zusammen gerechnet. Deswegen hatte ich auch nicht vor, als Milchmagd bei ihnen zu versauern. Ich kann eh keine Milch ab, von Molkerei-Produkten muss ich reihern.


Dann kam der frisch verwitwete König auf Hände-des-Volkes-schüttel-Tour vorbei - das war meine Chance. Er war sechzig, ich war sechzehn, aber egal. Oder gut so, denn das ging seinem Ego runter wie Öl. Schlimmer als der heimische Kuhstall roch er auch nicht. Die Bauernburschen in meinem Alter mögen zwar knackiger daher gekommen sein - aber: hallo! Perspektiven? Ich wollte etwas Sinnvolles mit meinem Leben machen!  


Lieber ein adliger Greis als ein Niemand mit Waschbrettbauch, der mich zum Melken abkommandiert hätte und bei dem ich mit dreißig nach fünfzehn Geburten zahnlos und unterernährt abgekratzt wäre.Wenn ich mich nicht vorher in der Jauchegrube ertränkt hätte oder als Hexe verbrannt worden wäre, weil ich nicht dem hirnamputierten, dauerdevoten Frauenideal entsprochen habe.


Bis auf den müffelnden Alten war alles großartig. Der bekam eh nichts mehr richtig auf die Reihe, und ich hielt das Reich in Schuss. Endlich eine richtige Aufgabe! Zumindest tat ich mein Bestes, denn es befand sich in einem arg desolaten Zustand. Als ich einundzwanzig war, gab mein heißnichtgeliebter Gatte den Löffel ab, was nicht gerade eine Riesenüberraschung war. Außer dem Adel wurde kaum jemand so alt, was wiederum auf den besagte gruseligen Zustand von Wirtschaft, Infrastruktur, Gesundheitsversorgung und so weiter und so fort zurückzuführen war. Auch bildungstechnisch war nicht viel los im Lande. Bis auf ein paar machtgeile Seelen, die alles Wissen traditionell für sich bunkerten, konnte niemand 'buchstabieren' auch nur buchstabieren. Ich persönlich hatte schleunigst dafür gesorgt, das bei mir zu ändern, damit sich diese selbsternannten Weisen nicht erdreisten konnten, mir mit angeblich hochheiligen, uralten Regeln und Gesetzen, die sie sich meist selbst ausgedacht hatten, rein zu quatschen. Eine Sache stand leider wirklich in ihren dusseligen Schwarten: Frauen konnten nicht König werden. Königin war okay, solange sich das aufs Dekorative und aufs Kinder kriegen bezog - aber selbst regieren? Niemals! Warum? Welch Frevel, das auch nur zu fragen! Da ich also eh schon gefrevelt hatte, rundete ich die Sache ab und lochte die ganze Bande erst mal unter einem fadenscheinigen Vorwand ein. Der Rest des Beraterstabes war von nun an wirklich meiner Meinung oder tat so, als ob. Ich musste sie arg im Auge behalten. Zumindest gelang es mir auf diese Weise, vorerst am Runder zu bleiben - als Regentin für die Prinzessin, der Tochter des Königs aus einer vorherigen Ehe. Sobald die endlich einen Prinzen geheiratet hätte, der König werden konnte, wäre der Ofen allerdings trotzdem aus gewesen. Und das barg Katastrophe-Potential bei ihrem Männergeschmack.


Nicht dass jemand jetzt glaubt, ich hätte mich aus schierer Machtgeilheit an den Thron geklammert! Wenn ich eine ruhige Kugel in Wohlstand hätte schieben wollen, wäre das für die Königswitwe ohne Weiteres drin gewesen. Ich hatte bloß nicht vergessen, woher ich gekommen war und wie es den meisten Menschen im Reiche ging. Hinzu kam, dass es um die Staatsfinanzen übel aussah, das Heer in einem an Nichtexistenz grenzenden Zustand war, sodass wir leichte Beute waren, und so weiter und so fort. Der Adel bekam davon traditionell nichts mit, oder es war unter seiner Würde, sich mit so etwas zu befassen. Die mokierten sich höchstens über die faulen, falschen Bauern, um dann die ihnen abgepressten Steuergelder für irgendwelchen Tinnef zu verschleudern.


Anfangs hatte ich mir redlich Mühe gegeben, die Prinzessin für ihre Aufgabe auszubilden, wenn ich eines Tages wohl oder übel würde abtreten müssen.


Es war zum Verzweifeln! Das Gör war nicht nur ziemlich lahm im Geiste, sondern auch noch stinkend faul, blasiert und unfassbar eitel. Jedes Mal, wenn ich ihr zu Leibe rückte, um auch nur den Hauch einer Ahnung von Irgendwas in ihr Erbsenhirn zu pflanzen, maulte sie mit hoher Jammerstimme rum. Der einzige Grund, den sie für diese durch mich zugemuteten, unfassbaren Qualen erkennen konnte, war der Umstand, dass ich doch nur neidisch auf sie sei, weil sie tausend Mal schöner als ich sei. Schönheit war nämlich ihrer Ansicht nach die einzige Charaktereigenschaft, die sie brauchte - auch wenn es gar keine war. Mit der war ernsthaft kein Blumentopf zu gewinnen. Das Einzige, worauf man spekulieren konnte, war wirklich ihr eine Gatten zu verpassen, der für die Aufgabe geeignet war.


Ich grübelte also eine Weile hin und her und entschied mich schließlich dafür, sie mit einem mir treu ergeben Fürsten zu verheiraten, der aus der Menge der möglichen Kandidaten durch seine besonnene Klugheit hervorstach. Er würde das Reich gut regieren, da war ich mir sicher.


Als ich Schneewittchen - das war nicht ihr richtiger Name, sondern basierte auf einem Floh, den ihr ihre Hofschranzen in Bezug auf ihr Aussehen ins Ohr gesetzt hatten -  die frohe Botschaft verkündete, war von Freude keine Spur zu erkennen. Sie heulte, als sei sie von Haarausfall, Warzen und spontaner Totalverfettung heimgesucht worden. Das hätte ihr wirklich mal gutgetan, vielleicht hätte sie sich dann mal auf wichtigere Dinge als ihre Toilette konzentriert. Ich versuchte ihr bei zu pulen, dass es schließlich um das Reich und ihre Untertanen gehe und nicht um ihre persönliche Glückseligkeit. Sie hörte mir nicht mal zu, sondern flennte und zeterte, bis ich Kopfschmerzen davon bekam. Den könne sie nicht heiraten, der sei doch alt und hässlich! Sie wolle einen Prinzen heiraten! Einen schönen, jungen, tapferen Prinzen in goldener Rüstung! Irgendwann riss mir der Geduldsfaden, und ich sagte ihr, dass sie eine dumme, oberflächliche, egoistische Pute sei, die ihre verdammte Klappe halten solle und packen, um ja brav den von mir ausgewählten Fürsten zu ehelichen. Da kam das Bauernmädchen in mir durch.


Was machte die dusselige Kuh? Sie lief fort. Einfach so auf ihren Seidenpantoletten mitten in den Wald hinein. Ohne Proviant. Als mich inmitten einer Sitzung zum geplanten Straßenausbau die Botschaft erreichte, war ich kurz versucht, rhythmisch die Stirn auf den Holztisch zu donnern. Selbstverständlich schickte ich ihr gleich einen Suchtrupp hinterher. Währenddessen kam mir der Gedanke, dass, falls ein Wolf sie mittlerweile gefressen haben sollte, ich den dann zum König machen könnte, schließlich wäre er der letzte mit königlichem Blut in sich. Eine schlechtere Prinzessin als Schneewittchen gäbe er auch nicht ab. Vielleicht ein bisschen haarig. Da darf man nicht zu kleinlich sein.


Blöderweise brauchte ich sie nach wie vor, denn ich war Regentin an ihrer statt. Keine Prinzessin - keine Regentin. Wenn sie stürbe, würde es unter den Adelshäusern zum Krieg um den Thron kommen. In Ermanglung eines vernünftigen Heeres würde ich sie nicht stoppen können. Das würde in jedem Falle schlecht nicht nur für das Reich, sondern auch für mich ausgehen. Verdammter Mist.


Zunächst blieb ich ruhig. Weit konnte sie mit ihrer nicht vorhandene Ausrüstung ja nicht gekommen sein.


Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monaten - keine königliche Dummbratze weit und breit. Ich hielt es mittlerweile für sehr wahrscheinlich, dass sie hinüber war. Über einen Ast gestolpert und in einen Abgrund gefallen, sowas. Solange man sie jedoch nicht fand, hieß es indes eisern daran festzuhalten, dass sie am Leben sei.


Wie das mit Gerüchten immer so ist - sie wachsen und entziehen sich irgendwann der Kontrolle. Die Königsburg wurde mit Glücksrittern und Tunichtguten aus aller Herren Länder überschwemmt, die gehört zu haben behaupteten, dass wer sie fand, sie heiraten dürfe, um dann König zu sein. Ich versuchte, das gerade zu rücken - keine Chance. Am schlimmsten war ein Prinz aus einem der Nachbarkönigreiche. Er war der jüngste Sohn seiner äußerst fruchtbaren Eltern und somit auf Platz zehntausend in der Erbfolge. Schneewittchen wäre wie ein gebratenes Täubchen, das ihm in den Mund flog, für ihn gewesen. Obendrein war er total ihr Typ - und das sagt wohl alles. Er war blond. Sehr blond. Er weigerte sich, einen Raum zu betreten, in dem sich ein Buch befand, weil das nur etwas für weibische Greise sei. Seine Auffassung von Herrschaft bestand darin, es sich von morgens bis abends gutgehen zu lassen und jedem, der etwas dagegen sagte, eins mit dem Schwert zu verpassen. Ich musste mir sein grausiges Geblubbere nonstop anhören, da ich ihm gegenüber zur Gastfreundschaft verpflichtet war. Er ging sogar so weit vorzuschlagen, dass er ja auch mich heiraten könne, damit dieses Land endlich wieder vernünftig regiert werde. Jahrelang hatte ich alles daran gesetzt, diesen von meinem Gatten hinterlassenen Saustall zu sanieren und das mit zunehmende Erfolg - und dann kommt dieser Niemand und sagt mir sowas!


Mit süßlicher Miene verkündete ich, dass ich nur die demütige, alte Regentin sei, obwohl ich genau genommen nur ein paar Jahre älter als er war, und dass Schneewittchen sehr wohl noch am Leben sei. Irgendwo hinter den sieben Bergen als Gefangene der sieben Zwerge. Man ahnt es: Er erkannte einen blöden Spruch nicht als solchen, sondern nahm ihn für bare Münze. Er sprang auf, warf sich in die Brust, fuchtelte mit seinem Schwert in der Botanik herum und erklärte der Welt, dass er sie retten werde von den bösen sieben Zwergen. Und Schneewittchen dann heiraten und König werden!


Ich knirschte mit den Zähnen, erinnerte ihn kurz daran, dass der Hase so nicht lief, auch wenn er das komplett ignorierte dank seines Talents zur selektiven Wahrnehmung. Dann änderte ich die Taktik und wünschte ihm viel Glück - und er solle mir bloß nicht ohne meine geliebte, unversehrte Stieftochter unter die Augen treten. Da das extrem unwahrscheinlich war, dürfte sich das Thema damit erledigt haben.


Dachte ich.


Falsch gedacht, denn einige Dinge auf Erden stehen nicht darauf, logisch zu sein.


Erst deutlich später bekam ich heraus, was passiert war. Schneewittchen war zu ihrem recht fragwürdigen Glücke in direkter Linie in die Arme einer Räubertruppe gelatscht. Auf die Idee, die teuer gewandete Tussnelda gegen ein saftiges Lösegeld einzutauschen, sind sie erst gekommen, als die Ware nicht mehr so ganz im Originalzustand war. In einigen Lebenslagen ist es eher ungünstig, schön und jung zu sein, das dürfte selbst Schneewittchen gedämmert haben. Als sich dann noch abzeichnete, dass ein Räuberprinzlein unterwegs war, war an Rückkehr gar nicht mehr zu denken.


Dann kreuzte Blondie-Prinz in der Tat dort auf und massakrierte die ganze Horde. Darin zumindest war er gut. Laut Aussage seines Knappen soll er dabei die ganze Zeit. 'Nehmt das, ihr Zwerge!' gebrüllt haben, obwohl die Räuber vermutlich nicht durchweg kleinwüchsig gewesen waren. Scheint ihn nicht irritiert zu haben. Schneewittchen ist währenddessen in Ohnmacht gekippt - entweder wegen des ganzen Blutes oder wegen der einsetzenden Wehen.


So blieb dem armen Helden nichts anderes übrig, als seiner Königin in spe erst mal bei der Geburt ihres Bastards zu helfen. Offiziell haben die beiden später etwas von einem Zauberkuss erzählt und von irgendwelchen Attentaten, die ich auf Schneewittchen verübt haben soll. So ein Blödsinn! Wenn ich ihr an die Gurgel gewollt hätte, dann doch nicht so umständlich! Da der Prinz nach wie vor nicht kleinlich mit dem Schwert war, hütete sich jeder davor, Zweifel an dieser hanebüchenen Geschichte zu äußern.


Komplett bescheuert war der Prinz auch nicht. Statt Schneewittchen postwendend abzuliefern, blieb er lieber eine Weile mit ihr im Wald, um ihr gleich den nächsten Braten in die Röhre zu schieben, damit niemand - erstrecht nicht ich - an der Verbindung kratzen konnte. Angeblich hat er sie natürlich vorher geheiratet. Alleine mitten im Wald. Sicher doch. Was mit dem Räuber-Baby passiert ist, weiß ich nicht - bestimmt nichts Schönes.


So ist Schneewittchen jedenfalls zu ihrem schönen, jungen, tapferen, goldenen Prinzen gekommen, ganz wie sie es sich gewünscht hatte. Glückwunsch. Mit der Rückendeckung der Truppen aus dem Heimatkönigreich des Prinzen setzten sie seinen Herrschaftsanspruch, der nach allgemeiner Meinung ja rechtmäßig war, durch.


Schneewittchen war nach ihrem Aufenthalt bei den Räubern nicht mehr so ganz die Alte. Oh, sie war nach wie vor dumm und eitel, nur war sie jetzt obendrein noch verroht, rachsüchtig und ziemlich durchgeknallt. Sicher war ihr Schlimmes widerfahren - aber warum denn? Weil sie statt ihre Pflicht zum Wohle aller zu tun, wie ein kopfloses Huhn davongerannt war, um ihren selbstsüchtigen Wünschen nachzujagen. So sah sie das natürlich überhaupt nicht. Ich war schuld, ich neidische, böse, alte Frau!


Die Details dessen, was sie mir angetan hat, erspare ich der Menschheit mal. Die glühenden Schuhe waren nur die Spitze des Eisbergs.


Davongekommen bin ich nur, weil ein alter Vertrauter mich unter Einsatz seines Lebens aus der Burg geschmuggelt hat.


Jetzt sitze ich im Exil in einem Königreich so weit weg wie möglich. Schlage mich als Händlerin für Leinenstoffe durch. Als Grundkapital diente mir mein Schmuck, den ich geistesgegenwärtig mit rausschmuggeln konnte. Es hätte schlimmer kommen können, stimmt schon. Zumindest für mich. Ab und an erreichen mich Nachrichten von Daheim, bei denen sich mir der Magen umdreht. Alles, was ich über die Jahre erreichen konnte, ist futsch. Gesetze wurden aufgehoben, Maßnahmen rückgängig gemacht, die Uhren zurück gedreht. Die Menschen leiden, vielleicht noch schlimmer als zuvor, sind nichts als die verachteten Goldesel des Königspaars. Lange kann es nicht mehr dauern, bis das Fass voll ist und sie sich erheben werden. Dann gibt es ein Blutbad.


Und wer wird dafür als Sündenbock herhalten müssen?


Na, ratet mal.
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