»Veni. Vidi. Vici.«

von -SH
KurzgeschichteAngst / P16 Slash
Abigail Hobbs Dr. Hannibal Lecter Will Graham
02.09.2013
02.09.2013
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Veni  Vidi  Vici


Ich kam, ich sah, ich siegte





# # #



How do you wake up from a nightmare


when you are not asleep?






Ich atme tief ein. Der Geschmack vom salzigen Metall ist bereits auf meiner Zunge. Das Blut ist überall. Das Rot ist intensiv und ich kenne keine Farbe, die man mit dieser vergleichen kann. Rot ist Macht. Rot ist geraubtes Leben. Rot ist mein Leben.
Ich höre ihren Schrei noch immer in meinen Ohren und bekomme Gänsehaut. Das Messer leuchtet auf und ich schneide, schneide, schneide. Hier geht es nicht um das Opfer und deswegen denke ich auch kaum an sie. Sie ist bloß ein Mittel zum Zweck. Trotzdem ist da Vergnügen, das ich nicht verbergen kann. Ich lächele nicht, aber mein Inneres bebt aufgeregt. Meine Gedanken liegen dennoch bei jemand anderem. Das Messer mit dem grauen Griff leuchtet wieder und wieder auf. Ich nehme es und das Fleisch mit. Es fungiert als ein baldiges Geschenk.



Das ist mein Design.




Will Graham gibt alles an Special Agent Crawford weiter. Jeden Gedanken, jedes Gefühl. Diesmal ist etwas anders. Will spricht es nicht aus, sagt es seinem Vorgesetzten nicht. Diesmal ist es... vertraut. Er kann es nicht erklären. Vielleicht bildet er es sich ein. (Graham hofft, dass es Einbildung ist und seine unglaublich starke Empathie Defizite aufweist).

»Fahren Sie nach Hause, Will. Sie sehen aus, als bräuchten Sie dringend Schlaf.«

Ja. Und nein. Sein Körper verlangt danach, nicht aber sein Bewusstsein. Er fürchtet sich. Im Schlaf kann er nichts kontrollieren; weder seine Gedanken, noch sein Handeln. Im Schlaf konnte er im schlimmsten Fall zum Mörder werden.

»Sie haben Recht. Mein Kopf macht schon wirre Sachen.« Er versucht zu lachen, hört aber auf, als er merkt, dass Jack ihn ernst mustert. Will räuspert sich, richtet seine Brille und geht versteift zum Wagen. Seine Gedanken rasen. Das Opfer erinnert ihn an Abigail Hobbs. Das Mädchen hatte dieselbe Haarfarbe, dieselbe Größe und etwa dasselbe Alter. Nur ein dummer Zufall, sagt er sich. Nur ein dummer Zufall.


Graham atmet die dunkelblaue Nacht ein. Er spürt seinen Körper nicht. Er bewegt sich von selbst, er kann bloß beobachten. Das dort ist nur eine Marionette. (Wer zieht die Fäden? Er selbst? Der Nachahmer?)
Der Körper steht auf, streckt seinen Arm aus. Seine Hand greift in dunkles, gelocktes Haar. Das letzte Opfer steht ihm gegenüber. Lebendig. Voller Leben, Blut. Rot. Rot ist Macht.
Die Hand wandert aus dem Haar, küsst die blutroten Lippen, dann beginnt er sie zu erwürgen. Warum?
Sie fällt furchtbar laut zu Boden. Ein Hirsch neben ihm zuckt zusammen.
Mythen und Märchen sagen, dass Rehe Suchenden und Umherirrenden den rechten Weg weisen.
Will folgt ihm. Ohne Emotionen in seinem Gesicht. Ohne Gedanken. Der Hirsch bleibt stehen. Vor ihm steht Dr. Lecter. Er lächelt, streckt seinen Arm aus. Graham tut dasselbe. Fast berühren sie sich. Nur noch weniger Zentimeter, dann -


Will zuckt zusammen, wacht auf. Panik und kalte Angst ziert sein Gesicht. Sein Oberteil ist nassgeschwitzt, er braucht einige Minuten, um seinen Atem zu beruhigen. Wenigstens gibt es keine toten Mädchen, die wie Abigail aussehen und auch keine Hirsche. Er schaut auf seine Füße. Keine Erde, kein Dreck. Er ist also nicht umhergewandert. Will schluckt den Kloß in seinem Hals hinunter, streichelt Winston, der durch sein Aufwachen ebenfalls geweckt wurde, hinterm Ohr.
Dann denkt er an Hannibal, schluckt einige Pillen, bevor er sein nasses Shirt auszieht und sich mit starkem Herzklopfen wieder hinlegt.


»Wenigstens bin ich nicht schlafgewandelt.«
Der Braunhaarige nimmt seine Brille ab, berührt mit seinen Fingerkuppen seinen Nasenrücken. Will ist erschöpft. Er kann nicht mehr.
»Erzählen Sie mir von dem Traum.«
Hannibal sitzt ihm gegenüber, die Beine locker überkreuzt, die Hände gefaltet. Er ist die Ruhe in Person. Das komplette Gegenteil von Graham.
Dem Psychiater fiel scheinbar auf, dass sein Patient länger als üblich schweigt und verengt seine Augen.
»Will?«
Der Angesprochene zuckt zusammen. »Ich... - Das letzte Opfer war da. Der Hirsch. Blut.«
»Irgendetwas Neues?«
Ja. Sie, Dr. Lecter.
»Nein, nichts Neues.«


Seine Hunde sind aufgeregt, freuen sich. Der Schwanz wedelt, die Augen glänzen und es sieht aus, als würden sie lächeln. Bei seinen Hunden muss Will sich nicht verstellen. Er muss nicht lächeln, wenn er nicht wollte, muss nicht tun, als wäre alles in Ordnung und normal. Das ist es lange nicht mehr.
Er streicht einigen Vierbeinern über das raue Fell, legt ihnen apathisch Futter bereit. Graham wünscht sich die alte, sichere Routine wieder. Er möchte sein freies Gewissen, die Klarheit seiner Gedanken. Jetzt ist es, als wäre er infiziert, als hätte eine Krankheit sein Hirn überfallen, als hätte jemand anders die Kontrolle über ihn.
Er setzt sich auf das Sofa und legt seine Beine hoch. Gerade, als er eindöst, fällt ihm etwas auf dem Tisch auf, das nicht dahin gehört.
»Nein...«
Ein Messer mit einem grauen Griff. Die Mordwaffe.


»Er war bei mir, verstehen Sie? Er war bei mir zu Hause
Innerlich zitternd geht Will auf und ab. Hannibal beobachtet ihn genauestens. Er hat Adleraugen. Das weiß der Braunhaarige.
»Setzten Sie sich, Will.«
Überrascht dreht er sich zu ihm. »Was?« Er ist zu aufgebracht, um sich zu setzen! Er hätte ihn schnappen können. Er hätte es voraussehen sollen. Warum war der Mörder bei ihm gewesen? Wollte er ihm etwas mitteilen? Wollte er -
»Ich sagte, Sie sollen sich setzen.«
Diese Stimme. Diese Ruhe, nach der sich Will sehnt. Diese Stimme, der er... gehorcht. Graham nimmt ihm gegenüber Platz, sieht ihn erwartungsvoll an.


»Das, was ich Ihnen jetzt sagen werde, Will«, fing er an, »wird Sie verärgern. Es wird Sie aus der Fassung bringen, aber Sie müssen sich im Klaren sein, dass ich auf Ihrer Seite bin und nichts ohne Ihre Erlaubnis tun werde.«
Will spürt, dass sich etwas in ihm verändert. Er spürt, wie sich alles in ihm zusammenzieht, wie all seine Sinne sich auf Dr. Lecter richten.
»Mich hat soeben Agent Crawford kontaktiert und mir mitgeteilt, dass am Tatort Ihre Hautpartikel, sowie Ihr Speichel gefunden wurde. Der Mörder war nicht in Ihrem Haus. Er wollte Ihnen auch keine Nachricht überbringen. Sie, Will, sind der Mörder.«
Die Ruhe wich nicht aus seinem Erscheinungsbild. Graham verstand seine Worte nicht, auch wenn er zugeben musste, dass alles logisch klang. Er schluckte trocken, schloss seine Augen. Nur keine voreiligen Entschlüsse. Ruhe bewahren. Gedanken ordnen. Konnte er Recht haben? Nicht umsonst scheinbar hatte er das Mädchen im Traum gesehen. Und er hatte sie geküsst – deswegen auch der entdeckte Speichel?
Will fühlt nichts. Keine Angst, keine Wut, nicht einmal Schuld. Für einen winzigen Moment ist alles verständlich und er weiß, dass er dieselbe Ruhe wie Hannibal ausstrahlt.
Will wusste, dass so etwas irgendwann geschehen würde. 'Irgendwann' ist jetzt gekommen.

»Was schlagen Sie nun vor, Dr. Lecter?«


# # #





Die Fahrt dauert nicht lange. Erschöpft ist Will trotzdem. Sie erreichen das Haus erst spät in der Nacht. Will wusste zwar, dass sein Psychiater einiges an Hab und Gut besaß, aber scheinbar hat er viel mehr als angenommen. Das Haus ist groß, mitten im Wald, aber nicht Aufmerksamkeit erregend. Hier würde man ihn nicht finden.
Als sie das Wohnzimmer betreten und nach der langen Reise endlich sitzen und ruhig einatmen können, bricht Will in Tränen aus. Sein Körper bebt und Hannibals Arme, die er um Will geschlungen hat, geben ihm Halt und halten ihn von einem hysterischen Zusammenbruch fern.
»Es wird alles gut. Es wird alles gut.« Er flüsterte ihm noch etwas zu, aber das verstand Will nicht. Er unterbricht ihn.
»Danke, Dr. Lecter. Das, was Sie getan haben – mich hierher zu bringen – das ist...« Er spricht nicht zu Ende. Hannibal erwidert nichts, streicht dem Jüngeren sanft einige wirre Haarsträhnen aus dem Gesicht.
»Ich mache uns etwas zu essen. Ich habe einiges mitgenommen, das sicher noch gut ist.«

Als Hannibal in der Küche steht und in der Pfanne unter klassischer Musik das Fleisch umrührt, fühlt er sich vollkommen. Das Fleisch – das dunkelhaarige Mädchen, das aussah wie Abigail Hobbs – roch vielversprechend.

Er hat es geschafft. Alles läuft nach Plan.
Dr. Lecter kann ein süffisantes Lächeln nicht unterdrücken.


Er kam, er sah, er siegte.
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