ALICE Reunion

GeschichteFantasy, Horror / P16 Slash
Alice Grinsekatze Herzkönigin Verrückter Hutmacher Weißer Hase
29.08.2013
01.09.2013
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The truth (?)


„Mein Name ist Alice Liddell. Ich wurde am 04. Mai 1856 in England geboren und lebte mit meiner Familie in Oxford. Als ich sieben Jahre alt war, musste ich mit ansehen, wie mein Elternhaus samt meiner Familie nieder brannte. Ein Mann namens Dr. Angus Bumby drang mitten in der Nacht in unser Haus ein, verschloss die Tür meiner Schwester und entzündete ein Feuer. Meine Katze, Dinah, weckte mich und ich konnte durch mein Schlafzimmerfenster fliehen.

Zehn Jahre verbrachte ich in Rutledge, weil ich mir selbst dafür die Schuld gegeben habe. Jahrelang hatte ich geglaubt, ich sei für den Tod meiner Familie verantwortlich gewesen. Selbst im Wunderland musste ich die Wahrheit auf meine eigene Weise herausfinden. Die Grinsekatze begleitete mich auf meinem Weg und letztendlich erfuhr ich, was wirklich geschehen war.
Ich bekämpfte den Puppenmacher und kehrte schließlich nach London zurück. Dort traf ich auf den Mann, der mein Leben und mein Wunderland zerstört hat. Als ich ihn darauf ansprach, gestand er es, jedoch ohne irgendwelche Reue zu zeigen. Ich verachte und hasse diesen Mann!

Er wollte mein Wunderland an sich reißen und mich daraus verbannen. Er wollte die Kontrolle über mich erlangen und zwang mich somit zu schwerwiegenden Maßnahmen. Um meinem Leiden und das vieler anderer Kinder, die ihm schon zum Opfer gefallen waren, zu beenden, sah ich keine andere Möglichkeit, als ihn zu vernichten. Ich hatte endlich Frieden gefunden und mein Wunderland war wieder hergestellt …“


- Alice


Bericht von Dr. Heironymous Q. Wilson
Rutledge Private Clinic and Asylum: Home of Wayward & Lost Souls


Alice neigt mehrfach zu Halluzinationen und zur Pseudologie oder auch genannt notorisches Lügen. Zurückzuführen ist dieses Verhalten auf ihre ausgeprägte Geltungssucht, die für alle außenstehenden Personen ein großes Problem darstellt. Darüber hinaus stellten wir fest, dass sie an extremer Schizophrenie leidet, die durch Störungen des Denkens, der Wahrnehmung und der Affektivität gekennzeichnet ist.
Sie philosophiert über ihr ‚Wunderland’ und ist der festen Überzeugung, dass es dieses wirklich gibt. Sprechende Katzen, Kaninchen in Anzügen, Hutmacher, Haselmaus und Hase die zusammen Tee trinken. Außerdem redet sie ständig davon, das Wunderland retten zu müssen.

Schon in jungen Jahren war bekannt, dass Alice hin und wieder über eine Welt fantasierte, die nur sie sehen und betreten konnte. Weiter ausgeprägt hat sich dieses Denken im Jahr 1863, als das Haus ihrer Eltern nieder brannte und nur sie überlebte. Dadurch, dass sie sich selbst die Schuld dafür gab, fiel sie in eine Art katatonischen Zustand, indem sie mehr oder weniger kaum ansprechbar war.
Ihr Körper war steif wie ein Brett und man musste sie Zwangsernähren.
Um ihre Wunden zu heilen, verlegte man sie nach Littlemore Infirmary, wo sie innerhalb eines Jahres komplett gesundete.

Das erste Mal nach Rutledge kam das junge Mädchen im November 1864. Sie wurde mir als taub, stumm und blind vorgestellt, doch hatte ich Hoffnung.
Oft versuchte ich mit ihr zu reden, über das, was geschehen war und dadurch erhielt ich auch einige Aufzeichnungen, in denen sie über ihr Wunderland erzählte. Sie schilderte mir ihren Aufenthaltsort so genau, dass ich es mir bildlich vorstellen konnte. Schon damals wusste ich, dass sie geisteskrank war.

Als wir mit unseren Mitteln nichts erreichen konnten, griffen wir im darauffolgenden Jahr zu drastischeren Mitteln. Wir unterzogen sie einem Aderlass und verabreichten ihr mehrere Dosen an Opium und anderen Medikamenten. Wir sperrten sie in Einzelhaft, zwängten sie in eine Zwangsjacke und nahmen ihr ihre geliebte Kaninchenpuppe, die sie stets bei sich trug.
Sie zeigte keinerlei Regung noch irgendwelche Emotionen.
Trotz dessen, das alle Methoden scheiterten, fuhren wir mit der Prozedur fort und hatten nach acht Jahren im Jahre 1873 schließlich unseren ersten Erfolg.
Alice begann zu zeichnen.

Von diesem Tag an zeichnete sie alles, was ihr in den Sinn kam. Meistens handelte es sich bei den Motiven um Figuren aus ihrem Wunderland.
Sie war immer noch fest davon überzeugt, sie müsse das Wunderland und dessen Bewohner retten. Zwar konnten wir sie nicht zur Einsicht bringen, dass es so etwas wie das Wunderland nicht gab, doch machte sich eine gewisse Heilung erkennbar. Nach einer Weile konnte sie zwischen der realen Welt und den Halluzinationen unterscheiden und wir konnten sie mehr oder weniger als geheilt einstufen.

Ende des Jahres 1874 war ich sogar dazu bereit gewesen, Alice einen neuen Weg zu ebnen. Die ehemalige Krankenschwester Witless besorgte Alice ein Zuhause und eine Arbeit in der Houndsditch Home for Wayward Youth in London.
Ich wusste auch, dass sie dort in gute Hände übergehen würde, denn arbeitete dort der ausgezeichnete Therapeut Dr. Angus Bumby, den ich selbst persönlich kannte. Er versprach mir, für Alice zu sorgen und zu versuchen, ihre Weltanschauung wieder herzustellen.
Nach einem Jahr jedoch erreichte mich der erste Zwischenbericht des Dr. Bumby, in dem es hieß, Alice leide weiterhin unter ihren tragischen Kindheitserinnerungen und den auditiven und visuellen Halluzinationen, die sich neu dazu getan hatten. Dr. Bumby schlug jedoch eine hypnotische Behandlung vor, in der er versuchen wollte, Alice’ Psyche zu unterdrücken und somit das Wunderland aus ihrem Gedächtnis zu löschen, da seiner Meinung nach all diese Wahnvorstellungen hier ihren Anfangspunkt fanden.

Erschreckenderweise hörte ich allerdings davon, dass sich Alice’ Zustand zunehmend verschlechterte. Ihre Zusammenbrüche häuften sich und neigte sie nun auch zu aggressivem Verhalten. Der Drang, ihr Wunderland zu retten, wurde stärker und bewirkte auch die Behandlung des Doktors nichts.
Im selben Jahr, 1875, kam mir schließlich zu Ohren, Alice hätte einen weiteren Ausbruch erlitten. In ihrem Wahn glaubte sie, Dr. Bumby sei einer ihrer Feinde aus dem Wunderland und schubste ihn vor einen fahrenden Zug.
Nachdem sie die Bahnhofshalle wieder verlassen hatte, brach sie draußen auf dem Boden zusammen. Polizisten sammelten sie wenig später ein, entdeckten, was sie getan hatte und brachten sie schließlich wieder hierher.

Als sie aufwachte, mussten wir sie mit massiven Beruhigungsmitteln ruhigstellen und in Einzelhaft verlegen. Einige Tage vergingen und ich versuchte, mit ihr zu reden, doch ich merkte früh, dass das nichts mehr half. Das junge Mädchen war aggressiv und gewalttätig. Sie attackierte zwei Pfleger und verletzte einen von ihnen so schwer, dass dessen Heilung eine Operation verlangte. Ihre Halluzinationen weiteten sich so sehr aus, dass sie glaubte, die Grinsekatze und ihre Begleiter auch in der realen Welt zu sehen, doch stammelte sie immer wieder, dass sie nie dorthin zurück könne. Alice mutierte zur menschlichen Stimmungsschwankung. Mal lag sie da, starrte vor sich hin und wirkte, als sei sie längst tot. An anderen Tagen waren ihre Aggressionen immens und ich diagnostizierte sogar eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, die sich dadurch zeigte, dass sie sich immer wieder selbst verletzte, in dem sie ihren Kopf gegen die Wand schlug und sich mit Fensterglas schnitt. Ihre Depressionen verschlimmerten sich und die oben genannten Krankheitsbilder traten von neuem zu Tage.  
Seit dieser Zeit wird sie überwacht und untersteht ständiger Medikamentenkontrolle. Wir versetzten sie in eine Art Wachkoma, in dem sie sich selbst und andere nicht mehr verletzen konnte.

Eines Tages, es war der 04. Mai 1876, besuchte ich sie und stellte erschrocken fest, dass sie im Wachzustand war. Sie saß auf ihrem Bett, atmete normal und zeigte auch keinerlei Anzeichen von Aggression oder Wut.
Ich unterhielt mich mit ihr, konnte jedoch nicht sehr viel in Erfahrung bringen. Darum bat ich sie, einen kleinen Text für mich zu schreiben. Es sollte sich um etwas handeln, dass ihr wichtig war und an das sie sich erinnern konnte.
Nachdem sie den oben veröffentlichten Text fertig gestellt hatte, glitt sie in ihren Ausgangszustand zurück und rührte sich seitdem nicht mehr.

In all den Jahren, in denen ich Alice kenne, gab ich die Hoffnung auf Heilung nicht auf, doch verschlechtert sich ihr Zustand von Tag zu Tag und allmählich beginne ich zu glauben, dass es keinen Sinn mehr hat, ihr das weiterhin anzutun. Sie hatte tatsächlich eine tragische Kindheit und sie leidet so sehr unter dieser, dass es unmöglich ist, sie jemals wieder vollständig in die Gesellschaft einzugliedern. Darüber hinaus wartet auf sie die Todesstrafe, sobald sie die Anstalt verlässt. Ich tendiere hiermit also zur Sterbebehilfe, das wäre mit Sicherheit für alle das Beste.

12. Februar 1877
Dr. Heironymous Q. Wilson


- Bericht Ende


Alice starrte verbissen auf die Zeilen. Lüge! Dies war alles eine Lüge!
Sie konnte nicht glauben, dass die Menschen sie wirklich so sahen. Aber was sie noch viel mehr schockierte, war die Tatsache, dass sie sich wieder in Rutledge befand. Wahrscheinlich hatte sich das Wunderland deshalb so sehr verändert. Es war eine Warnung.
Dr. Wilson wollte ihren Tod.
Innerlich dankte Alice der Katze, dass sie sie rechtzeitig gewarnt hatte. Sie musste unbedingt etwas unternehmen. Sie und das Wunderland würden nicht einfach so kampflos untergehen, das schwor sie sich.
Doch was sie tun sollte, musste sie erst noch herausfinden …

„Alice …

… Nur ein Schritt, Alice. Ein einziger … und du bist frei.“


Sie wandte den Kopf leicht nach links und entdeckte ein leicht angelehntes Fenster. Sie musste fliehen und sich einen Ort suchen, an dem sie sicher war. Langsam ging sie darauf zu und öffnete es. Kalter Wind wehte ihr um die Ohren und einige Schneeflocken verteilten sich auf der Fensterbank.
„… ein einziger, Alice …“
Das Mädchen sah nach unten. Der Boden glitzerte weiß und versprach eine weiche Landung. Sie sammelte gerade ihren Mut zusammen, als sie Schritte hörte, die auf das Büro zukamen. Jetzt oder nie!
Sie hob ein Bein an, stemmte sich auf das Fensterbrett und sprang …
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