Das letze Spiel gebührt dem Tod

KurzgeschichteAllgemein / P12
28.08.2013
28.08.2013
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„Guten Tag, meine Liebe“
„Hallo“
„Du weißt, wo du dich befindest?“
„Ja“
„Und du weißt auch, was dich jetzt erwartet?“
„Ja“
„Denkst du, du kannst gegen mich gewinnen?“
„…Ja“
„Dann lass uns spielen“

Ein heller Lichtstrahl durchbrach die Dunkelheit, und beleuchtete einzig und alleine einen Runden steinernen Tisch, mit zwei Hölzernen Stühlen davor. Einer der Stuhle war schon belegt.
Eine große, in einem schwarzen Mantel gehüllte Gestalt saß darauf, man sah sein Gesicht nicht, doch man wusste, dass die Gestalt auf einen bestimmten Punkt in der Dunkelheit starrte.
Er blickte direkt seine Gesprächsperson an, noch eher sie den Lichtkegel betrat.
Es war ein junges Mädchen, kein Kind und doch noch keine Frau. Ihr Blick war leicht verklärt, als wäre sie gerade erst aus einem tiefen Schlaf erwacht. Mit gemächlichen Schritten durchquerte sie die Dunkelheit und schritt auf das Licht zu.
Sie verschwendete keinen Blick zu den Seiten hin, von denen rote Augen in der Finsternis aufblitzten und kahle Schädel ihre Schritte verfolgten. Ihr Blick galt einzig und allein den Steinernen Tisch

„Willkommen hier. Es freut mich dich bei mir begrüßen zu dürfen“, erklang die Stimme erneut. So kalt, ohne Gefühl und ohne Klang. Sie hallte von unsichtbaren wänden wieder, und auch wenn sie nur leise ihren Ton erklingen ließ, so schien sie den gesamten Raum zu füllen.
Höflichkeiten und Sitten waren an diesem Ort von Nichten. So stand niemand auf, um dem Mädchen den Stuhl anzubieten. Auch folgte keine Vorstellung, wie es die Sitte doch sonst vorschrieb.
Aber es war auch nicht nötig. Das Mädchen war noch nie hier gewesen, genauso wenig, wie alle anderen Personen, die diesen Lichtkegel jemals betraten. Und doch wusste jeder, wem er gegenübersaß.
Dem Tod.
Hier wurde das letze Kapitel geschrieben, das letze Spiel gespielt. Hier wurde kein Unterschied zwischen Jung und Alt gemacht, kein Unterschied zwischen Arm und Reich. An diesem Ort waren alle Menschen gleich.
„Ich will anfangen“, sprach das Mädchen, und blickte dem Tod direkt ins Gesicht. Zumindest in die Schatten unter dem Umhang, wo ein Mensch sein Gesicht trug. Ob der Tod ein Gesicht hatte? Ein menschliches Gesicht? Oder nur ein Totenschädel trug? Niemand würde diese Frage je beantworten können.
„Oho! So schnell willst du also die Erde verlassen?“ Der Tod beugte sich vor und stütze die Arme auf den Steintisch vor sich ab. Seine Hände blieben trotzdem weiterhin von den weiten Ärmeln seines Mantels bedeckt und nur für einen kurzen Moment schimmerte etwas helles daraus hervor.
„Habe ich das nicht schon?“, gab das Mädchen zurück, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie hatte ihren Blick von dem Tod abgewandt und blickte auf ein Schachbrett, welches in dem Tisch gemeißelt worden war. Wie durch geisterhand tauchten aufeinmal die passenden Figuren auf dem Tisch auf.
„Kluges Mädchen“, antwortete der Tod mit einem grinsen. Zumindest glaubte das Mädchen, er würde grinsen. Seine eintönige Stimme klang zumindestens so, als würde er grinsen.
Ohne weitere Zeit zu verlieren setzte das Mädchen ihren ersten Zug. Es war so lange her, dass sie das letzte Mal Schach gespielt hatte. Der Tod schien die Gedanken des Mädchens zu erahnen.
Nein, falsch. Hier war sein Reich. Er kannte die Gedanken des Mädchens schon vorher, bevor sie sie überhaupt selber dachte. Eine Eigenschaft, welcher keiner Person entkommen konnte, und so jeder das Spiel gegen den Tod verlor.
„Hätte ich ein anderes Spiel wählen sollen?“, kam die spöttische Frage des Todes. Er konnte es also doch. Soetwas wie Gefühle in seiner Stimme legen. Selbst wenn es nur Spot war.
Das Mädchen aber schüttelte nur den Kopf. Ihr war klar, dass sie nicht viel sagen musste, und wieso der Tod ausgerechnet Schach als ihr letzes Spiel gewählt hatte.
„Das Spiel der Könige, meine Prinzessin“, beantwortete der Tod indirket ihre Gedanken.
Ein leises Lachen erfülle die Luft. Ein menschliches Lachen. Das Lachen des Mädchens. „Prinzessin? Ich bin doch kein kleines Kind mehr, welches sich wünscht eine Prinzessin zu sein“
„Natürlich bist du das nicht mehr. Hast du es dir jemals gewünscht?“ Mit bleichen Fingern bewegte der Tod sein schwarzes Pferd weiter vor.
„Du fragst mich etwas, was du schon längst weißt?“
„Ich führe nur Konverstion. Du solltest dich glücklich schätzen. Es wird dein letzes Gespräch sein“
Ohne lange zu zögern schob das Mädchen ihren Bauern vor und schlug das Pferd des Todes. Mit eine leichten grinsen hob sie den Kopf und musterte den Tod zufrieden.
„Es wird nicht mein letzes Gespräch sein“
„Du bist dir deiner Sache aber ziemlich sicher“
Aus den Schatten seines Umhangs herraus beobachtete der Tod, wie das Mädchen sein Pferd von dem Spielbrett entfernte.
„Ich werde nicht sterben“, antwortete das Mädchen und hob wieder den Blick. Der Schleier vor ihren Augen hatte sich gelichtet und ein entschlossender Ausdruck breitete sich in ihnen aus. Kurz spannte sich der Tod an. Er bemerkte den Ausdruck, und auch dass er doch kein so leichtes Spiel haben wird, wie er einst dachte.
Das Mädchen hatte sich ein Ziel gesetzt. Sie hatte noch nicht mit dem Tod gerechnet, und so war sie auch noch nicht bereit dazu. Von solcher Sorte hatte der Tod häufig jemanden gegenübersitzen, und doch war bei den wenigstens der Wille so stark, dass sie dem Tod trozen konnten. War das Mädchen eins dieser Wesen? Die es schafften, den Rückweg anzutreten? Wenn ja, dann würde es noch ziemlich interessant werden.
„Dann solltest du besser aufpassen“ Mit dem Läufer schlug der Tod den weißen Turm des Mädchens, doch sie trauerte ihm nur einen kurzen Moment nach.
„Und ich dachte, der Tod wäre ein guter Spieler… Wenn schon so wenige wieder zurück kehren“, kontrete das Mädchen, als sie mit der weißen Dame den Läufer aus dem Spiel kickte.
„Dafür, dass du lange kein Schach gespielt hast, kannst du es sehr gut“ Der Tod nahm einen Themenwechsel vor, um seinen Fehler zu überspielen. Es war nicht so, als wenn er diesen Zug nicht aus Absicht getan hätte. Der offentsichtlichste Zug von dem Mädchen wäre gewesen, wenn sie seinen Läufer mit dem weißen Turm geschlagen hätte, doch sie preschte lieber mit der Dame vor. Und ließ ihren König ohne Schutz zurück. Unter der Kapuze seines Umhanges legte der Tod den Kopf schief. Hatte er das Mädchen falsch eingeschätzt? War sie doch so törich und würde das Spiel verlieren? Sein Blick gleitete zurück zu dem Mädchen und musterte sie. Doch etwas war plötzlich anders. Ihre Gedanken. Sie schwebten nicht mehr für ihn lesbar durch die Luft, und warteten darauf, ihren Weg in den Kopf des Mädchens zu wandern. Nein. Sie hatte ihre Gedanken alle zusammen.
Sie hatte nun die Möglichkeit den Tod zu täuschen. Es war ihr Wille, wie viel sie von ihren Gedanken preisgab und was sie dem Tod verborgen hielt.
Missmutig wanderte der Blick des Todes zurück auf das Spielfeld. Es gefiel ihm nicht, dass sich das Mädchen sich in seinem Reich widersetze und nach ihren Regeln anfing zu spielen.
Dem Mädchen war nicht entgangen, dass der Tod scheinbar eine Geheimwaffe zu besitzen schien, weswegen, sie tatsächlich schon weitaus weniger Spielfiguren auf dem Tisch hatte, als der Tod. Und auch, dass scheinbar etwas geschehen war, wovon sie nichts mitbekommen hatte, und trotzdem beteiligt war.
„Ob die Figuren sich hier von alleine bewegen?“, fragte das Mädchen völlig unschuldig, als der Tod immer noch keinen Zug betätigt hatte. Er fing an gefallen an dem Mädchen zu finden. Sie gehörte eindeutig zu den wenigen, die der süße des Todes widerstehen konnten.
Sie gehörte nicht zu denjenigen, die zu dem Tod kamen, um Frei zu werden. Oder Erlöst.
Sie gehörte auch nicht zu denjenigen, welche unfreiwillig ihren Weg zu ihm fanden, und durch den Schock ihr letzes Spiel verloren.
Nein, das Mädchen gehörte zu der Sorte Menschen, die hier herkamen, um wieder zu gehen. Unfreiwillig war sie hier gelandet, und sie wollte wieder weg. Der Wille spiegelte sich in ihren Augen wieder, und dem Tod entlockte es ein leises kichern.
Dies ließ das Mädchen verwirrt aufblicken. Was war denn so lustig?
„Meine Liebe… Du gefällst mir. Du bist anders als die anderen“, sprach der Tod. Seine Stimme hatte langsam einen menschlicheren Ton angenommen, sie klang nun nach mehr Leben, als nur nach Tot. „Ich würde dich am liebsten gar nicht mehr von hier gehen lassen. Willst du es dir nicht noch mal anders überlegen?“
Ein kurzes Schweigen trat ein, während beide nach und nach ihre Züge betätigten. Dem Mädchen war nicht entgangen, dass das Tod ihr gerade zwischen den Zeilen ein Kompliment gemacht hatte. Ob er wohl mit allen seiner Spieler so sprach? Doch den Gedanken schob sie beiseite. Der Tod würde sich sicher langweilen, bei jedem die selbe Masche abzuziehen. So war sie also wirklich anders?
Erst nach dem der Tod die weiße Dame geschlagen hatte, gab das Mädchen ihre Antwort.
„Nein“
„Und dafür hast du so lange gebracht?“
„Ich überlege mir eben nur gut, was ich sag“
„Meine Liebe… du bist in kurzer Zeit von der Bildoberfläche verschwunden. Da solltest du dir keine Gedanken mehr machen, was du für Antworten gibst“
„Von der Bildoberfläche verschwunden, ja? Bin ich das wirklich?“, fragte das Mädchen mit leicht überheblicher Stimme.
Noch bevor der Tod darauf eingehen konnte, beobachtete er, wie das Mädchen mit ihrem weißen Pferd den letzen Zug betat, und…
„Schach Matt“, flüsterte sie, als sie den König des Todes umstieß.
Dem Tod blieb für einem Moment die Sprache aus. Er hatte recht gehabt. Das Mädchen gehörte tatsächlich zu der Sorte Mensch, die wieder zurück gingen.
„Wir werden uns wieder sehen, meine Liebe“, sagte der Tod nur, und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Augen, die alles sahen, und noch nie jemand gesehen hatten, ruhten auf dem Mädchen, welches sich langsam in Luft auflöste.
Sie war noch nicht bereit zu sterben. Es war noch nicht ihre Zeit gekommen. Vielleicht war sie zu etwas bestimmt, was sie noch erledigen musste. Der Tod nahm sich vor, sie beim nächsten Mal  zu fragen. Er hätte ihr Leben auch einfach so nehmen können. Schließlich entschied er über Leben und Tod. Doch Tod bedeutete Gerechtigkeit. Und der Tod war wirklich kein schlechter Verlierer.

„Ich werde mir… Zeit lassen…“
„Sie hat was gesagt! Sie kommt wieder zu sich!“
Langsam flatterten die Augen des Mädchens auf. Sie lag in einem weißen Raum, unbekannte Geräusche piepten unablässig um sie herum, und Menschen in weißen Kitteln standen an ihrem Bett.
„Alles ist gut, meine Liebe. Jetzt wird es dir bald wieder besser gehen“, sagte eine Frau neben dem Mädchen und strich ihr fürsorglich durchs Haar. Das Mädchen grinste nur kurz und schloss wieder die Augen.
„Schach Matt…“, flüsterte sie nur leise, eher sie die Geräte in ihrem Krankenzimmer ignorierte, die Ärzte um sich herum ausblendete, und in einen tiefen und erholsamen Schlaf fiel.

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Wir sehen uns wieder, meine Liebe.
Ich werde mir Zeit lassen.
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