Elisabeth - In einer hellen Sommernacht

von Linari
GeschichteHumor, Romanze / P12
Caroline Bingley Charles Bingley Charlotte Lucas Elizabeth Bennet Jane Bennet Mr. Darcy (der Ältere)
31.08.2013
25.03.2019
24
70360
6
Alle Kapitel
65 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Disclaimer: Sämtliche aufgeführten Figuren aus „Stolz und Vorurteil“ sind das geistige Eigentum von Jane Austen.


Lieber Leser,

ich habe mir schon oft vorgestellt, was wäre wenn... Wenn Jane in unserer Zeit gelebt und ihre Bücher hier geschrieben hätte? Diese Geschichte ist ein Versuch die Handlung nicht nur in die Neuzeit zu versetzen, sondern sie auch in Deutschland, mit seinen ganz speziellen, gesellschaftlichen Konstellationen spielen zu lassen.  Ich freue mich auf Eure Meinung zur Umsetzung.

Viel Spaß

Eure Linari

*********************************************************************************************

Eigentlich war es nichts Neues das meine Eltern sich mal wieder stritten. Nur die Uhrzeit war diesmal anders, es war Samstagmorgen und noch vorm Aufstehen.
„Ich kann es nicht fassen! Wie konnte dir so ein junger Schnösel von der Uni deine Beförderung vor der Nase wegschnappen?!", hörte ich die helle Stimme meiner Mutter durch die dünne Zimmerwand aufgeregt schallen. „Wie alt ist der eigentlich 24, 25 oder erst 19? Du hast dich 30 Jahre für diese furchtbare Bank abgerackert und jetzt so was! Warum beschwerst du dich nicht beim Vorstand? Hast du überhaupt schon mal was gesagt? Ich wette nicht. Du weißt doch, wer den Mund nicht aufmacht, der bekommt auch nichts.“
„Meine Liebe, der Vorstand hat ihn doch befördert.“, entgegnete mein Vater mit beeindruckender Gelassenheit. Immer wenn meine Mutter so hektisch und nervös wurde, blieb mein Vater auf wundersame Weise entspannt.
„Aber das ist doch eine bodenlose Gemeinheit! Das du da so ruhig auf deinem Stuhl sitzen kannst. Bankdirektor! Ein schöner Bankdirektor ist dieser Christian Binder. Der hat doch noch gar nicht richtig gearbeitet.“
„27 Jahre alt.“, sagte mein Vater.

„Pah, so ein 27 Jähriger will  eine ganze Bank führen?! Das wird doch niemals gut gehen. Das kann der Vorstand doch nicht gut finden!“

„Genauso ist es aber meine Liebe. Der Bankvorstand hat ihn auf die Stelle berufen. Ich wünschte ich könnte dir etwas Besseres erzählen, aber Christian Binder wird der neue Bankdirektor in Ueckermünde.“

„Und du bleibst weiter Sachbearbeiter und hast jetzt dazu noch einen Chef, der nicht viel älter ist als deine Tochter.“

Die Antwort meines Vaters konnte ich nicht verstehen, denn klirrende und scheppernde Geräusche übertönten seine Stimme. Geschirr wurde laut übereinander gestapelt und ich konnte mir meine kleine, wuselige Mutter gut vorstellen, wie sie aufgebracht die Teller mit dem Handtuch abrubbelte und in den Schrank verstaute, während mein Vater gemütlich am Tisch saß, Zeitung las und Café trank. Ihn konnte nichts aus der Ruhe bringen.

„Wie bitte!“, rief meine Mutter nun schrill. „dieser Christian Binder hat auch noch das Gutshaus gemietet?“

„Ja, genau. Er beabsichtigt dort zu wohnen und irgendwo muss er ja schließlich wohnen, wenn er hier arbeiten möchte meine Liebe.“

„Bist du noch bei Trost? Wie kann jemand mit 27 Jahren allein in einem so großen Haus wohnen? Das Gutshaus hat über 50 Zimmer. Wie viel zahlt ihm denn deine Bank? Der verdient bestimmt mehr als das Dreifache von dir.“

Wieder klapperte Geschirr und ich konnte die Antwort meines Vaters nicht komplett verstehen. Ich kroch tiefer unter die Decke und drückte mein Ohr noch näher an die kalte Wand.

„Der Junge hat wohl ein ganz gutes Erbe gemacht. Sein Vater ist vor ein paar Jahren gestorben und der war ein erfolgreicher Börsenmakler in Frankfurt.“

„Börsenmakler.“, wiederholte meine Mutter abschätzig. „Ist dieser Christian Binder verheiratet? Und müssen wir ihn als Nachbarn willkommen heißen?“

„Nein, nein meine Liebe. Er ist völlig unverheiratet und willkommen heißen, ist denke ich nicht notwendig, da ich ihn ja schon kenne und sollten wir ihm zufällig begegnen, werde ich ihn dir vorstellen.“

„Doch, doch mein Lieber es ist nötig.“, die Stimme meiner Mutter sprang plötzlich in eine fröhliche, energiegeladene Heiterkeit um. „Er könnte doch Zugewinn für unsere Gemeinde sein. Kommt er zum Dorffest?“

„Für unsere Gemeinde?“ Die Leichtigkeit meines Vaters verflog.

„Na und für unsere Mädchen mein Lieber. Er ist erfolgreicher Jungunternehmer! Er hat bestimmt Einfluss und kennt viele Leute. Stell dir nur vor, welche Chancen unsere Mädchen hätten, wenn sie in so einem Freundeskreis aufgenommen werden.“

Mein Vater grummelte etwas Unverständliches und meine Mutter schnatterte weiter.

„Das ist ja ganz hervorragend, dass du ihn schon kennst. Das Dorffest ist nicht mehr lange hin und Lea ist  in diesem Jahr die Blumenkohlkönigin. Ganz bestimmt wird er unsere Mädchen kennenlernen, sich mit ihnen anfreunden und Schwups, sind sie in die bessere Gesellschaft hinaufbefördert. Mein Lieber, eine Karriere fördert man heute so und nicht anders. Vitamin B ist das Geheimnis. Die Mädchen werden kein Studium benötigen. Solange man jemanden kennt, der wieder jemanden kennt, ist der Weg gesegnet von Erfolgen und Geld.“

„Am besten gehst du allein zu Herrn Binder und freundest dich persönlich mit ihm an. Vielleicht haben wir dann mit deinem neuen Freundeskreis bald ausgesorgt und ich brauche nicht mehr zu Bank.“

„Ach du, verstehst es wieder nicht. Vitamin B, wie Beziehungen.“, tat meine Mutter die spitze Bemerkung meines Vaters ab und klapperte wieder heftiger mit dem Geschirr.

„Verlass dich auf mich, meine Liebe; ich verstehe dich sehr gut.“

Ich hörte das zufriedene Schmunzeln und die Ironie meines Vaters in seinen Worten. Ich grinste ebenfalls vor mich hin, als ich an seine windigen, funkelnden Augen dachte. Er war so klug und von zurückhaltendem Witz, das meine Mutter ihn noch nach über 20 Jahren Ehe nicht verstand.

Meine Mutter hingegen war seit der Wende arbeitslos. Sie war oft launisch und liebte es die Nervöse zu spielen. Ihre Lebensaufgabe bestand darin, Neuigkeiten zu erfahren und sie schnellstmöglich wieder unter die Leute zu bringen.
Review schreiben