Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

"Die Zukunft gestalten wir zusammen"

von LenjaKa
GeschichteAbenteuer, Familie / P18 / Het
Balin Dwalin Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
06.09.2013
07.06.2020
137
506.376
35
Alle Kapitel
445 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
26.04.2020 3.067
 
Hallo ihr Lieben,
nach fast einem Jahr Stille melde ich mich nun endlich wieder zurück. Es tut mir leid, dass ihr so lange auf eine Fortsetzung der Geschichte warten musstet. Das vergangene Jahr hat sehr viele Veränderungen gebracht - neuer Job, Umzug, Familienkostellation; einfach alles wurde komplett durcheinander gewirbelt.
Euch und meine Geschichte habe ich jedoch nicht vergessen. Es war längst überfällig, dass sie fortgesetzt wird. Geplant ist, dass zumindest wieder einmal zum Monatsende ein neues Kapitel folgt. Denn genauso wie der Titel des Kapitels, verbinde ich eine viel zu große Liebe mit dieser Geschichte, um sie weiterhin ruhen zu lassen.
Sicherlich wird es ein wenig brauchen, um wieder in die Handlung einsteigen zu können. Dennoch hoffe ich, dass viele von euch noch dabei sind oder auch neue Leser hinzukommen.
Habt noch einen schönen Abend und bleibt gesund!
Eure Len
_______________________________________________________________________

136 – Unerschütterliche Liebe

Unterschiede zwischen den Völkern Mittelerdes wurden oftmals ins Lächerliche gezogen. Über vieles ließ sich schmunzeln, anderes überschritt ab und an die Grenzen des guten Geschmacks. Doch gab es immer wieder Situationen, in denen einem umso deutlicher wurde, dass die eigenen Maßstäbe einen irritierenden Moment für seinen unwissenden Gegenüber beinhalten konnten. Immerhin erging es Lenja nicht allein so. Nach eigenen Angaben hatte ihre Freundin Tauriel wohl auch dazulernen müssen, was es bedeutete, die Gemahlin von Girions Erben zu werden.
Das höfische Prozedere, die Gästeliste, die Vorbereitungen – hier taten sich für die Elbenfrau unbekannte Gefilde auf. Obwohl Lenja sich redlich Mühe gab, ihrer Freundin bei diesem Lebensabschnitt zu unterstützen, ließen sich leises Prusten oder eine gen Haaransatz gezogene Augenbraue selbst nach mehrwöchiger Vorbereitung nicht immer verhindern. Kíli, der seit dem Vorfall in Esgaroth oftmals als Begleiter seiner Tante fungierte, war in der Hinsicht ebenfalls ein Garant für verwirrte Blicke. Frauen aller Rassen Mittelerdes entpuppten sich beim Näherrücken ihres Bundschlusses oftmals als kleine Drachen, doch warum sich Menschenfrauen Gardinen an ihre üppig geformte Frisur hängen ließen, überforderte die Vorstellungskraft des Prinzen. Wenn Lenja ehrlich war, verstand sie diesen Brauch genauso wenig. Aber sie war nicht hier, um Vorbehalte anzubringen. Sie wollte ihre Freundin unterstützen. Zumal Tauriel ihr das größte Geschenk gemacht hatte, was überhaupt möglich war.

Kaum, nachdem die Zwerge aus Esgaroth zurückgekehrt waren, hatte die Elbin bei ihrer Freundin vorgesprochen. Sie wollte sie bei ihrem besonderen Tag um sich haben. Erst hatte die Zwergin nicht verstanden, was Tauriel genau damit meinte, denn eine Einladung zu den Festlichkeiten war dem Königspaar bereits vor geraumer Zeit zugegangen. Es steckte deutlich mehr hinter dem neuerlichen Ersuchen: Lenja sollte Tauriels Bund bezeugen. Die Freude über diesen Vertrauensbeweis war groß, auch wenn sich die Königin unter dem Berge im Nachhinein eigestehen musste, dass sie nicht ahnte, worauf sie sich damit eigentlich einließ. Selbst die Braut wirkte zuweilen immer noch erstaunt, was sich Menschen für Bräuche einfallen ließen, wenn ein Paar den gemeinsamen Bund einging. Aller Verwirrung zum Trotze wollte Lenja ihrer übertragenden Aufgabe bestmöglich gerecht werden. Eine helfende Hand und eine Schulter zum Anlehnen, wenn die eigenen Gefühle überschäumten, wollte sie Tauriel sein.

Es blieb nicht mehr viel Zeit. Müde rieb sich Lenja die Augen, während sie zusammen mit Tjaldur und Kíli den Rückweg in den Einsamen Berg bestritt. Immerhin hatte Thorin das Bundgeschenk bereits fertig gestellt. Ein leichtes Lächeln huschte der Zwergin über das Gesicht als sie unwillkürlich an ihren Mann und die besonderen Stunden in der Schmiede zurückdachte. Vielleicht war es doch ein wenig zu offensichtlich gewesen, mit welchem Elan sie ihren Gatten bei seiner Arbeit besuchte. Tjaldurs Kinderfrau Blånda hatte ihre Herrin nicht nur einmal mit einem verschmitzten Grinsen bedacht. Nun wurde Lenjas Lächeln breiter. Ob es die Schmiede allein war, die eine solche Wirkung auf sie besaß, konnte die Frau nicht sagen. Auf alle Fälle hatten die Treffen mit ihrem Mann aber etwas aufregendes besessen. Sie hatten beide im wahrsten Sinne Feuer gefangen. Oh, bei Mahal! Das Knistern zwischen ihr und Thorin hatte gar nicht mehr aufhören wollen. Selbst dann nicht, wenn das Paar sich in der heimischen Stube zusammenfand oder Lenja mit den Feinarbeiten am Schwertheft beschäftigt war, hatte sie bald kaum noch einen klaren Gedanken fassen können. Immer wieder war die Glut auf ein Neues entfacht. Auch jetzt klopfte ihr Herz in einem ganz wunderbaren Takt, wenn sie an Thorin dachte. Obwohl es um ihre Kräfte nicht bestens bestellt war, konnte sie sich diese kleine Träumerei nicht verkneifen. Selbst Tjaldurs Gequengel mochte Lenja nicht aus dem Takt bringen. In der Hinsicht war ihr Sohn genauso wie sein Vater: Hatten die zwei nicht ausgiebig geruht, wurden sie übellaunig. Vielleicht war dies nicht die beste Voraussetzung für das, was ihnen allen bald bevorstand.


**


„In Mahals Namen, Thorin!“
Eben hatte sie ihren Mann von ihrer Rückkehr in den Einsamen Berg in Kenntnis setzen wollen, war dabei jedoch vor Schreck zusammengefahren.

Das Bild, welches sich ihr bot, war furchtbar. Was auch immer geschehen war, konnte Lenja nur erahnen. Thorin rang förmlich nach Luft. Sein Gesicht war von Schmerzen verzehrt. Tränen rannen seine Wangen hinab und tropften auf ein bereits durchnässtes Pergament auf seinem Schreibtisch. Das Blatt wellte sich unschön in alle Himmelsrichtungen. Ob die Botschaft jetzt noch zu lesen war, bezweifelte Lenja. Was auch immer dort gestanden haben mochte, hatte ihren Mann vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht. Thorin, der König unter dem Berge, war mit seinen Kräften am Ende. Er war am Boden zerstört. Lange, sehr lange war es her, dass sie ihn derart die Kontrolle verlieren sehen hatte. Schmerzhaft zog sich ihr Herz zusammen. Es waren unzählige Jahre vergangen und dennoch fühlte sie sich an damals erinnert. An jenen vermaledeiten Tag als Smaug seine Schreckensherrschaft im Einsamen Berg begann und Lenja und Thorin ihr erstes Kind verloren hatten.

Lenja musste etwas tun. Sie konnte ihren Mann nicht mehr leiden sehen. Sie war einfach für ihn da. Sie hielt ihn fest in den Armen, während er abermals bitterlich zu weinen begann. Langsam verließen ihn die Kräfte. Ihn, der doch stets alles erduldete und niemals in die Knie gezwungen werden konnte, genau diesen, verließen in jenem Moment die Götter. Halt suchend klammerte er sich an seine Frau. Wie ein Ertrinkender griff er nach ihr. Lenja hielt ihn so gut sie konnte. Letztlich ließ sie sich mit Thorin, der das Gesicht an ihrer Brust vergraben hatte, am Boden nieder. Das Gewicht des Mannes war auf Dauer zu viel für sie. Sein Weinen, sein fester Griff an ihrem Rücken – in jenem Moment war sie seine Stütze. Sie ließ ihn gewähren, hielt ihn so fest wie möglich an sich gedrückt. Sie strich ihm durch sein dunkles Haar, sprach ruhig auf ihn ein, während seine Tränen den Stoff an ihrer Brust durchtränkten und seine Atmung schnell und heftig ging. Thorin zitterte am ganzen Körper. Sein Weinen wurde von Schluchzen begleitet. Alles brach aus ihm heraus – Anspannung, Trauer, Wut, Verzweiflung, Ohnmacht. Vom sonst so starken König war nun nichts mehr zu erkennen. Schwach, verzweifelt und komplett hilflos war der Zwerg zu Boden gegangen. Doch er war nicht allein. Weder in jenem Augenblick, noch in ferner Zukunft würde sie ihn seinem Schicksal überlassen.

„Lass es nur raus“, flüsterte Lenja, während sie ihrem Mann behutsam über den Rücken strich, „Lass es zu. Es wird dir danach besser gehen, vertrau mir.“

Wie lange sie Thorin in Armen hielt, ihm dann und wann gut zusprach oder ihm liebevoll durch das rabenschwarze Haar strich, wusste sie nicht. Langsam, sehr langsam ebbte das Schluchzen ab. Die Atmung wurde tiefer und ging regelmäßiger. Der Griff und das Gewicht auf ihrem Körper wurden stetig weniger. Letztlich blickten ihr zwei rot umrandete blaue Augen entgegen. Der Blick war zögerlich und alles andere als klar. Ein zartes Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie ihren Mann betrachtete. Tjaldur war wahrlich der Sohn seines Vaters. Blick und Mimik der beiden Zwerge ähnelten sich in jenem Moment auf wundersame Weise. Aber es bestand keinerlei Zweifel darin, dass sie Thorin liebte. Er war ihr Mann, ihr Gefährte und auch ihr Freund. Bei ihr brauchte er sich niemals schämen oder mit etwas zurückhalten. Sie liebte ihn, so wie er war. Mit all seinen Stärken, aber auch mit all seinen Schwächen, war er neben ihrem gemeinsamen Kind der wichtigste Zwerg in ihrem Leben. Lenja war sich sicher, dass er dies wusste, ohne, dass sie es hätte aussprechen müssen. Auch wenn sie noch nicht wusste, was ihn derart verletzt haben könnte, meinte sie, neben all dem Schmerz und der Verzweiflung, vor allem Vertrauen und Zuneigung aus seinem Blick ablesen zu können.

„Danke.“ Die Stimme des Mannes glich eher einem Flüstern.

Behutsam strich sie ihm über die nassen Wangen. Unzählige Tränen hatten sich auf ihrem Weg hinab in seinem Bart verfangen und wollten nicht so, wie Lenja es sich gewünscht hätte. Nun huschte auch ein Lächeln über Thorins Züge.

„Da nicht für“, entgegnete die Zwergin bevor sie sein Kinn in beide Hände nahm, sich etwas hinab beugte, um ihre Stirn an die ihres Mannes zu pressen.
Dass bei dieser Zärtlichkeit ihre Nasen aneinander rieben, ließ das Paar schmunzeln.
„Ich liebe dich, Thorin. Niemals mehr werde ich dich alleinlassen, wenn du mich am meisten brauchst. Nur sag, was bereitet dir so viel Kummer?“


**


Nach all den Jahren verstanden sie sich selbst ohne Worte. Reden musste man erlernen, doch Schweigen zählte oftmals noch zu einer höheren Kunst. Einander zuhören und miteinander Sorgen teilen hingegen, war die Kür. Auch wenn es nicht immer einfach war, sich seinen Ängsten zu stellen, so hatten Lenja und Thorin doch den rechten Pfad eingeschlagen.
Wie zwei Freunde lehnte das Königspaar nebeneinander am massiven Schreibtisch des Königs. Sie saßen auf weichen Fellen am Boden. Das Feuer im Kamin prasselte vor sich hin und tauchte den Raum in wohlige Wärme. Die Stunden waren vorangeschritten, doch hatten beide das Gefühl als stünde die Zeit still. Nichts hetzte sie. Tjaldur war weiterhin von Blånda versorgt. Das Abendessen hatte Lenja hierher geordert. Obwohl Thorin erst nicht nach Essen zumute war, hatte sie ihn schließlich doch ein wenig ermuntern können. Sie hatte gescherzt, dass sie ihm sonst alles stibitzen würde und er am Ende das Nachsehen hatte. So ließ sich der König unter dem Berge letztlich zu einer dick mit deftiger Streichwurst bestrichenen Stulle verführen. Bekanntlich schmeckten die liebevoll geschmierten Brote von Zwerginnen meist besser, als wenn man selbst Hand angelegt hätte.

Müde und abgekämpft ließ der Mann seinen Kopf an ihre Schulter sinken, während sein Weib ihm zärtlich den Bart kraulte.
„Du musst es ihr sagen, Thorin. Auch wenn es eine furchtbare Neuigkeit ist, so hat Dís ein Recht darauf zu erfahren, was einst wirklich geschehen ist. Es wird ihr abermals den Boden unter den Füßen wegreißen, da wirst du wohl leider Recht behalten, und doch kannst du es ihr nicht verheimlichen.“

„Ich will ihr nicht wehtun“, seufzte der König und schmiegte seine Wange noch näher an Lenjas Schulter.

„Ich weiß. Aber meinst du nicht, dass es sie noch mehr schmerzen wird, wenn du ihr Dinge vorenthältst? Sie ist deine Schwester, ich weiß. Geschwister bleiben immer Geschwister, egal, wie alt wir alle am Ende sind.“

„Sie wird zusammenbrechen… Nicht nur, die Art und Weise, wie Fíli es herausgefunden hat, wird sie in die Knie treiben… Die Ängste, dass auch ihm etwas hätte geschehen können… Sie wird es nicht aushalten können…“

„Und wir werden da sein, um sie aufzufangen, Thorin. Dís ist nicht allein. Sie hat dich und Kíli. Aber auch ihr seid nicht allein. Ihr habt nicht nur Tjaldur und mich, sondern auch den Rückhalt und die Unterstützung von unseren Gefährten, ihren Familien, von Ári und Mjöll – von uns allen, Thorin. Sie muss es erfahren. Sie muss wissen, was mit ihrem Gemahl geschah. Auch wenn es alte Wunden wieder aufreißt, so musst du mit offenen Karten spielen, Thorin.“

„Ich habe einst geschworen, jegliches Unheil von Dís und Frerin abzuwenden. Ich habe kläglich versagt, bei beiden“, murmelte ihr Mann und vergrub sich abermals an ihrer Brust.

„Wem hast du das geschworen, hm?“, wollte Lenja wissen, ließ ihren Mann jedoch gewähren, als er sich an sie schmiegte.

„Mutter. Ich sollte stets über beide Geschwister wachen.“ Nun suchte Thorin wieder Lenjas Blick. „Als ich meine Geschwister das erste Mal sah, kaum, dass jene geboren waren, hat sie mir dieses Versprechen abgenommen. Auch Frerin hat als kleiner Hosenmatz feierlich geschworen, Dís zu beschützen, als diese kaum geboren war.“

„Erzähl mir davon“, bat Lenja ihren Mann, „Erzähl mir von damals. Erzähl mir von eurer Mutter.“

„Sie war so wunderschön“, begann Thorin und nicht nur seine erhellten Züge, sondern auch seine Stimmfarbe sprachen nun von bedingungsloser Liebe, „Sie war eine der schönsten Zwerginnen, die ich je zu Gesicht bekommen habe. Stets hatte sie ein Lächeln auf den Lippen, wenn wir drei bei ihr waren…“

Viel zu wenig wusste die Zwergin über die Mutter ihres Mannes. Thorin sprach nicht viel über jene Frau, die ihm einst das Leben geschenkt hatte. Hin und wieder meinte Lenja, dass ihr Mann in Tjaldurs Gegenwart über die verstorbene Großmutter erzählte. Immer dann, wenn ihre beiden Liebsten allein waren und der Vater seinem Sohn die eine oder andere kleine Anekdote zum besten gab. Dann meinte er, dass seine Mutter sich über ihren aufgeweckten Enkel bestimmt gefreut, ihn gar vergöttert hätte. Tjaldur war das Zeichen, dass es die wahre Liebe wirklich gab. Ganz anders als es der Großmutter einst vergönnt gewesen war.
Man hatte sie nicht danach gefragt, ob sie mit Thráin den Bund eingehen wollte. Sie war eine junge Zwergin, der Gatte in spe um einiges älter. Thráin war zwar ansehnlich, konnte galant sein und sparte dann nicht mit Aufmerksamkeiten und Zärtlichkeiten, doch war er nicht der Mann, den sie liebte. Sie hatte es gehofft, ihn eines Tages lieben zu können. Sie hatte es versucht. Doch letztlich war sie gescheitert. Denn sie hätte alles versuchen können, wenn ihr Gemahl sie doch nicht ließe. Auch er war in diesen Bund gezwungen worden. Sein Vater, König Thrór, hatte ihm so die Flausen austreiben wollen. Thráin war Thronfolger, er hatte die Linie zu sichern und sollte endlich Verantwortung übernehmen. Wie einst Thrór, so hatte nun auch sein Sohn eine Bindung zu einer Zwergin aus gutem Haus eingehen müssen. Thorins Großeltern hatten einander leider auch erst im Laufe des geschlossenen Bundes kennenlernen können, doch war dieser schon bald von Zuneigung, Respekt und letztlich gar Liebe geprägt gewesen. So waren die Zeiten einst. Vor allem Könige und Fürsten kannten die Liebe wohl nur aus Erzählungen der Wandersleute. Thorins Mutter indes versuchte ihr Möglichstes, um fern der Heimat ihrer neuen Rolle gerecht zu werden. Schon ein Jahr nach Bundschluss brachte sie Thorin zur Welt. Einen wahren Wonneproppen mit pechschwarzem Haar, so erzählten die Greisinnen heute noch im Berg. Mit der Geburt ihres Sohnes kam auch die Liebe, doch letztlich jene in Gestalt von einer Mutter zu ihrem Kind. Thráin sah seine Aufgabe als erfüllt an. Er machte schon bald keinen Hehl mehr daraus, dass es andere Frauen neben ihr gab. König Thrór blieben diese Eskapaden seines Sohnes nicht unbekannt, doch hatten seine Einschüchterungen seinem Sohn gegenüber meist nur kurzen Erfolg. Er wusste, dass er Thráin brauchte. Thorin würde noch zu jung sein, um ihm als König zu folgen, wenn er denn überhaupt ins Mannesalter kam. Kindersterblichkeit war zu jener Zeit noch deutlich verbreiteter.
Auf Thorin folgte fünf Jahre Frerin und weitere fünf Jahre darauf erblickte Dís die Welt. Wie er selbst und seine Geschwister, unter welchen Umständen, sie alle drei entstanden waren, wollte der Zwerg sich nicht ausmalen. Von Begehren, Liebe und Vertrauen war das Eheleben seiner Eltern leider weit entfernt geblieben. Und doch liebte die Mutter ihre Kinder, wie es nur Mütter konnten. Sie waren ein Teil von ihr. Sie waren ihre Kinder.

„… ich wollte ihr diesen Wunsch erfüllen. Frerin und Dís… sie waren beide so winzig als ich sie das erste Mal erblickt habe. Derart schützenswert und allen Gefahren dieser Welt hilflos ausgeliefert. Ich wollte Mutter glücklich sehen. Sie war doch alles, was wir hatten. Neben unserer Großmutter und unserem Großvater war sie die einzige Person, die immer bei uns war. Ich wollte Mutter glücklich sehen, selbst wenn ich nicht nur einmal auf die Kleinen eifersüchtig war...“

„Das ist normal“, meinte Lenja und stupste ihren Mann rechts neben sich verschwörerisch von der Seite her an, „Ich war einst furchtbar eifersüchtig auf Ári. Ich wollte ihn gar nicht haben. Ich wusste nicht, was ich mit einem Brüderchen anfangen sollte. Er machte in die Windeln, mit ihm spielen konnte ich nicht und eine Rückgabe war leider auch ausgeschlossen.“

Nun lachten die beiden Zwerge. Sie kannten zu gut das Leid und Glück als ältere Geschwister. Aber auch sie waren eins nur Kinder gewesen. Neid und Missgunst gehörte genauso in ihre Welt wie Freude und Glückseligkeit. Lenja und Thorin hatten dereinst viel zu schnell erwachsen werden müssen. Beide kannten den Verlust der Mutter.

„Meinst du, Tjaldur wäre auch so entsetzlich eifersüchtig auf ein Geschwisterchen?“
Lenjas Frage überraschte ihren Mann, doch schüttelte dieser sogleich den Kopf.

„Ganz ausgeschlossen wäre es nicht, jedoch scheint er mir mit anderen Kindern bisher sehr umgänglich. Mæva darf sich mit ihm bald alles erlauben, von Jóna und ihren Freundinnen ist er meist angetan und selbst an Dwalins Jungs hat er Interesse. Wie sie ihm neulich im Gänsemarsch hinter krabbelten, fand er auf alle Fälle höchst amüsant.“

Lenja lachte bei diesen Worten auf. Ja, Tjaldur hatte einen Narren an Djórin und Dárin gefressen. Auch wenn die Zwillinge bereits zaghafte Schritte an den Händen ihrer Eltern wagten, so waren sie krabbelnd meist schneller unterwegs. Ihr großer Held war anscheinend Tjaldur. Dieser wartete in aller Regel mit einer Engelsgeduld auf die Jungs, wenn sie ihm auf den Fersen waren. Gemeinsam spielten sie bereits ein wenig mit den weichen Bällen. Wenn sich da nicht eine zaghafte Männerfreundschaft entwickelte.

„Wir werden es wohl bald herausfinden können.“

Nun setzte sich Thorin mit einem Schlag kerzengerade auf. Hatte er recht verstanden?

„Meine Vorwarnung, dir das Essen abspenstig zu machen, war vorhin ernst gemeint“, schmunzelte Lenja und nahm die linke Hand ihres Mannes in ihre eigenen, während sie ihm fest in die Augen sah, „Rimma hat mir meinen Verdacht heute Vormittag bestätigt, dass Zwerge mit erhöhtem Appetit und leichter Müdigkeit keinen Winterschlaf halten, sondern ein kleiner Zwergling mit ordentlich Hunger im Anmarsch ist.“

Sie hätte gar nicht mehr weitersprechen brauchen, denn Thorin hatte bereits verstanden. Abermals an diesem Abend standen ihm Tränen in den Augen. Doch dieses Mal waren es Tränen der Freude.

„Eigentlich habe ich es dir in Ruhe sagen wollen, und doch spielt das Leben meist anders als gedacht...“ Lenja fuhr ihrem Mann liebevoll durch das lange Haar. „Du wirst abermals Vater, Thorin. Ich erwarte unser Kind.“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast