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"Die Zukunft gestalten wir zusammen"

von LenjaKa
GeschichteAbenteuer, Familie / P18 / Het
Balin Dwalin Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
06.09.2013
07.06.2020
137
506.376
35
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445 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
03.03.2019 4.664
 
Hallo ihr Lieben!
Es folgt das neueste Kapitel. Habt vielen Dank für die vielen Klicks, die neuen Favos und natürlich auch Kommentare. :)
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen, hoffentlich auf bald!
Liebe Grüße,
Eure Len
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131 – Ohne doppelten Boden

Blut rauschte in seinen Ohren und die Welt um ihn herum, wirkte weit entfernt. Wie durch Watte nahm er das Treiben um sich herum wahr. Geschrei erscholl. Die Menge war, nach Überwinden des erstem Schocks, in Panik ausgebrochen. Zwerge riefen durcheinander. Mütter griffen nach ihren Kindern. Väter eilten ihnen schnellstmöglich entgegen. Die Wachen hatten sich schützend um ihren Fürsten und dessen Gefolgschaft gescharrt. Einige Soldaten waren dazu übergegangen, die in Bewegung geratene Menge bestmöglich zu koordinieren, sodass nicht noch Zwerge im Gemenge verletzt oder gar totgetreten wurden. Fíli hörte, wie Visna und Hella hinter ihm zu Würgen begannen. Es machte schon einen gewaltigen Unterschied, von Toten zu hören oder nun zu sehen, wie ein Zwerg, vor den eigenen Augen, förmlich zerteilt wurde. Dass die Frauen diesen Reiz nicht mehr zurückhalten konnten und sich ihres Mageninhalts entledigten, war nachvollziehbar. Auch jungen Männern erging es in der Regel nicht anders. Fíli konnte sich daran erinnern, dass auch ihm einst speiübel gewesen war, als er das erste Mal einen Angreifer getötet hatte. Doch der hingerichtete Leib Alùns, löste in jenem Moment nur eine Gefühlsregung in ihm aus: Verzweiflung. Bjørn hatte jegliche Rache, für Fílis ermordeten Vater, mit gezielten Axthieben zunichte gemacht. Er hatte ihm die Möglichkeit genommen, diesem elendigen Verräter den Prozess zu machen.

Dass auch auf seinem Gesicht Alùns Blut klebte, hatte Fíli noch nicht bemerkt. Starr ruhte sein Blick auf Bjørn und Gárin und er verharrte regungslos an Ort und Stelle. Ein juwelenbesetzter Dolch steckte in Gárins Flanke. Alùn hatte ihn dem dunkelhaarigen Zwerg in die Seite gerammt, damit dieser nicht weitersprach, ihn womöglich weiter belastete. Er hatte ihn zum Schweigen bringen wollen, seinen Tod billigend in Kauf genommen. Oder hatte er gar auf Bjørns Reaktion gehofft? Wollte er so seiner Verurteilung entgehen?
Doch trotz aller Geschehnisse war es herzzerreißend, wie Gárin von seinem Onkel im Arm gehalten wurde. Auf ein Kopfschütteln Fílis hin, ließen die Soldaten die beiden Zwerge für den Moment gewähren. Gárin starb. Um diesem dabei den nötigen Respekt zu erweisen und um Bjørn nicht noch weiter zu provozieren, sollte der Onkel die Möglichkeit haben, den Neffen auf seiner letzten Reise zu begleiten. Es war so irreal, ja schon fast grotesk. Die Männer ähnelten in jenem Moment Vater und Sohn. Bjørn hielt seinen Neffen wie ein Kind im Arm, sprach leise auf diesen ein, wiegte ihn hin und her. Gárin indes wurde schwächer und sein Gesicht war von Schmerzen gezeichnet. Aber sein Blick sprach von Vertrauen und Zuneigung. Blut lief in einem Rinnsal kontinuierlich aus der Wunde. Es färbte den blanken Steinboden dunkelrot. Liebevoll strich Bjørn seinem Neffen eine Strähne aus der Stirn. Schwach fiel das Lächeln aus. Gárin versuchte etwas zu erwidern. Mehrmals setzte der Mann zum Sprechen an. Durch das anhaltende Geschrei der Versammelten, war es Fíli unmöglich zu verstehen, was dort gesprochen wurde. Doch Bjørn schien seinen Neffen verstanden zu haben. Entsetzt sah er den Sterbenden an, schüttelte geistesabwesend den Kopf, während Gárin mit letzter Kraft zu nicken versuchte. Onkel und Neffe waren sich allem Anschein nach uneinig. Erneut bewegten sich die Lippen des Schwerverletzten. Kaum wahrnehmbar war ihre Bewegung. Schwer ging Gárins Atmung. Bjørn hatte ihn an seiner Linken gebettet. Behutsam strich er seinem Neffen über das Gesicht. Er sprach mit ihm, während sich erste Tränen ihren Weg hinunter in den langen Bart bahnten. Der Onkel hatte die Augen geschlossen, als er seine Stirn an die des Neffen presste. Gárin erwiderte die Geste so gut es ihm noch möglich war. Kaum später riss der Dunkelhaarige für wenige Sekunden Mund und Augen auf. Bjørn hatte den Dolch abrupt tiefer in den Körper seines Neffen gestoßen. Halt suchend, griff Gárin nach seinem Onkel. Ein letztes Lächeln schlich sich auf die Lippen des Mannes. Sein Wunsch war doch noch in Erfüllung gegangen.


**


Er hatte getobt. Er hatte Papiere, Tintenfässer und allerlei anderen Tand vom Schreibtisch gefegt. Wie hatte das nur passieren können?

Im schieren Durcheinander hatten Ejnar, Reyk und Rurik die Flucht ergriffen. Sie waren verschwunden. Weder die Wachen, noch die Soldaten hatten sie finden können. Fíli ließ unverzüglich alles in Bewegung setzen, um die Männer aufzuspüren. Doch bisher schienen die Verschwörer wie vom Erdboden verschluckt. Auch die eilends mit der Suche beauftragten Raben, hatten dem Fürsten der Ered Luin noch nicht zufriedenstellend Bericht erstatten können. Keiner wusste, wo sich die Männer aufhielten. Selbst die Inhaftierung zweier Zwerginnen hatte Fíli nicht weitergebracht. Außer vielen Tränen und Treuebekundungen dem Hause Durin gegenüber, hatten Ruriks Gattin und Tochter nichts zur Auffindung des Mannes und Sohnes beitragen können und der Aufenthalt im Verlies, hatte keine neuen Ergebnisse gebracht, außer, dass die beiden Frauen immer mehr einem Häufchen Elend glichen. Visna hatte versucht ihren Mann umzustimmen und die Zwerginnen wieder freizulassen. Doch Fíli hatte sich bisher geweigert, er benötigte sie gegebenenfalls als Druckmittel für Rurik und Reyk, hatte er ihr erklärt. Es war nicht auszuschließen, dass die Männer früher oder später zurückkehrten, um sie zu holen. Visnas Argumenten, dass man den Zwerginnen auch heimlich folgen könne und diese, Fíli, vielleicht so auf die Fährte der verschwundenen Aufrührer brachten, war dieser durchaus interessiert gefolgt, hatte bisher aber noch keine Entscheidung getroffen.

Es gab immerhin noch die Möglichkeit, dass ein Anderer mehr wusste. Doch ob Bjørn ihm freiwillig helfen wollte, musste sich noch zeigen. Ohne Widerstand zu leisten, hatten ihn die Wachen, nach Gárins Tod am Runden Platz, festnehmen können. Geduldig hatte er sich überwältigen und in Ketten legen lassen. Sie wollten ihn hinab in die Kerker bringen, als Bjørn sich  an Fíli wandte. „Verscharrt ihn nicht wie einen räudigen Köter“, hatte er Fíli zugerufen. Dass er es als Bitte meinte, war unüberhörbar. Hoffnung und Schmerz steckten hinter jedem seiner Worte. Bjørn war gebrochen. Fíli hatte schließlich genickt und wollte sein Wort halten.
Gárin hatte man mittlerweile begraben. Mitten in der Nacht und nur in Begleitung einiger Soldaten, sowie Dori und Nori, hatte er Gárins Leichnam außerhalb der Bergfeste und abseits der Wege, bestatten lassen. Der junge Fürst war hin- und hergerissen gewesen. Er wollte den Verschwörern nicht die Möglichkeit geben, Gárin zum Märtyrer zu machen und doch war er wohl sein Onkel. Er wusste nicht, was den Zwerg letztlich dazu bewogen hatte, ihm derart ans Leder zu wollen. Aber er wollte auch nicht Schuld auf sich laden, weil er einem Zwerg die letzte Ehre verweigert hatte. So hatten sie Gárin im Stillen beigesetzt – fernab von Neugierigen, um einer Grabschändung oder einem womöglichen Kult, durch andere Aufrührer, zu umgehen. Nur wenige kannten seinen Verbleib und die letzte Ruhestätte.



Sein Gegenüber trug Fesseln. Er war an Hand- und Fußgelenken bald jeglicher Bewegung beraubt. Die Wachen hatten Fíli mitgeteilt, dass der Zwerg die Eisen Tag und Nacht trug. Ein jeder wusste letztlich durch die Geschehnisse auf dem Runden Platz, wozu Bjørn in der Lage war. Niemand wollte etwas riskieren. Auch Fíli nicht, als er den Gefangenen an diesem Vormittag in dessen Zelle aufsuchte. Dass die Vorsichtsmaßnahmen jedoch auch Auswirkungen auf Bjørns Erscheinungsbild hatten, wurde dem Fürsten nun deutlich bewusst. Die Kleidung des Mannes war durch Essensreste verdreckt. Zudem stank er bereits nach Schweiß, Kot und Urin. Doch trotz dieser Widrigkeiten, durfte man Bjørn nicht unterschätzen. Er war immer noch Krieger, ein gewaltbereiter und kampferprobter Mann. Dass sein Neffe, durch seine Hand, von den Schmerzen erlöst wurde, hatte sicherlich weitere Spuren auf seiner Seele hinterlassen. Es war nicht auszuschließen, dass dieser Schmerz abermals eine unbändige Kraft in ihm entfesseln mochte.
Träge lehnte der Gefangene an der Rückwand seiner Zelle, als Fíli in Begleitung zweier Wachen eintrat. Bjørn saß auf dem Boden und schaute kurz hoch, als sich die Männer näherten, machte aber  keinerlei Anstalten, sich von seinem Platz zu erheben. Der Zwerg wirkte gebrochen. Seine Haut war fahl.

„Ihr könnt mich zu allem verhören, was Euch beliebt, Fürst“, begann Bjørn frei heraus, ohne auf Fílis Fragen zu warten, „Doch bitte ich Euch zu Beginn um eine Antwort.“
Nun sah der Mann auf. Die hellen Augen waren von dunklen Schatten umrandet.
„Habt Ihr Gárin ehrenvoll beigesetzt?“

„Das haben wir. Er wurde, wie es sich für einen Zwerg gehört, unter Stein begraben.“

Ein anerkennendes Nicken folgte, doch zu mehr war Bjørn nicht bereit.
„Über meine Familie spreche ich nicht“, stellte er stattdessen klar und sah Fíli fest in die Augen, „Aber Ihr könnt mich über alles andere befragen, wenn Ihr wollt.“

„Ejnar, Reyk und Rurik sind geflohen. Bisher hat sie niemand finden können“, begann Fíli, ohne Umschweife, „Habt Ihr eine Vorstellung, wo sie sich versteckt halten können? Wo sie ihr Weg hinführen würde, falls die Thronübernahme fehlschlägt?“

Langsam schüttelte Bjørn den Kopf. Er schien kurz zu überlegen, wiederholte die Bewegung jedoch abermals.
„Ein jeder von uns, hat sich um seine Angelegenheiten gekümmert. Was die drei betrifft, so kann ich Euch nicht weiterhelfen. Sie sind mit die größten Egoisten, die mir in meinem Leben je unter gekommen sind. Ansonsten wäre unsere Unternehmung wohl auch niemals soweit gediehen“, sinnierte der Gefangene und zuckte letztlich mit den Achseln.

„Worauf haben sie spekuliert? Was hattet Ihr ihnen versprochen?“

„Ich?“ Bjørn lachte verächtlich auf. „Ich habe Ihnen gar nichts versprochen. Aber sie wollten das, wonach es allen Zwergen giert: Gold, Einfluss, Macht. Niedrige Gelüste waren es, wonach sie gegeifert haben.“

„Und Ihr? Was wolltet Ihr mit Eurer Beteiligung bezwecken?“

Ein dünnes Lächeln schlich sich auf die Züge des Mannes. Er schüttelte den Kopf. „Ihr haltet Euch nicht an unsere Abmachung, Fürst. Familie, Ihr versteht.“

„Gilt Eure Loyalität auch Alùn?“

Fíli meinte, ein kurzes Lodern in Bjørns Blick gesehen zu haben, als der Name des Ermordeten fiel. Doch sollte dem wirklich so gewesen sein, dann hatte sich der Zwerg schnell wieder unter Kontrolle. Er legte den Kopf schief.
„Was wollt Ihr über diesen Haufen Scheiße wissen?“

„Hättet Ihr mir nicht die Möglichkeit genommen, so hätte ich ihn selbst befragt“, entgegnete Fíli ernst und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob ihm Bjørn in dieser Hinsicht überhaupt eine Hilfe war, geschweige denn sein wollte. „In Noriks Aufzeichnungen finden sich Hinweise, dass Alùn schon viel früher sein Unwesen getrieben hat. So soll er den Tod meines Vaters provoziert haben, indem er einen Heizkessel in den Schmieden hat manipulieren lassen, als meine Mutter mit meinem Bruder froher Hoffnung war. Was wisst Ihr darüber?“

Für einen kurzen Augenblick schloss der Gefangene die Augen. Er schien zu überlegen, was er nun antworten sollte. Mit dem rechten Zeigefinger kratzte er sich etwas schwerfällig an der Schläfe.
„Ich fürchte, ich kann Euch dazu keine zufriedenstellende Antwort geben“, begann er schließlich und suchte Fílis Blick, „Ich weiß jedoch, dass ich nicht daran beteiligt war. Ich traue es Alùn zu, dass ihm jeder Mitwisser in dieser delikaten Angelegenheit zuwider war. Man sieht doch, wohin zu viele Beteiligte ein solches Unternehmen führen…“

„Ihr wusstet also von Alùns Verbrechen? Davon, dass er hinter dem Tod meines Vaters steckte?“, hakte Fíli nach und hatte sichtlich Mühe, seine innere Unruhe vor Bjørn zu verbergen.

Dieser blickte ihm ohne jegliche Gefühlsregung entgegen. „Sagen wir es so: ich habe meine Schlüsse gezogen. Alùn war schon lange hinter Eurer Frau Mutter her. Thráin war einer Bindung zwischen ihnen aufgeschlossen, doch hatte die Prinzessin ihre eigene Vorstellung. Versuche einer die Frauen zu verstehen. Sie machen so oder so, was sie wollen…“ Ein bitterböses Lachen erscholl. „Es gab viel Gerede, als Ihr geboren wurdet. Immerhin hatten Eure Eltern, erst ein halbes Jahr vor Eurer Geburt, den Bund geschlossen und eine Frühgeburt wart Ihr keineswegs. Ein gesunder Knabe war dem Königshaus geschenkt worden. Und wenn Zwerge eins können, dann wohl rechnen.“

Ja, Fíli wusste, worauf Bjørn anspielte. Er war nicht schwer von Begriff. Die genauen Umstände, durch welche die Vermählung seiner Eltern zustande kam, kannte er nicht. Jedenfalls meinte er, dass seine Mutter und Thorin, ihm nicht alles erzählt hatten. Alùns Interesse an seiner Mutter war ihm völlig neu. Doch brauchte man wahrlich kein Rechenkünstler zu sein, um festzustellen, was Bjørn soeben angesprochen hatte: Die Prinzessin aus dem Hause Durin, war alles andere als tugendhaft und sittsam gewesen. Sie hatte bereits vor dem gemeinsamen Bund, mit ihrem Gemahl, sein Kind empfangen. Ihn, Fíli selbst.

„Wo wir soeben bei Liebesschwüren waren: Warum habt Ihr Thráin die Treue gehalten, nach allem, was geschehen war?“

„Er war der rechtmäßige Herrscher.“

„Er hat Eure Schwester geschwängert und sich ihrer entledigt, als er sie in die Eisenberge schickte. Was muss es für ein Gerede gegeben haben, als Bryjà einen Sohn ohne Vater hat gebären müssen.“

Nun saß Bjørn kerzengerade. Nichts erinnerte mehr an die Gelassenheit, mit der er das bisherige Verhör bestritten hatte. Trotz der inneren Erregung waren seine Worte sachlich, als er Fílis Blick suchte. „Ich sagte doch: Ich spreche nicht über meine Familie.“

Fíli ließ sich nicht beirren. Er wusste, dass er Bjørn nur zu einer unüberlegten Aussage bringen konnte, wenn er ihn an seinem wunden Punkt traf. Und der war eindeutig seine Familie. Auch wenn dieses Unterfangen nicht ungefährlich war, blieb Fíli keine andere Wahl. Er wollte mehr erfahren. Er musste mehr Licht in diese Verschwörung bringen. Er musste wissen, warum Gárin einen solchen Hass auf ihn hatte.
„Eure Familie ist zum Teil auch meine Familie. Immerhin seid Ihr, durch Gárin, so etwas wie mein Großonkel.“

Ein dünnes Lächeln legte sich auf Bjørns Lippen. „Nach all dem, was wir vorhatten, sprichst du noch von Familie, Junge? Entweder bist du töricht oder ein guter Blender, wie dein Onkel einer ist.“

„Durch Eure Blendung hat Gárin den Tod gefunden. Ihr habt in Kauf genommen, dass er stirbt.“ Fíli wollte den Gefangenen nicht nur provozieren. Er meinte jedes seiner Worte ernst.

„Dies lasst mein Problem sein.“

„Ihr habt Gárin geopfert. Ihr wart kein liebender Onkel. Thorin würde niemals zulassen, dass mir oder meinem Bruder je etwas geschieht. Und Ihr, Ihr habt Gárin für Eure Rache missbraucht. Ihr habt...“

Schlagartig war Bjørn von seinem Platz aufgesprungen. Selbst mit den Fesseln waren seine Bewegungen, die eines Kriegers. Fíli wich einen Schritt zurück, als sein Gegenüber mit einem Mal in voller Größe vor ihm stand. Die Wärter griffen nach ihren Waffen. Doch Bjørn schüttelte nur belustigt den Kopf.
„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, Bursche. Ich hätte dich schon so oft töten können. Aber ich habe es nicht getan. Und weißt du, warum ich es letztlich nicht gemacht habe?“

Erwartete Bjørn nun wirklich eine Antwort auf seine Frage?

„Ich wollte sehen, wie du zugrunde gehst. Ich wollte sehen, wie es ist, wenn du es nicht verhindern kannst, dass andere über dich richten.“ Mit jedem Wort war Bjørns Stimme lauter geworden. „Ich wollte dabei sein, wenn deine Welt zerbricht. Sie sollte genauso zerbrechen, wie einst meine. Gárin hätte ein besseres Leben verdient und Bryjà hätte so viel mehr bekommen müssen. Stattdessen musste er...“

„Stattdessen hast du zugeschaut, wie Thráin Sohn und Geliebte in die Eisenberge zurückschickte. Du hast es zugelassen und ihm auch noch die Treue gehalten. Deine falsche Treue hat Gárin nun mit dem Leben bezahlt. Du hättest ihm die Wahrheit erzählen müssen, dass sein Vater ihn nicht gewollt hat. Aber stattdessen hast du Gárin für deinen falschen Stolz geopfert, nachdem deine Schwester gestorben war.“

„Wie kannst du es wagen!?“

„Du hast sie alle deinem Rachefeldzug unterworfen. Du hast sie alle ausgenutzt! Und du hättest wissen müssen, wozu Alùn fähig war. Immerhin scheint er ja ein alter Bekannter von dir gewesen zu sein. Ihr habt Gárin für eure Pläne geopfert. Ihr beide habt Gárin letztlich getötet!“

Mit einem hämischen Lächeln schüttelte Bjørn den Kopf.
„Ihr seid alle gleich! Da sieht man, wohin euch die Inzucht geführt hat. Von dir lasse ich mir kein schlechtes Gewissen einreden, von dir nicht, Bursche! Ob du, dein Onkel oder Thráin – keiner vermag es, euch die Augen zu öffnen! Gárin hat einst treu am Schattenbachtal gekämpft, Thráin wusste dies. Spätestens als Frerin starb, hätte er Gárin zu sich nehmen müssen. Er hätte seinen verlorenen Sohn zu sich holen müssen. Doch er tat es nicht! Immer hat er mich hingehalten! Ich habe versucht, ihm ein schlechtes Gewissen zu machen! Ich habe ihn an seine Pflichten, gegenüber Bryjà und Gárin, erinnert. Und was hat er getan? Nichts! Er hat mich hingehalten!“

„Dann hättest du Thráin von mir aus den Schädel einschlagen sollen!“ Bjørns Vorhaltungen machten Fíli rasend. Was auch immer sich einst abgespielt hatte, war ohne Fílis Beteiligung geschehen.

Ein bitterböses Lachen erscholl. Bjørn fuhr sich, so weit es ihm möglich war, mit den gefesselten Händen, durch das angegraute Haar.
„Du bist gut, Junge. Das muss man dir lassen. Dein Onkel ist nicht darauf gekommen. Vielleicht wollten er und das Pack Fundins, auch gar nicht wissen, was mit Thráin einst geschah.“

Fíli riss die Augen auf, wich einen Schritt zurück und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Doch, doch. Du hast mich schon richtig verstanden. Ich weiß, wo und wann dieses elende Stück Scheiße, unserer schönen Welt entschwunden ist. Verschollen? Gar von dunklen Mächten entführt? Das ich nicht lache!“

Fíli schluckte schwer. Auch wenn er nie viel für seinen Großvater übrig hatte, so fiel ihm das Sprechen nun doch deutlich schwer.
„Warum hast du ihn getötet? Im Zorn, im Streit?“

„Wäre es doch nur so einfach gewesen.“ Bjørn wirkte für einen Augenblick ruhiger, als noch zuvor. Ob die Worte wahrlich an Fíli gerichtet oder doch eher zu sich selbst gesprochen waren, vermochte der Fürst nicht zu sagen. Aber kaum darauf straffte der Gefangene merklich die Schultern und suchte den Blick des Mannes. Den eisblauen Augen fehlte jegliches Gefühl.
„All die Jahre bin ich bei ihm geblieben. All die Jahre habe ich ihn an seine Pflichten gegenüber Bryjà und Gárin erinnert. Ohne mich hätte sie nichts gehabt. Selbst unser Vater hat sich für sie geschämt, ein Kind ohne Erzeuger großzuziehen. Immer hat Thráin mich vertröstet. Immer hat er eine Ausrede gefunden, warum er noch nicht zu ihnen stehen konnte. In all den Jahren des Krieges hat er keine Anerkennung für das Handeln seines Sohnes gefunden. Gárin hat sich wie die anderen Jünglinge den Arsch aufgerissen, um selbst nicht zu verrecken und Khazad-dûm zurückzugewinnen. Gárin war dabei, als uns Náin letztlich mit seinen Getreuen in der Schlacht von Azanulbizar zur Hilfe geeilt ist.“

Fíli wusste um die Umstände. Jeder Zwerg wusste, wie sehr die Verwandten aus den Eisenbergen in der entscheidenden Schlacht das Zünglein an der Waage und wie verlustreich, das letzte Aufbäumen gegen die Orks doch geblieben war.

„Und Thráin?“ Bjørn lachte verächtlich auf. „Er weinte um seinen mittleren Sohn, während sein Jüngster schwer verletzt im Lazarett lag! Es wäre der Moment gewesen, endlich auch für Gárin da zu sein. Er hatte nichts mehr zu verlieren. König tot, Weib tot, Sohn tot. Vielleicht hätten deine Mutter und dein Onkel ihren Halbbruder auch schätzen gelernt. Stattdessen hat er mich verhöhnt!“ Bjørn spannte die Oberarme an. „Er hat mich ausgelacht! Niemals hatte er vorgehabt, Gárin oder Bryjà zu sich zu holen. Nie! Die beiden waren ihm zu lästig. Ich bin gegangen. Ich bin zusammen mit Gárin in die Eisenberge zurückgekehrt. Meine Schwester wollte von alldem nichts hören. Trotzdem war ihr Sohn ihr größter Stolz. Ihn lebend in die Arme zu schließen, war ihr mehr wert, als alles Gold im Erebor. Sie hatte mit Thráin schon lange abgeschlossen. Aber ich nicht! Er hatte mir sein wahres Gesicht gezeigt. Ich kehrte zu ihm zurück und er nahm mich wieder mit offenen Armen auf. Doch hat er diese Torheit später mit dem Leben bezahlt. Dein Onkel war da eine härtere Nuss. An dem habe ich mir förmlich die Zähne ausgebissen. Er hat mich schikaniert, wo er nur konnte. Doch war Alùn so gut, ihn darin zu bestätigen, den Einsamen Berg zurückzugewinnen und dich, sowie deinen Bruder, entgegen der Wünsche eurer Mutter, mitzunehmen.“

„Ich habe dir niemals ein Leid angetan“, begann Fíli nachdenklich.

„Und doch bist du keinen Deut besser als deine Sippe. Der Moment war gekommen, Gárin das Leben zu ermöglichen, das ihm schon immer zugestanden hätte. Doch konnte keiner ahnen, dass ihr alle überlebt und du in die Eisenberge zurückkehrst. Ihr habt Alùn und mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.“

„Nein, nein.“ Geistesabwesend schüttelte Fíli den Kopf. „Du bist wahnsinnig! Du wolltest Rache nehmen und hast dir Verbündete gesucht. Du hast die Vergangenheit nicht ruhen lassen! Du hast Gárin in Gefahr gebracht und ihm Lügengeschichten erzählt, dass Thráin ihn, abseits der eigenen Familie, versteckt gehalten hat! Du hast dir die Welt so gedreht, wie du sie gebraucht hast! Du hast dafür gesorgt, dass Alùn deinen Neffen ermordet hat, um seinen eigenen Hals aus der Schlinge zu ziehen! Du hast ihn auf dem Gewissen!“

Bjørn erwiderte nichts. Er sah Fíli lediglich stumm an. Alle Argumente schienen an ihm abzuprallen. Er hatte Rache nehmen wollen. Er hatte für Thráins Tat, die gesamte Familie in den Abgrund reißen wollen. Er war zerfressen von Rachegelüsten. Doch am Ende war ihm nichts geblieben. Seine Schwester war mittlerweile verstorben, der Neffe vor wenigen Tagen in seinen Armen dahingeschieden. Was Bjørn nun noch blieb, war ein Aufenthalt im Kerker. Aber dieser sollte wohl nicht von langer Dauer sein. Eine Verurteilung stand bevor. Eine Verurteilung, die im Sinne der königlichen Rechtsprechung, nur eine Antwort kannte.

„Du weißt, was einen Königsmörder erwartet? Von der Strafe auf Aufwiegelung und dem Versuch, das momentane Oberhaupt zu stürzen, ganz abgesehen?“

Bjørn nickte. Sein Blick lag fest auf Fíli.

„Dann soll es so sein“, entgegnete der Herrscher und ließ den Gefangenen im Verlies zurück.


**


Schwer wog sein Kopf, als er ihn in beide Hände legte. Die Ellbogen schienen bereits taub. Wie viele Stunden er sie bereits, mit voller Wucht auf die Holzplatte des Schreibtisches presste, vermochte er nicht zu sagen. Wahrscheinlich hatte er viel zu lange dort gesessen. Oft hatte er sich gefragt, was er mit den Informationen nun anfangen konnte. Hatten denn Bjørns Andeutungen überhaupt mehr Licht ins Dunkel gebracht? Hatte er ihm überhaupt helfen wollen? Letztlich meinte Fíli nun, gar verwirrter zu sein als zuvor, falls dies überhaupt möglich sein konnte. Er war vor allem zu ihm gegangen, um mehr über Alùn und Gárin zu erfahren. Durch die Umstände war es ihm verwehrt geblieben, beide selbst befragen zu können. Aber Bjørn hatte teilweise noch weitere Rätsel für ihn bereit gehalten. War Gárin wirklich nur ein Opfer seines Onkels und der Machenschaften Alùns? Gárin, ein armer Zwerg, der einfach nur geliebt werden wollte? Der sich an den Gedanken geklammert hatte, dass es einst einen liebenden Vater gegeben haben mochte? Doch dieser Vater war von seinem eigenen Onkel getötet worden.
Fíli seufzte. Es hatte vielerlei Gerede gegeben. Thráin war verschollen. Es gab Gerüchte, dass er von dunklen Mächten entführt worden sei. Der Prinz hatte, als sie zurück zum Erebor waren, gehört wie Gandalf einmal mit Thorin darüber sprach. Jedoch hat keiner in diesem Moment geahnt, dass der einstige Herrscher über die Blauen Berge, bereits seit vielen Jahren tot war. Niedergestreckt durch die Hand eines seiner Getreuen.
Auf Königsmord stand die Verurteilung zum Tode. Niemand, der es wagte, seinen König zu töten, sollte mit einer milden Strafe davonkommen. Fíli hatte seinen Großvater nie sonderlich gemocht und doch hatte er sich an die Rechtsprechung zu halten. Thráins Verhalten aus der Vergangenheit war irrelevant. Fíli ging es dabei vor allem um das Amt, welches Bjørn angegriffen hatte. Hinzu kamen, ein versuchter Putsch samt Aufwiegelung der Bergbewohner. Auch für Fíli und sein Gefolge, hatten Bjørn und seine Mitverschwörer kein glückliches Ende vorgesehen. Abermals atmete der Fürst tief durch.

Bjørn musste bestraft werden. Er hatte sich aus Überzeugung zu seinen Taten bekannt. Nicht nur seine Gleichgültigkeit und Abgebrühtheit zeugten davon, dass er wusste, was er tat. Der Schmerz und die Enttäuschung, hatten sich bei ihm gar in Raserei gewandelt. Es war keine kurze Eskapade, von der sie hier sprachen. Spätestens seit der Schlacht am Schattenbachtal hatte Bjørn nach einer Möglichkeit gesucht, wie er Thráin habhaft werden konnte. Dessen legitime Familie war immer mehr zu einem Dorn in seinen Augen geworden. Alles, aber auch wirklich alles, was mit dem Herrscher über die Blauen Berge im Zusammenhang stand, sollte in Mitleidenschaft gezogen werden.
Nun wartete die Todesstrafe auf Bjørn. Wenn man es genau nahm, dann hätte der Verschwörer gleich zweimal hingerichtet werden müssen. Einmal für den Mord an Thráin und dann für den versuchten Putsch an Fíli. Letztere Tat konnte mit einer Hinrichtung durch die Hand eines anderen Zwergs geahndet werden, aber erstere…

Fíli vermochte es nicht mehr zu sagen, wie viele Leben er bereits genommen hatte. Neben Wild, dass bei einer Jagd geschossen wurde, waren es wohl hauptsächlich Orks oder Strauchdiebe gewesen, die durch seine Hand ihr Leben ausgehaucht hatten. Niemals hatte er fahrlässig getötet. Niemals war es die Lust oder der Nervenkitzel gewesen, die ihn die Waffe hatten erheben lassen. Es war wahlweise der Hunger oder aber der Schutz des eigenen Lebens, der ihn zum Schwert greifen ließ. Ein Zwerg tötete nicht aus dem Rausch heraus. Aber jetzt, war es denn gänzlich anders, wenn er, der Nachfolger Thráins, nun das geschmiedete Eisen in die Hand nahm, um Bjørn hinzurichten? Schwer war sein Herz, während er in den letzten Tagen und Stunden diesen Gedanken nachhing.
Fíli war kein Mörder. Er wollte niemals als ein solcher enden. Jeder Zusammenstoß mit Feinden, hatte, irgendwo auf seiner Seele, einen Schatten hinterlassen. Es klang vermessen und doch konnte er sich nicht vorstellen, dass man sich selbst nach einem Todeskampf mit dem Feind, nicht in gewisser Weise jedenfalls, beschmutzt fühlte. Sicherlich herrschte dort meist die Devise „du oder ich“ und trotzdem hatte man Leben genommen. Die Zwerge glaubten daran, dass Mahal allein über Leben und Tod entschied. Er war nicht nur ihr Schöpfer, sondern auch oberster Richter. Nun war es an Fíli zu richten. Aber Fíli war nicht Mahal. Seine Geburt hatte ihm ein Schicksal auferlegt, das manches Mal schwer zu tragen war. Vieles hatte er in seinem Leben letztlich mit sich ausmachen können. Nun aber fürchtete er sich. Er fürchtete sich vor dieser Tat und dem Schatten, die diese auf seiner Seele hinterlassen würde. Er fragte sich, ob Thorin jemals ein solches Urteil hatte fällen müssen. Er fragte sich, wie er mit jener Schuld fertig geworden war. Ob man danach einfach so weitermachen konnte wie bisher, bezweifelte Fíli stark. Oder war es doch möglich? Bjørn, und wahrscheinlich auch dessen Mitverschwörer, hätten wohl nicht so lange gezögert, den Worten Taten folgen zu lassen. Aber Fíli wollte nicht wie jene Männer sein.

Die Zweifel schlugen immer wieder in Sorge um. Er hatte versucht, mit Visna über diese innere Zerrissenheit zu sprechen. Sie hatte ihm zugehört. Sie war bei ihm geblieben und hatte ihn mit seinen Gedanken nicht allein gelassen. Sie hatten viel über das geredet, was geschehen war. Unweigerlich war auch Alùn zur Sprache gekommen. Als der Name des Verräters fiel, verspürte Fíli plötzlich ein anderes Gefühl: Hass. Ohne es recht kontrollieren zu können, war hier die Verzweiflung dem Wunsch nach Rache gewichen. Eins wurde dem jungen Fürsten nun immer bewusster: Wenn er die Möglichkeit bekommen hätte, Alùn hinzurichten, so hätte er dies womöglich umgehend getan. Und genau diese Erkenntnis setzte Fíli langsam zu. Richtete er hier nicht mit zweierlei Maß? Hatte der Wunsch nach Rache und Zerstörung, genau das ausgelöst, vor dem er sich zutiefst fürchtete?
Visna hatte wohl eine ähnliche Reaktion ihres Gatten vermutet, doch hatte es sie ziemlich erschreckt, als Fíli, von einem Moment auf den nächsten, förmlich nach Rache gierte. Vielleicht mochte er für den Augenblick Genugtuung finden. Doch das Feuer, welches solche Gefühlsregungen auslöste, erlosch häufig recht schnell. Gleiches wurde vermeintlich mit Gleichem vergolten, doch konnte der Schmerz dadurch niemals völlig getilgt werden. Fílis Vater würde nicht von den Toten zurückkehren. Selbst wenn er Alùn, für dessen Mord, mit dem eigenen Schwert den Kopf gespalten hätte, wäre das erhoffte Gefühl der Genugtuung wohl eher ausgeblieben. Erzeugte es am Ende nicht noch größeres Leid, wenn man den erfahrenen Schmerz mit gleicher Intensität zurückgab?

Fíli hatte darauf noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden und die Last, die wie ein tonnenschwerer Amboss auf seinen Schultern lag, war keinen Deut leichter geworden. Noch hatte er Zeit, um sich darüber klar zu werden, welche Reaktion angemessen sein würde.
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