Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Erotik / Zwielicht

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Zwielicht

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Freundschaft / P18 / MaleSlash
26.08.2013
07.09.2013
8
29.906
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26.08.2013 2.915
 
Friedrich saß regungslos auf dem Sofa, den Blick auf die Seiten seines Buches gerichtet. Für ihn schien die Zeit stehen geblieben zu sein; eine unbestimmbare Zeit, seit er das Buch aufgeschlagen und den Satz „Wer bin ich“ gelesen hatte. Sein Geist versuchte diese philosophische Frage in all ihrer Komplexität zu beantworten, scheiterte aber immer wieder an dem Erlebnis mit Marc. Wer war er wirklich? Traf Marcs Anschuldigung zu, dass er verknöchert und altbacken auf Andere wirkte?
Er schloss die Augen. In seinem Schädel hallte diese Frage nach dem ICH immer wieder nach. Bislang war er sich seines Platzes in der Welt sicher gewesen. Er war sich seinerselbst sicher. Aber das Erlebnis hatte ihn aus der Bahn geworfen. Er kannte Marcs Untreue, seine Respektlosigkeit und seine Unsicherheit.
Vor einigen Jahren, als er das Buch „Sophies Welt“ das erste Mal gelesen hatte, stellte er Testweise auch seinem Lebensgefährten diese Frage. Zu diesem Zeitpunkt waren sie erst wenige Monate ein Paar und er ahnte die Reaktion Marcs.
Seine Antwort hatte sich in Friedrichs Erinnerung gebrannt.
Was ist das denn für eine Schwachsinnsfrage, Mann. Ich bin ich. Nun lass mich weiterzocken.
Damals nahm er die Antwort so nicht hin und regte eine Diskussion an.
Davon abgesehen, dass Marc den Sinn der Frage und vor allem den Inhalt gar nicht verstanden hatte, begriff er auch nicht, dass ihm seine Lebenseinstellung der simplen Körperlichkeit im Weg stand herauszufinden, wer er selbst sei.
Marc kam immer wieder zu dem gleichen Ergebnis. Er war Marc, keine Person deren Individualität und Handeln Einfluss auf hunderte anderer Menschen haben konnte, nicht die Person, die in anderen Freude und Leid erregte, Anziehung und Abscheu. Friedrich war nur zu gut bewusst, dass der Junge all das, was die Antwort war, dachte und fühlte, aber einfach die verbindende Brücke zu seiner Frage nicht schlagen konnte.
Heute stellte Friedrich sich diese Frage wer er war; die Essenz dessen, was Marcs Ablehnung ausmachte? Der Mensch, der den Punk dazu trieb das zu tun, was er tat? Was bedeutete seine Existenz im Zusammenhang mit Marc und Gabriel?
Sein Wesen, seine Liebe, was bedeuten sie in Auswirkung auf das Leben beider junger Männer?
Er schloss das Buch und legte es auf den Tisch zu all den anderen Büchern.
Langsam, schwerfällig erhob er sich und sah sich um. Chaos. Geordnetes Chaos. Das Wohnzimmer hatte seine eigene, innere Ordnung. Gefüllte Bücherregale dominierten das Bild, beherrschten den kleinen Raum und erfüllten ihn mit Wissen, Staub und dem Gefühl kaum atmen zu können. Dennoch war es ihm der liebste Ort auf der Welt.
Die wenigen Möbel waren alt und hatten ihre besten Jahre lange hinter sich. Das Cord-Sofa erinnerte in seiner Sandfarbe eher an etwas zerrupftes, ausgeblichenes, dass ein Möbelhaus vor ca. 30 Jahren irgendwo vergessen hatte und der Tisch, obgleich auch sauber und poliert, trug die Spuren der letzten 25 Jahre. Die neuzeitlichsten Möbelstücke waren der Fernseh- und der Computertisch.
Allerdings passte das alles zu dem streitbaren Endfünfziger. Er gehörte zu einer der intellektuellen Kommunen der siebziger Jahre und lebte schon immer standhaft in seinem eigenen, ihm gewählten Gefängnis der Zeit und Denkweise.
Im Moment aber waren seine Gefühle, die Liebe zu Marc, und besonders auch die Liebe zu Gab,  sein Martyrium.
Er musste sich zumindest mit einem der beiden aussprechen.
Die Wahl dabei fiel ihm nicht schwer.
Der junge Fotograph zählte auch erst 32 Lenze, aber er war kein geistiges Kleinkind, sondern ein philosophischer Träumer, der seinen Verstand auf ganz andere Art einsetzte als Marc.

Dieser Mann hatte Friedrich vom ersten Moment ihres Aufeinandertreffens an verzaubert. Gabriel schien rein von seinem Wissen und seiner Intelligenz Jahre, sogar Jahrzehnte älter zu sein.
Als sie einander begegneten, befand sich der junge Goth in einer Phase der Depression und Abhängigkeit, die in Friedrich alle Beschützerinstinkte und seine ganze Liebe aufflammen ließen.
Innerhalb des ersten Tages schon entwickelte sich das Vertrauensverhältnis beider in solchem Maß, dass der alte Mann den Eindruck hatte, diesen damals 21-jährigen Jungen ewig zu kennen. Zugleich erwachte in ihm eine Form von Liebe, die ihm bis dahin vollkommen unbekannt war. Es war ein unbeschreiblich warmes, tiefes Gefühl, dass sein gesamtes Wesen erfasste und seine Seele erschütterte. Auch wenn die beiden nie darüber gesprochen hatten, so wussten sie diese Empfindung zu benennen. Gabriel erwiderte seine Liebe auf platonische Art.
Friedrich wusste, dass er im Leben des jungen Fotographen immer eine besondere Stellung innehaben würde.
Für ihn war es das Natürlichste überhaupt, mit Gab über das Geschehene zu reden und sich ihm anzuvertrauen.
Er glaubte auch keine Sekunde daran, dass Marc mit seinem Freund geschlafen hatte. Aber diese verlogene Art, die sich sein Geliebter angewöhnt hatte, verletzte ihn zusehends und trieb den Keil, der sie schon seit längerer Zeit entzweite, immer tiefer.
Er nahm sich das stark antiquierte, beige Telefon aus dem Flur mit in das Wohnzimmer und ließ sich auf dem Bürostuhl vor dem PC nieder.
Nachdenklich betrachtete er die schwarzen Tasten. Ob Gab eine Antwort auf seine Frage des - wie geht es nun weiter - haben würde?
Mit Sicherheit nicht. Aber allein seine Stimme linderte alle Schmerzen in Friedrichs Seele.
Mit der linken Hand zog er ein zerknittertes Päckchen aus seiner Hosentasche und steckte sich eine der Zigaretten zwischen die Lippen. Allerdings zündete er sie nicht an, sondern wählte die Nummer Gabs.
Erst als er das Freizeichen hörte, fischte er sein Feuerzeug aus der anderen Hosentasche und entzündete seine Zigarette.
Lange sog er daran, bis die Spitze orange-weiß aufglühte.
Der irreale Gedanke Gab zu stören erwachte und versank sofort wieder. Sein Blick glitt zu der alten, verstaubten Pendeluhr neben der Türe. Es war bereits nach drei. Kein Hinderungsgrund ihn anzurufen. Gabriel arbeitete fast ausschließlich nachts.
Aber was, wenn er gerade ein Modell bei sich hatte? Während seiner Arbeit ließ sich Gabriel ungern stören.
„Ja?“ meldete sich die kühle, klare Stimme Gabriels.
„Hallo Gabriel“, sagte Friedrich leise.
Scheinbar schwang doch sehr viel Trauer und Schmerz in seiner Stimme mit, denn der junge Mann reagierte sofort sehr besorgt.
„Was ist mit dir?“ fragte er leise.
„Marc. Er...“ Friedrich verstummte. Er wusste nicht, wie er das Geschehene über die Lippen bringen sollte. Wieder sog er an seiner Zigarette, suchte nach einer Formulierung. Allerdings musste er sich eingestehen, dass die Inhalation des Rauches ihn weder beruhigte, noch seinen Geist beflügelte und ihn keiner Lösung nahe brachte. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich all das in Wort kleiden soll, was geschehen ist und was ich denke, Gab.“
„Egal was Du zu sagen hast, ich höre Dir zu.“ In der Stimme das Goth schwang sehr viel Wärme und Liebe mit. Friedrich fühlte erschreckend stark, wie viel mehr Gabriel an ihm gelegen war als Marc. Zugleich flammte seine Liebe für seinen Freund stärker denn je auf.
„Hast Du überhaupt Zeit für mich?“ fragte Friedrich leise.
„Natürlich“, entgegnete Gabriel sanft. „Soll ich zu Dir kommen?“
„Nein, lass ruhig“, sagte der alte Mann. An sich waren diese Worte eine glatte Lüge. Er wollte Gabriel bei sich haben und mit ihm direkt reden, ihm in die Augen sehen, sich an ihn lehnen und in seinen tröstenden Armen vergraben, den Duft seiner Haut und seines langen Seidenhaars in sich aufnehmen.
Allerdings wusste er auch, dass es unsinnig war ihn eine Stunde mit dem Auto durch die Nacht zu hetzen, nur um nicht allein mit seinen Sorgen zu sein.
„Ich meine es ernst, Friedrich“, bekräftigte der junge Goth mit einigem Nachdruck in der Stimme. „Soll ich zu Dir kommen.“
Friedrich schloss die Augen und sog wieder an seiner Zigarette. Nachdenklich stieß er den Rauch durch die Nase wieder aus. Was dachte Gab von ihm – jetzt - in diesem Moment? War er für ihn noch dieselbe starke Person, der alte, weise Mann?
„Nein, mir reicht es schon Deine Stimme zu hören“, entgegnete Friedrich leise. Diesen Stolz musste er sich gegenüber seinem Freund bewahren. Die Anerkennung Gabriels bedeutete ihm mehr als alles andere auf dieser Welt.
Das warme, freundliche Lachen des jungen Mannes drang an sein Ohr. „Ich glaube, es wird Zeit, dass wir beide uns bald wieder sehen und Du einige Tage bei mir bleibst.“
Wie gerne hätte Friedrich ja gesagt. Aber er ignorierte den Kommentar vorerst. „Bitte Gabriel, sag’ mir, was in der einen Woche alles geschehen ist, in der Marc bei Dir war.“
Zitterte seine Stimme? Er verdammte sich dafür. Aber dies Marc gegenüber zu zeigen wäre schlimmer gewesen, ein unverzeihliche Blöße, eine Schwäche, die der Punk ausnutzen würde.
„Er war zum Fotografieren da“, antwortete Gabriel. „Fetisch-Bilder für ein Schwulen-Magazin.
Marc hat sich stellenweise sehr exhibitionistisch gezeigt. Du kennst ihn ja.“
Ja, leider, dachte Friedrich, schwieg aber.
Die Asche seiner Zigarette fiel auf seine Hose. Er hob nur eine Braue und schüttelte sie herab. Saugen musste er ohnehin. Welch seltsame Gedanken doch sein Bewusstsein ereilten, wenn er verwirrt und verletzt war. Friedrich fand sich höchst erstaunt über seine Denkwiese und Art mit diesem Problem umzugehen.
„Dir ist mein Arbeitszimmer ja bestens bekannt“, sagte Gabriel leise.
Oh ja, Friedrich kannte die Folterkammer. Ein Raum ohne Putz an den Wänden, nur mit den nackten Mauerziegeln, Haken und Ketten in Wand und Decke, insbesondere oberhalb des gewaltigen Stahlrohrbettes. Bis heute war sich der alte Mann nicht ganz sicher, ob diese Art des Liebesspieles Gabriel nicht doch sehr erregte. Allerdings schätzte er ihn nicht so ein. Das, was er über ihn wusste, stellte Gab eher als sehr zärtlichen und liebevollen Mann dar.
„Marc ließ sich von mir an das Bett fesseln und hat es offenbar ziemlich genossen. Letztlich habe ich die meiste Zeit über ihm gekniet. Er rieb sich stark an mir und ließ keinen Versuch aus, mich zu erregen.“
Friedrichs Herz zog sich zusammen. Aber er verspürte nicht Marcs wegen tiefe Eifersucht. Seine Zuneigung zu dem Jungen war immer noch ungebrochen, aber die Liebe zu Gab saß tiefer.
„Bei anderen Aufnahmen erregte er sich selbst und streichelte sich, zeigte mir nur zu deutlich, dass er Sex wollte. Er bot sich mir an...“
„Auch wenn Dich die Frage schockiert, hast du sein Angebot je angenommen?“ flüsterte Friedrich. Die Worte kamen nur schwer über seine Lippen. Es war für ihn fast wie der Bruch eines unausgesprochenen Vertrauensschwures Gabriel gegenüber. Und so schien der junge Mann es auch aufzufassen.
„Wie kommst Du auf einen solch abwegigen Gedanken?“ Enttäuschung schwang nur zu deutlich in Gabriels Stimme mit. „Ich würde Marc nicht anrühren.“ Er seufzte. „Und das liegt nicht daran, dass ich Dir den Geliebten nicht nehmen will, sondern weil ich meine eigenen Prinzipien verraten würde, meinen Stolz verletzen und mich dem billigsten, widerlichsten Sex überhaupt hingäbe. Das liegt mir einfach fern. Marc ist nicht meine Wahl von Mann.“
Friedrich lachte leise, bitter. „Ja, er ist primitiv und kindisch. Sag es ruhig.“
Er empfand einen leisen, stechenden Schmerz in seinem Herzen, einen Schmerz, der nicht wieder nachlassen würde, denn er hatte das ausgesprochen, was er selbst über Marc dachte, und er fühlte sich schäbig dabei, denn der Junge konnte nichts dafür.
„Er ist eine leere, hübsche Hülle. Seine Seele besitzt die Tiefe eine Pfütze, Friedrich, die Deine hingegen ist wie ein Meer, unauslotbar und von solchem Schmerz durchtränkt.“ In der Stimme des jungen Mannes schwang wieder diese Wärme und Zuneigung mit. „Du marterst Dich wegen eines Mannes, der Deine Liebe nicht verdient. Mein armer Freund, ich wünsche Dir so sehr und von ganzem Herzen einen Partner, der Dir ebenbürtig ist, und der Dich so bedingungslos liebt, wie Du zu lieben im Stande bist.“
Friedrichs Finger zitterten. Er hatte das Gefühl den Hörer fallen lassen zu müssen, nicht mehr die Kraft aufzubringen, dieses bisschen Kunststoff halten zu können. Behutsam legte er die Zigarette ab, stieß sie aber vom Rand des Aschenbechers auf den Computertisch. Sofort hinterließ die Glut einen unschönen Brandfleck und es roch nach verschmortem Plastik.
Er hob sie auf und drückte sie in dem Ascher aus.
Sein Herz schrie nach Gabriel. Er war die Liebe, die sich Friedrich wünschte. Kein Marc der Welt, gleich wie hübsch er auch sein mochte, konnte diesen jungen Mann ersetzen. Gabriels Wesen war es, was ihn von der ersten Sekunde an fasziniert hatte. Der klare, kluge Blick aus den blauen Augen und die wenigen, ruhigen, bedachten Worte, die Einsicht, dass er Hilfe brauchte, aus der Situation der Abhängigkeit, in der er sich befand herauszukommen, hatten Friedrich vor elf Jahren gefangen genommen. Er hatte sich sofort und unwiderruflich in den damaligen Studenten der bildenden Künste verliebt.
Gabriel lebte damals in einer Wohngemeinschaft mit einem älteren Studenten zusammen, der zugleich sein Partner war. Allerdings erwies sich diese Liebe als sehr einseitig. Wenn Friedrich es genauer betrachtete, war Gabriel das Spielzeug dieses Mannes, eine Puppe, die er seinen Freunden für Spiele aller Art zu Verfügung stellte und es genoss dabei zuzusehen, beziehungsweise sich daran zu ergötzen. Es war immer die Demütigung und Versklavung Gabriels, auf die es hinauslief. Er dominierte den jungen Goth in jeder Form und zerstörte ihn, den einsamen, gebildeten Träumer, vollkommen. Die Form der Versklavung betraf bei weitem nicht nur die Sexualität sondern alles. Das gesamte Zusammenleben der beiden. Um Gabriel gefügig zu machen, nahm er ihm Stück um Stück seine Würde und seine Ehre, besaß ihn wie einen Gegenstand.
Friedrich war Gabriels Retter, sein Schutzengel. Sie lernten sich durch eines dieser Dominanzspiele kennen. Der junge Goth sollte offenbar den erstbesten Mann, der ihm in einer Schwulenbar begegnete, verführen und ihm vollkommen zu Willen sein.
Gabriel blieb die Wahl selbst überlassen, seinen Bettgefährten auszusuchen. Nach einiger Zeit fiel ihm Friedrich auf, der ihn die ganze Zeit ohne Unterlass beobachtete und dessen ganzes Wesen bereits wie eine Aura um ihn wehte. Zudem war er allein. Das Außergewöhnliche und sein Charisma verführten Gabriel damals, ausgerechnet an ihm hängen zu bleiben. Die Nacht aber verbrachten sie vollkommen anders, als Gabriels Liebhaber es sich dachte. Sie redeten, philosophierten, fanden in der Nacht ihre unzerstörbare Freundschaft.
Friedrich nahm Gabriel für einige Wochen zu sich und half ihm den Übertritt in ein neues, eigenständiges Leben zu finden.
Allein dafür zeigte sich der junge Mann mehr als dankbar. Er schenkte seinem älteren Freund die schönste und glücklichste Zeit seines Lebens, eine Zeit, in der sich Friedrich seiner Selbst wirklich bewusst wurde. Sie erweckten einander und der alte Mann erfuhr eine solch liebevolle Form tiefsten Respekts und menschlicher Nähe, wie sie ihm von keinem anderen Menschen je gezollt wurde.
Dieser junge Fotograph war der Partner, der ihm alles bedeutete, der seinen Geist, sein Wissen teilte.
„Du bist meine ganze Liebe“, flüsterte Friedrich.
Gabriel schwieg. Er wusste, dass es so war. Zu diesen Worten gab es nichts hinzuzufügen. Sie standen im Raum wie eine feste Wahrheit. Nein, sie waren eine Wahrheit. Das wussten beide Männer.
„Wir haben uns vorhin geliebt und er schrie Deinen Namen, als er seinen Höhepunkt erreichte.“ Jetzt endlich gelang es Friedrich, diese Worte auszusprechen.
„Marcs Versuche mich zu Verführen scheitern immer an meiner Sturheit, Friedrich. Ich will ihn nicht. Außerdem würde ich damit den Mann verletzen, der mein Partner ist und seine Liebe zu mir missbrauchen.“
Gabriel sprach so klar und nüchtern wie eigentlich immer darüber.
Vor kurzem hatte er einen 12 Jahre jüngeren Mann kennen gelernt, den er über alles liebte. Und seltsamer Weise empfand Friedrich Marius gegenüber keinerlei Schmerz oder Wut, obgleich er genau wusste, dass die beiden Männer ihr Aufeinandertreffen generell sehr körperlich feierten. Aber Marius war nicht Marc. Er schien Gabriel angemessen und sie liebten einander. Zwischen ihnen gab es einen stummen Krieg der Persönlichkeiten, den Gabriel dank der Tatsache seiner extremen Selbstbeherrschung gewann.
Friedrich hatte Marius kennen gelernt und ihn paradoxer Weise sofort in sein Herz geschlossen. Obwohl eine ähnlich harte Vergangenheit auf seinen Schultern lastete wie die Marcs, er ebenfalls recht ungebildet war, umgab den Jungen eine Aura von Stärke und Willenskraft, die Marc fehlte. Zudem strahlten seine hellen Augen in einem Licht von klarer Ehrlichkeit und Offenheit, die Friedrich faszinierte.
Er hielt den jungen Mann für sehr klug, allerdings auch für wahnsinnig faul.
Wie auch Gabriel gehörte er zu dem schwarz gewandeten Menschenkreis. Marius war Musiker, talentiert, jung, außergewöhnlich offen Gefühlen gegenüber, die er mit Leichtigkeit in Worte und Noten unzusetzend wusste und er war eine Schönheit.
Seine Jugend und seine Kraft, aber auch all das Erlebte, prägten sein ebenmäßiges Gesicht und verliehen ihm einen erwachsenen, sehr gefassten Ausdruck. Allerdings ein Blick in seine Augen verriet ungeheure Energie und den tiefen Wunsch die Welt zu ändern und aus den Angeln zu heben. In einigen Punkten fand er den gleichen rebellischen Geist in Marius wieder, der ihn selbst einst beseelte und antrieb.
Im Gegensatz zu Gabriel war Marius einem Zusammenspiel aus seinen Gefühlen und Erlebnissen unterworfen, was ihn wie eine Aura umgab.
In seinem gesamten Sein verriet er eine innere Disharmonie, die seinen Geist trieb und stärkte, aber zugleich verlieh ihm das auch eine Sicherheit über seinen Platz in diesem Leben, die ihm niemand je wieder nehmen konnte.
Er war das Gegenteil zu dem ruhigen, überlegten Gabriel, der die Angewohnheit hatte, über alles sehr gründlich zu reflektieren.
Aber sie harmonierten, und Friedrich war sich sicher, dass nichts auf dieser Welt dieses Paar je wieder trennen konnte.
„Halte Marius fest in deinem Herzen, Gabriel“, sagte Friedrich leise. „Er ist etwas Außergewöhnliches. Einen Mann wie ihn wirst Du nie wieder finden.“
Leises Lachen antwortete ihm. „Ja, das ist wahr. Allerdings halte ich auch Dich fest, denn ein solcher Mensch wie Du, wird mir ebenfalls nie wieder begegnen. Du, mein Mentor, mein Freund, meine stille Liebe, wirst immer Teil meiner Seele sein.“
Diese Worte waren es, die Friedrichs Herz berührten und deren Klang seine Schmerzen aufhoben, ihn heilten.
„Danke mein Freund.“ Seine Lippen umspielte ein liebevolles Lächeln. „Nun kann ich wieder ruhiger schlafen.“
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