Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

100 Filmzitate - Projekt

von yomii
KurzgeschichteDrama, Mystery / P12 / Gen
30.08.2013
17.08.2016
20
13.461
 
Alle Kapitel
12 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
30.08.2013 1.010
 
„Bingo!“ - Inglourious Basterds
________________________________

Ich schleppe mich die letzten Stufen hinauf und schnaufe verächtlich aus meiner Nase.
Das kalte Treppenhaus, welches durch grelle Neonröhren beleuchtet wird, hallt meine Schritte wieder – ein monotones Echo.
Meine Aktentasche liegt schwer in meiner Hand und mit letzter Kraft öffne ich die Tür zur Wohnung. Die dunkel braune Tür schwingt auf und ich trete hinein.
Wärme.
Die Kälte und das Grelle weichen einem sanften orangen Farbton.
Und dennoch ist mir unsagbar kalt – Unbehagen.
Ich höre das Geschirr in der Küche klappern und sie summt eine Melodie.
Sie scheint fröhlich zu sein und wartet vermutlich mit dem Abendessen auf mich.
Die Aktentasche entgleitet meiner Hand und fällt mit einem ohrenbetäubenden Lärm auf den Laminatboden.
Ich schließe die Augen und warte auf ihre Reaktion.

„Schatz? Bist du das?“ Sie streckt ihren blonden Schopf aus der Küche und lächelt mich herzlich an. Doch ich kann mich nicht daran erfreuen.
„J-Ja... Bin früher nach Hause gekommen.“ Unbewusst entkleide ich mich und stelle Schuhe, Mantel und Tasche gewohnheitsgemäß ab – Routine sei wichtig.
„Das freut mich! Ich bin gerade mit dem Abendessen fertig geworden. Nun können wir es zusammen genießen und du musst es später nicht noch Einmal aufwärmen!“ Sie verschwand wieder in der Küche.
„Geh schon mal in´s Wohnzimmer, ich bin gleich so weit!“ Ein Glucksen ertönt und sie stimmt wieder die Melodie an.
Ich nicke, obwohl mir bewusst ist, dass sie dies nicht sehen kann, jedoch gehe ich davon aus, dass sie es sich denkt.

Das Wohnzimmer wirkt, wie der Rest, herzlich und einladend.
Die meisten Gegenstände hat sie im Laufe der Jahre aufgestellt, dekoriert und eingerichtet.
Ich schaue mich nicht um, sondern begebe mich direkt zum Esstisch, welcher sich in der hinteren Ecke – Fensterseite – befindet. Warum sollte ich auch?
Nach all diesen Jahren weiß ich, dass neben dem Couchtisch ein Sprung im Laminat ist, dass die gardienen schräg hängen und dass sie ganze dreizehn Bilder von uns und unserer Familie aufgestellt hat.
Es ist nichts neues.
Nichts hat sich verändert. Hier. Im Raum.

„Träumst du?“ Ich habe nicht bemerkt, dass sie das Zimmer betreten hat und zucke demnach zusammen.
„Hm?“ Ich versuche ihrem Blick auszuweichen.
„Ist alles gut? Du wirkst so abwesend?“ Sie stellt die Teller ab, schenkt uns ein und setzt sich mir gegenüber.
„Alles gut... Wie war dein Tag?“ Ich nehme einen Löffel der Suppe. Sie ist versalzen und das Gemüse ist verkocht.
„Oh! Ich hatte einen herrlichen Tag!“ Sie rückt ihren Stuhl zurecht und nimmt ebenfalls einen Löffel. Sie sieht dabei so unbeschwert und glücklich aus. Warum?
„Ich habe ein paar Freundinnen getroffen und wir waren im Einkaufszentrum... Du weißt schon, das neue! Und dort haben wir ein paar echte Schnäppchen holen können!“ Sie lacht leise und nimmt einen schluck aus ihrem Glas.
„Erst war ich mir nicht sicher, ob ich das Kleid wirklich bekomme und es mir überhaupt passt...“ Sie stoppte und sah mich prüfend an.
„Und? Es passt?“ Sie hat schon immer Pausen eingelegt in längeren Gesprächen um zu gucken, ob ich ihr auch folge. Daher meine unnötige Frage.
„Bingo!“ Sie erfreut sich nun an zwei Tatsachen: Zum einen, dass ihr das Kleid passt und zum anderen, dass ich ihr aufmerksam zuhöre.
„Magst du es mir nachher zeigen?“
„Das geht leider nicht. Die Kinder haben es vorhin beim Spielen verschmutzt...“ Sie isst weiter.

Meine Hand rammt den Löffel in den Teller vor mir, durch die Erschütterung fällt mein Glas um.
Das Blut rauscht in meinen Ohren.
Sie soll aufhören.

„Schatz?“ Ihr Stimme klingt besorgt.
„Hör...auf...Bitte...“ Ein heiseres Flüstern entweicht meinem Munde.
„Wovon redest du? Womit?“ Sie greift nach meiner Hand, doch ich ziehe sie weg und erhebe mich. Etwas zu rasch, denn auch mein Stuhl sinkt nun zu Boden.
„Schatz, bitte! Die Kinder we-...“
„HÖR AUF!“ Meine zur Faust geballte Hand schlägt auf den Tisch ein.
„HÖR AUF! HÖR AUF!“ Mir stehen die Tränen im Auge. Ich kann nicht mehr.
Ihr verwirrter, schmerzender und liebevoller Blick bringt mich um und scheint mein herz zu zerreißen.
„W-Wovon redest du? Was ist los?!“ Sie kommt ein paar Schritte auf mich zu und will mein Gesicht in ihre Hände legen. Doch ich komme ihr zuvor und packe sie an der Schulter.
„Hör bitte auf damit! Wir haben keine Kinder! Und du warst heute auch nicht im Einkaufszentrum oder hast deine Freunde getroffen! BITTE! HÖR AUF!“ Mein Adamsapfel tritt hervor und ich spüre, wie die Adern an meinem Halse pochen.
Doch sie starrt mich nur verwundert an. Sie versteht es nicht.
„Doch... Haben wir... Sie sind im Zimmer spielen!“
„NEIN! Wir hatten noch NIE welche!“
Ein sanftes und mitleidendes Lächeln liegt auf ihren Lippen.
„Ist schon gut, Schatz... Du bist krank... Wir haben Kinder, du willst es nur nicht wahrhaben... Wir werden morgen noch mal zum Arzt fahren,hm?“ Sie drückt ihren Oberkörper weg von mir.

Falsch... Das alles läuft gerade völlig falsch...
SIE ist diejenige von uns, die krank ist!
Sie will die Realität nicht wahrhaben und SIE muss zum Arzt!
Sie lebt in einer Schweinwelt und ich leide darunter!
Sie sieht es nur nicht ein!
Sie verdreht die Tatsachen!

„Der Arzt sagte doch, du sollst deine Tabletten täglich nehmen... Hast du dies etwa nicht?“ Sie räumt den Tisch ab – ruhig.
„... Es sind deine Tabletten, nicht meine, und du nimmst sie nicht...“ Meine Lunge schnürt sich zu. Es wird mir zu viel.
„Nein, Schatz... Hör mal, du machst den Kindern angst...“ Ihr Blick scheint in die Ferne zu schweifen.

Ich versuche mich zu beruhigen.
Tief ein und aus atmen...
Ruhe.
Ein...
Aus...
Ich halte diese Situation nicht mehr aus...
Sie muss weg.
Klinik...

„Es...tut mir leid... Du hast recht!“ Meine Stimme überschlägt sich.
Sie lächelt zufrieden und räumt weiter ab.
„Lass uns... natürlich mit den Kindern... weg fahren... Jetzt.“ Ich höre meine Schritte auf dem Boden. Leise und doch klar.
„Ich warte im Auto auf euch...“ Schuhe und Mantel ziehe ich im Treppenhaus an.
„Ok! Ich ziehe ihnen noch schnell wasserfeste Kleidung an!“ Ich schließe die Tür und lausche.
Sie erklärt ihnen, dass wir nun mit ihnen einen Ausflug machen.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast