In Flammen

von Cocinelle
KurzgeschichteRomanze, Angst / P12
02.09.2013
02.09.2013
1
1.638
 
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
02.09.2013 1.638
 
„Schatz, du denkst noch daran, dass wir heute Abend die erste Stunde im Tanzkurs haben?“, fragte Kapitän Thure Sander seine Verlobte, WO Saskia Berg, die gerade einen Stapel Akten bearbeitete. „Wie könnte ich das vergessen, wenn du mich mindestens einmal in der Stunde daran erinnerst“, seufzte diese. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen. Einen Tanzkurs! Aber Thure hatte darauf bestanden, dass sie vor der Hochzeit gemeinsam Tanzstunden nahmen. Und sie konnte ihm einfach keinen Wunsch ausschlagen. Saskia wandte sich wieder ihren Akten zu. Wenn sie die vor Feierabend nicht durch hatte, würde Gruber sie lynchen. Glücklicherweise war heute ein ruhiger Tag gewesen, so dass sie gut vorangekommen und jetzt fast fertig war.
Eine Stunde später war es soweit. Die anderen Kollegen waren schon gegangen, und Saskia war mit Thure allein im Büro. „Ich gehe mich schnell umziehen, dann können wir los“, rief sie ihm zu. Er nickte und kämpfte noch mit seiner Krawatte. Im Tanzkurs war Abendkleidung Pflicht. „Komm, ich helfe dir“, sagte Saskia und stellte sich hinter ihn. Mit flinken Fingern band sie seine Krawatte. „Wow, woher kannst du denn das?“, fragte Thure erstaunt. „Tja, ich stecke halt voller Überraschungen“, antwortete sie verschmitzt. „Das kann man wohl sagen.“ Er drehte sich zu ihr um, legte die Hand unter ihr Kinn und gab ihr einen innigen Kuss. „So, jetzt aber los, sonst kommen wir noch zu spät zur ersten Stunde.“

Während der Autofahrt musterte Thure Saskia unauffällig. Sie sah so gut aus in ihrem langen roten Kleid. Wahrscheinlich wusste sie gar nicht, wie attraktiv sie war. Thure seufzte, er hatte ein solches Glück, dass er eine Frau wie Saskia gefunden hatte.

Sie kamen gerade noch rechtzeitig. Die Tanzlehrerin stellte gerade die Paare hintereinander auf und kommentierte ihre Haltung. Thure nahm Saskia bei der Hand und stellte sich mit ihr in die Reihe. Er legte ihr eine Hand auf den Rücken und zog sie an sich. Als die Lehrerin bei ihnen ankam sagte sie: „Sehr gut, wenn sie ihre Partnerin vielleicht noch etwas zu sich ziehen würden.“
„Oh, das gefällt mir“, murmelte Thure und zog Saskia noch enger an seinen Körper.
„Warum habe ich nur das Gefühl, du würdest die Situation schamlos ausnutzen?“, fragte sie ihn. Er grinste nur.
„Na warte, das Grinsen wird dir noch vergehen, wenn ich die bei jedem zweiten Schritt auf die Füße trete.“
„Das halte ich schon aus.“

Die Musik ging los, und unter den Anleitungen der Lehrerin begannen die Paare mit ihren Tanzschritten. Wider Erwarten kam sich Saskia nicht wie der letzte Trampel vor und genoss es nach einer Weile sogar, sich von Thures starken Armen führen zu lassen.
„Das ist doch gar nicht schlecht“, flüsterte Thure, „ich freue mich schon, an unserer Hochzeit mit dir über das Parkett zu wirbeln.“
Saskia lächelte. In einem Monat wollten sie heiraten. Sie hätte nie gedacht, dass es einmal so weit kommen würde, doch sie war sich sicher mit Thure genau den richtigen getroffen zu haben.
Plötzlich bemerkte sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung. An der hinteren Wand der Halle trat ein Mann durch die Tür. Er trug eine sichtlich schwere Reisetasche.
„Der Mann da hinten gefällt mir nicht. Er hat irgendwie etwas Komisches an sich“, wies Saskia Thure auf ihn hin. „Ach Schatz, du kannst die Polizistin einfach nicht schlafen legen, oder? Ich bin sicher, der ist ganz harmlos.“
„Ja, wahrscheinlich hast du recht.“

Drei Tänze später sagte Saskia: „Ich muss kurz auf die Toilette. Aber nicht, dass du mir untreu wirst“, fügte sie neckend mit einem Blick die Gruppe Frauen, die keinen Tanzpartner gefunden hatten, hinzu. Thure grinste schelmisch.

Es dauerte eine Weile bis Saskia in den verwinkelten Gängen der Tanzschule endlich die Damentoilette gefunden hatte. Als sie fertig war, erneuerte sie noch ihr Make-Up und machte sich dann auf den Rückweg.

Sie hatte die Halle noch nicht wieder erreicht, als ihr ein beißender Geruch in die Nase stieg. War das Rauch? Als sie die Tür zur Halle öffnete, sog sie erschrocken die Luft ein. Keine gute Idee, denn sofort muss sie husten. Keuchend sah sie sich um. Die ganze Halle war voller Rauch, und die gesamte hintere Wand brannte lichterloh. Da dadurch der Haupteingang blockiert war, drängten alle Leute in Richtung des kleinen Notausgangs. Vereinzelt sah Saskia Personen am Boden liegen. „Oh mein Gott, Thure!“ rief sie in das Chaos, doch sie konnte ihn nicht ausmachen. Sie presste sich ihre dünne Jacke vor Mund und Nase und stürzte sich in die schreiende Menge. „Thure, wo bist du?“, rief sie. Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie konnte nicht sagen, ob das vom Rauch kam, oder wegen ihrer Sorgen um ihren Verlobten.
Plötzlich sah sie Thures Jackett auf dem Boden liegen. Sie hob es auf und begann nun haltlos zu schluchzen. Hinter ihr wurde es immer heißer, und in dem ganzen Qualm konnte sie kaum noch etwas sehen. In der Ferne hörte sie ein Martinshorn, das immer näher kam. Wenigstens war die Feuerwehr gleich da.

Saskia irrte weiter. Dabei überlegte sie, wie das Feuer hatte ausbrechen können. Der Mann mit der Reisetasche viel ihr wieder ein. Konnte es sein, dass er Benzinkanister darin transportiert hatte? Auf einmal hörte sie ein ersticktes Keuchen neben sich. Eine Frau lag dort am Boden, sie hatte Verbrennungen an den Beinen und sichtlich Schmerzen. „Kommen Sie, ich helfe ihnen zur Tür“, sagte Saskia. Sie packte die Frau unter den Schultern und schleppte sie zum Notausgang. Da sah sie, wie Thure etwa 2 Meter vor ihr ebenfalls einer Frau half, die Halle zu verlassen. „Thure!“, schrie sie. Er wandte sich um. „Saskia. Gott sei Dank. Ich hab mir solche Sorgen gemacht.“ Seine Stimme war durch den Rauch kaum mehr als ein heiseres Krächzen. Er kam auf sie zu und drückte sie fest an sich. Dann sagte er: „Es sind immer noch Leute da drin. Bleib du hier, ich werde sie rausholen.“
„Thure, nein, das ist viel zu gefährlich, da drinnen brennt alles und die Wand kann jeden Moment einstürzen.“
„Ich bin Polizist, es ist meine Aufgabe die Menschen zu retten“, sagte Thure stur, und war schon im Rauch verschwunden. Saskia schüttelte den Kopf. Jetzt half nur noch bete, dass ihr Verlobter wieder heil heraus kam. Zum Glück hatte die Feuerwehr inzwischen damit begonnen, den Brand zu löschen.

Saskia sah sich um, und als sie sah, dass mittlerweile auch die Verletzten von den Sanitätern behandelt wurden, lief sie los, um den Mann mit der Reisetasche zu suchen. Da entdeckte sie die Tasche zwischen den Büschen. Sie öffnete sie und roch. Da waren eindeutig Benzinkanister drin gewesen! Sie lief weiter. Auf dem Parkplatz sah sie den Mann, wie er gerade sein Auto aufschloss. Sie verfluchte sich, dass ihre Handtasche, in der sich auch ihre Waffe befand, irgendwo in der Halle lag. So musste sie sich eben auf ihre Körperkraft verlassen. Sie sprintete los. Mit einem Satz warf sie sich auf den Mann, der gerade dabei war, ins Auto zu steigen. Sie warf ihn zu Boden und drehte ihm die Arme auf den Rücken. „Dein Spiel ist aus“, sagte sie, nach Luft schnappend. „Meine Kollegen werden gleich hier sein.“
„Lassen Sie mich los, ich habe nichts getan.“
„Das können Sie ja dann auf der Wache erklären.“
Plötzlich tauchte die Tanzlehrerin auf. Sie hatte Brandblasen an den Armen, doch sonst schien es ihr gut zu gehen. „Ole, was machst du denn hier?“, fragte sie den am Boden liegenden Mann.
„Sie kennen ihn?“, wollte Saskia wissen.
„Ja, das ist mein Ex, Ole Bender.“
Da wurde Ole wütend. „Du hast das alles nicht verdient. Ich habe genauso hart für die Tanzschule gearbeitet wie du! Aber du hast mich einfach rausgeworfen. Ich wollte, dass du auch einmal siehst, wie es ist, alles zu verlieren, wofür man gearbeitet hat. Es geschieht dir nur recht!“
In diesem Moment kam der Polizeiwagen angebraust. „Herr Bender, sie sind vorläufig festgenommen, wegen vorsätzlicher Brandstiftung und Körperverletzung.“ Die Polizisten legten Bender Handschellen an und verfrachteten ihn ins Auto. „Sehr gute Arbeit, Kollegin“, wandte sich der Ältere an Saskia, „aber ich fürchte, ihr Kleid ist ruiniert.“ Saskia sah an sich herunter. Das neue rote Kleid war nur noch ein Fetzen, der Saum aufgerissen und voller Brandlöcher. „Naja, es gibt Schlimmeres“, murmelte sie. Plötzlich musste sie wieder an Thure denken. „Oh Gott, Thure. Entschuldigen Sie, aber ich muss los“, sagte sie zu den Polizisten und rannte zur Halle zurück.

Thure war nirgendwo zu sehen. Es konnte ihr auch niemand sagen, wo er war. Saskia bahnte sich einen Weg durch die Verletzten und wollte die Halle wieder durch den Notausgang betreten. Da kam ihr ein Feuerwehrmann entgegen. „Halt, Sie können hier nicht rein“, sagte er. „Aber mein Verlobter ist noch da drin!“ „Es tut mir leid, da drin ist alles ausgebrannt, und ein Deckenbalken ist herabgestürzt. Da können Sie sowieso niemanden mehr herausholen.“

Saskia brach zusammen. Das konnte doch nicht wahr sein. Sie wollten heiraten! Thure musste wieder rauskommen. Sie wollte nicht ohne ihn leben. Jemand berührte ihre Schulter. Sie blickte auf und sah durch einen Tränenschleier hindurch den Feuerwehrmann, der ihr den Zugang zur Halle verwehrt hatte. „Kommen Sie“, sagte er, „wir haben da jemanden gefunden.“ Saskia stand auf und sah, wie zwei weitere Feuerwehrleute auf sie zukamen. Sie stützten eine dritte Person. Saskia riss die Augen auf. „Thure!“, rief sie und rannte auf ihn zu. „Thure.“ Sie warf sich in seine Arme und barg den Kopf an seiner Schulter. Er stank nach Rauch, doch das war ihr egal. Hauptsache er lebte. „Ich hatte solche Angst. Ich dachte du wärst... du wärst..“, ihre Stimme brach. „Shh“, sagte Thure und strich ihr über den Kopf. „Jetzt ist ja alles gut. Ich bin wieder da.“ Die Feuerwehrleute ließen sie allein und Saskia schmiegte sich noch enger an Thure.
„Bitte, jag mir nie wieder eine solche Angst ein“, flüstere sie. „Ich verspreche es dir“, sagte Thure und küsste sie zärtlich auf den Mund.
Review schreiben