Prompts NaNoWriMo 2013

von Ylvi
KurzgeschichteFantasy / P12
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Gestaltwandler Kobolde & Feen Zauberer & Hexen
18.08.2013
04.09.2013
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Seyre


Die Burg ragte über Morga auf, wie ein wachender Vater über seine Kinder, beschützend und bedrohlich zugleich.
Seyre war noch nie so nah an ihren Mauern gewesen. Je näher man dem königlichen Hof und damit der Burg kam, desto schöner wurden die Wohnviertel und desto reicher die Menschen. Seyres Familie gehörte zu den ärmsten der Stadt. Ihre Eltern und fünf Geschwister lebten in einer Wohnung mit zwei Räumen, hatten kaum je genug zu essen und froren im Winter. Wenn man arm geboren war, blieb man in der Regel sein ganzes Leben lang arm und starb arm. Doch Seyre hatte sich längst vorgenommen, ihr Leben und das ihrer Familie zu verbessern, wenn sie je die Möglichkeit dazu hatte. Und wie es sich im Lauf der Jahre herausgestellt hatte, gab es tatsächlich etwas, das ihr helfen konnte, ihr Schicksal zu ändern.
Sie hatte diesen Tag schon seit Wochen geplant und jetzt die erste Gelegenheit ergriffen, um sich davon zu stehlen. Ihre Eltern wussten nichts von ihrem Vorhaben und das war auch besser so. Sie hätten ihr sicher verboten zu gehen. Nicht, dass sie sich darum groß geschert hätte. Seyre hatte ihren eigenen Kopf und in der Regel wusste sie, ihn durchzusetzen.
Deshalb war sie überzeugt, nicht einmal die Wachen am Ersten Tor könnten sie aufhalten.
"Bettler werden in der Burg nicht geduldet", schnauzte der eine Wachposten, kaum dass er sie erblickt hatte und musterte sie aus stechenden Augen, die unter seinem Helm hervorschauten.
Seyre stemmte die Arme auf die Hüften und richtete sich auf. Mit ihrer Größe konnte sie niemanden beeindrucken. Selbst für ihre 13 Jahre war sie recht klein. Sie versuchte es daher mit einem selbstbewussten Blick, doch auch der hinterließ keinen Eindruck.
"Ich bin keine Bettlerin", empörte sie sich. Sie trug die beste Kleidung, die sie hatte auftreiben können, ein grobes Leinenhemd und noch gröbere Hosen, ohne Löcher und nur einem Flicken und absolut sauber und ein Bettler wäre nie so gepflegt wie sie es war. "Ich bin gekommen, um mit dem König zu sprechen. Oder einem seiner Vertrauten, dem Herrn Seronya vielleicht."
Der Wachposten, der zuerst gesprochen hatte, blickte immer noch wütend, aber der andere lachte.
"Was für eine Kratzbürste. Der König hat keine Zeit für dich, Kratzbürste, und jetzt verzieh dich!"
"Ich sage euch, er will mit mir reden! Ich kann ihm helfen! Ich kann Dinge, da würdet ihr euch umschauen!"
"Ach, was denn? Taschendiebtricks?"
"Nein", sagte sie, jetzt noch wütender. "So was." Sie hob ihre Hand, immer noch ein oder zwei Meter entfernt stehend, und konzentrierte sich auf die Kraft in sich. Der Wachposten, der gelacht hatte, stolperte überrascht ein Stück zurück, als hätte er einen Faustschlag gegen die Brust erhalten.
"Was zur Hölle war das?" Misstrauisch zog er sein Schwert aus der Scheide und Seyre wich vorsichtshalber einen Schritt zurück. Sie hätte es gern erklärt, wusste aber nicht wie. Sie hatte sich hinreißen lassen und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Beklemmung kroch in ihr hoch.
Eine Gestalt wurde hinter den beiden Wachposten sichtbar. Eine Frau, offenbar hochschwanger, näherte sich dem Tor von der Burg aus. Langes schwarzes Haar war zu einem festen Zopf zusammengebunden. Sie war jung, nur ein paar Jahre älter als Seyre vermutlich, schaute aber streng und war genauso groß wie die Wachposten. Sie strahlte eine Authorität aus, um die Seyre sie sofort bewunderte. Ohne zu zögern trat die Frau zwischen den Wachen hindurch. Als die beiden sie erkannten, salutierten sie, doch die Frau achtete nicht darauf. Sie musterte Seyre aus dunklen Augen, bevor sich ihr Mund zu einem kleinen Lächeln bog.
"Wie heißt du?", fragte sie.
"Seyre", antwortete Seyre.
"Ich bin Kara Seronya und ich möchte mit dir über dein Talent sprechen, wenn du dazu bereit bist."
Seyre nickte, nicht in der Lage den Blick vom Gesicht der Fremden abzuwenden. Auch wenn sie sie nicht erkannt hatte, wusste sie doch, wer Kara Seronya war: Eine mächtige Hexe, sicherlich die mächtigste ihrer Zeit, und dabei war sie erst 18 Jahre alt. Außerdem trug sie das Bastardkind des Königs in ihrem Bauch.
Kein Wunder wollte der König sie in seinem Bett haben, dachte Seyre, als sie Kara an den Wachposten vorbei durch das Tor folgte. Sie war wahrscheinlich die schönste Frau, die sie je gesehen hatte. Warum wurde in den Erzählungen über die Schlachten, in denen sie gekämpft hatte, nie erwähnt, wie schön sie war?
Ihr Herz pochte ein wenig schneller in ihrer Brust. Kara würde ihr helfen. Sie hatte ihr Talent erkannt, sie hatte erkannt, dass Seyre eine Hexe war, genauso wie sie und sie würde sie ausbilden und sie würde in schönen Gemächern wohnen und ihrer Familie Geld schicken können. Und sie würde kämpfen können, mit dem Schwert und mit ihrer Magie und jeder im Land und alle Feinde des Königreichs würden sie fürchten, genau wie Kara.
Seyre lächelte. Sie war bereit für ein neues Leben.
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