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100 Filmzitate - Projekt

von yomii
KurzgeschichteDrama, Mystery / P12 / Gen
30.08.2013
17.08.2016
20
13.461
 
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12 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
30.08.2013 868
 
„Es gibt nichts zu fürchten, außer der Furcht." - Batman Begins
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Krankenhäuser sind merkwürdig.
Man betritt eins und bekommt ein komisches Gefühl in der Magengegend.
Der Duft von Desinfektionsmittel hängt so ziemlich an allem, was hier drin existiert, und man ist darauf bedacht, bloß nichts zu verschmutzen.
Zudem ist es in Krankenhäusern nie laut.
Natürlich hört man hier und dort etwas, aber alles im alles ist es ein ruhiger und stiller Ort. Vernimmt man das Geräusch von High Heels auf dem PVC oder Linoleum Boden, verstört es einen, denn man weiß, es gehört hier nicht hin – es zerreißt die Stille.
Krankenhäuser sind groß und man hat am Anfang Schwierigkeiten den richtigen Raum in der richtigen Station zu finden.
Hat man dies geschafft muss man darauf achten, dass man bei den Gesprächen mit dem Besuchten nicht seinen Nachbarn stört, sollte dieser denn einen haben. Mit Glück hat der Besuchte auch ein Einzelzimmer, oder ein Doppelzimmer, in dem das zweite Bett jedoch nicht belegt ist. Das hat natürlich Vorteile, man muss dann nämlich nur Rücksicht auf den Besuchten selbst nehmen.

Als Kind fand ich Krankenhäuser immer spannend.
Es war neu, selten und aufregend.
Kinder können die Geräusche und Gerüche noch nicht so schnell und einfach Dingen zuordnen, wie es die Erwachsenen können.
Ich bin früher immer durch Krankenhäuser gegeistert, wenn ich keine Lust mehr hatte den Gesprächen der Älteren zu lauschen.
Alles erschien mir größer und ich entdeckte Dinge, die ich nicht kannte.
Ich spielte mit den Betten und deren Funktionen, setzte mich in Rollstühle und stellte Patienten Fragen, die man als Erwachsener nicht mehr stellt, da man weiß, dass sie unhöflich sind.
Ja, Kindermund tut Wahrheit kund.
Natürlich war ein herumstreunendes Kind nicht gerade gern gesehen in einem so großen Gebäude – ich hätte ja sonst was anstellen können.

Mittlerweile hat sich dieser Gefallen an Krankenhäusern geändert und ich betrete sie nur noch, wenn es wirklich wichtig ist.
Heute ist so ein Tag.
Während ich mich bei einer Schwester informiere, wo ich das Zimmer meines Vaters finden könne, werde ich innerlich ziemlich unruhig.
Wir haben uns schon seit Jahren nicht mehr gesehen.
Seit dem Vorfall mit Mama an seinem Geburtstag.
Wenn ich es mir so recht überlege, weiß er gar nichts von mir.
Er weiß nicht, dass ich nach den Studium einen guten Job bekam und heute sehr erfolgreich bin.
Er weiß nicht, dass ich seit zwei Jahren verheiratet bin – ein trauriger Tag im übrigen, da mich niemand aus meiner Familie zum Traualter führte.
Er weiß auch nicht, dass ich schwanger bin.
Er weiß nichts.
Und ich ebenso wenig.
Ich weiß nicht, was er die letzten Jahre gemacht hat.
Ich weiß nicht, wo er wohnt... wohnte.
Ob er eine neue Frau hatte?
Ich denke nicht.
Ich weiß es aber nicht.
Und ich weiß nicht, warum er mich angerufen hat.
Ausgerechnet mich.

Ich stehe vor seiner Zimmertür, doch zögere ich.
Ich habe ihn als starken, jungen Mann in Erinnerung und ich weiß, dass ich mir dies Bild von ihm gleich zerstören werde. Doch das will ich nicht.
Wer will das schon?
Nun gut, was muss, das muss.
Ich klopfe drei Mal und trete, ohne seine Antwort abzuwarten, ein.

Das Zimmer ist abgedunkelt, doch soweit ich erkennen kann ist er allein.
Ich vernehme das Summen der Beatmungsmaschine und sehe den Bildschirm, welcher das Herz meines Vaters überprüft.
Langsam schließe ich die Tür.
„Hallo, Papa.“ Ich bewege mich vorsichtig in seine Richtung, bleibe jedoch am Bettende stehen.
„...I-Ich hatte gehofft, dass du kommst... Aber daran geglaubt habe ich eigentlich nicht mehr.“ Seine Stimme ist rau und leise. Sie jagt mir eine Gänsehaut über den Körper.
„Wie geht es dir?“ Überflüssige Frage.
„Wie soll es mir schon gehen?“ Er lachte, er versuchte es zumindest.
Sein Lachen erstarb, als er anfing zu husten.
„Hast du schmerzen?“ Nun stand ich direkt neben ihm und musterte seinen Körper – das, was noch von ihm übriggeblieben ist.
Von dem einst so stolzen und starken Mann ist nicht mehr viel da.
Durch die Krankheit hatte er alle Haare verloren und die Zeit zeichneten sich auf seiner Haut ab. Sie war alt, ledrig und schlaff geworden.
Mein Blick glitt zu seinem Hals, in dem der Schlauch zur Beatmung steckte. Kein schöner Anblick.
Wir sahen uns in die Augen.
Sie waren trüb und leer. Jeglicher Glanz, den sie einmal besaßen, war fort.
„Ach, ich spüre kaum was. Man hat mir Morphin verabreicht... Du schaust gut aus.“ Er lächelte sanft.
Ohne, dass ich es bemerkt habe, schlichen sich Tränen auf meine Wangen.
„Mensch, Kind... Wein doch nicht.“ Mein vater hob seine zittrige Hand und wischte sie elegant fort.
„Du siehst aus wie deine Mutter... Sie wäre stolz auf dich...“
„Papa...“ Meine Knie gaben nach.
„Verlass mich nicht... Ich will nicht...“ Mein Kopf lag nun auf seinem Bauch.
„Es gibt nichts zu fürchten, außer der Furcht...“ Ich spürte seine Hand auf meinem Kopf.
„Papa...“
„Ich wünschte, ich hätte an deinem Leben teilhaben können... Es tut mir leid.“
Das laute und durchgängige Piepen der Maschine ließ mich hochschrecken.
Er hatte die Augen geschlossen und sah zufrieden aus.
„Papa?“
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Danke für´s Lesen!
Ich weiß nicht warum, aber die Konversation zwischen den beiden ging mir beim schreiben sehr nahe - wie erging es euch damit?
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