Alte Freunde

von snowheart
KurzgeschichteFreundschaft / P6
Dr. Hannibal Lecter Will Graham
09.09.2013
09.09.2013
1
1.224
1
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
09.09.2013 1.224
 
Alte Freunde


Als er das Haus verlässt, ist es noch dunkel, aber so früh aufzustehen macht ihm nichts aus. Er konnte sowieso nicht mehr schlafen.
Leise schließt er die Tür hinter sich, um keinen der Hunde zu wecken. Sie bemerken immer sofort, wenn er geht, aber da sind sie auch die Einzigen. Ansonsten nimmt ihn hier draußen keiner wahr. Für alle anderen ist er Luft.
Als er sich zum Haus umdreht, brennen die Lichter noch. Er lässt sie gern an, weil es durch den dichten Nebel dann wie ein Schiff aussieht. Ein Schiff, dass ihm Zuflucht bieten und mit dem er einfach weg segeln kann.
Wenn er das Haus verlässt, fühlt er sich immer etwas unsicher. Als würde er etwas von sich zurücklassen. Andererseits ist er auch froh, diesem Ort zu entkommen. Dem Ort, wo er träumt, wo die dunklen Schatten seines Geistes Formen annehmen.
Dann reist er sich endgültig von dem Anblick los und macht sich auf den Weg. Raus aus der Natur, zu befahrenen Straßen, lauten Orten und anderen Menschen. Auch wenn ihm der Gedanke nicht besonders behagt.
Mehr als einmal fällt er auf seinem Weg hin, weil er einfach so in Gedanken versunken ist, dass er alles um sich herum vergisst.
Momentan denkt er über Wasser nach. Viel Wasser. So viel Wasser, wie es eben gab, als Jonathan Greg in den Bach gestoßen hat.
Seine Gedanken nehmen ein jähes Ende, als er am Rande des Waldes Hannibal sieht.
Wie jeden Morgen wartet sein Freund auf ihn, damit sie zusammen zur Schule gehen können.
Hannibal steht ganz ruhig da und wartet, bis Will bei ihm ist.
Die Ruhe, die er ausstrahlt, greift sofort auf ihn über und scheucht die trüben Gedanken einfach fort.
Wasser ist wieder nur Wasser und er kann den Weg jetzt wieder klar vor sich sehen. Weil er auch Hannibal klar vor sich sehen kann.
Sein bester Freund ist ein fester Maßstab für ihn, an dem er sich orientieren kann. Die Trittsicherheit, mit der er den restlichen Weg zur Schule bewältigt, ist anstecken und so kann auch Will ihn sicher gehen, weil er den Schritten seines Freundes vertraut.
Hannibal kümmert sich nicht um die Flecken auf Wills Hose, die vom vielen Stolpern herrühren oder die Tatsache, dass ihm seine Kleidung viel zu groß ist. Obwohl ihre Erscheinungsbilder so sehr im Gegensatz zueinander stehen, ist das nicht wichtig.
Weil Will Hannibal versteht.
Und Hannibal versteht Will.
Hannibal hat viele Bewunderer. Natürlich. Er ist intelligent und charmant, weiß immer etwas passendes zu sagen und meistert jede Situation. Sogar die Mädchen mögen ihn. Aber Freunde hat er keine. Weil es zwischen all seinen Bewunderern niemanden gibt, der hinter der perfekte Fassade den richtigen Hannibal sieht. Vielleicht wollen sie das ja gar nicht, oder vielleicht verstehen sie auch einfach nicht, dass jeder seine Schattenseiten hat.
Aber Will versteht das.
Er versteht, warum Hannibal Jonathan dazu gebracht hat, Greg in den Bach zu stoßen, auch wenn er es nicht gut findet. Aber Freunden hilft man nun mal, und Hannibal sieht nicht gern tatenlos zu, wie sein Freund herum geschubst wird. Auch das versteht Will.
Und auch, wenn er nicht immer mit Hannibals Entscheidungen einverstanden ist, akzeptiert er sie.
Weil er seinem Freund vertraut. Weil sie sich irgendwo doch ähnlich sind. Weil er mit Hannibal auch sich selbst in frage stellen würde und das könnte er nicht verkraften.
Den Weg zur Schule legen die Freunde Seite an Seite zurück. Beide schweigend, beide in Gedanken.
Dann ragt das alte Gemäuer auch schon vor ihnen auf und sie betreten das Gebäude.
Als sie endlich das Klassenzimmer erreichen, sind sie die letzten. Sogar der Lehrer ist schon da. Sie sind immer die letzten, weil Will wegen seinen Stürzen immer so lange braucht. Deshalb geht er immer schon im Dunkeln los, um mehr Zeit für den Weg zu haben.
Als sie auf ihre Plätze gehen, sagt der Lehrer nichts, weil er Hannibal nichts vorwerfen will. Niemand wirf Hannibal je etwas vor, weil niemand je auf eine so absurde Idee gekommen ist.
Die beiden setzen sich auf ihre Plätze und der Unterricht beginnt.
Will ist ein guter Schüler, wenn auch nicht so gut wie Hannibal. Er versteht den Lernstoff schnell, verliert aber oft die Zeit aus den Augen. Dafür hat er ja seinen Freund.
Als es dann wieder Zeit für die Pause ist, sitzen Hannibal und Will zusammen.
Hannibal teilt sein Pausenbrot mit Will, weil dieser keins dabei hat. Er hat nie eins dabei, weil er sich keins eingepackt hat. Und niemand hat sich die Mühe gemacht, dass zu ändern.
Von weitem kann Will die neugierigen Blicke sehen, die auf Hannibal ruhen und die dieser einfach ignoriert.
Seine Klassenkameraden würden gern mit Hannibal sprechen, aber sie trauen sich nicht, weil sie ihn nicht stören wollen.
Und Hannibal ist auch lieber bei Will. Mit Will kann er über Dinge sprechen, über die er sonst mit niemandem sonst spricht. Ihre Gespräche sind frei von Heuchelei.
>>Was hast du empfunden, als Jonathan Greg in den Bach gestoßen hat?<<, fragt der Ältere seinen Freund.
Dieser hält im Essen inne.
>>Ich denke, Jonathan hat überreagiert.<<
>>Und du warst nicht erleichtert, weil Greg es verdient hat?<<
Darauf antwortet Will nicht und das muss er auch gar nicht. Hannibal kennt die Antwort auch so.
Für einen Moment kann der Jüngere es wieder fühlen. Diesen Moment der Verbundenheit. Er kann und muss seine Gedanken nicht vor seinem Freund verstecken und auch ohne Worte weiß Hannibal, dass Will eigentlich ganz froh ist, dass Greg in den Bach gestoßen wurde. Weil Greg Will beleidigt hat. Weil er gesagt hat, dass Will anders ist, dass er nicht dazugehört.
Will weiß, dass Hannibal Jonathan dazu gebracht hat, dass zu tun. Er würde sich um so etwas nie persönlich kümmern, denn dazu ist er viel zu beherrscht.
Will weiß es und findet es nicht schlimm. Es war schließlich nur ein kleines Bad. Kein Grund zur Aufregung, sondern nur ein harmloser Scherz. Sein Freund würde nie jemanden verletzen. Oder? Für einen Moment ist er sich nicht mehr sicher. Dann sieht er in die Augen seines Freundes und die Zweifel verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. An Hannibal kann er sich orientieren. Hannibal ist im Gegensatz zu seinen Gedanken echt. Er ist Wirklichkeit. Und wie kann die Wirklichkeit falsch sein?
Manchmal reden sie über Wills dunkle Gedanken. Solche, wie zum Beispiel Greg selbst in den Bach zu stoßen. Aber nur manchmal.
Die Pause ist zu Ende und die Schüler kehren in die Klassen zurück. Will und Hannibal zusammen, weil sie sich perfekt ergänzen. Sie sind beide auf ihre Weise unfassbar genial und die einzigen, die hinter die Fassade des anderen Blicken können.
Hannibals wahres Ich macht Will keine Angst, weil es seinem eigenen auf skurrile Art gleicht. Trotzdem sieht er nicht oft hinter die Fassade, weil er seinen Freund so einfach lieber mag.
Aber Hannibal möchte, dass Will alles von ihm versteht, so wie er von ihm. Deshalb gewährt er seinem Freund immer öfter einen Blick hinter den Schleier.
Vielleicht kann Will ihn dann eines Tages ganz verstehen und nicht nur Bruchstücke. Vielleicht kann er dann auch endlich die Dunkelheit in sich selbst akzeptieren.
Aber solange kann Hannibal warten, denn schließlich drängt man Freunde nicht.


Hoffe, dass die Charakter nicht zu befremdlich rüber gekommen sind und die Geschichte gefallen hat.
Review schreiben