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Wie Farin seinen ersten Geschichtenstein fand

von SilviaK
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P6 / Gen
23.08.2013
23.08.2013
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„Sándir, hast du deinen Bruder gesehen?“
„Nein, schon seit Stunden nicht mehr“, antwortete der junge Elf ohne aufzublicken. Kritisch betrachtete er die Speerspitze, an der er gerade arbeitete. Nicht daß er das Geplapper und die neugierigen Fragen des Kleinen vermißt hätte. Er hatte hier schließlich Wichtigeres zu tun!
Adira, die Mutter der beiden, runzelte nachdenklich die Stirn. Langsam wurde sie wirklich unruhig. **Farin?** sendete sie noch einmal und erhielt wieder keine Antwort.
„Wo steckt er nur? Die ganze Nacht lang ist er nicht aufgetaucht!“
Der besorgte Ton in der Stimme seiner Mutter ließ Sándir nun doch innehalten. Er sah zu ihr hoch, zuckte mit den Schultern und meinte: „Er wird bei Regenwolke sitzen, sich Geschichten erzählen lassen und mal wieder alles andere vergessen.“
„Bei Regenwolke war ich schon. Den ganzen Hain habe ich nach Farin abgesucht. Er ist nicht da - keiner hat ihn gesehen! Und ich kann nach ihm senden, so viel ich will, er scheint es nicht mal zu hören!“
Sándir verdrehte seufzend die Augen. Die Hohen mochten wissen, wo sich der kleine Träumer diesmal wieder verkrochen hatte. Farin war wirklich ein Meister darin, andere mit seiner Gedankenlosigkeit in Aufruhr und Sorge zu versetzen.
„Vielleicht ist er zu weit in den Wald hineingelaufen um dich hören zu können“, vermutete er und sandte nun selbst einen - leicht verärgerten - Ruf nach seinem kleinen Bruder aus. Sándirs Senden reichte weiter als das der meisten anderen im Stamm, er hatte Farin schon öfter damit irgendwo aufgeschreckt, aber diesmal kam keine Antwort.
Allmählich gefiel Sándir das ganze auch immer weniger.
Adira ging vor ihrem ältesten Sohn in die Hocke und sah ihn bittend an. „Hör zu, ich will euren Vater und die anderen nicht beunruhigen - aber wir sollten ihn suchen, die Sonne geht schließlich schon auf! Ich hoffe bloß, daß ihm nichts passiert ist. Er antwortet doch sonst wenigstens, wenn man ihn ruft!“
Unwillig zog Sándir die Augenbrauen zusammen. Mit diesem Knirps hatte man nichts als Schwierigkeiten! „Der kann was erleben, wenn ich ihn finde“, murmelte er aufgebracht, als er sich einen Ruck gab, kurz nickte und seine Werkzeuge in den Lederbeutel warf. Er hatte die Steinspitze, mit der er beschäftigt gewesen war, am Morgen zu Speerschaft bringen wollen. Wegen diesem Flausenkopf würde er nun nicht rechtzeitig fertig werden!

Farin lag auf einem umgestürzten Baumstamm, dessen Krone bis in den Fluß hineinragte. Der Junge hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und ließ die Füße ins Wasser baumeln. Fasziniert beobachtete er, wie der Himmel heller und heller wurde und die Dunkelheit zurückwich. Die halbe Nacht lang hatte er hinaufgeschaut und die Sterne betrachtet. Farin erinnerte sich nur vage an die Namen der Bilder, die sie formten, aber das machte nichts. Er war so damit beschäftigt gewesen, sich das, was er nicht wußte, selber auszudenken, daß die Morgendämmerung ihn völlig überraschte. Fast ein wenig traurig sah er die Sterne verblassen und nahm sich vor, Regenwolke nach ihnen auszufragen, wenn er wieder im Hain war. Über sie mußte es doch auch ein paar Geschichten geben!
Die Farben ringsum wurden allmählich viel leuchtender als in der Nacht, und als etwas mit einem leisen Platschen ins Wasser fiel, richtete Farin sich neugierig auf. Er sah einer Eichel zu, die einen kleinen Wellenkreis auf dem Wasser gezeichnet hatte, auf den Grund sank und zwischen Wasserpflanzen und Steinen liegenblieb.
Und was für  Steine das waren!
Farin rutschte begeistert von seinem Baumstamm und watete durch das kniehohe Wasser, den Blick auf den Grund gerichtet, der von unzähligen ovalen, länglichen, braunen, schwarzen, gefleckten, schiefergrauen und moosbewachsenen Steinen bedeckt war. Immer wieder bückte sich der Junge, hob einen davon auf und betrachtete ihn von allen Seiten. Einer war interessanter anzusehen als der andere! Farin konnte gar nicht so viele Steine tragen, wie er eigentlich wollte. Wieso hatte er nur zwei Hände?! Farin lachte über diesen Gedanken und warf einige besonders schöne Exemplare ans Ufer, um sie später mitzunehmen.
Plötzlich stieß er mit den Zehen gegen irgend etwas. Er grub die Finger in den Schlamm und rieb den Stein sauber. Er paßte genau in seine Kinderfaust, weich und glatt fühlte er sich an, auch wenn seine Oberfläche ein bißchen uneben war. Seine warme, rote Farbe war so ganz anders als die der anderen Steine, die Farin schon aus dem Fluß gefischt hatte. Er gefiel dem Jungen sofort.
**Farin? Wo steckst du?!**
Leise drang das Senden seines älteren Bruders in Farins Kopf. **Jaja, ich bin hier.** antwortete er, noch immer in die Betrachtung seines Schatzes versunken, so daß er die Verärgerung in Sándirs Senden gar nicht beachtete.
**Rühr dich nicht von der Stelle, bis ich bei dir bin! Was denkst du dir eigentlich?!**
Farin zuckte zusammen. Nicht einen Gedanken hatte er daran verschwendet, daß man ihn suchen würde, wenn er sich allein und ohne Erlaubnis so weit vom Lager entfernte - und noch dazu bis Sonnenaufgang fortblieb. Er hätte sich längst auf den Rückweg machen sollen!
Als Sándir am Ufer erschien, sah Farin, daß er wirklich wütend auf ihn war.
„Bist du verrückt? Vater hat dir verboten, bis zu den Stromschnellen hinabzugehen, das weißt du ganz genau! Aber du nimmst ja überhaupt nichts wichtig, du Tagträumer! Kannst du nicht wenigstens in Reichweite des Sendens bleiben?! Mutter sorgt sich deinetwegen und ich muß dir durch den ganzen Wald nachlaufen, anstatt meine Arbeit für Speerschaft zu tun!“
Farin biß sich auf die Lippen, als er Sándirs zornigem Blick begegnete. So etwas hatte er nicht gewollt. Und er wußte nur zu gut, daß mit seinem Bruder in dieser Stimmung nicht zu reden war.
„Was machst du eigentlich hier?“ fuhr Sándir den Jungen an und bedeutete ihm mit einer knappen Handbewegung, endlich aus dem Wasser herauszukommen.
„Steine suchen“, sagte Farin kleinlaut und streckte Sándir zögernd die Hand hin, in der der schöne rote Stein lag. „Schau mal. Gefällt er dir auch?“
Das verschlug dem Älteren einen Moment lang die Sprache. Angeln, sich im Wald verlaufen, aus Neugier einer Tierfährte zu weit folgen - all das hätte er akzeptieren können.
Aber Steine suchen?!?
„Mir reichts jetzt! Mutter wird bald den halben Stamm auf die Suche nach dir schicken - nur, weil du dich hier mit solchen Kindereien vergnügst! Und nicht auf das hörst, was man dir sagt!“ Mit einer schnellen Bewegung griff er nach dem Stein, holte aus und warf ihn zurück in den Fluß - so weit weg wie er konnte. „Tu endlich mal was Vernünftiges statt dieser Albernheiten!“
Farin riß erschrocken die Augen auf. „Nein, das darfst du nicht! Den wollte ich behalten!“ Aber er war zu langsam, um seinen Bruder daran zu hindern. „Du bist gemein!“ schrie er Sándir an, fuhr herum und rannte wieder ins Wasser. Er hatte gesehen, wo der Stein hineingefallen war. Und er würde ihn sich zurückholen!
„Bleib hier!“ rief Sándir, aber der Junge ignorierte ihn und kraulte los. Nach ein paar Schwimmzügen merkte er, daß die Strömung stärker wurde, aber er kam noch gut dagegen an. Farin holte tief Luft und tauchte unter. Sein Blick huschte über den Grund, über wogendes Seegras und eine Menge Steine. Doch erst beim zweiten Mal tauchen sah er den roten. Mit einem zufriedenen Lächeln tauchte er noch einmal, packte ihn und stieß sich ab, zurück zur Wasseroberfläche.
Aber er hatte sich zu weit zur Flußmitte hinausgewagt. Nahe dem Ufer war das Wasser trügerisch flach und schien langsam zu sein. Die richtige Strömung kam erst im tieferen Bereich - und die zerrte plötzlich an dem Jungen, der beim Auftauchen zwei, drei Schwimmzüge zuviel in die falsche Richtung gemacht hatte. Farin war ganz verdutzt, als es ihn auf einmal stromabwärts mitriß, ohne daß er etwas dagegen tun konnte. Erschrocken wandte er den Kopf zurück zum Ufer, wo sein Bruder mit verschränkten Armen und finsterer Miene gestanden hatte und in ebendiesem Moment auch erkannte, wohin Farin zu treiben drohte.
*Komm zurück, los, mach schon!*
*Ich kann nicht, ich ...* Der Fluß ließ den Jungen nicht aus der Strömung, so sehr er sich auch mühte. Wirbel waren unter Wasser, plötzlich riß es Farin die Beine weg, er ging unter und schluckte Wasser.
*Sándir!!*
Sándir blieb fast das Herz stehen, als er das sah und die Angst in Farins Senden spürte. Auch erwachsene Elfen hatten es an einigen Stellen des Flusses schwer, gegen die Strömung anzukommen. Wie sollte da erst ein kleiner Junge wie Farin, der längst nicht kräftig und ausdauernd genug war, damit fertig werden? Dieser verdammte kleine Dummkopf! Aber zu Sándirs Erleichterung kam in diesem Moment Farins nasser blonder Schopf wieder zum Vorschein.
*Ich komme, hörst du? Versuch, über Wasser zu bleiben!*
Farin konnte nicht einmal antworten. Er hustete, der Schreck saß ihm in den Gliedern, während er hilflos versuchte, sich gegen die Strömung zu stemmen.
Sándir war ins Wasser gerannt, hielt mit kräftigen Schwimmbewegungen auf die Flußmitte zu. Bald riß die Strömung auch ihn mit, aber das hatte er ja gewollt. Schon wieder hatte einer der Wasserwirbel den Kleinen erwischt. Sándir versuchte ihn zu beruhigen und dabei seine Angst um Farin zu ignorieren, denn der Abstand zwischen den beiden wurde nur langsam kürzer, obwohl Sándir alle seine Kräfte aufbot, um ihn einzuholen. Gerade, als er ihm endlich nahe genug war, um ihn am Hemd zu packen und festzuhalten, riß es auch Sándir beinahe unter Wasser. Er hatte kaum Zeit, richtig Atem zu holen, preßte den Jungen an sich und kämpfte einige endlos lange Augenblicke gegen den Sog. Dann waren sie frei.
Es fiel Sándir schwer, mit sich selbst auch noch Farin der Strömung zu entreißen. Aber schließlich erreichten sie doch das Ufer. Sàndir legte den Jungen, der sich die ganze Zeit an ihn geklammert hatte, ins Gras und ließ sich dann neben ihn fallen, selber total erschöpft. Den Hohen sei Dank, dachte er, das hätte schlimm ausgehen können!
Farin hustete immer noch und zitterte am ganzen Leib. So richtig wurde ihm erst jetzt bewußt, in welcher Gefahr er geschwebt hatte.
„Und genau darum hat Vater dir verboten, hier zu sein!“, hörte er Sándir noch etwas atemlos sagen. „Mach das nie wieder!“
„Tut mir leid ... ich wollte ja gar nicht ... aber das Wasser war so schnell ...“ Farin schielte zu seinem Bruder hoch, erwartete eine Strafpredigt, aber statt dessen zog Sándir ihn kurz an sich, voller Erleichterung darüber, daß er das ganze unbeschadet überstanden hatte. „Für heute bin ich froh, daß dir nichts passiert ist, du kleiner Dummkopf. Beim nächsten Mal kannst du was erleben.“ Aber Sándir lächelte, als er das sagte. Plötzlich weiteten sich seine Augen. „Nun sag bloß noch, du hast ihn die ganze Zeit festgehalten!“
Farin stutzte, öffnete die rechte Faust und war selber überrascht, daß er den roten Stein immer noch in der Hand hatte. So naß wie er war glänzte er sogar in der Sonne. Dann fiel Farin ein, was vorhin passiert war. Schnell schloß er die Faust wieder und schob sie hinter seinen Rücken. „Bitte! Du darfst ihn nicht wieder wegwerfen!“
„Keine Angst. Ich habe keine Lust, dich noch mal aus dem Fluß zu fischen, weil du diesem Stein ja sowieso wieder hinterherschwimmen würdest.“ Sándir schmunzelte, schob Farin ein paar nasse Haarsträhnen aus dem Gesicht und schaute dann an sich selbst herunter. „Na, so wie wir aussehen, werden wir beide einiges zu erklären haben. Dann wird Vater uns wohl heute beiden das Fell über die Ohren ziehen.“
„Wieso dir?“ protestierte Farin. „Ich bin doch reingesprungen. Du hast mich gerettet!“
„Aber ich hab’s provoziert, Kleiner.“ Nachdenklich blickte Sándir seinen Bruder an. Die Erkenntnis, wie nahe er heute daran gewesen war, ihn für immer zu verlieren, erschreckte ihn noch im Nachhinein. Wie oft hatte er diesen kleinen Tagträumer auf einen der zwei Monde gewünscht, wenn er ihm mal wieder auf die Nerven ging. Erst heute war ihm klargeworden, wie gern er Farin eigentlich hatte.
„Weißt du, was ich demnächst mal mit dir machen werde?“
„Was denn?“ Äußerst mißtrauisch behielt Farin ihn im Auge.
„Dir richtig Schwimmen beibringen, damit du mir nicht wieder untergehst ... Sag mal, hat Vater dir schon einen Fischspeer geschnitzt?“
„Wollte er, aber ich hab mir selber einen gebaut.“
Sándir hob anerkennend eine Augenbraue. „Und ich dachte schon, du hast nur Geschichten und bunte Steine in deinem Kopf. Zeigst du mir morgen, ob du schon damit umgehen kannst?“
„Mach ich. Ich hab schon welche getroffen!“ verkündete Farin, der seinen Bruder kaum wiedererkannte. Er klang auf einmal viel freundlicher als sonst. „Weißt du was? Als ich neulich am Bach war, da ...“
„O je, schon wieder eine Geschichte?“ Sándir lachte unterdrückt. „Na gut, erzähl, aber wenn wir uns nicht sofort auf den Rückweg machen, erfährt womöglich auch noch Speerschaft von deinem Abenteuer. Und dann kannst du dich wirklich auf etwas gefaßt machen.“ Er erhob sich, stellte Farin auf die Füße und gab ihm einen Stups. „Bin gespannt, ob du dir wenigstens den Weg gemerkt hast.“
Farin verschwieg lieber, daß er sich schon oft hierhergeschlichen hatte und den Weg mit verbundenen Augen finden konnte. „Hab ich wohl! Komm mit!“ Er faßte seinen Bruder bei der Hand und zog ihn in den Wald. In der anderen hielt er den roten Stein, den er von diesem Tag an immer bei sich tragen würde.

Natürlich erfuhr Speerschaft trotzdem, was geschehen war. Allerdings nur, weil Farin es nicht lassen konnte, jedem, dem er den Stein zeigte, von jenem Morgen am Fluß zu erzählen. Aber das war schon ein paar Tage später, so daß Farin sich nur einen strafenden Blick einfing und das Versprechen ablegen mußte, sich nicht mehr so weit allein vom Lager zu entfernen. Daß er von nun an den Stromschnellen fernbleiben sollte, das mußte man ihm nicht mehr sagen.
Es gefiel dem kleinen Farin ausnehmend gut, daß es zu seinem roten Stein eine richtige Geschichte gab - so eine, wie Regenwolke sie zu erzählen wußte. Und es dauerte gar nicht lange, bis er darüber nachdachte, ob dann nicht auch jeder andere Stein eine eigene Geschichte haben könnte - oder zumindest jede Geschichte einen besonderen Stein, der die Erinnerung daran weckte, wenn man ihn in der Hand hielt, ihn betrachtete und darüberstrich. Farin begann, sich zu allen Geschichten, die er aufschnappte, einen passenden Stein zu suchen. Und obwohl Sándir sich über die neue Marotte seines Bruders amüsierte, kam es doch hin und wieder vor, daß er ihm selber ungewöhnliche Steine mitbrachte, wenn er zufällig welche fand. Und er war jedesmal neugierig, zu welcher Geschichte diese nun wieder passen würden...
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