Fenster aus Worten

von ayola
GeschichteMystery, Familie / P16
27.08.2013
29.09.2013
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Liebe Schwester,

du wirst es nicht glauben, aber ich habe mich tatsächlich verliebt! Es ist ein ganz süßer Junge aus der Vorlesung, er hat ein tolles Lächeln und so lockige Haare, dass ich sie am liebsten ständig durchwuscheln würde.
Außerdem hat er totale Teddyaugen. (Ich weiß, dass du an dieser Stelle mit den Augen rollst und trotzdem lächelst. Ja, er ist ein wirklich lieber und sanfter, aber ich steh‘ nun mal nicht auf die gleichen Typen wie du. Und wenn ich dich erwische, wie du ihn Langweiler nennst, dann versuch‘ ich dich bei deinem nächsten Besuch im Meer zu ertränken!)
Er sitzt mittlerweile in zwei Kursen neben mir und ich glaube, er mag mich!
Das Studium an sich und das Lernen funktioniert wunderbar, wirklich, ich bin tatsächlich noch fleißig dabei und es macht mir Spaß. Selbst wenn nicht, ich weiß, dass ich mich richtig entschieden habe.
Ich möchte später in dem Beruf arbeiten, ich bin mir sicher. Allerdings weißt du sicher zu genau, dass ich dich in den nächsten Briefen über die unfairen Professoren und Doktoren, die schlimmen Prüfungen und Aufgaben zu jammern werde.
Aber ich finde das gerecht- dafür bist du meine große Schwester und ich weiß genau, dass du ordentlich Vorarbeit geleistet hast, damit ich hier studieren kann und darf. Danke, danke, danke!
(Ich mache das per Brief, weil du es ja sonst abstreiten würdest, etwas getan zu haben. Fühl dich gedrückt ja?)
Mein Zimmer ist echt schön, mit Blick über die Stadt, die Mitbewohner sind nett. Aber ich habe mich durchgesetzt und habe jetzt mein eigenes Internet. Wirklich, es ist mir lieber, wenn die ihre eigene Begrenzung haben und nicht durch irgendwelche blöden Sachen Zugriff auf meine Aktivitäten bekommen. Gerade bezüglich unserer Familiensache, nicht wahr?
Apropos Familie, ich bin mir sicher, dass die Anderen es dir bereits gesteckt haben, aber ich wollte Karim die Seife wirklich nicht an den Kopf werfen!
Auch wenn alle von was anderem ausgehen…
Ich war am Packen, und hab die Duschsachen sortiert und wollte eigentlich nur drohend in seine Richtung schlenkern, als die mir aus der Hand geflogen ist. Er ist dann geflüchtet und hat seitdem noch nicht wieder Witze über Frauenprobleme gemacht.
(Gut, bei dir hat er sich ja auch nie getraut, Anspielungen bezüglich Auslaufen zu machen. Irgendwann musst du mir einmal erklären, wie du unsere Brüder so spielend leicht in Schach hälst. Jüngste Schwester hin oder her, warum benehmen sie sich bei dir immer so gut?)
Ich vermisse die Idioten dennoch… Selbst Karim und Hesham, unsere lieben jüngsten Brüder. Weißt du allerdings schon, dass Nadine und Hesham nicht mehr zusammen sind?
Hesham wollte sich zwar trennen (und hat tatsächlich mich gefragt, wie er es am Besten macht, weil er sie noch mag…), aber scheinbar ist alles einvernehmlich und gut über die Bühne gegangen. Aber gut, sie waren zwar fast 3 Jahre zusammen, aber sie sind 17.
Jetzt lachst du, ich weiß es! Natürlich bin ich auch erst 20, aber immerhin älter als unsere Nesthäkchen.
Ach mann, ich schreibe dir echt einen Roman und merke gerade, ich vermisse dich fürchterlich. Wie machst du das? Du bist doch ständig unterwegs, und glücklich und auch wenn du vermisst, dann sieht das nie so schlimm aus und hört sich nie so schrecklich an.
Ich bin erst vor drei Wochen umgezogen und meine Mitbewohner sind nett, mein Studium macht Spaß und ich habe mir meinen Freundeskreis ausgebaut, aber es ist nicht das Gleiche.
Ich vermisse unseren Hof, den Geruch des Meeres und den leichten Wind. Ich vermisse das Lachen unserer Brüder und das ständige Gewusel und Chaos, das sie veranstalten. Ich vermisse mein Zimmer und mein Bett und den Blick, den ich von dem großen Fenster habe.
Warum habe ich so früh schon Heimweh? Oder bist du zu sehr Freigeist, als dass es dich je so betroffen hat, große Schwester? Reichen dir Telefon und Briefe und alles andere so gut als Ersatz?
Das ist doch alles doof. Meine ersten Briefe waren so positiv, und auch dieser sollte so werden- du siehst doch genug an Schlimmen und Deprimierenden.
Ich weiß, dass ich deine kleine Schwester bin und immer meine, wie auch immer gearteten und banalen, Sorgen abladen darf, aber sie sind so banal und nichtig, gegenüber den Problemen mit denen du kämpfst. Sag‘ mir, wenn es wirklich schlimm wird, ja? Oder wenn dir was passiert ist?
Ich weiß, du willst mich schützen, aber bitte. Ich bin erwachsen und groß und ich will es wirklich wissen. Ich möchte es nicht von anderen erfahren…
Draußen gewittert es gerade und meine Glühbirne in der Deckenlampe flackert. Aber ich habe eh schon Kerzenlicht an- übrigens eine, die mir Tarim zum Abschied geschenkt hat. Sie duftet nach Orangen und macht mein Zimmer noch etwas heimeliger.
Weißt oder kannst was zu Amir und Murad sagen? Sind sie bald wieder da und zuhause? Ihre Briefe und SMS sind so nichts sagen, dass sie genauso gut ein rotes „Es ist nicht alles in Ordnung“ –Schild hätten schicken können.
Warum muss unsere Familie eigentlich immer so großflächig involviert werden? Die Khoury und Tahan mussten nie so viele Leute stellen, und bei denen sind immer zwei Söhne in Sicherheit.
Ich verstehe es nicht... Nein, das ist jetzt kein Grund, ein Taxi zu nehmen und mir die Sorgen von der Seele zu wischen.
Ich bekomme nur einen etwas anderen Blickwinkel aus der Ferne und ja… Ich mache mir Sorgen und vermisse euch. Fürchterlich.
Morgen kommt übrigens Nur zu Besuch, nur eine Stippvisite, aber wir werden den Nachmittag zusammen verbringen.
Er wird mich schon aufheitern, keine Sorge.

Ich habe mir gerade den Brief noch mal durchgelesen und mag ihn eigentlich gar nicht abschicken, große Schwester. Er ist so doof. So wenig positiv und so viel wenig Wärme. Aber ich mag ihn nicht noch mal schreiben und deshalb bekommst du ihn trotzdem. Mir geht’s es gut, denk dran, und ich meine es nicht so. Wirklich nicht.

Ich drücke dich.

P.S.: Wehe, du lässt gegenüber unseren Brüder durchblicken, dass ich mich verguckt habe. Bitte, ihr Beschützerinstinkt ist schon groß genug!
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