Der Beginn einer Feindschaft

von baronesse
KurzgeschichteFantasy, Freundschaft / P6
Draco Malfoy Harry Potter Vincent Crabbe & Gregory Goyle
04.09.2013
04.09.2013
1
4564
4
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Dies ist mein Beitrag zum Gyffindor und Slytherin Wettbewerb. NACHTRAG: Ich kann es kaum fassen. "Der Beginn einer Feindschaft" hat den ersten Platz gewonnen! Bald wird es daher eine Hörfassung geben.

Aufgaben waren
# ein Slytherin und ein Gryffindor müssen als Plotpairing vorkommen (und ich hoffe es wird mir nicht krumm genommen, dass sie erst nach der Hälfte des OS eingeteilt werden...)
# bestehende Pairings von JKR dürfen nicht auseinander gerissen werden (zwecks Canonnähe)
# ein zugelostes Gefühl soll sich als Grundstimmung durch den Text ziehen. Mein Gefühl war Enttäuschung

Viel Spaß beim Lesen!


__________________________


„Pass auf dich auf Draco.“

Die sonore Stimme seines Vaters hallte noch immer in seinem Ohr.
Seine Mutter war wortreicher gewesen, hätte am liebsten noch einmal seine Haare geglättet, aber Draco hatte sie weggestoßen. Er war kein kleiner Junge mehr. Er war jetzt reife elf Jahre. Alt genug um nach Hogwarts zu gehen.

Endlich.

Natürlich war seit seiner Geburt ein Platz reserviert. Seit Wochen hatte er alle Einkäufe erledigt. Es war nervig gewesen, Mutter durch die vollen Läden der Winkelgasse zu folgen und lauter Dinge zu kaufen, an denen er kein Interesse hatte, aber Draco verstand wie wichtig es war, dass er ordentlich angezogen war und einen guten Eindruck machte, wenn er nach Hogwarts ging.

Er war ein Malfoy. Er trat in große Fußstapfen.

Das blonde Haar akkurat über dem noch etwas rundlichen Kindergesicht gescheitelt, bereits im tadellos sitzenden Anzug (Mutter hatte jedes kleinste Fältchen geglättet, aber Draco hatte nicht erlaubt, dass sie noch an ihm herumzupfte, als sie erst einmal den Bahnhof erreicht hatten) stieg Draco in den Hogwartsexpress und ließ sein bisheriges Leben zurück um an der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei zu beginnen und ein großer Zauberer zu werden.

Crabbe und Goyle warteten bereits auf ihn und boxten ein paar aufgeregte Erstklässler aus einem Abteil, so dass Draco dort Platz nehmen konnte. Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Jungen. Die beiden waren nicht die Schlausten, aber er kannte sie schon seit Jahren. Eigentlich hießen sie ja Vincent und Gregory, so waren sie auch vorgestellt worden, als sie das erste Mal vorbei gekommen waren. Damals hatte nur Draco überhaupt ein paar Wörter brabbeln können. Sein Vater war Schuld, dass er die beiden danach nur noch als Crabbe und Goyle bezeichnet hatte. Immer wenn sie kamen, hieß es „Crabbe und Goyle kommen“ und der junge Malfoy hatte erst später verstanden, dass sich das auf die Väter seiner Freunde bezog.

Die beiden grinsten. Goyle stieß Crabbe den Ellenbogen in die Rippen. Crabbe schlug Goyle auf die Schulter. Der holte gerade aus als Draco „setzt euch!“ befahl.

Crabbe und Goyle gehorchten aufs Wort. Sie hatten ihm nicht viel entgegen zu setzen.

Es tat gut, dass er nicht allein nach Hogwarts fuhr. Die anderen waren nun alle dabei sich vorzustellen und herauszufinden, ob sie einander mochten. Draco mochte seine beiden Freunde nicht besonders, hatte sich aber an ihre Gesellschaft gewöhnt. Sie waren gut zum Nachdenken. Sie nickten immer wie Wackeldackel, wenn er etwas aussprach. Das tat sogar noch besser als Mutters Lob, denn manchmal schimpfte sie auch mit ihm.

„Vater sagt, ich komme bestimmt nach Slytherin“, vertraute er seinen beiden Freunden an.
„Ich will auch nach Slytherin“, antwortete Goyle.
„Nein ich!“ Crabbe schlug ihn erneut.

Der kleine Malfoy runzelte die Stirn. „Du kommst bestimmt nach Hufflepuff, so doof wie du bist, Goyle.“
Crabbe kicherte. Draco lächelte beiden zu.
Er zweifelte nicht daran, dass sie alle nach Slytherin kommen würden. Die beiden wussten eben, was das Beste für sie war.

Als Draco sich erhob, hörten Crabbe und Goyle mit ihrer Kabbelei auf und folgten ihm auf den Fuß. Das mochte er so an ihnen.
„Wohin gehen wir, Draco?“, wollte Goyle wissen.

Wenn man es recht bedachte, war die Frage gar nicht so dumm. Der Hogwartsexpress schlängelte sich durch Englands Felder und brachte Draco mit jeder Minute weiter von seinem Zuhause weg, doch er erlaubte sich keine Gedanken an Heimweh.

Er war ein Malfoy.

Er würde nach Hogwarts fahren und seine Familie stolz machen.

Und davor würde er noch auf einen Wunsch seines Vaters hören. Draco war ganz besonders stolz darauf, dass er genauso alt war wie der berühmte Harry Potter und sie gemeinsam in Hogwarts anfangen würden. Er hatte so viel von ihm gehört.

Es war nicht an ihm darüber nachzudenken. Sein Vater war viel älter und weiser und wusste wovon er sprach, wenn er sagte, dass dieser Harry Potter ein starker und wichtiger Zauberer werden würde. Er hatte Du-weißt-schon-wen besiegt. Er war der Junge, der lebte. Und er würde Dracos bester Freund werden.

Da das bislang nur Draco wusste (und Lucius Malfoy, was auch immer sein Vater sich davon erhoffte), machte er sich auf den Weg durch den Zug um den Jungen mit den schwarzen Haaren zu suchen, den er bislang erst einmal gesehen hatte. Bei Madame Malkins hatte er ihn kurz getroffen und sich dank seiner Mutter darauf konzentrieren müssen, still und gerade zu stehen, damit auch alles richtig vermessen wurde. Also lag es vermutlich nur an der Umgebung, dass ihm der Junge ein wenig schwächlich und zurückgeblieben vorgekommen war.

Denn wenn Vater sagte, dass dieser Harry Potter ein mächtiger Magier war, dann war er es bestimmt auch (oder würde es werden).

Immerhin hatte er Du-weißt-schon-wen besiegt. Draco würde ihn fragen, wie er das gemacht hatte und ob es schwierig gewesen war. Wenn Harry Potter das nicht sofort erzählen wollte, war das auch nicht schlimm. Sie hatten viele Jahre Zeit um ihre Freundschaft aufzubauen und zu vertiefen.

In den meisten Abteilen saßen ältere Schüler, viele noch in ihren Muggelsachen. Manche hatten sich umgezogen und trugen gelbe oder blaue Krawatten zur Schau. Draco ignorierte sie. Es war später noch genug Zeit ihnen zu zeigen, wer in Hogwarts angekommen war. Am besten machte er das mit Harry zusammen. Sie würden ein famoses Duo werden!

„Zuckerstange?“, bot Crabbe ihm von hinten an. Sie waren nicht an der Hexe mit den Süßigkeiten vorbeigekommen, die in London am anderen Ende des Zuges eingestiegen war, also hatte er es wohl von einem Schüler erpresst. Draco winkte ab.

Erst gab es wichtigeres als Zuckerstangen.

Er war kein kleiner Junge mehr.

Draco fand Harry Potter gemeinsam mit einem Mädchen und zwei Jungen in einem Abteil, das nach Eule und Rattenpisse stank.

Der Junge musterte seinen zukünftig besten Freund und das Chaos, in dem er sich befand. Es wurde dringend Zeit, dass er ihn rettete!
„Harry Potter. Ich bin Draco Malfoy. Das ist Crabbe, Goyle“, stellte er sich und seine beiden Begleiter vor und bot dem anderen Jungen die Hand an.

Harry sah etwas perplex aus. Sicher hatte er nicht damit gerechnet, hier noch rauszukommen. Sie schüttelten sich die Hand, eine merkwürdige Geste bei zwei kleinen elfjährigen Jungen, die nicht mehr klein sein wollten und das erste Mal allein in die Welt hinaus fuhren.

Für Draco Malfoy war es eine gewohnte Etikette. Das kam in seiner Familie mit der Muttermilch.

Harry Potter wusste nicht so recht, was er von dem Auftauchen der drei Jungen halten sollte. Bis jetzt hatte er sich gut mit Ron verstanden, den er im Zug kennengelernt hatte. Hermine Granger war das nervige Mädchen und sie hatten noch nicht rausgefunden, wie sie sie loswurden, damit sie sich weiter über Quidditch unterhalten konnten. Warum kamen nur so viele Leute in sein Abteil? Es war ihm unangenehm, dass er so bekannt war. Harry versuchte vergeblich sein Haar platt zu drücken, damit es ihm in die Stirn fiel und die Narbe verdeckte.

Der Junge in der Ecke gab ein Geräusch wie ein sterbender Mader von sich. Draco musterte ihn kurz. „Lass mich raten. Rote Haare, Sommersprossen, aber kein Geld um anständige Kleidung zu kaufen? Du musst ein Weasley sein!“, höhnte er.

Er musste nicht lange überlegen, was das Wiesel bei seinem besten Freund im Abteil wollte. Klar, ein wenig von dessen Ruhm! Dem würde Draco einen Riegel vorschieben.

Ein undefinierbares Geschöpf quakte. Dracos Blick glitt über den Jungen, der das Tier hielt. Neben ihm stand das Mädchen. Sie war eines der hässlichsten Kinder, das er jemals gesehen hatte. Und da er sie bislang nie zuvor gesehen hatte, konnte er fest davon ausgehen, dass sie Muggelblut in ihren Adern hatte.

Etwas angeekelt schaute Draco von dem Schlammblut zurück zu seinem baldigen Freund. „Du wirst bald feststellen, dass einige Zaubererfamilien besser sind als andere“, half er Potter auf die Sprünge. Er musste nachsichtig sein. Vater hatte ihm erzählt, dass Dumbledore den Jungen, der lebte, irgendwo bei Muggeln versteckt hatte. Um ihn zu beschützen, was für Draco nicht nachvollziehbar war.

Vor wem musste Harry Potter auch beschützt werden?

Er hatte Du-weißt-schon-wen besiegt. Er war einer der mächtigsten Zauberer, die es geben würde.

Und er hatte noch so viel zu lernen. War unter Muggeln aufgewachsen und wusste fast gar nichts. Draco stieß einen stummen Seufzer aus. „Du willst dich doch nicht etwa mit der falschen Seite abgeben, Potter. Ich könnte dir behilflich sein.“

Für Draco, der als einziger Sohn seiner Eltern immer machen konnte, was er wollte, war das ein großzügiges Angebot. Er würde Rücksicht nehmen auf jemanden, der nicht so weit war wie er. Crabbe und Goyle waren das auch nicht, aber die kommandierte er nur herum. Er musste seinem neuen Freund beibringen, dass man mit den beiden so umsprang. Ihre Familien waren reinblütig, erstklassiges Blut, nur leider ließen sie nicht die geringsten Anzeichen für Größe oder Intelligenz sehen, die Draco einst besitzen würde.

Und wie mächtig Harry erst werden würde!

Erwartungsvoll wartete der elfjährige Draco noch immer darauf, dass Harry Potter sich erhob und an seiner Seite in eine glorreiche Zukunft schritt.

Doch Harry Potter stand nicht auf. Er sah Draco Malfoy mit einem unsicheren und abneigenden Gesichtsausdruck an. Warum der junge Potter schon in diesem Moment beschlossen hatte, dass er Draco nicht mochte – es würde dem Malfoy jahrelang ein Rätsel bleiben. Er wäre schließlich der Inbegriff eines besten Freundes geworden.

„Ich denke, ich kann sehr gut selbst entscheiden, wer zur falschen Sorte gehört.“

BAMM.

Da kam der Schlag mit dem Draco, der stets verhätschelte und behütete Draco, nicht gerechnet hatte. Vater hatte gesagt, Harry Potter würde ein mächtiger Zauberer werden, mit dem man sich besser gut stellte. Und Draco hatte beschlossen, dass er und Potter beste Freunde werden würden.

Niemals hatte er damit gerechnet, dass der andere dieses Angebot ausschlagen könnte! Er wusste doch gar nicht, was er da tat! Mit wem er es sich verscherzte!

Wut und ein bislang unbekanntes Gefühl tobten in Draco und für einen Moment überlegte er, das Krötenviech, was aus den Händen des Jungen erneut auf den Boden gesprungen war und nun quakend vor seinem Fuß saß, zu erwürgen. Allerdings wollte er das unansehnliche Tier nicht hochheben.

Stattdessen zischte er ein „Schön“, fuhr sich sicherheitshalber durch das perfekt sitzende Haar – daran konnte es nicht liegen – und verließ dann mit hoch erhobenem Kopf das Abteil in dem Potter mit den Versagern bleiben wollte.

„Was ein Troll“, meinte Goyle. Ob er Draco aufmuntern wollte?

„Halt die Klappe“, schnauzte der zurück. Er konnte jetzt kein Gerede ertragen. Gedanklich versuchte er herauszufinden, was Vater sagen würde.

Harry Potter würde zum größten Zauberer aller Zeiten werden und Draco hatte es vermasselt. Dass die Familie Malfoy nicht an Potters Seite zu Ruhm und Glorie kommen würde, alles seine Schuld.

Das Dach des kompletten Zuges schien über ihm einzustürzen. Es war erstaunlich, als er sich umdrehte sah der Waggon, durch den sie schritten, immer noch heil aus. Zwei kichernde Ravenclaws verschwanden wieder in ihrem Abteil. Sie holten bereits ihr Gepäck, es wurde auch Zeit.

Bis sie im Bahnhof Hogsmeade einfuhren, brütete Draco vor sich hin. Gab es noch etwas, was er tun konnte? Konnte er irgendwie abwenden, dass seine Eltern unwiederbringlich enttäuscht von ihm waren?

Es war sein erster Tag fort von zuhause. Jetzt war er groß. Und prompt hatte er versagt. Draco war enttäuscht von sich selbst.

Natürlich wusste er, was als nächstes kam, als sie hielten und die ganze Schar Schüler schnatternd und lachend ausstieg. Der Riese stand auf dem Gleis und winkte mit einer großen, flatternden Hand, dass die Erstklässler zu ihm kommen sollten.

„Vielleicht fällt die Hälfte über Bord“, kommentierte Draco düster. Mutter hatte ihm von der Überfahrt in Booten erzählt.

Goyle kicherte. Crabbe machte „Hä?“, was ja nicht anders zu erwarten war. Mit Harry Potter hätte er einen Freund gehabt, der wenigstens für Unterhaltungen gut war, nicht nur Monologe. Oder sah er das alles falsch?

Draco bekam kaum mit, wie er neben seinen beiden Freunden in ein Boot kletterte und jemand zu ihnen stieg oder wer das war. Neben Potter waren sie alle unwichtig. Harry Potter war der Star der Neuankömmlinge und auf ihn richteten sich alle Blicke. Vielleicht war es ja gut, überlegte Draco, während die Enttäuschung an ihm nagte und langsam ein Loch riss, welches noch größer als der See war.

Vielleicht musste Harry Potter erst lernen, was Draco versucht hatte anzubieten. Dass manche Familien besser waren als andere. Und dass Harry, auch wenn er in der Muggelwelt aufgewachsen war, ein großer Platz zustand unter den bedeutendsten Zauberern, die das Jahrhundert sehen würde. Er würde es lernen. Noch sonnte er sich vielleicht lieber allein in seinem Ruhm, während um ihn herum die Schlammblüter und Blutsverräter krochen und ihn bewunderten, aber wenn er dessen überdrüssig geworden war und nach einem wahren Freund suchte, würde Draco da sein.

Warum nur fühlte er sich dann immer noch so enttäuscht, während er beobachtete, wie das Boot mit Potter, dem Weasleyspross, Schlammblut und Krötenjunge vor ihm sanft über den dunklen See schaukelte? Warum wollte er, dass die Geschichten über Kraken und andere Ungeheuer wahr waren und den Jungen, der lebte, über Bord zogen und ein für alle Mal zu einem Mythos machten?

Vielleicht war noch nicht alles verloren. Vater sagte, Harry Potter würde ein großer Magier werden und Vater hatte bestimmt Recht, also würde Draco nicht aufhören sich anzustrengen. Er würde nicht aufgeben, Enttäuschung hin oder her.

Crabbe murmelte etwas. Goyle starrte angestrengt über den Rand des Bootes.
„Musst du kotzen, Goyle?“, fragte Draco. Der vierte im Boot sah aufgeschreckt zu ihm, aber der junge Malfoy beachtete ihn gar nicht weiter. Niemand außer Harry Potter war es heute schon wert seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Er kam gerade erst an. Morgen war noch genug Zeit die richtigen, zweitrangigen Freundschaften zu schließen.

Dennoch ertappte Draco sich dabei, wie er die anderen beäugte. Nicht das Schlammblut, bei Merlin, warum hatte man nichts gegen ihre Zähne gemacht und ihr eine Kurzhaarfrisur gegeben? Seine Augen glitten über einen hochgewachsenen Schwarzen, einen kleinen hasengesichtigen Jungen in einem benachbarten Boot und ein mopsgesichtiges Mädchen, das trotz der Überfahrt kicherte und dabei geziert die Hand vor den Mund schlug.

Mädchen. Draco schüttelte den Kopf. Er war mit so großen Erwartungen nach Hogwarts gefahren und jetzt zog er schon Mädchen als Freunde in Betracht, nur weil er enttäuscht war über Harry Potters Reaktion?

„Komm schon Goyle. Gleich kannst du den Gryffindors vor die Füße kotzen.“ Das Boot schwankte heftig, als Draco aufstand, doch er kümmerte sich nicht darum, was die Bewegung mit dem Magen seines Freundes anstellte. Hauptsache Crabbe und Goyle beeilten sich zu ihm aufzuschließen, damit er nicht allein da stand. Was mussten die beiden auch alles in sich hineinstopfen, wo sie doch ebenso gut wie er wussten, dass die Erstklässler noch nicht in die Kutschen durften, sondern mit dem Riesen die Abenteuerfahrt über den See machen mussten!

Draco zog seinen neuen Umhang ein Stück höher, damit er nicht im Matsch hing und beäugte aus den Augenwinkeln wie Harry Potter ausstieg und hilfreich die Hand ausstreckte um seine Fahrtgenossen an Land zu ziehen. Es brannte auf Dracos Zunge wie ein Brausedrops. Diese Hand hätte ihm helfen sollen, so wie er seinen Freunden geholfen hätte an Land zu kommen.

Etwas verspätet drehte Draco sich um und sah, ob Goyle es ans Ufer geschafft hatte, aber da kamen seine beiden Kompagnons auch schon hinter ihm her. Gemeinsam reihten sie sich ein und ließen sich zum allerersten Mal über die Stufen hoch ins Schloss führen.

Hogwarts.

Dracos Herz pochte bei weitem nicht so stark, wie er sich das ausgemalt hatte. Sein erster Tag an der neuen Schule. Das würde ein aufregender Tag, der Einstieg für alle kommende Glorie. Er hatte sich ausgemalt, wie er Harry hier gönnerhaft von den ersten Tagen längst verblichener, aber nie vergessener Ahnen erzählte.

Stattdessen schnatterte alle Welt und Draco schwieg düster. Ein paar Mädchen quietschten, als sie entdeckten, dass die Porträts an den Wänden sich bewegten. Crabbe stieß ihn grinsend in die Seite, worauf hin Draco ihn böse anblickte.

Was sollte das nur alles? Wo war sein perfekter erster Schultag hin?

Jetzt stand er mitten unter diesen dummen Schafen und musste sich die absonderlichsten Vermutungen über den Test anhören, der sie erwartete. Natürlich wusste Draco alles über den Sprechenden Hut. Vater hatte ihm davon erzählt, Mutter hatte ihm davon erzählt. Ihm war bewusst, wie wichtig der Augenblick war, wenn er den Hut aufsetzte und dass er es tun musste, selbst wenn er so dreckig und verlaust aussah wie in den Erzählungen seiner Mutter. Nur der Hut konnte ihn nach Slytherin stecken. Also musste er da durch.

Aber sich anhören, dass es furchtbar weh tun würde? Was für Blödsinn hatte sich denn da wieder jemand ausgedacht? Draco musste gar nicht erst schauen um zu wissen, dass es der Weasley war.

Ist es das, was du willst, Potter? Einen Freund, der dir den größten Schwachsinn erzählt, damit du dir klug vorkommst?

Draco könnte das auch. (Obwohl er tief in seinem Herzen wusste, dass er zu stolz sein würde jemandem die Stiefel zu lecken. Sein selbstsicheres elfjähriges Ich hatte noch nicht gelernt, dass es Zauberer gab, denen man sich besser vollständig unterwarf).

Eine faltige, ältere Frau holte sie ab, stellte sich als stellvertretende Schulleiterin Professor McGonagall vor und führte sie nach einer kurzen Einweisung in die Große Halle. Draco kam das alles überflüssig vor. Warum mussten sie hier Schüler annehmen, die nicht einmal annähernd wussten, was sie erwartete? Er hätte Harry davon erzählen können, wie gewaltig die Große Halle aussah, auch wenn er in diesem Moment dachte, dass sie nicht halb so majestätisch wirkte wie die Eingangshalle von Malfoy Manor.

Hier war es viel zu laut und gedrängt. An vier langen und verramschten Holztischen saßen Schüler jeden Alters und benahmen sich nicht im Geringsten so ehrfurchtgebietend und militärisch wie Draco sich das immer ausgemalt hatte. Wenn Vater von Hogwarts erzählt hatte, hatte es anders geklungen.

Erneut schluckte der Junge. Seine Zunge hörte nicht auf zu brennen. Er hatte einen schalen Geschmack im Mund.

„Stellt euch hier auf“, wies Professor McGonagall sie an. Der Drang war groß, aber Draco widerstand der Versuchung einen Blick über die Schulter zu werfen. Er wusste auch so, dass alle Augen auf die Versammlung Erstklässler gerichtet sein würde. Jetzt ein falscher Eindruck und die großen Jungen würden ihn kämpfen lassen statt ihn als den anzuerkennen, der er war: ein Malfoy.

Professor McGonagall holte eine Liste hervor und fing mit „Abbott“ an. Nachdem Draco einmal beobachtet hatte, wie ein blondes kleines Mädchen zum Hocker in der Mitte hüpfte, den Hut aufsetzte, der schließlich „Hufflepuff“ verkündete, verlor er das Interesse am Zuschauen und beobachtete aus den Augenwinkeln Harry Potter und seine armselige Anhängerschaft.

Hatten sie noch eine Chance?

Würden sie noch Freunde werden?

Die Abweisung im Zug nagte an Draco und er fühlte all seine Erwartungen, die er in langen Jahren voller Geschichten von seinem Vater aufgebaut hatte (sie erzählten vom Jungen, der lebte, von dem, der Du-weißt-schon-wen besiegt hatte, ein großer Held, ein noch größerer Zauberer und den Vorteilen, die ein enger Freund dieses Zauberers haben würde) auf ihn niederdrücken, als wollten sie vom Gewicht ganz Hogwarts übertrumpfen.

„Crabbe, Vincent“ wurde aufgerufen und sein treuer Kindheitsfreund stolperte dümmlich grinsend nach vorn. Draco seufzte leise. Ein wirklich ehrfurchtgebietender Anblick war das nicht. Immerhin kam schon nach wenigen Augenblicken die Verkündung „Slytherin“ und er sah Crabbe nach, wie er unter dem Applaus des einzig wahren Hauses am Tisch ganz zur Linken Platz nahm.

Bislang hatte Draco sich kein einziges Mal die Unsicherheit erlaubt, ob er nach Slytherin geschickt werden würde oder nicht. Er war ein Malfoy. Alle Malfoys waren Slytherins! Wenn der Hut das nicht wusste, dann war es vielleicht Zeit, dass er in eine Ansammlung Putzlappen verwandelt wurde.

Jetzt machte sich ein kleines bisschen Sorge in ihm breit, während Goyle, immer noch ein wenig grün im Gesicht, aber mit einem Auge schon gierig bei der Tischdeko, ebenfalls nach Slytherin gesteckt wurde. Das hässliche Schlammblut aus dem Zug kam nach Gryffindor, wo sie triumphierend und mit einem herrischen Schwenk ihrer Zotteln Platz nahm.

Dracos Miene zuckte.

Gryffindor. Was ein Abschaum. Genau da gehörte sie hin.

Eine Greengrass wurde aufgerufen, dann eine Jones. Draco betrachtete mit mehr Aufmerksamkeit, wohin der Hut die einzelnen Schüler schickte. Longbottom entpuppte sich als der tollpatschige Krötenjunge, was eine wahre Schande für den Namen und die Familie war. Macmillan, ebenfalls ein großer Name, wurde nach Hufflepuff gesteckt, was ebenfalls nichts Gutes über den Jungen verhieß.

Draco war froh, dass er gar nicht erst Zeit mit ihnen vergeudet hatte.

Und dann war er an der Reihe.

„Malfoy, Draco.“ Emotionslos und streng, wie die Stimme der Lehrerin schon in den Geschichten geklungen hatte kam der Aufruf.

Draco nahm sich daran ein Beispiel und stieg mit stoischer Miene die Stufe empor. Oben nahm er auf dem wackeligen Hocker Platz.

Er verdrängte die Enttäuschung. Die unerfüllten Erwartungen. Die verfehlten Pläne seiner Eltern. Seine geplatzten Träume. Harry Potter.

Harry Potter?, säuselte ein dünnes Stimmchen in sein Ohr.

Ich sehe, ich sehe. Du machst große Pläne, doch was kümmert er dich? Du denkst an dich, junger Malfoy. Ein Malfoy durch und durch und dein Platz ist unzweifelhaft in-

„Slytherin!“

Draco platzierte den dreckigen Hut mit einem feinen Lächeln wieder auf dem Hocker und stolzierte dann an den noch hauslosen Mitschülern vorbei zum Slytherintisch, wo er Hände schüttelte und sich gratulieren ließ.

Bis er damit fertig war und Goyle davon abgehalten hatte die Dekoration zu verspeisen, hatten bereits der hasenähnliche Junge und das mopsgesichtige Mädchen neben ihm Platz genommen, also würde er sich in Zukunft ihre Namen merken müssen.

„Potter, Harry!“

Nicht nur die Slytherins verstummten. Die ganze Große Halle wurde totenstill, während alle Augen sich nach vorne wandten und zusahen, wie der Junge, der lebte, unbeholfen hinauf kletterte und sich etwas unsicher den Hut aufsetzte.

Draco hätte ihn darauf vorbereiten können. Er hätte ihm die Angst schon im Zug nehmen können. Verraten, dass dies keine große Prüfung war und keine fürchterlichen Schmerzen ihn erwarteten. Was für ein Depp dieser Weasley war.

‚Schick ihn nach Slytherin’, bat Draco. ‚Bitte schick ihn nach Slytherin.’

Es wäre die einzige Chance, die letzte, wie er und Potter das noch gerade biegen könnten. Einem Slytherin würde er den falschen Start verzeihen. Sie würden neu anfangen. Und Freunde werden, die besten Freunde.

Der Hut zog sein Schweigen endlos und in Dracos Kopf hatten all die Szenen seiner Phantasie wieder Platz gefunden. Wie die Malfoys neben Harry Potter zu Ruhm kamen spielte sich wieder und wieder ab. Dann-

„Gryffindor!“

Tosender Applaus aus der anderen Ecke der Halle, während einige um ihn herum in Buhrufe ausbrachen. Draco blickte auf den Tisch vor sich. Der hübsche Dunkelhäutige gesellte sich noch zu ihnen, dann wurde der Hut abgeräumt (hoffentlich wurde er Mottenfutter!) und auf magische Weise erschien Essen vor ihnen. Beinahe ebenso magisch verschwand es in atemberaubendem Tempo in Crabbe und Goyle, doch Draco war alle Arten von Magie und Verfressenheit gewöhnt.

Obwohl es reichlich Auswahl an Speisen gab und Gerichte in allen Farben des Regenbogens aufgetischt worden waren, schmeckte es schal und trüb auf der Zunge. Energisch kaute Draco auf einem Hähnchenschenkel herum. Das war sein erster Tag. Es würde besser werden.

Und während er inmitten seiner neuen Hauskollegen sein erstes Festmahl in Hogwarts zu sich nahm und Harry Potter eine halbe Halle entfernt zwischen Schlammblütern und Blutsverrätern ebenfalls das reichliche Angebot genoss und sich freute in Gryffindor gelandet zu sein (nachdem er den Hut selbst gebeten hatte, nicht nach Slytherin geschickt zu werden), wucherte die Enttäuschung in Draco Malfoy und wuchs zu einem kleinen knorrigen Bäumchen, das wütend mit den Ästen wackelte.

Sein Vater hatte sich geirrt. Er musste sich geirrt haben. Große Zauberer kamen nicht aus Gryffindor.

Harry Potter war ein Niemand. Ein nichtsnutziger Niemand in Gryffindor, der zufällig eine Narbe auf der Stirn trug und es nicht wert war, dass Draco sich über ihn den Kopf zerbrach.

Oder enttäuscht war.

Hogwarts würde großartig werden, da war der neue kleine Slytherin überzeugt. Er würde die Zeit großartig machen. Für sich und seine Freunde – und miserabel für Harry Potter und die Gryffindor um ihn herum.

So wuchs die Enttäuschung und wucherte und trug schließlich Früchte. Eine neue Feindschaft zwischen Gryffindor und Slytherin war geboren.
Review schreiben