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Zwölf Zeichen

GeschichteFantasy / P12 / Gen
OC (Own Character)
20.08.2013
04.06.2015
2
2.089
1
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Dieses Kapitel
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20.08.2013 919
 
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Der Blautann lag still vor der Reisegruppe, die mehr durch puren Zufall als Planung zusammengekommen war. Eine zwölfgöttliche Fügung, wenn man so wollte, auch wenn es zumindest dem Halbelfen Felidan schwer fiel, diese Götterwesen zu akzeptieren. Zum größten Teil lag dies daran, dass er bei den Verwandten seiner Mutter großgeworden war, einer Elfensippe, die sich unweit einer menschlichen Siedlung niedergelassen hatte. Diesem Umstand war auch seine bedauernswerte Existenz zu verdanken, denn ein Mensch hatte vor 18 Sommern seiner Mutter Gewalt angetan. Und obwohl er des zweistimmigen Gesangs mächtig war, hatte seine bloße Existenz in der Sippe immer den Makel seiner Herkunft getragen, sodass er sich nie wirklich heimisch gefühlt hatte, immer etwas distanziert. Und so hatte er schließlich vor etwas mehr als zwei Wochen seine wenigen Sachen zusammengepackt und war ausgezogen um etwas zu suchen, was ihm all die Jahre Gefehlt hatte: das Gefühl der Zugehörigkeit. Zunächst hatte sein Weg ihn in die Richtung jener Menschensiedlung geführt, aus der sein Vater stammen sollte, aber die Holzfäller, die dort ihr Handwerk betrieben hatten waren vor einigen Jahren während einer Kampagne gegen die Heptarchien eingezogen worden und nur zwei waren zurückgekehrt und dann verlassen worden. So lag die Ansiedlung mit ihren ehemals stolzen 25 Einwohnern in vier Häusern leer und Still vor ihm, und anstatt etwas gefunden zu haben, schien er eher noch mehr verloren zu haben als seine Sippe. Alleine war er einige Stunden durch die leeren Häuser gestreift, bis er sich schließlich für die Nacht in einem der zwar faulig riechenden, aber immer noch halbwegs intakten Betten einquartierte. Die Distanz zu seiner Sippe, die kaum eine Tagesreise entfernt sich langsam zur Ruhe begeben würde, schmerzte den jungen Halbelfen, aber die Hoffnung seinen eigenen Platz in der Welt zu finden tröstete ihn soweit, dass er in einen unruhigen Schlaf fallen konnte.

Als die Sonne sich langsam anschickte über den Horizont zu steigen, wurde Felidan von etwas nassen an seiner Wange geweckt. Verwirrt hatte er die Augen geöffnet und in das hellbraune Gesicht einer Katze geblickt, deren gelbe Augen ihn im Halbdunkel anfunkelten. Er brauchte einige Sekunden um das Tier als einen Luchs zu erkennen, denn in dem Schummrigen Licht hatte er es zunächst etwas schwierig die feinen Haarbüschel an den Ohren zu erkennen, aber dann fiel es ihm fast wie Schuppen von den Augen, dass es wohl ein Sonnenluchs sein würde. Viel wusste er zwar nicht über das Volk seines Vaters, aber er hatte doch von seiner Mutter Schwester gehört, dass manche der Rosenohren glaubten, dass Sonnenluchse das heilige Tier eines ihrer Götter seien. Was diese Götter so besonders machte konnte ihm damals aber keiner erklären. Lange Sekunden starrte der Halbelf die Katze an, die ihn tief aus den bernsteingelben Augen anblickte. Schließlich wendete das Tier sich ab und ging wieder auf der zerstörte Tür zu, durch die es hereingekommen war, wendete aber dann nochmal den Kopf um den Halbelfen anzusehen. Fast als ob der Luchs wollte, dass er ihm folge. Ohne noch lange nachzudenken, griff er sein Bündel, in dem auch das einzige Andenken an seinen Vater lag, und eilte dem Tier hinterher, dass sich kurz bevor er es erreichte wieder in Bewegung setzte.

Immer wieder hielt der Luchs an und schaute zurück, als ob er sichergehen wollte, dass er ihm folge. In seiner Eile dem Tier hinterherzukommen bemerkte Felidan kaum wie die Sonne auf ging und bald im Zenit stand und auch als sie sich langsam wieder auf den Abweg machte, hielt das merkwürdige Gespann nicht inne, bis der Sonnenluchs hinter einer Biegung des Weges verschwand. Als der Halbelf die Biegung erreichte, hatte er das Tier aus den Augen verloren, aber vor ihm erhob sich ein kleines rundes Gebäude aus weißem Marmor, das wohl einst eine vergoldete Kuppel geschmückt hatte, aber das Edelmetall war im Laufe der Jahre zum Teil abgeblättert und hatte das darunterliegende Kupfer freigelegt, sodass das Dach fleckig wirkte. Sich umsehend konnte er keine Spur von dem Luchs finden und so hatte er beschlossen sich zunächst in der Kapelle umzusehen. Der Innenraum war klein, nicht mehr als drei Schritt im Durchmesser, und in der Ecke zum Altar hatte sich Laub angesammelt, aber auf dem Altarstein stand unberührt von dem fortschreitenden Verfall, der an dem Wegeschrein nagte, immer noch das Zeichen Praios, eine goldene Scheibe, die den Sonnengott symbolisieren sollte. Darunter waren Zeichen eingeritzt, deren Sinn dem Halbelfen verschlossen blieb, denn er war weder der Kusliker Zeichen, noch der alten bosparanischen Sprache mächtig. Trotzdem blickte er sich weiter in der Kapelle um und schließlich fiel sein Blick auf jenen Stein, der ganz oben im Türbogen saß. Es dauerte einige Momente, bis er begriff, was er dort sah: Das Motiv auf jenem Stein, ein Adler, der zwei Pfeile in seinen Klauen trug, war eben jenes, das auch auf der Gürtelschnalle zu finden war, die das einzige war, was seinen Vater mit ihm in Verbindung brachte.

Noch während er den Stein anstarrte, war ein Karren mit vier Menschen vor der Kapelle zum halten gekommen und als er die Reisenden gefragt hatte, zu wem das Zeichen gehörte, hatten diese behauptet, das wäre das Wappen eines Barons etwas südlich des Blautanns. Ohne groß nachzudenken hatte Felidan die entgegenkommende Frage, ob er sie begleiten wolle, da sie eh dorthin unterwegs seien bejaht – vielleicht würde er endlich seinen Platz in dieser Welt finden, durch dieses „Zeichen der Götter“, wie die Reisenden seine Geschichte genannt hatten. Und jetzt lag der Blautann vor ihnen, das vorläufige Ziel seiner Reise in schon fast greifbarer Nähe.
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