Ocean Breeze

GeschichteRomanze / P16
01.09.2013
17.09.2013
9
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Dieses Kapitel
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AN: Hallo ihr Lieben,

und herzlich Willkommen zu meiner neuen FF.
Viel zu sagen gibt es eigentlich nicht, außer dass ich dieses Mal die Prägung außen vor gelassen habe. Es gibt sie nicht. Und Nessie gibts somit auch nicht ;)
Ansonsten ist alles beim Alten. Reviews und Feedback sind erwünscht und erlaubt! Ich werde alle zwei Tage posten! Und nun:

Viel Spaß beim Lesen!



Disclaimer: Die Figuren stammen alle aus der Feder von Stephenie Meyer. Ich lasse hier nur meiner Fantasie freien Lauf und verdiene kein Geld damit.



Kapitel 1



Fünf Tage und fünf Nächte. So lange war ich nun schon in meiner animalischen Form unterwegs. Ständig darauf bedacht nicht zu denken und die Stimmen in meinem Kopf zu ignorieren, die von Zeit zu Zeit erschienen und Mitleid und Sorge mit sich brachten. Ich hatte gehofft, dass ich sie irgendwann besser ignorieren könnte, oder dass die Verbindung ab einer bestimmten Entfernung einfach abbrechen würde, doch bisher hörte ich sie immer noch so klar und deutlich, wie am ersten Tag. Dabei war mir durchaus bewusst, was meine Brüder von meiner Abwesenheit hielten. Ebenso Leahs Spott, in dem ich aber auch eine Unze Neid heraushören konnte, war mir nicht entgangen. Doch was sollte ich darauf erwidern? Ich hatte diese Entscheidung für mich getroffen und sie sollten endlich lernen, damit umzugehen. Allein Sam schien auf meiner Seite zu stehen, auch wenn ihm das eine verbale Auseinandersetzung mit den anderen gekostet hatte. Und als wäre das nicht genug, war auch Bella viel zu schnell über mein Verschwinden informiert worden, weshalb sie nun ständig Seth schickte, um mich auszuhorchen. Ich hasste es und genau deswegen gab ich ihnen diese Genugtuung nicht. Verbissen hielt ich an meinem Vorhaben, wie ein Tier zu handeln und zu denken, fest und weigerte mich konsequent, ihnen zu antworten. Heilung verschaffte mir diese ganze Haltung aber immer noch nicht.
Frustriert sprang ich über einen umgekippten Baumstamm, der von Moosflechten überwuchert war und nutzte die wenige Zeit, die mir alleine blieb, um mir über diesen Umstand den Kopf zu zerbrechen. Wieso war es immer noch nicht besser geworden? Wieso war der Schmerz selbst in Wolfsform noch präsent? Sollten Tiere nicht so fühlen können und müssen? Was hatte ich getan, weswegen ich nun solch ein Leid ertragen musste? Es war nicht fair. Ebenso wenig wie es fair war, dass Bella sich um mich sorgte. Was fiel ihr überhaupt ein? Hatte sie nicht eine Hochzeit vorzubereiten? Sollte das nicht viel wichtiger sein, als ein vermeintlicher Freund, der auf dem Weg nach Kanada war? Je länger ich darüber nachdachte, desto wütender wurde ich. Es war gar nichts fair. Weder der Schmerz, noch Bellas Handeln. Am liebsten würde ich so weit wie möglich davon laufen, nur um die Stimmen der anderen nicht mehr hören zu müssen. Irgendwo neu anfangen. Entweder als Wolf, oder als Mensch. Doch dann gab es immer noch meinen Vater, der alleine in La Push hockte und sich um mich sorgte. Konnte ich ihn einfach so zurücklassen? Mein Vater war stark, einige Wochen kam er schon alleine zurecht. Und dann war da ja immer noch Sue. Doch konnte er ewig alleine weiter machen? Würde sich Rachel um ihn kümmern, wenn sie in wenigen Wochen ihr Studium beendet hatte? Ich hatte keine Ahnung und alleine würde ich zu diesen Fragen auch keine Antworten bekommen. Es war überflüssig, sich jetzt darüber Gedanken zu machen.
Ich duckte mich unter einem tiefhängenden Ast hindurch, ehe ich gen Westen lief. In der Ferne konnte ich den Ozean hören. Wütende Wellen, die unsanft an den Rand der Klippen klatschten. Je weiter ich lief, desto klarer wurde der salzige Geruch, desto größer meine Sehnsucht nach dem Meer. Etwas zog mich in seine Richtung, als brauchte ich das Rauschen des Wassers in meinen Ohren, um alles andere endlich vergessen zu können. Wenigstens für einen kurzen Moment.

Der Wald lichtete sich, machte dunklen Felsen und einem atemberaubendem Ausblick auf den pazifischen Ozean Platz. Ich blieb für einen Moment am Rande einer Klippe stehen und starrte auf das Meer hinab. Es spiegelte heute den fast wolkenfreien Himmel wieder, wenngleich es dessen Farbe auch ein wenig verfälschte und dunkler erscheinen ließ. Die Wellen schlugen gleichmäßig gegen das Kliff, der Wind wehte mir angenehm entgegen. Ich atmete tief durch, ließ mir das Fell zerzausen und meine Augen über die Meeresoberfläche gleiten. Hier und da schwammen Treibholzstücke, dazwischen dümpelten Möwen träge vor sich hin. Es schien ein ruhiger Tag zu sein. In der Ferne konnte ich einige Fischerbötchen und andere Schiffe ausmachen, im meinem Augenwinkel erkannte ich einen Strand. Er war leer und irgendwie überkam mich plötzlich die Lust, steinigen Sand unter meinen Pfoten zu spüren. Also machte ich kehrt und suchte nach einem Weg, der mich die Klippen hinunterführte. Es dauerte nicht lange und ich erreichte die Baumgrenze, nur wenige Meter vom kiesigen Strand entfernt. Ich duckte mich in den Schatten, der mächtigen Tannen und spähte zu beiden Seiten. Nirgends konnte ich einen Menschen ausmachen. Es herrschte vollkommene Stille. Ich atmete erleichtert aus, ehe ich mich aus dem Dickicht stahl und über den Strand trottete. Kleine Muschelschalen zerbrachen unter meinen Pranken, während ich die Nase in die Luft streckte und die salzige Luft tief einatmete. Hier ließ es sich aushalten und vielleicht wäre eine kleine Pause keine schlechte Idee. Ich fand einen riesigen Treibholzstamm, vor dem ich mich niederließ. So war ich wenigstens ein bisschen geschützt, sollte dennoch ein Mensch vorbeikommen.
Langsam entspannte ich. Lauschte dem Rauschen des Ozeans und dem Zwitschern der Vögel über mir. Ab und zu setzte eine Möwe zum Sturzflug an und tauchte mit einem Platschen in die eisigen Wellen. Ein paar Mal sah ich sie auch wieder mit einem Fisch auftauchen, bis ich im Augenwinkel etwas Violettes erkannte, das meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Kurz darauf war es auch schon wieder in den Wellen verschwunden. Ich starrte auf die Stelle, bis dieses seltsame Etwas erneut aufblitzte. Einen Herzschlag später erkannte ich, was es war. Meine Eingeweide zogen sich sofort schmerzhaft zusammen und ich war in Alarmbereitschaft. Ohne zu Zögern sprang ich auf und hechtete zu den Wellen, warf mich in das eisige Wasser und schwamm auf den leblosen Körper zu, der rhythmisch vor sich hin dümpelte. Nur wenige Sekunden später hatte ich ihn erreicht und erkannte, dass es sich um ein blasses Mädchen handelte, welches schlaff über einem großen Stück Treibholz hing. Vorsichtig versuchte ich unter ihren Körper zu tauchen, um sie so zurück an Land zu bringen. Doch die Wellen waren zu stark, ohne Hände konnte ich es unmöglich schaffen. Mir blieb nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und mich zurück zu verwandeln.

Das Mädchen wog praktisch nichts. Es wunderte mich, dass die kräftige Strömung sie nicht schon längst unter Wasser gezogen hatte. Ich schwamm mit ihr an Land und legte sie vorsichtig ab. Behutsam tastete ich nach ihrem Puls und stellte erschrocken fest, dass ich diesen kaum noch unter meinen Fingerspitzen fühlen konnte. Ihr Atem war viel zu schwach.
Reflexartig legte ich meine Hände auf ihre Brust, presste und versuchte die dunkle Erinnerung in meinem Kopf zurückzudrängen, die sich verzweifelt an die Oberfläche kämpfte. Ich wurde wütend, ich konnte Bella jetzt nicht in meinen Gedanken gebrauchen. Verzweifelt versuchte ich mich auf das Mädchen zu konzentrieren. Fluchte und presste erneut, ehe ich ihre Nase zuhielt und Luft in die Lungen blies. „Komm schon! Atme, verdammt!“ Ich knurrte fast, blies ein zweites Mal, als das Mädchen reagierte. Sie würgte und hustete, dann beugte sie sich zur Seite, während ich eine Stück zurückwisch. Schniefend stützte sie sich mit zitternden Armen im Sand ab und spuckte Meerwasser aus. „Alles in Ordnung?“, fragte ich zögernd, immer noch mit den Erinnerungen von einer blassen Bella im Sand beschäftigt. Das Mädchen richtete sich stockend auf, ehe es mich kurz musterte und dann auf das Meer hinausblickte. Nun hatte ich endlich Gelegenheit dazu, sie genau zu betrachten. Sie war blass und zierlich, dennoch sehr individuell gekleidet. Sie trug ein dunkles Shirt mit buntem Aufdruck, darüber eine Jeansjacke ohne Ärmel, kurze Jeansshorts und weiße Sneakers, die mit silbernen Nieten übersät waren. Doch wesentlich auffälliger waren ihre Haare. Diese waren von einem blassen Lila und klebten ihr nun an Wangen und Schultern. Das war es gewesen, was ich in den Wellen erkannt hatte. Ihr auffälliger Schopf hatte ihr wohlmöglich das Leben gerettet.
Sie drehte den Kopf erneut zu mir und ich musterte eingehend ihr Gesicht. Sie hatte volle, blasse Lippen und eine schmale Nase, in der sie einen silbernen Piercing trug. Ihre Haut war glatt und hell, nur ihre arktischblauen Augen stachen intensiv hervor und lenkten jedes Mal meinen Blick drauf. Ich schätzte sie nicht viel älter als mich, doch ich war mir nicht völlig sicher. Vielleicht war sie ein Mädchen aus der Stadt. Die sahen meistens älter aus, als sie waren. „Was ist passiert?“, fragte sie leise und durchbrach so meine Gedanken. Verdutzt hob ich eine Braue, ehe ich es ihr schilderte. „Ich habe dich in den Wellen treiben gesehen und dich herausgezogen. Weißt du nicht mehr, wie du dahin gekommen bist?“ Ihr Blick glitt zurück zum azurblauen Ozean, dann schüttelte sie den Kopf. „Weißt du wie du heißt? Oder woher du kommst?“ Erneutes Kopfschütteln. „Kannst du dich an irgendetwas erinnern?“ Sie sah wieder auf, ihre Miene schmerzhaft verzogen.
„Nein.“ Ihre Hand fuhr hoch zu ihrer Stirn. Sie massierte diese leicht, doch der verzweifelte Gesichtsausdruck blieb. Ich saß vor ihr wie ein geprügelter Hund, völlig überfordert mit meinen Gedanken und Gefühlen, nicht fähig irgendetwas zu tun. Erst als sie mich erneut musterte, taute ich auf. „Wer bist du?“, fragte sie mit kratziger Stimme, ehe sie den Rest meines Körpers betrachtete und den Kopf überrascht schief legte. „Und wieso bist du nackt?“ Ich zuckte zusammen, bevor ich mich so hinsetzte, dass sie nicht zu viel sah und mich in Gedanken einen Idioten schimpfte. Wieso war ich auch davon gelaufen und hatte meine Kleider zurückgelassen? Noch nicht einmal eine Hose hatte ich dabei. Das Mädchen musterte mich immer noch verwirrt, während ich versuchte, mir eine Ausrede einfallen zu lassen. „Sagen wir einfach, es ist eine etwas längere Geschichte.“ Sie blieb stumm, ihre blauen Augen bohrten sich in meinen Blick.
„Und wie heißt du nun?“, durchbrach sie schließlich die Stille.
„Jacob. Aber die meisten nennen mich Jake.“ Sie nickte, ehe eine seichte Briese um uns wehte und ihren Körper zum Zittern brachte.
„Tut mir leid. Dir muss sicher schrecklich kalt sein. Ich…“, hilfesuchend sah ich mich um, „ich werde nachsehen, ob ich etwas zum Wärmen finde. Bleibst du hier? In der Sonne dürfte es angenehmer sein, als im Wald.“
„Lässt du mich alleine?“ Ihre Stimme klang schwach.
„Nein. Ich werde zurückkommen. Versprochen. Sobald ich etwas gefunden habe. Ich beeile mich.“ Auch wenn sie etwas verloren aussah, nickte sie. Ich atmete tief durch, dann sprang ich auf und lief zurück in den Wald.

In meine Gedanken herrschte heilloses Durcheinander. Bella. Das Mädchen. Zahllose Erinnerungsfetzen, die einfach nicht aus meinem Kopf verschwinden wollten. Hatte ich vollkommen den Verstand verloren? Hätte ich sie mit mir mitnehmen sollen? Aber ich war vollkommen nackt und hatte keinen blassen Schimmer, was ich als nächstes tun sollte. Ich musste Menschen suchen. Irgendjemand, der mir vielleicht helfen konnte, oder etwas, das hilfreich war. Ich stolperte tiefer in den Wald hinein, den hilflosen Gesichtsausdruck des Mädchens immer noch vor Augen. Der Gedanke sie alleine am Stand zurückzulassen, behagte mir nicht, doch eine andere Lösung fiel mir auf die Schnelle auch nicht ein. Ich musste improvisieren. Vielleicht fand ich ein Dorf oder eine Stadt in der Nähe. Und dann? Einfach nackt durch die Straßen spazieren? Eine andere Lösung musste her. Vielleicht sollte ich mir eine Lendenschürz aus Blättern basteln… wie Tarzan… Selbst ich musste bei diesem Gedanken verzweifelt auflachen. Scheiße, ich war viel zu verwirrt, um einen klaren Gedanken zu fassen. Tief durchatmend blieb ich stehen. So kam ich ganz sicherlich nicht zum Ziel, also riss ich mich zusammen und konzentrierte mich. Einen Moment später befand ich mich auf vier Pfoten und lauschte gespannt auf Stimmen in meinem Kopf. Sie blieben aus, was mich erleichtert durchatmen ließ. Besserwisserische Sprüche aus der Ferne waren nun das Letzte, was ich gebrauchen konnte. Ich sah mich einen Moment um, dann vertraute ich auf meine Sinne und lief, mit der Nase am Boden, weiter. Ich brauchte Kleidung und vermutliche eine Decke oder ähnliches, soviel stand fest. Zudem hatte ich nicht viel Zeit, da ich das Mädchen nicht ewig am Strand zurücklassen konnte. Ich musste mich beeilen und darauf hoffen, dass mir schnellst möglichst eine Lösung einfallen würde. Vielleicht trieben sich ja Camper in der Nähe herum. Das würde mir schon reichen, auch wenn es bedeuten würde, dass ich stehlen musste. Konzentriert streckte ich die Nase in die Luft, schnupperte einen Moment und nahm im Norden tatsächlich den schwachen Geruch von Rauch wahr. Konnten das Menschen sein? Hatte ich vielleicht doch Glück? Ich musste es versuchen, also lief ich los. Ohne Rücksicht auf Verluste wetzte ich durch das Unterholz, das Bild des zitternden Mädchens immer noch vor Augen. Nur wenige Minuten später wurde der Gestank von verbranntem Holz intensiver und der Geruch von Menschen mischte sich darunter. Erleichterung machte sich in mir breit und trieb mich zu einer Art Höhenrausch. Ich sprang über Baumstämme und Felsen und fand mich bald tatsächlich in der Nähe eines Campingplatzes. Schweratmend kam ich zum Stehen, ehe ich mich vorsichtig in die Schatten einiger Farne duckte und langsam an das Lager heranpirschte. Einige Zelte standen am Rand einer Lichtung, in der Mitte dieser konnte ich eine riesige Feuerstelle ausmachen und daneben ein großes Zelt. War ich hier auf eine Pfadfindergruppe gestoßen? Ich lauschte, doch alles was ich wahrnehmen konnte, war leise Musik, die aus einem alten Radio dringen musste und stetiges Schnarchen. Vermutlich war die Gruppe unterwegs und wenn ich Glück hatte, war die Person, die gerade schlief, die einzige, die auf das Lager achtgeben sollte. Ich atmete tief durch, dann verwandelte ich mich zurück und hoffte, dass mich niemand bemerken würde, wenn ich nackt durch das Lager schlich, um Kleidung und einen Schlafsack zu stehlen.

Ich zögerte nicht lange und machte mich auf den Weg in das erste Zelt, das ich erreichen konnte. Nachdem ich hineingeschlüpft war, erstarrte ich prompt angesichts des ganzen Chaos. In diesem Zelt mussten wohl einige Mädchen schlafen. Überall lagen Klamotten herum, dazwischen einige Schlafsäcke und Decken. Ich wollte schon wieder umdrehen, als mir einfiel, dass das Mädchen nur kurze Hosen und keine Jacke angehabt hatte. Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn ich ihr warme Kleidung mitbringen würde. Und in diesem ganzen Durcheinander würde es vielleicht noch nicht einmal auffallen, wenn ein oder zwei Teile fehlten. Ich begann damit, mich durch die Stoffberge zu wühlen und fand schon bald eine dunkle Stoffhose, sowie einen dicken grauen Sweater. Das sollte fürs erste reichen. Mit den beiden Kleidungsstücken verließ ich das Zelt und schlich zum nächsten. Dort sah es schon wesentlich besser aus und eine Boxershorts, die auf dem Boden vor einem Schlafsack lag, bestätigte mir, dass es sich dieses Mal um ein Jungenzelt handelte. Sogleich machte ich mich auf die Suche, nach einer Jeans und einem T-Shirt, dass ich mitnehmen konnte, doch das war nicht leicht. Nicht jeder hatte meine Größe. Schließlich wurde ich doch noch im letzten Rucksack fündig, und zog mir sogleich die Shorts über. Jetzt brauchte ich nur noch eine Decke, oder einen Schlafsack. Ich verließ das Zelt und lauschte auf das leise Schnarchen, das aus dem großen in der Mitte kam. Es war immer noch regelmäßig und wenn ich mich weiterhin so leise verhielt, würde mein kleiner Besuch sicherlich unbemerkt bleiben. Grübelnd sah ich mich um, bis mein Blick an einem Zelt hängen blieb, dass ein wenig abseits aufgebaut war. Zielstrebig ging ich darauf zu und betrat es. Im Innern befanden sich einige Rucksäcke, Liegen und sonstige Utensilien, die man zum Campen benötigte. Ein Grinsen schlich sich auf mein Gesicht, ehe ich einen Rucksack öffnete, diesen leicht durchwühlte und schließlich über meine Schulter warf. Dann schnappte ich mir noch eine dunkle, flauschig aussehende Decke, sowie ein noch eingepacktes zwei Personenzelt und sah zu, dass ich das Lager auf schnellstem Wege verließ.

Erst nachdem ich einige hundert Meter gerannt war, wurde ich wieder langsamer. Ich stopfte die Kleidungsstücke, die ich in der Hand hatte, in den Rucksack, klemmte die Decke und das Zelt zwischen die Riemen, zog die Hose aus und verwandelte mich erneut. Es war eine ganze Weile vergangen, ich musste zusehen, dass ich schnell zu dem Mädchen zurückkehrte. Zum Glück war es ein Leichtes für mich, meiner eigenen Spur zu folgen. Als der Geruch des Mädchens bereits aus der Ferne zu mir drang, verwandelte ich mich zurück. Ich zog mir Hose und T-Shirt an, warf mir den Rucksack über die Schulter und durchschritt die Baumgrenze. Sie saß immer noch zitternd vor dem Treibholzstamm, und starrte gedankenverloren auf die schäumenden Wellen, die mittlerweile einige Meter zurückgewichen waren. War ich wirklich so lange weggeblieben? Hätte ich sie doch besser mitnehmen sollen? Mich schuldig fühlend trat ich an sie heran. Sie bemerkte mich und drehte ihren Kopf rasch in meine Richtung. „Hey“, begrüßte ich sie schwach. „Tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe. Ich habe dir Kleider und eine Decke mitgebracht. Es wäre besser, wenn du aus deinen nassen Sachen rauskommst, sonst holst du dir noch den Tod.“ Sie nickte schnell, dann zog sie sich auch schon ihre Jeansjacke aus und ehe ich sie aufhalten konnte, folgten ihr T-Shirt und die Hose. Verblüfft sah ich sie an, dann kam ich wieder zu mir und öffnete den Rucksack, um ihr die trockenen Sachen zu reichen. Sie zog sie sich rasch über, während ich die Tasche durchwühlte und feststellte, dass sich noch einige andere nützliche Sachen darin befanden. „Ich habe Durst.“ Die kratzige Stimme des Mädchens ließ mich überrascht aufschauen und ich nickte sofort.
„Natürlich. Hier in der Nähe ist ein Fluss. Da wirst du trinken können. Kannst du gehen?“ Sie nickte und ich verschloss den Rucksack, ehe ich ihn mir über die Schulter warf. Zögernd stand sie vor mir, weshalb ich ihr aufmunternd zunickte und langsam vorausging.
Ihr rasselnder Atem klang mit jedem Schritt vorwurfsvoll in meinen Ohren. Wenn sie krank werden würde, wäre das allein meine Schuld. Ich beschleunigte meine Schritte, weiterhin darauf bedacht, dass sie mit mir mithalten konnte und stoppte schließlich wenige Meter vor dem Fluss. Dort setzte ich den Rucksack ab und kramte darin herum, bis ich die Flasche fand, die mir eben darin aufgefallen war. „Warte einen Moment, ich bin gleich wieder zurück.“ Das Mädchen nickte und ich kletterte vorsichtig die Böschung hinunter, um das Wasser zu erreichen. Nur wenige Minuten später stand ich wieder oben und reichte ihr die Flasche. Sie trank dankbar davon, ehe sie sie mir zurückgab. Ich füllte sie noch einmal auf und packte sie zurück in den Rucksack, bevor ich ihr ins Gesicht sah. „Geht’s dir besser?“ Sie nickte schwach und atmete tief durch.
„Ja. Danke! Es ist nur… ich… ich verstehe das alles noch nicht… und…“ Niedergeschlagen sah sie zu mir auf, nicht wissend, wie sie sich besser ausdrücken konnte. Doch das brauchte sie gar nicht. Ich lächelte sie schwach an, dann legte ich ihr sachte meine Hand auf die Schulter.
„Es wird schon wieder werden. Du stehst noch unter Schock und…“ Ich stockte, als ich bemerkte, dass ihre Augen feucht schimmerten, und ehe ich mich versah, lag sie mir schluchzend in den Armen. Perplex rührte ich mich keinen Millimeter und sah auf ihren lila Schopf hinab. Doch dann dämmerte mir, dass es schrecklich sein musste, nicht zu wissen wer man war und dass es ihr wohlmöglich gut tun würde, ein paar tröstende Worte zu hören.
Sanft strich ich ihr über den Rücken und drückte sie leicht, während sie ihr Gesicht weiterhin an meine Brust drückte und ihre Hände in mein T-Shirt grub. „Shh… schon gut. Ich werde bei dir bleiben und alles wird wieder gut werden. Vielleicht kommt deine Erinnerung morgen ja wieder und es liegt nur an dem Schock? Sei nicht traurig. Wir werden schon eine Lösung für alles finden, okay? Und wenn du willst, bringe ich dich nach Hause. Aber erst einmal würde ich vorschlagen, dass wir uns einen Unterschlupf für die Nacht suchen und ein wenig schlafen. Gut?“ Sie hob ihren Kopf und nickte schwach. Ich versuchte erneut zu lächeln, doch es fühlte sich zu seltsam an und da sie damit beschäftigt war, sich die Tränen von den Wangen zu wischen, merkte sie es sowieso nicht. Also wartete ich, bis sie sich soweit beruhigt hatte und bot ihr schließlich an, sie zu tragen. „So sind wir ein wenig schneller und du kannst dich schon ausruhen. Okay?“ Sie nickte leicht, warf sich den Rucksack über und ich nahm sie Huckepack. Während ich darauf achtete, nicht über Wurzeln oder Baumstumpfe zu stolpern und nach einem Unterschlupf Ausschau hielt, schmiegte sich das Mädchen an meine Schultern. Ich lauschte ihrem gleichmäßigem Atem und triftete gedanklich ab.

Es war seltsam wieder auf zwei Beinen zu stehen, und noch seltsamer war es, nicht mehr alleine zu sein. Ich fühlte die Wärme, die ihr kleiner Körper ausstrahlte, auch wenn sie wesentlich kühler war, als meine eigene Temperatur. Ihr Herz klopfte an meinem Rücken, ihre Haare kitzelten meinen Nacken und plötzlich frage ich mich, wie es wäre, wenn das Mädchen, das ich Huckepack trug, Bella wäre und sie ihr Gedächtnis verloren hätte. Vermutlich würde ich dann eine Chance bei ihr haben. Aber was, wenn nicht? Was, wenn Bella sich selbst dann wieder in ihren Vampiren verlieben würde, wenn sie ihn erneut kennenlernen würde? Was, wenn die beiden wirklich füreinander bestimmt waren? Würde das bedeuten, dass es da draußen auch jemanden für mich gab? So jemanden, wie das namenlose Mädchen mit den violetten Haaren auf meinem Rücken? Wollte ich das überhaupt? Ich sollte es wohl besser hoffen, denn ewig konnte ich so nicht weiterleben. Meine Brüder sagten mir schon seit Wochen, dass ich mir Bella aus dem Kopf schlagen sollte und wenn ich es nicht bald tun würde, dann würde ich ewig so niedergeschlagen bleiben. War es das wert? Jemanden zu lieben, den man nicht haben konnte? Oder war es besser, nach vorne zu sehen und nach jemandem zu suchen, der meine Gefühle erwiderte? Aber liebte mich Bella nicht auch? Der Gedanke daran, stach wie Hornissenstiche. Ich musste wirklich darüber hinwegkommen. Für den Rest meiner Tage als Wolf durch die Welt zu laufen, würden nämlich auch nicht helfen, dass hatte ich in den letzten Tagen ja schon deutlich genug gespürt. Seufzend kletterte ich über einen Baumstamm. Ich musste weiter machen, schließlich hatte ich jetzt jemanden, auf den ich aufpassen musste und dem es wohlmöglich auch nicht so gut ging. Das war jetzt einfach wichtiger. Ich drehte meinen Kopf leicht nach hinten und sah im Augenwinkel, dass das Mädchen ihre Wange auf meine Schulter gebettet hatte. So leise und regelmäßig wie sie atmete, könnte man meinen, dass sie eingeschlafen war, doch gerade, als ich den Kopf zurück nach vorne drehte, flüsterte sie: „Danke, Jake!“
Ja, es war eindeutig Zeit, über Bella hinwegzukommen.