Aus dem Leben eines Kluge

von Honeyy
GeschichteRomanze / P12
01.09.2013
23.11.2014
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„Hey Tommy“, lächelte das Mädchen den gutaussehenden Jungen mit dem dunklen Haaren und den unglaublich blauen Augen kokett an, „ich hab mir gedacht, wir könnten mal ins Kino gehen. Oder eine Pizza essen. Auf was du eben so stehst.“ Sie wickelte sich eine Strähne ihrer langen, rotbraunen Korkenzieherlocken um den Finger und hob verführerisch eine Augenbraue.

Tommy – das war ich. 15 Jahre alt, Gitarrist der Schulband und Schwarm aller Schülerinnen des Einstein Internats. Ich brauchte nur ein Lächeln aufzusetzten, ein wenig auf meiner Gitarre zu klimpern und die Ladys lagen mir zu Füßen.
Und jetzt stand Denise vor mir, das schönste Mädchen der 9. Klasse, und bat mich um ein Date. Mich!
Normalerweise war sie es, die von Jungs eingeladen und angeschmachtet wurde. Alle Typen mochten sie. Sogar manche Mädchen schienen es sich zweimal zu überlegen, welche sexuelle Orientierung sie hatten.
Egal ob single oder in einer Beziehung. Wenn Denise vorbeiging, konnte man nicht anders, als ihr nachzustarren.
Es schien jedes Mal, als würde eine Art Anziehung von ihr ausgehen, die es unmöglich machte, sie zu ignorieren. Wie ein Magnet oder so.
Und nun machte eben dieser Denise-Magnet mir Avancen. Mir! Ich sollte mich eigentlich zu den glücklichsten Menschen ganz Erfurts zählen. Eigentlich.
„Ähm...sorry Denise, aber ich kann nicht.“
Denise´ Strahlelächeln, mit dem sie Typen in weniger als fünf Sekunden den Kopf verdrehte, verlor etwas an seinem Glanz.
„Wie du kannst nicht?“ Sie runzelte die Stirn – stand ihr gar nicht.
„Hab ziemlich viel zu tun. Zurzeit“, murmelte ich und schob die Hände in die Taschen meiner Jeans.
„Viel zu tun?“ Denise schnaubte und hob ungläubig eine ihrer perfekt gezupften Augenbrauen. Ihr Lächeln war nun kaum mehr als eine Grimasse.
„Bandprobe und so“, nuschelte ich und hoffte, dass sie mir hier, vor allen anderen, bloß keine Szene machte.
Denise schürzte die rosa geglossten Lippen und schien etwas sagen zu wollen. Dann überlegte sie es sich anders, warf ihr langes, voluminöses Haar in den Nacken und drehte sich auf dem Absatz um.
„Kannst dich ja mal melden, wenn du Zeit hast“, fauchte sie und wehte aus dem Klassenzimmer, wobei sie übertrieben mit dem Hintern wackelte.
„Alter! Ist das dein Ernst?“ Ich zuckte zusammen, als Tobi seine Hand auf meine Schulter legte. „Wieso hast du Denise abblitzen lassen? Das war die einmalige Gelegenheit!“
Ich schüttelte die Hand des Rotschopfs ab und zuckte mit den Schultern.
„Hatte eben keinen Bock.“
„Keinen Bock? Keinen Bock?!“ Tobi raufte sich verzweifelt die Haare und seufzte.

Tobias. 15 Jahre alt, mein bester Freund und Frettchenliebhaber.
Seit über zwei Jahren kannten wir uns schon, waren durch dick und dünn gegangen und betrachteten uns beinahe als Brüder. Er wusste immer, wenn mit mir etwas nicht stimmte. Wie jetzt, zum Beispiel.
Als ich das Klassenzimmer verließ und zu meinem Schließfach gehen wollte, hielt Tobi mich am Ärmel meines Sweatshirts fest.
„Alter, was ist los?“
„Was soll los sein? Ich hatte eben keinen Bock auf die dämliche Denise.“
Tobi tippte sich an die Stirn. „Komm, das kannst du deiner Oma erzählen. Wenn es um Mädchen geht, bist du doch Einsteins Barney Stinson.“
„Tobi, glaub mir. Es ist nichts -“
„Steh hier nicht so blöd im Weg rum!“, fuhr mich eine Stimme an und rammte mir im Vorbeigehen den Ellbogen zwischen die Rippen. Ich spürte den Schmerz kaum, denn ich war viel zu sehr damit beschäftigt dem blonden Mädchen nachzustarren, das mit langen Schritten Richtung Physiklabor ging.
„Was ist denn in die gefahren?“ Tobi schüttelte den Kopf. „Und was glotzt du Constanze hinterher wie so eine Kuh?“
Ich blinzelte. „Was?“
„Muuuhhh!“, machte Tobi und lachte. „Los jetzt! Oder willst du zu spät zu kommen? Berger reißt dir sonst den Kopf ab. Gerade jetzt, nachdem du das Referat so richtig verkackt hast.“
„Geh schon mal vor“, murmelte ich, „ich hol noch schnell meine Bücher.“
„Alles klar. Aber mach schnell“, sagte Tobi schnell und schloss zu Liz auf, die gemeinsam mit Adrian das Klassenzimmer verlassen und sich auf den Weg Richtung Physiklabor gemacht hatte. Nachdem die drei außer Sichtweite geraten waren, lehnte ich mich seufzend gegen die Wand.

Constanze. Constanze. Constanze.
Gerade mal eine Woche war es her, dass sie mich beim Physikreferat für Berger bloßgestellt hatte, nachdem herausgekommen war, dass ich nur mit ihr geflirtet hatte, um in Physik eine bessere Note zu bekommen.
Seitdem ignorierte sie mich geflissentlich und vermied jeglichen Kontakt zu mir. Ebenso wie Dominik, der mich jedes Mal, wenn wir uns begegneten, mit bösen Blicken bombadierte.
Ja, ich war ein Arschloch. Jetzt hatte auch ich es kapiert.
Aber so war ich nun mal. Das machte meinen Charakter aus. Das war ich. Herzensbrecher eben.
Und ich hatte Constanzes Herz gebrochen.
Es war nicht das erste Mal gewesen, dass ich ein Mädchen verletzt hatte. Constanze hatte einige Vorgängerinnen, deren Geheule man durch das ganze Internat hatte hören können.
Okay – das jetzt vielleicht etwas übertrieben. Aber zumindest hatten sie alle unter meiner Abweisung gelitten.
Wieso tat es mir dann so weh, Constanze zu sehen? Wie sie litt.
Ich wusste, dass sie versuchte so zu tun, als sei alles in bester Ordnung. Das war nun mal ihre Art.
Eine Maske aufsetzten, lächeln und sich auf die Schule konzentrieren.
Dachte sie im Ernst, ich würde die Tränen nicht sehen, die auf ihren Wangen glitzerten, wenn sie alleine in der BFZ saß? Oder die leisen Schluchzer, die sie mühsam zu unterdrücken versuchte, wenn ihr Bella über den Weg lief?
Bella. Die schöne Bella, die mir das Herz gebrochen hatte.
Damals, als die Einsteinband einen Auftritt in der BFZ gehabt hatte, hatten Bella und ich uns geküsst. So richtig romantisch.
In mir drin war so eine Art Feuerwerk gewesen. Und Schmetterlinge. Jede Menge Schmetterlinge. Ich war so sehr in sie verliebt gewesen, dass es beinahe weh getan hatte. Und dann hatte sie mir weh getan.
Sie hatte mir einen Korb gegeben. Für sie sei es nur ein Kuss gewesen, hatte sie gesagt. Nicht mehr.
Und genau wie Constanze hatte ich danach ein Pokerface aufgesetzt und zurück in den alten Tommy-Modus gewechselt.
Den Ich-spiel-mit-den-Mädchen-und-lasse-sie-fallen-wie-heiße-Kartoffeln-Modus. Den beherrschte ich ziemlich gut.
Und dann war Constanze überall aufgetaucht. In der Schule. Im Internat. Sogar in meinen Träumen. Überall.
Und zum ersten Mal hatte ich mich gefragt, was passiert wäre, wenn ich wirklich etwas mit Constanze angefangen hätte.
Dass sie in mich verliebt war, das wusste ich. Daran gab es keinen Zweifel.
Sie wäre auf der Stelle meine Freundin geworden, wenn ich sie gefragt hätte. Stattdessen hatte ich ja mit Bella rumknutschen und Constanzes Herz brechen müssen. Jetzt konnte ich nichts mehr rückgängig machen.
Wie sehr ich mir nur wünschte, es zu können.
Nicht, weil ich in Constanze verknallt war. Nein, weil ich es einfach nicht ertrug, sie so traurig zu sehen. So zerstört. Leblos. Wie eine Puppe. Und Puppen fand ich extrem gruselig.
Das schrille Klingeln der Schulglocke riss mich aus meinen Gedanken.
Hastig sprintete ich den Gang entlang und erreichte knapp vor Berger das Physiklabor. Aufatmend ließ ich mich neben Tobi fallen – und direkt hinter Constanze.
„Na na na, Thomas. Ich hoffe, du bist ab jetzt beim Lernen ebenso schnell. Würde deinen Zensuren gut tun.“ Berger verschränkte die Arme vor der Brust und schenkte mir einen missbilligenden Blick.
Die Klasse kicherte. Nur Constanze nicht. Die tat gar nichts, sondern starrte wie gebannt ihre blau lackierten Fingernägel an, als seien sie das Spannendste, was sie je gesehen hatte.
„Natürlich, Herr Berger“, murmelte ich und schlug hastig irgendeine Seite meines Physikbuches auf.
Während Berger begann irgendetwas über Strom zu faseln, betrachtete ich verstohlen Constanze, deren Kugelschreiber übers Papier raste.
Es schien, als würde sie Bergers Worte regelrecht aufsaugen. Sie drehte sich ein wenig zur Seite, als der Physiklehrer durch den Raum ging.
Neugierig begutachtete ich Constanzes Profil, ihre gerade Nase und ihre vollen Lippen. Ihr langes blondes Haar, dass ihr den Rücken hinab floss und glänzte, als das fahle Licht der Wintersonne darauf fiel. Als sie meinen Blick spürte, drehte sie sich um. Ihre eisblauen Augen trafen meine und mein Herz hörte für einen Moment auf zu schlagen.
Es war, als würde die Zeit stehen bleiben.
Eine winzige Sekunde lang gab es nur noch Constanze und mich. Berger und der Rest der Klasse waren verschwunden.
Dann drehte sich Constanze wieder um – und der Physikunterricht samt Lehrer und Schüler kehrte zurück.
Ich blinzelte heftig und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Was gar nicht so einfach war, denn es schien, als habe Constanzes Blick Teile meines Gehirns lahmgelegt. Einfach so.
Da wurde mir bewusst, dass Constanze gar nicht mal so übel war.
Sie war kein Streber und auch kein Spießer. Sie war hübsch, nett und intelligent. Eigentlich alles, was sich ein Junge wünschen konnte.
Und ich Idiot hatte alles kaputt gemacht.
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