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"Die Zukunft gestalten wir zusammen"

von LenjaKa
GeschichteAbenteuer, Familie / P18 / Het
Balin Dwalin Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
06.09.2013
07.06.2020
137
506.376
35
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Dieses Kapitel
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07.06.2020 2.873
 
Hallo ihr Lieben,
jetzt geht es mit einem neuen Kapitel weiter.  Ich habe mich über die vielen Klicks, eure Kommentare, Mails, Favoriten- und Bücherregaleinträge total gefreut! Es ist unbeschreiblich schön, dass diese Geschichte immer noch gelesen bzw. neu entdeckt wird. :)
Vielen Dank an dieser Stelle auch an Charon, die mich weiterhin dabei tatkräftig unterstützt, merkwürdige Satzkonstruktionen und entflohene Satzzeichen rechtzeitig einzufangen.
Kommt morgen gut in die neue Woche und bleibt gesund!

Alles Liebe, Len
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137 – Hier und jetzt

Gedankenverloren ließ er seinen Blick wandern. Wie lange er schon weit oben am östlichen Berghang stand und hinab in die schneebedeckte Landschaft schaute, wusste er nicht. Dem Stand der Wintersonne nach, mochte es bereits auf Mittag zugehen und obwohl der Tag weit vorangeschritten war, verspürte Fíli keinen Hunger. Vieles war seit seiner Ankunft in den Blauen Berge geschehen. Wenig Erfreuliches hatte sich seit Beginn seiner Regentschaft ereignet. Mit viel Glück war er einem Komplott entkommen. Auch wenn keiner seiner Freunde die Dinge beim Namen nannte, so waren sie alle der Katastrophe nur um Haaresbreite entkommen. Die Verschwörer hatten seinen Tod gewollt. Alùn wollte ihn sterben sehen. Alùn… wie hatten sich Thorin und Fílis Mutter nur derart in einem Zwerg täuschen können?

Für einen kurzen Moment kniff Fíli seine Augen zusammen. Jedoch nicht wegen der Sonne, die auf die herrlich weiße Landschaft schien. Es war vielmehr das dumpfe Gefühl – die Leere – in seinem Inneren, die ihn abermals überrollte. Was hätte der Zwerg darum gegeben, in diesem Augenblick bei seiner Mutter und seinem Onkel zu sein. Er hätte diese unglaubliche Nachricht seiner Familie gern persönlich überbracht. Vor allen Dingen hätte Fíli seine Mutter fest in die Arme schließen wollen. Welchen Schmerz mochte die traurige Kenntnis, um den begangenen Mord am Gatten, wohl in ihr auslösen? Er selbst hatte nach wie vor Probleme, sich seinen eigenen Emotionen zu stellen. Visna tat ihr Möglichstes, um ihn zu unterstützen. Aber seine Mutter… Fíli hoffte, dass Kíli in der Lage war, ihr beizustehen.
Dass die Königsschwester womöglich genauso bestürzt auf die Umstände reagierte, die diese Ungeheuerlichkeiten erst zu Tage befördert hatten, hatte Fíli bisher verdrängt. Den Tod ihres Mannes konnte die Zwergin nicht mehr ungeschehen machen, aber ihr Sohn wäre bald einem ähnlichen Schicksal zum Opfer gefallen. Nichtsdestotrotz wollte der junge Fürst die Ered Luin nicht wieder verlassen. Die Blauen Berge waren seine Heimat. Sie wären fast zu seinem Verderben geworden, doch waren sie auch sein Erbe. Es klang für Außenstehende womöglich skurril, aber Fíli gehörte hier her.

Er hatte nicht vergessen, welche Gründe ihn ursprünglich in den Westen geführt hatten. Er sollte die Zwerge zurück in den Einsamen Berg führen. Nur, warum hätten sie die Blauen Berge verlassen sollen? Nein, er dachte dabei nicht an Alùns Machenschaften. Für ihn lag es auf der Hand, dass die Zwerge seiner Generation den Erebor lediglich aus den Erzählungen längst vergangener Zeiten kannten. Warum sollten sie die gefährliche Reise quer durch Mittelerde auf sich nehmen und dabei Leib und Leben riskieren, um in ein Königreich zu ziehen, das nicht ihre Heimat war. Niemand würde ihnen garantieren können, dass sie im Einsamen Berg eine rosige Zukunft erwartete. Eine Existenz riskieren, um in einem märchenhaften Königreich zu leben?
Im Nachhinein kam Fíli diese Rechnung deutlich riskanter vor. Er hatte sich selbst eingestehen müssen, dass seine persönliche Zukunft derzeit ebenfalls in den Blauen Bergen lag. Auch wenn seine Familie im Erebor weilte, so war sich der junge Herrscher sicher, dass ihn die Bewohner der Ered Luin brauchten. Dass sie einen Fürsten brauchten, der sie gut behandelte und ihnen den bisherigen Wohlstand garantierte. Die Zwerge dieses Gebirges waren ihm nicht in den Rücken gefallen. Sie hatten die Königsfamilie nicht verraten. Fíli wollte ihnen dienen. Er wollte Thorins Erbe antreten, selbst wenn dies bedeutete, dass er nicht mehr in den Einsamen Berg zurückkehrte.

Stunde um Stunde hatte er mit Visna über diese Entscheidung gesprochen. Es hatte Fíli viel Überredungskunst gefordert, bis seine Frau ihn letztlich verstand. Nach der Todesangst, die Visna ausgestanden hatte und ihren Gatten schon fast verloren sah, war ihre Skepsis an Fílis Vorhaben sicherlich angebracht. Mit ein wenig Zeit hatte sie seine Beweggründe jedoch mehr und mehr verstehen können. Nicht alle hatten ihnen den Untergang gewünscht. Die Verschwörer bestanden nur aus einer kleinen Gruppe. Natürlich konnte niemand ausschließen, dass es, früher oder später, nicht doch wieder Versuche eines Putsches oder Aufruhrs geben würde. Nichtsdestotrotz ließen Fílis Kraft und Zuversicht, Visna ein wenig der nötigen Ruhe wiederfinden. Wenn es sein Wunsch war, in den Ered Luin zu bleiben, dann wollte sie ihn dabei unterstützen. Auch wenn dies bedeutete, dass sie ihre Schwester Idûn in nächster Zukunft nicht wiedersah.

Fíli hatte fast vergessen, wie schön die Blauen Berge im Winter waren. Hier gab es kaum Schluchten oder Täler, welche die Landschaft rund um den Einsamen Berg prägten. Das Gebirge verlief deutlich flacher, sodass der erste Schnee in diesem Jahr, die Umgebung in einem strahlenden Weiß gleichmäßig eingehüllt hatte. Wenige Bergbewohner waren draußen unterwegs. Überhaupt spielte sich das Leben der Zwerge ohnehin eher unter Tage ab. Jedoch gab es einen Bewohner, der regelmäßig Sonne und Frischluft fürs Gemüt benötigte. Von seinem Standort aus war es Fíli möglich, dessen Ankunft schon im Vorfeld zu beobachten. Nur durch die Spuren, die der Ankömmling im Schnee hinterließ, wäre es dem Zwerg nicht möglich gewesen. Einmal mehr wurde ihm bewusst, dass Gandalf nach wie vor Recht behalten sollte: ein Hobbit war mit beneidenswerter Leichtfüßigkeit gesegnet.

„Wenn du länger hier verweilst, solltest du dir wirklich ein Paar Stiefel anpassen lassen.“

Bilbo sah kurz an sich herunter, als er Fíli nach einer kleinen Wanderung erreicht hatte, und schüttelte belustigt den Kopf. „Ich weiß deine Fürsorge zu schätzen. Aber ich spreche die Wahrheit: ich bin es gewohnt barfuß zu gehen. Wenn ich nicht tagelang durch Schnee wandern muss, tut es meiner Gesundheit keinen Abbruch.“

Fíli schmunzelte. Auch wenn Bilbo es in letzter Zeit immer wieder beteuert hatte, konnte sich der Zwerg beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Halbling nicht mit nackten Füßen im Schnee fror. Dennoch war der Freund aus dem Auenland alt genug, um auf sich Acht zu geben.

„Es tut mir nach wie vor leid, dich hier hineingezogen zu haben“, begann Fíli und suchte den Blick des kleineren Mannes. Bilbo hatte den Kopf leicht schief gelegt. Bald so, als ob er nicht genau verstand, wovon der andere sprach.
„Es hätte vieles schiefgehen können. Du hast mehrmals dein Leben riskiert. Ich weiß gar nicht, wie ich dir jemals genug dafür danken soll. Als ob das nicht genug wäre, bist du nun gezwungen, den Winter unter Zwergen zu verbringen. Wären wir nur etwas schneller gewesen, dann hättest du noch vor dem ersten Schnee in deine Heimat zurückkehren können. Dann...“

„Es ist schon gut, Fíli.“ Der Hobbit hatte ihm beschwichtigend eine Hand auf den Unterarm gelegt. „Es ist wirklich alles gut. Wir sind Freunde, Fíli. Freunde helfen einander. Auch wenn ich gern bei meinen Büchern und meinen Spitzendeckchen bin, so kann nichts auf dieser Welt Freundschaft aufwiegen. Und im Ernst, wir haben schon andere Dinge durchgestanden. Zumal ich immer einmal einen Winter im tiefsten Schnee verbringen wollte. Bei uns im Auenland gibt es solche Mengen eher selten.“

Bilbos Lächeln wirkte entwaffnend. Auch Fílis Mundwinkel zuckten. Wie hatte ein solch kleiner Kerl, wie Bilbo einer war, nur ein derart großes Herz und Tapferkeit besitzen können? Gemeinsam sahen die Freunde hinab ins schneebedeckte Land. Die Wachen, die Fíli zum Schutz hinausbegleitet hatten, wurden von anderen Männern abgelöst. Es schien wirklich bereits nach Mittag zu sein.

„Hast du dich jemals gefragt, wo dein Platz im Leben ist?“, brach es plötzlich aus Fíli heraus.

Bilbo stutzte, überlegte kurz und sah den Mann von der Seite her an.
„Mehrmals, denke ich. Das letzte Mal deutlicher, als ich nach der Reise zum Erebor in meine Hobbithöhle zurückgekehrt bin. Und auch in den letzten Tagen, konnte ich diese Frage nicht abschütteln.“

Neugierig sah der Zwerg ihn an.

„Ich denke, mein Platz ist derzeit hier. Nicht, weil es Winter ist und ich nicht eilig zurückkehren kann. Nein, ich denke, es war mir vorbestimmt einst mit euch gegangen zu sein. Es war mir genauso vorbestimmt, Visnas Bitte zu entsprechen. Es klingt verrückt und doch haben all unsere Entscheidungen – ob für oder gegen eine Sache – am Ende einen Einfluss auf ein anderes Geschehen. Es ist gut, bei Freunden zu sein. Es ist gut, über die Zukunft nachdenken zu können. Wer weiß, womöglich bin ich der erste Hobbit aus Hobbingen, der lieber unter Zwergen lebt als unter Seinesgleichen.“

Bilbos Lachen steckte förmlich an. Zuversicht und Frohsinn waren Dinge, die nicht nur ein Zwerg von einem Hobbit lernen konnte.


**


Trüb waren die letzten Tage. Der erste Schnee war auf dem Erebor niedergegangen, wurde dann jedoch wieder von Regenwolken abgelöst. Hin und wieder hatte sich nicht nur vor den Toren des Einsamen Berges etwas Sonnenschein finden lassen. Ihr Kind brachte immerfort Licht in ihr Leben.
Tjaldur entdeckte mit seinen zwei Jahren immer vernehmlicher die Welt um sich herum. Er lernte rasant, schnappte neue Worte auf und zeigte bald täglich, wie gern er unter Mahals Sonne wandelte. Er verstand sich prächtig mit anderen Kindern. Spielte mit seiner Base Mæva, knüpfte zarte Bande zu Dwalins Zwillingen – ihr Sohn lebte ein unbeschwertes Leben. Lenja war sich sicher, dass Tjaldur ein wunderbarer Bruder werden würde. Er wusste noch nichts von dieser Neuigkeit. Die Schwangerschaft war noch zu früh. Erst, wenn ihr Bauch deutlich zu wachsen begann, wollte sie ihn spielerisch einweihen. Dann wollte sie ihm vom Baby erzählen. Überhaupt war die erneute Schwangerschaft ein Geheimnis, welches sie lediglich mit Thorin, Rimma und Tauriel teilte. Letztere hatte gespürt, dass etwas anders war. Wie auch immer ihr dies gelungen ist, war der Zwergin ein Rätsel. Jedoch gab es Dinge im Hier und Jetzt, die anscheinend für Elben anders waren, als für Zwerge. Ein besonderer Sinn womöglich? Auf alle Fälle freute sich Tauriel mit ihr. Für ihre Freundin waren diese schönen Neuigkeiten eine willkommene Ablenkung. Sie boten Tauriel die Möglichkeit, sich aus den Vorbereitungen der eigenen Feierlichkeiten zurückzuziehen. In rund zwei Wochen sollte es endlich soweit sein.

Doch nicht alle Zwerge des Erebors waren glücklich. Lenja hatte es nicht mehr aushalten können und war in Begleitung ihres Sohnes und ihres Onkel Balin immer häufiger nach Thal gereist. Sie alle litten. Sie litt ebenfalls, versuchte sich mit Besuchen bei Tauriel jedoch von ihren Sorgen abzulenken. Thorin hatte ihr dazu geraten. Sie hatte alles denkbare versucht, um Dís eine Stütze zu sein und brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben. Zwei Tage lang hatte sie sich, zusammen mit Thorin und Kíli, um ihre Schwägerin gekümmert. Dass dies nicht so einfach war, hatte sie zu spüren bekommen. Thorin machte sich nicht nur Gedanken um seine trauernde Schwester, sondern auch um sein schwangeres Weib. Lenja sollte sich nicht mit dieser Bürde plagen, sie sollte zuversichtlich sein. Er würde zusammen mit Kíli auf Dís Acht geben. Lenja brauchte all ihre Kraft und Stärke, damit es Tjaldur und dem Ungeborenen an nichts mangelte. Sie sollte sich lieber mit schönen Dingen umgeben. Ganz mochte es der Zwergin nicht gelingen, nicht ständig an ihre Schwägerin zu denken. Es mochte wohl noch einige Zeit vergehen, bis in Dís‘ traurigen Blick der Schalk zurückgekehrt sein würde. Sofern ihr dies überhaupt gelingen sollte. Es waren wohl zu viele Informationen auf einmal gewesen. Der Sohn einem Komplott nur haarscharf entkommen. Der verstorbene Gatte – die Liebe ihres Lebens – einst ermordet. Fíli wollte dennoch in den Ered Luin bleiben. Ein baldiges Wiedersehen, ein gemeinsames Trauern – all dies war ausgeschlossen. Nein, Lenja wollte nicht mit Dís tauschen. Gern hätte sie die frohe Botschaft mit ihrer Schwägerin geteilt und ihr von der Schwangerschaft berichtet. Jedoch meinte Lenja, dass die Zeit dazu noch nicht reif war.
Wie es Kíli erging, vermochte niemand genau zu sagen. Auch er wirkte unglücklich. Die Mutter leiden zu sehen, ihr nicht helfen zu können, als die alten Wunden abermals unvorhergesehen aufbrachen und dabei nur wenig zu empfinden. Ungewollt hatte Lenja Gesprächsfetzen zwischen ihrem Neffen und ihrem Mann angehört. Kíli litt, weil seine Mutter litt. Die Nachricht, dass der verstorbene Vater einst ermordet worden war, hatte den jungen Mann schockiert. Jedoch kannte er den Zwerg nur von Bildern. Das langsam verblassende kleine Porträt, welches auf dem Nachttisch seiner Mutter stand, erinnerte an einen Mann, den Kíli lediglich aus Erzählungen kannte. Er war sein Vater und dennoch ein Unbekannter.

„Ich fühle mich schlecht, Onkel“, hatte Lenja ihren Neffen sagen hören, als sie unbemerkt in der Nähe der geöffneten Stubentür stand, „Ich empfinde weder Trauer, noch Wut. Was stimmt mit mir nicht?“

Kíli hatte so verzweifelt geklungen. Was genau Thorin ihm antwortete, hatte sie nicht mehr vernommen. Lediglich Bruchstücke, dass er sich nicht schämen brauchte, hatte ihr Mann dem Neffen zugeraunt, während er ihn in eine feste Umarmung schloss.

Mehrere Wochen waren seit jener Begegnung vergangen. Thorin und Kíli sprachen nicht viel über Dís, wenn Lenja in der Nähe war. Sie versuchten stark zu sein. Dís selbst zeigte sich mittlerweile hin und wieder in der königlichen Stube. Dies war ein gutes Zeichen, auch wenn sich die Zwergin meist recht schnell wieder zurückzog. Niemand wollte ihr deswegen Vorhaltungen machen. Dass sie selbst ein wenig Ablenkung suchte und im Kleinen am Alltag der anderen Familienmitglieder teilnahm, deutete Lenja positiv. Zeit heilte irgendwann einen Teil der Wunden. Vielleicht mochte auch Dís nach und nach wieder zur Ruhe finden.

Balin war überrascht, dass Thorin und seine Schwester über weitere Details aus Fílis Brief beharrlich schwiegen. Denn neben dem Mord an Thorins Schwager, waren weitere Dinge ans Tageslicht gekommen. Thráin war einst durch Bjørns Hand getötet worden. Thorin und Dís hatten einen Halbbruder besessen. Darüber wurde nicht geredet. Balin hatte Lenja angesprochen. Sie konnte ihrem Onkel gegenüber nur mutmaßen. Was Thorin betraf, so hatte dieser lange unter seinem Vater gelitten. Für ihn war Thráin niemals der Vater gewesen, den er gebraucht hätte. Ein väterliches Vorbild, hatte der König unter dem Berge vielmehr in seinem Großvater gefunden. Zugleich fühlte sich der einstige Thronfolger immer wieder an Balins und Dwalins Vater Fundin erinnert. Er hatte als Junge viel Zeit mit Dwalin verbracht. Dass Fundin den beiden Jungzwergen dann und wann nicht nur Einhalt gebot, sondern auch ein offenes Ohr für ihre kleinen und großen Nöte besaß, hatte Thorins Erinnerung stark geprägt. Er sprach zuweilen in den höchsten Tönen über Lenjas Großvater. Wie Dís zu Thráin stand, vermochte Lenja nicht genau zu sagen. Jedoch meinte sie, dass auch die Zwergin keinen Grund benötigte, länger als nötig über den Mann nachzudenken, der ihr die Liebe zum späteren Gatten untersagen wollte. Dís hatte eine Empfängnis vorm Bundschluss riskiert, um das Einverständnis ihres Vaters zu erhalten. Dass dieser Alùn Hoffnungen gemacht hatte, schien Dís‘ negative Haltung wohl nur noch zu untermauern.
Gárin hatte sich seinen Erzeuger genauso wenig ausgesucht. Dennoch wollte er Fílis Untergang herbeiführen, sodass seine Halbgeschwister kein Mitleid oder gar Sympathien für ihn übrighatten.

Freud und Leid lagen häufig im Leben sehr eng beieinander. Es war nicht einfach, im Hier und Jetzt zu leben, wenn doch alles, bis zu einem gewissen Grad, auch immer ein Produkt ihrer Vergangenheit war. Nur weil man bestimmte Dinge bereits in ähnlicher Form durchgemacht hatte, hieß es nicht, dass man nicht anders oder sogar heftiger auf eine Veränderung oder Information reagieren konnte.
Auch auf Schwangerschaften schien dies zuzutreffen. Rimma sollte wahrlich Recht behalten. Wenn neues Leben entstand, wurde ein Abenteuer in Gang gesetzt. Lenjas Abenteuer bedeutete an diesem Vormittag eine heftige Übelkeit. Es war nicht das erste Mal, dass sie eiligen Schrittes den Baderaum aufsuchen musste. Hin und wieder hatte sie sich direkt nach dem Aufstehen übergeben müssen. Die Übelkeit war, Mahal sei Dank, nicht durchgängig geblieben. Doch das soeben noch eingenommene Frühstück, hatte dem Zwergling in ihrem Bauch anscheinend nicht gemundet.

Eilig lief die Frau aus der königlichen Stube. Die rechte Hand hatte sie sich vor den Mund gepresst, um schlimmeres zu verhindern. Tjaldur schaute seiner Mutter verdutzt hinterher, während diese das Ziel endlich erreichte. Was genau seine Mutter dort tat, wusste das Kind nicht. Auch wenn sie für einige Zeit wegblieb, so sollte sie schon bald wiederkommen. Mehrmaliges Würgen wurde alsbald von Wasserrauschen abgelöst. Der Wasserhahn wurde betätigt. Dann war es wieder leise. Etwas geschafft tauchte die rothaarige Zwergin in der Tür zur Stube wieder auf. Wie wundervoll war doch die Schwangerschaft mit Tjaldur gewesen. Kaum Übelkeit, nur leichte Stimmungsschwankungen und ein ordentlicher Appetit. Letzterer mochte wiederkommen, das wusste die Frau. Aber Morgenübelkeit… Obwohl, es war schon einmal so gewesen. Damals, bei ihrer ersten Schwangerschaft. Als sich Ári Gedanken machte, warum die Schwester kein Frühstück bei sich behalten konnte und Dwalin ihr die Leviten gelesen hatte. Ein müdes Lächeln schlich sich auf Lenjas Lippen, während sie kurz über ihren noch flachen Bauch strich. Dieses Mal würde es gut werden. Nachdem Tjaldur ohne Komplikationen zur Welt gekommen war, musste sie zuversichtlich sein. Sie wusste, dass sich bei den meisten Schwangeren die Übelkeit nur zu Beginn hielt. Das machte ihr Hoffnung.
Überrascht blieb die Zwergin stehen. Tjaldur hatte Besuch. Lenja hatte gar nicht vernommen, dass ihre Schwägerin in die Stube eingetreten war. Vermutlich war sie zu abgelenkt gewesen, um Dís‘ Erscheinen mitzubekommen. Diese lächelte seit Wochen das erste Mal. Nein, sie strahlte sie bald förmlich an.

„Wann wolltet ihr mich eigentlich einweihen, dass ich erneut Tante werde, hm? Morgenübelkeit lässt sich nicht so gut verstecken“, wollte Dís wissen und drückte die Frau an sich.
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