ALICE Reunion

GeschichteFantasy, Horror / P16 Slash
Alice Grinsekatze Herzkönigin Verrückter Hutmacher Weißer Hase
29.08.2013
01.09.2013
3
4.915
 
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29.08.2013 2.137
 
- I -
Let the nightmare begin



Es war schwer für Alice, an einen Ort zurückzukehren, den sie einst ihr Zuhause nannte, dieser jedoch nichts mehr damit gemein hatte. Vor zwei Jahren, als sie den Puppenmacher alias Dr. Bumby vernichtet hatte, hatte sie geglaubt, das Wunderland in seinem normalen Zustand zurückzulassen. Nie hatte sie darüber nachgedacht, dass das gar nicht mehr möglich war …

Die Katze hatte gesagt, sie solle sich beeilen, so zögerte Alice nicht mehr länger und machte sich auf den Weg.
Ihre Füße trugen sie wie von selbst über den harten Boden unter ihr. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie keine Schuhe trug und das Zwangsjackenkleid war auch alles andere als bequem. Sie fühlte sich gänzlich unwohl in dieser Gegend. Eine leichte Gänsehaut zog sich über ihren zierlichen Körper, als ein kühler Wind sie erfasste.
„Tragt sie hinüber in Raum 301!“
Ruckartig hob Alice die Hände und presste sie sich gegen die Schläfen. Entsetzliche Kopfschmerzen machten sich plötzlich breit und ihr Blick verschwamm ein wenig.
„Raum 301, 301, 301. 1, 2, 3 und sie ist meins …“
Das schwarzhaarige Mädchen kniff die Augen zusammen und versuchte die Stimmen aus ihrem Kopf zu verbannen.
„Was geht hier vor sich?“, sprach sie zu sich selbst und richtete sich wieder ein wenig auf.
„Deine Wirklichkeit vermischt sich mit dem Wunderland, Alice.“
„Katze?!“ Alice wandte sich um und entdeckte die Grinsekatze, wie sie auf einer der Laternen thronte und feixend zu ihr hinunter sah. „Was meinst du damit?“
„Unser Wunderland ist schon lange nicht mehr das, was es mal war, liebe kleine Alice.“, hauchte die Katze, verschwand für einen Moment und tauchte als kleinere Version ihrer selbst auf Alice’ Schultern wieder auf. Dort ließ sie sich leise schnurrend nieder. „Du bist mal hier, mal dort, doch immer bleibst du am selben Ort.“
„Wovon redest du?“, wollte Alice wissen, deren Kopfschmerzen so schnell nachgelassen hatten, wie sie gekommen waren, und setzte ihren Weg fort. Vor ihr führten ein paar schwebende Fliesen über die braune fließende Brühe unter ihr. Mit Leichtigkeit erklomm sie diese und erreichte das andere Ufer.
„Es ist schwer mit Worten das auszudrücken, was man als Allgegenwärtig bezeichnet. Viel leichter ist es, zu sehen, wenn man seine Augen benutzt.“
Alice verdrehte genervt die Augen. Seit dem letzten Mal schien die Grinsekatze noch verrückter geworden zu sein. Oder war sie selbst einfach nicht mehr verrückt genug, um zu verstehen, was sie sagte?
„Sag mir, Katze … wo bin ich hier?“

Diesen Teil des Wunderlands hatte sie noch nie betreten und hatte sie auch noch nie zuvor einen solch absurden Schauplatz gesehen.
Als sie dem dickflüssigen Fluss weiterhin folgte, gelangte sie zu einer Art Wald. Zumindest sah es für sie so aus.
Spritzen, in allen Größen und Formen, bauten sich vor ihr auf, reihten sich aneinander und ragten meterweit in die Höhe. Ein kleiner Pfad von blutverschmierten Fliesen führte durch den Wald aus Spritzen hindurch und im ersten Moment zögerte die junge Frau.
„Du bist beinahe dort angekommen, wo dich deine Füße hintragen wollen. Stoppe nicht, die Zeit drängt. Tic Tac, Tic Tac, …“ Und schon war die Katze wieder verschwunden.
Alice seufzte und betrat den absonderlichen Wald. Das ständige Ticken der Uhren dröhnte in ihren Ohren und machte ihr das Nachdenken schwer.
Was sollte sie mit den Informationen der Katze anfangen? Sie wusste nicht einmal wo sie war, wie sollte sie dann herausfinden, wo sie überhaupt hin musste?
Vielleicht hatte die Grinsekatze Recht und sie sollte sich mehr auf das konzentrieren, was sie sah und nicht auf das, was ihr jemand zu sagen vermochte.
So fokussierte sie sich auf alles Neue was ihr begegnete, doch war das leichter gesagt als getan. Sie verschränkte die Arme hinter dem Rücken und spazierte an den Spritzen vorbei die alle verschiedenfarbige Flüssigkeiten in sich trugen. Was sie wohl beinhalten mochten?
Auf einigen wenigen standen die Worte ‚Inject me’. Alice runzelte die Stirn. Sie fragte sich gerade für wessen Arme diese Spritzen gemacht worden waren, als sie einen schmerzhaften Stich an ihrem linken Arm spürte. Es fühlte sich an, als hätte jemand ihren Arm gepackt und würde mit aller Kraft versuchen, diesen auseinander zu ziehen. Sie zuckte heftig zusammen, unterdrückte gerade noch so einen Aufschrei und blickte an sich hinab. Schreck breitete sich in ihren Augen aus, als sie sah, was vor sich ging. Blut ergoss sich aus einem winzigen Loch aus ihrer Armbeuge und floss ihren ganzen Arm hinab. Immer mehr quoll daraus hervor, sodass Alice schon bald in einer Lache aus ihrem eigenen Lebenssaft stand.
Verzweifelt wischte sie sich ständig das nasse Rot von ihrer Haut, doch konnte sie so den Schwall auch nicht stoppen.
„Was geht hier vor?“, rief sie und hielt ihren eigenen Arm von sich weg. „Ich werde verbluten! Warum hilft mir denn niemand?“
Von Panik ergriffen wollte sie fliehen, stolperte jedoch und landete unsanft auf dem Boden. Das Blut hatte mittlerweile ihr komplettes Kleid durchnässt. Lautes Dröhnen machte sich in ihrem Kopf breit und aus einiger Entfernung hörte sie eine leise flüsternde Stimme.
„301, 301, 301. 1, 2, 3 und sie ist meins …“
Ihr Herz hämmerte ihr gegen die Brust. Von irgendwoher kam ihr diese Stimme bekannt vor. Schreckliche Bilder flackerten vor ihrem geistigen Auge auf. Ein Mann … ein Mann in einem weißen Kittel. Groß und narbengesichtig.
Er griff nach ihr, versuchte sie zu fassen bekommen …
„Nein!“, rief Alice und trat mit den Beinen in die Luft. Ihre Augäpfel spielten verrückt, drehten, wandten sich in ihren Höhlen. „Lass mich los. Lass mich los!“
Ein gequälter Schrei entfloh ihren Lippen und sie rollte sich zur Seite. Und sie fiel … obwohl sie geglaubt hatte, längst auf dem Boden zu liegen, fiel sie.
Plötzlich spürte sie kaltes hartes Material unter ihrem Körper. Schlagartig öffnete sie ihre Lider und blickte genau in die toten Augen eines Mannes, der blutüberströmt genau vor ihr lag. Geschockt von diesem Anblick konnte sie sich nicht rühren. In seiner Schläfe steckte eine massive Spritze - bis zum Anschlag war sie in seinen Schädel gerammt worden.

Als Alice sich von diesem schrecklichen Schauspiel losreißen konnte, sah sie sich zaghaft um. Sie befand sich in einem Raum, dessen Wände kahl und weiß waren. Der Boden, auf dem sie lag, bestand aus schwarzweiß karierten Fliesen, auf denen sich langsam aber sicher das Blut des Toten ausbreitete.
Mit zitternden Knien stand sie auf und ließ sich hinter ihr auf das Bett sinken. Was war hier geschehen? Sie konnte sich an nichts erinnern …
Eben gerade war sie noch im Wunderland und nun? War dies etwa wieder eine andere Welt? Hatte die Katze das damit gemeint, dass sie ständig den Ort wechselte? Alice war mehr als verwirrt. Der Schmerz in ihrem linken Arm war immer noch sehr präsent, doch war das Blut verschwunden.
Doch noch etwas war an dieser Situation anders und vor allem irritierend für die Schwarzhaarige. Kaum mehr ein Stück Stoff bedeckte ihren schmalen Körper.
Einzig und allein ihre spärliche Unterwäsche war ihr geblieben. Was hatte dieser Mann mit ihr vorgehabt?
Ihre grünen Augen wanderten wieder zu ihm hinab und als sie erkannte, dass er selbst kaum mehr Kleidung trug, wurde ihr schlecht. Allein bei diesem Gedanken stieß es ihr sauer auf und sie konnte nicht anders, als sich zu übergeben.
Rücklings warf sie sich auf das Bett und entleerte ihren ohnehin nicht gefüllten Magen über die Bettkante hinweg. Sie hustete und keuchte. Es begann in ihrem Hals zu brennen und Tränen sammelten sich in ihren Augen.
„Was … passiert mit mir?“, keuchte sie leise und setzte sich wieder auf. Alice war überfordert. Sie konnte Wahrheit nicht mehr von Irrealität unterscheiden. War dies alles Wirklichkeit oder träumte sie? Wohin war das Wunderland verschwunden?
„Ist sie hier drin?“
„Ich glaube ja. Dr. Wilson befahl ihm, sie in Raum 301 zu bringen …“
„Raum 301. Das ist er.“
„Was er wohl dieses Mal mit ihr angestellt hat?!“
Stimmengemurmel drang von außen zu Alice hinein, gefolgt von einem heiseren Lachen. Ihr Herz begann wieder zu hämmern. Was waren das für Menschen, die so etwas taten? Sie konnte es nicht fassen, in was für einer Welt sie gelandet war. Wunderland hin oder her, … dies war viel schlimmer als das.
Doch sie würde dort nicht einfach rum sitzen und darauf warten, dass sie zu ihr kamen und sie mitnahmen.

Für einige Sekunden vergaß sie ihre Angst und zog die Augenbrauen zusammen. Rasch rutschte sie ein wenig vom Bett hinunter und stand nun genau vor der Leiche. Ihre Knie zitterten immer noch, doch konnte sie sich auf den Beinen halten. Unwillkürlich griff sie nach der Spritze, die im Kopf des Mannes steckte, zog und zerrte daran, bis sie schließlich wieder gänzlich zum Vorschein kam. Ihre Augen fixierten die Tür.
Allmählich begann der Türknauf sich zu drehen und gleißendes Licht fiel herein, als sich die Tür Zentimeter für Zentimeter öffnete.
„Oh mein Gott!“, war das erste was sie vernahm, gefolgt von einem lauten Schrei einer Frau. Die Tür wurde aufgestoßen und ein Mann mit Brille und dunklen Haaren stand vor ihr. Er starrte sie entsetzt an.
„Was hast du hier getan, Mädchen? Bist du jetzt komplett übergeschnappt?“, schrie er sie an und Alice wich ein wenig zurück. Schützend hielt sie die Spritze mit der gefährlich spitzen Nadel vor ihren Körper.
Ihr Mund war halb geöffnet, ihre Augen panisch weit aufgerissen. Alice’ Hände zitterten, doch würde sie nicht zögern, ihre Waffe einzusetzen, sollte sie es für nötig empfinden.
„Schaff sie hier raus, Jim. Ich hole Dr. Wilson!“, schrie die Frau mit schockiertem Gesichtsausdruck, wandte sich um und lief den Gang entlang davon.
Der Mann namens Jim hob langsam seine Hand und begann zu grinsen.
„Komm her, Mädchen. Ich tu’ dir nichts …“, hauchte er leise und beim Anblick seines abscheulichen Lächelns wurde ihr erneut übel.
„Mein Name ist Alice!“, gab sie tonlos zurück.
„Du erinnerst dich also?“ Er legte den Kopf leicht schief. „Weißt du auch, wo du dich hier befindest?“
Alice wusste nicht, wovon er sprach. Wieso sollte sie sich nicht daran erinnern, wer sie war? Sie hatte es doch nie vergessen, oder?
„Gehen Sie zur Seite!“, sagte sie und trat einen Schritt vor. Sie wollte hier nicht länger bleiben und warten, bis noch mehr von ihnen auftauchten. „Zur Seite, sage ich!“, wiederholte sie, als er sich nicht bewegte.
Scheinbar lag dies ganz und gar nicht in seinem Sinne, denn bewegte er sich plötzlich schnell auf sie zu und griff nach ihrem dürren Handgelenk. Alice jedoch reagierte flink, umging seine Bewegung und rammte ihm die Spritze in den Hals. Ein lautes Gurgeln drang aus seinem Mund, während er zur Seite stolperte und sich seine Hand fest um ihre Kehle legte. Blut quoll über seine Lippen und seine Augen stachen aus ihren Höhlen hervor. Ohne wirklich zu wissen was sie tat, packte sie ihn am Unterarm und stieß ihn zur Seite. Er stolperte über die Leiche am Boden, stürzte und schlug mit dem Kopf auf den harten Fliesen auf. Regungslos blieb er liegen.

Alice’ Brust hob und senkte sich unregelmäßig. Adrenalin schoss durch ihren Körper und ohne einen weiteren Moment zu zögern, sprang sie über die toten Gestalten hinweg und flüchtete aus dem Zimmer.
Sie gelangte in einen weißen Flur, an dessen Seiten weitere Türen zu sehen waren. Sie wandte sich nach rechts und lief barfüßig über den kalten Untergrund. Hinter ihr konnte sie Stimmen vernehmen, doch hatten die dazugehörigen Personen ihr Verschwinden noch nicht bemerkt.
Erst als sie einen weiteren Schrei vernahm, war Alice sich sicher, dass sie nun nicht mehr alle Zeit der Welt hatte, um von hier zu fliehen.
Am Ende des Ganges bog sie rechts ab und erkannte dort nur einen einzigen Zugang, der in ein weiteres Zimmer führte. Sie stürmte hinein und schloss die hölzerne Tür hinter sich. Dort angekommen atmete sie erst einmal tief durch.
Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, fiel ihr auf, dass sie in einer Art Büro gelandet war. In der Ecke stand ein kleines gemütliches Sofa vor einem Kamin, in dem jedoch kein warmes Feuer vor sich hin prasselte.
Genau vor ihr befand sich ein großer Schreibtisch aus massivem Eichenholz auf den sie langsam zuging. Sie knipste die sich darauf befindende Lampe an und entdeckte einige Papierstapel und Dokumente. Darunter fiel ihr auch eine alte Fotografie ins Auge, die sie zaghaft mit zwei Fingern umschloss und hervor zog. Darauf abgebildet war eine Familie. Ein stolz aussehender Mann, mit dichtem Bart und schickem Anzug und eine schöne Frau, mit dunklen Haaren. Beide hatten ihre Arme um ein Mädchen in der Mitte gelegt, dass einen Stoffhasen bei sich trug. Alle drei lächelten und irgendwie kamen ihr diese Menschen bekannt vor.

Sie wandte sich von dem Bildnis ab und sah wieder hinab auf den Schreibtisch. Eine Akte war dort aufgeschlagen mit der Überschrift: Alice Liddell Akte.
Sie zögerte. War etwa sie selbst damit gemeint?
Ihr Atem verschnellerte sich und sie spürte Nervosität in sich hinaufsteigen.
Zaudernd hob sie die Akte hervor und begann zu lesen …
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