Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

100 Filmzitate - Projekt

von yomii
KurzgeschichteDrama, Mystery / P12 / Gen
30.08.2013
17.08.2016
20
13.461
 
Alle Kapitel
12 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
30.08.2013 669
 
„Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt." - Romeo und Julia
_____________________________________________________

Er sitzt dort auf der Bank, wie jeden Tag.
Allein, wie so oft.
Wie immer trägt er eine alte, ausgebeulte dunkle Cordhose, dazu ein verschmutztes Hemd im Karomuster und darüber ein mit Flicken übersäten Trenchcoat. Das ganze wird abgerundet durch seine schwarze Prinz-Heinrich-Mütze, einem schwarzen Schal und schwarzen, schlichten Stoffschuhen.
Er muss frieren.
Zu dieser Jahreszeit wird es früher dunkel, später hell und allmählich kann man den Atem der Leute sehen.
Die Menschen, die durch den Park gehen, meiden ihn.
Sie verziehen die Gesichter, wenn sie ihn sehen, fangen an zu tuscheln.
Man zeigt mit dem Finger auf ihn und sagt den Kindern, dass sie sich von ihm fernhalten sollen. Nein, sie müssen.
Als wäre er ein Virus: ansteckend, widerlich, unmenschlich.
Doch seid ihr es dann nicht, die widerlich und unmenschlich sind... Denken?
Verurteilt einen Menschen, ohne das Geringste über ihn zu wissen. Kein Stück.
Ihr lasst euch von seinem äußeren Erscheinungsbild leiten.
Naiv... Gar töricht!

Ich ziehe an meiner Zigarette, die dritte an diesem Tage.
Der Rauch vermischt sich mit meinem heißen Atem und verschwindet. Als sei er nie da gewesen. Nichts deutet auf den Rauch hin.
Seit einigen Stunden schon lehne ich hier gegen den Baum und beobachte den alten Mann, wie er die Tauben füttert. Monoton.
Und die Menschen, die ihm nur einen kurzen Moment Aufmerksamkeit schenken.
Und obwohl sie ihm einen kurzen Moment geschenkt haben, werden sie dieses am Ende des Tages vergessen haben.
Mir scheint, als würden viele Passanten ihn ansehen, aber nicht sehen. Sie nehmen ihn als Person gar nicht war.
Dieses Phänomen kennen wir jedoch alle. Unser Gehirn wäre auch überlastet, wenn es sich jede Kleinigkeit des Tages merken würde.
Wie viele Menschen ich schon in meinem leben gesehen, und doch nicht gesehen... Wahrgenommen habe... Es müssen unsagbar viele sein.
Dies kling fast nach einer Tragödie.
Nach dem letzten Zug an meiner Zigarette schnipse ich sie in die Tonne, die neben mir platziert ist.
Ich packe meinen Rucksack und gehe schnellen Schrittes auf den Alten zu.
Er hebt noch nicht einmal den Blick.
Er scheint mit seinen Gedanken weit entfernt.
Ich nehme vorsichtig neben ihm platz.

„Hallo.“ Meine Stimme durchfuhr die Stille, welche sich um den Mann ausgebreitet hatte.
„... Guten Tag, junger Herr.“ Er erhob sich aus seiner gebückten Haltung und saß nun gerade neben mir.
„Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?“ Ich deutete auf den Inhalt meiner Tasche.
„...Gern...“ Seine Stimme ist erstaunlich weich, das Gegenteil zu meiner.
„Die Tage werden kühler. Ich dachte mir, Sie könnten etwas wärmendes vertragen.“ Ich hielt ihm einen Becher hin.
„Haben Sie vielen Dank. Es stimmt, nun bricht die kalte und düstere Zeit im Jahr an.“ Gebildet. Seine Worte klingen wohlüberlegt.
Wir schweigen.
Minuten verstreichen.
Wir lauschen dem Wind, den Tauben und der Umgebung.
Mir entgeht das Gemurmel der Menschen um uns herum nicht.
Gräuel.
Ich mustere ihn.
Seine Hände sind übersäht mit Blasen, Schorf und Hornhaut.
Sein Gesicht zieren Narben. Sie sind verblasst. In der Ferne nicht erkennbar.
Ein paar Jugendliche bringen unpassende Kommentare.
Ich balle meine freie Hand zur Faust.
„Nicht...“ Der Alte sah mich an.
„Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt.“ Er zuckt mit den Schultern und schenkt mir ein müdes Lächeln.
„... Ja... Wahrscheinlich haben Sie recht... Unverständnis, huh.“ Ich nippe an meinem Tee.
„ Unverständnis aufgrund mangelnder ’eigen’ Erfahrung, ja.“ Der Alte nickt und steht auf.
„Haben Sie vielen Dank, junger Herr. Ich hatte schon seit geraumer Zeit nicht mehr das Vergnügen, eine Tasse Tee in Gesellschaft zu trinken und dabei eine nette Konversation zu pflegen... Wirklich, haben Sie vielen Dank.“ Ein warmes Lächeln umspielte seine Lippen und wir geben uns die Hände.
„Ich habe auch zu Danken... Auf ein Wiedersehen!“
Er geht.
Der Platz neben mir ist nun leer und nichts deutet darauf hin, dass bis eben hier der alte Mann saß. Verschwunden.
Als sei er nie da gewesen.
Nur meine Erinnerungen wissen, dass dem nicht so ist.
Eine Tragödie, hm?
_____________________________

Vielen Dank für´s Lesen!
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast