Mephisto's Nightwatch

von Seleya
GeschichteFantasy, Freundschaft / P16 Slash
18.08.2013
25.04.2015
87
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33
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
 
 
Sämtliche Rechte bezüglich Story und / oder Figuren liegen bei mir. Ich werde mich bemühen, wöchentlich ein Kapitel zu posten. Über Favoriteneinträge oder Kommentare freue ich mich natürlich riesig.
Und los geht es mit dem ersten Kapitel:


Blackout

Totenstille. Kein Laut war zu hören. Desorientiert schlug er die Augen auf.
Der Raum war leer, die Wände kahl. An einigen Stellen blätterte der Putz. Der Boden war mit einem grauen Teppich überzogen, nicht schmutzig, doch bessere Tage hatte auch dieser schon gesehen. Er lag auf einer abgenutzten Matratze. Die Tür an der gegenüberliegenden Wand wirkte, als sei sie aus sehr massivem Holz, ebenfalls nicht neuesten Ursprungs, doch ohne Zweifel nach wie vor robust.

Wo zum Teufel war er? Und wie war er hergekommen?

Es gab weder Fenster noch irgendeine Lampe oder sonstige Lichtquelle, dennoch konnte er seine Umgebung deutlich erkennen. Eigentlich müsste es stockfinster sein. Vielleicht träumte er nur.

Er setzte sich auf, zuckte jedoch sofort schmerzerfüllt zusammen und ließ sich erneut auf sein schäbiges Lager sinken. Seine Brust brannte, als habe jemand auf ihn eingestochen. Vorsichtig hob er sein Hemd.

Auf seinem Oberkörper verliefen tiefe Wunden. Er betrachtete sie genauer.

Messerstiche, zweifellos. Fünf an der Zahl. Ungläubig starrte er sie einen Moment an. Die Art der Wunden ließ keinen Zweifel, er fragte sich nur, warum er sich so sicher war. Offensichtlich kannte er sich mit Stichverletzungen aus. Das könnte durchaus ein Grund zur Besorgnis sein. Andererseits war es ebenso möglich, dass er Arzt war. Er schob diese Überlegungen fürs erste beiseite. Die Wunden heilten bereits, mussten also schon einige Tage alt sein. Auffällig war, dass die Haut darum und auch das Hemd sauber waren. Jemand musste es gewechselt haben. Er versuchte die allmählich stärker werdende Sorge, dass dies möglicherweise kein Traum war, zu ignorieren und ermahnte sich, rational zu denken. Selbst wenn es irgendwo eine winzige Spur Lichtes gab, hätte er nichts gesehen, jedenfalls nicht so deutlich. Er musste träumen. Da Aufwachen in diesem Fall der leichteste Weg schien, dieser Situation zu entfliehen, versuchte er sich irgendwie dazu zu bewegen. Konnte man im Traum Schmerz empfinden? So einen starken, wie die Wunden verursacht hatten, als er sich zu bewegen versuchte? Er kniff sich fest in den linken Arm. Auch das war äußerst unangenehm. Seine Umgebung blieb jedoch die Gleiche.

Er versuchte sich zu erinnern, wie er den letzten Abend verbracht hatte. Könnte dies die Wohnung eines Freundes sein? Wie viel hatte er getrunken? Kopfschmerzen hatte er nicht, aber ein Blackout wäre zumindest eine beruhigende Erklärung.

In seinem Gedächtnis schienen jedoch nur einige, beängstigend wenige Szenen haften geblieben. So sehr er sich bemühte, sobald er versuchte, sich auf Details zu konzentrieren, verschwammen die Bilder, als würde er sie durch verschmiertes Glas betrachten. Undeutliche Gestalten. Das einzige, was klar zu erkennen war, war Blut.

Eine Menge davon.

Das war beunruhigend.

Er hatte nicht die geringste Ahnung, was geschehen oder wie er hier hergekommen war. Weit schockierender jedoch war die Erkenntnis, dass er nicht einmal die geringste Ahnung hatte, wer er überhaupt war. Und wer hatte auf ihn eingestochen? Nicht einmal daran erinnerte er sich.

Das alles konnte nicht real sein. Man erlitt nicht einfach ohne Weiteres eine kompletten Gedächtnisverlust. Durch einen Unfall möglicherweise, nun, er war verletzt, ohne Zweifel, doch sein Kopf war in Ordnung, oder nicht? Zögernd hob er eine Hand und betastete Gesicht und Hinterkopf. Keine Verletzungen soweit er es feststellen konnte. Und davon abgesehen, dass sich dies alles viel zu real für einen Traum anfühlte, roch der Raum leicht nach Zitronen, gerade so, als sei er vor kurzem gereinigt worden. Es war nicht möglich im Traum Gerüche wahrzunehmen, oder?

Er versuchte, die beängstigenden Gedanken, die sich einstellten, zu kontrollieren und seine Situation rational zu überdenken. Würde ein Freund ihn verletzt in solch einer Umgebung allein lassen? Nun, er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte und seine Wunden hatten bereits zu heilen begonnen, möglicherweise war derjenige nur kurz fort und würde wiederkommen. Andererseits hätte ein Freund solche Verletzungen zweifellos verbunden. Vielleicht war dieser Blackout eine Nebenwirkung irgendwelcher Drogen, die man ihm verabreicht hatte. Könnte er entführt worden sein? Auch wenn ihm dieser Gedanke lächerlich erschien, konnte er es nicht mit Sicherheit ausschließen. Vielleicht hatte er viel Geld oder sich mit irgendeinem wirklich üblen Kerl angelegt.
War es möglich, dass man ihn zu seinem eigenen Schutz in diesen Raum gebracht hatte? Alles woran er sich wirklich erinnerte waren Unmengen von Blut. Vielleicht also nicht unbedingt zu seinem eigenen Schutz.

Er zwang sich, tief durchzuatmen, was er allerdings sofort bereute, als sich ein sengender Schmerz in seiner Brust ausbreitete. Eine Gefängniszelle immerhin konnte er ausschließen. Dafür war der Raum zu groß. Außerdem hatten diese vergitterte oder metallene Türen, keine aus Holz. Nun, zumindest nicht in den Ländern, die ihm als erstes in den Sinn kamen wie England und Frankreich.

Er hatte also nicht alles vergessen. Was war mit seinem Namen? Wenigstens an den müsste er sich erinnern können.

Doch auf diese Frage fand er keine Antwort. Das war wirklich beunruhigend. Er hatte nicht einmal ansatzweise irgendeine Idee. Seine Hände begannen ein wenig zu zittern. Das durfte einfach nicht real sein! Es konnte nicht.

Er ermahnte sich, seine Atmung zu beruhigen. Es half ihm nicht im Geringsten, wenn er jetzt die Nerven verlor. Hastig durchsuchte er seine Hosentaschen, vielleicht hatte er einen Ausweis dabei, eine Visitenkarte, irgendetwas.

Das Einzige, was er fand, war eine Packung Zigaretten deren Marke ihm vage vertraut schien und ein billiges Plastikfeuerzeug. Er steckte es wieder ein und unternahm einen weiteren Versuch, aufzustehen, etwas vorsichtiger jedoch als zuvor.

Langsam drehte er sich auf die Seite. Die Verletzungen stachen, doch der Schmerz war zu ertragen. Er stütze sich auf den linken Arm und drückte sich zögernd hoch. Es spannte. Einen Moment befürchtete er, die Wunden könnten erneut zu bluten beginnen, doch sein Hemd blieb sauber. Nun, soweit es das zuvor gewesen war. Es roch nicht wirklich, als trüge er es bereits einige Tage, wirkte jedoch ebenso wie seine Umgebung ein wenig schäbig.

Vorsichtig stützte er sich an der Wand ab und blieb einen Moment abwartend stehen. Die Bewegungen waren unangenehm aber durchaus erträglich. Etwas zuversichtlicher ging er auf die Tür zu. Vermutlich war sie verschlossen, doch ein Versuch würde nicht schaden.

Ihm wurde ein wenig schwindlig. Er tastete erneut nach Halt und wartete, bis die schwarzen Schleier vor seinen Augen verschwanden. Während sich seine Atmung beruhigte, drängte sich ihm der Gedanke auf, dass die Gleichgewichtsstörung möglicherweise nicht auf die Verletzung zurückzuführen, sondern ein Zeichen für Dehydration war.

Es wunderte ihn ein wenig, dass er trotz der Verletzungen und der eindeutig nicht sonderlich beruhigenden Lage, in der er sich befand, relativ gelassen blieb. Unwillkürlich fragte sich, ob er sich wohl öfter in Situationen wiederfand, in denen er nicht die geringste Ahnung hatte, wie er hineingeraten war. Nebensächlich, allein würde er darauf ohnehin keine Antwort finden. Erst einmal brauchte er etwas, um seinen Durst zu stillen. Wasser. Allein bei dem Gedanken daran, wurde seine Kehle noch trockener. Auch wenn er das Zimmer schon eingehend betrachtet hatte und sich sicher war, nichts übersehen zu haben, schaute er sich nach etwas Trinkbarem um. Es gab nichts.

Er konzentrierte sich erneut auf die Tür. Möglicherweise war sie nicht verschlossen. Bevor er sich auszumalen begann, in diesem Drecksloch elendig verdursten zu müssen, sollte er erst einmal feststellen, wie verzweifelt seine Lage tatsächlich war.

Er lauschte nach Geräuschen, doch es war nach wie vor totenstill. Er hielt die Luft an, bevor er den Griff der schweren Tür hinunterdrückte.

Sie ließ sich weder vor noch zurück bewegen. Keinen Zentimeter gab sie nach. Einen Moment blieb er bewegungslos stehen. Plötzlich wurde ihm die Situation, in der er sich befand beängstigend deutlich bewusst. Er war in einem leeren Raum ohne Wasser aufgewacht, ohne zu wissen, wo er war oder wer er war. Zu allem Überfluss hatte er ein paar üble Stichverletzungen und nicht den Hauch einer Ahnung, wie er hierhergekommen war.

Frustriert schlug er mit der Faust gegen die Tür, was er jedoch in derselben Sekunde aufs Tiefste bereute. Seine Brust zog sich vor Schmerz krampfhaft zusammen, als sich die Haut über den Wunden brutal spannte. Einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen.

Er lehnte sich gegen das Holz, darum bemüht, flach zu atmen und wartete, dass der Schwindel nachließ. Das war ja bisher richtig gut gelaufen. Durch die schwarzen Nebel, die den Rand seines Gesichtsfeldes einnahmen, warf er einen Blick auf die nun etwas verlockender wirkende Matratze.

Als er seine Umgebung endlich wieder klar erkennen konnte, fragte er sich, ob es klug war, um Hilfe zu rufen. Er lauschte angestrengt, doch außerhalb des Raumes, herrschte Totenstille. Keine Stimmen, keine elektronischen Geräte, kein Verkehrslärm, gar nichts. Wenn er um Hilfe schrie, würde ihn demnach wohl ohnehin niemand hören. Zudem war er schrecklich durstig und es gab kein Wasser, wenn er sich jetzt anstrengte, würde es seine Situation nur verschlimmern.

Langsam zog er sich zu seinem Lager zurück und ließ sich vorsichtig erneut auf der Matratze nieder. Es war möglich, dass er sich nach der Verletzung selbst umgezogen hatte, aber in diesem Raum hatte er sich nicht selbst einschließen können, also musste jemand hier gewesen sein. Irgendwann würde er erneut nach ihm sehen, oder nicht? Vielleicht war das alles bloß eine Verwechslung.

Fast hätte er laut gelacht. Selbst wenn? Was wollte er tun? Den Entführern ruhig erklären, sie hätten einen Fehler gemacht und darauf hoffen, dass sie ihn gehen ließen? Sie würden ihn einfach umbringen. So lief das doch.

Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Das war kein Film. Ein Argument, welches vielleicht überzeugender klingen würde, wenn er nicht tatsächlich ohne jegliche Erinnerung in einem fensterlosen Raum aufgewacht wäre. Auch wenn er eigentlich gar keinen Drang danach verspürte, zog er die Zigarettenschachtel hervor und zündete sich eine an. Er sog den Rauch tief ein. Er konnte nicht einfach ruhig hier sitzen und warten, was geschah. Er musste versuchen zu fliehen. Aber wie? In einem Gefängnis befand er sich offensichtlich nicht und dort hätte man ihm auch das Feuerzeug abgenommen.

Grund zur Erleichterung war das wohl kaum, aber ihm blieben nicht viele Möglichkeiten. Entweder gab er sich der Verzweiflung über seine Lage hin oder er sammelte alle Informationen, die ihm irgendwie weiterhelfen könnten.

Er stammte möglicherweise aus England oder Frankreich, vielleicht war er Arzt und eventuell schon häufiger in solch einer Lage gewesen. Und vermutlich würde ihm nichts davon in irgendeiner Weise weiter helfen.

Entschlossen drückte er seine Zigarette auf dem Boden aus und erhob sich langsam. Vorsichtig tastete er sich an den vier Wänden entlang. Vielleicht war die Tür nicht der einzige Ausweg. Möglicherweise gab es irgendwo einen verborgenen Mechanismus, der… Er blieb stehen. Das war reichlich unwahrscheinlich, oder? Einen Moment zögerte er, führte seinen Rundgang dann jedoch fort. Es war allemal besser, etwas so Abwegiges zu versuchen, als sich in die Ecke zu kauern und verzweifelt darauf zu hoffen, dass ihn jemand rettete. Die schemenhafte Gestalt eines Mannes kam ihm in den Sinn. Er versuchte sich darauf zu konzentrieren, doch sein Erinnerungsvermögen schien ihm einfach nicht gehorchen zu wollen. Je mehr er sich anstrengte, desto verschwommener wurde es. Er war muskulös, das war alles, was er erkennen konnte. Mit einem Seufzen zwang er sich, weiterzugehen.

Immerhin war sein Kopf nicht vollkommen leer. Es war ein Anfang, vielleicht waren seine Erinnerungen nur verschüttet und würden sich nach einer Weile von allein wieder einfinden.

Er ignorierte seine eigene Skepsis über diese Hoffnung. Vielleicht war der Mann, den er in seinen Erinnerungen nicht wirklich erkennen konnte, ein Freund, von dem er normalerweise glaubte, er würde ihm zu helfen versuchen. Vielleicht suchte bereits jemand nach ihm.

Selbst wenn, wie sollte ihn hier irgendwer finden? Er wusste ja nicht einmal selbst, wo er sich befand. Er konzentrierte sich erneut auf seine Aufgabe.

Während er die letzte Wand, diejenige um die Tür herum, abtaste, suchte er bereits nach einer neuen Beschäftigung. Der Raum bot nicht viele Möglichkeiten. Und er war so schrecklich durstig. Nun blieben Decke und Boden. Da er keine Chance sah, wie er an Erstere herankommen könnte, kniete er sich in einer Ecke auf den Teppich und versuchte, ihn zu lösen. Auch nach mehrmaligem kräftigem Reißen gab er nicht nach. Allerdings meldeten sich seine Verletzungen erneut schmerzhaft. Er kroch zu seiner Matratze zurück. Das Wissen, dass es tatsächlich keinen Fluchtweg gab, verdrängte er zunächst. Sinnvoller war es erst einmal, sich die Wunden genauer anzusehen. Wenn sie durch seine Anstrengungen aufrissen, musste er sich über seine Gefangenschaft vielleicht nicht mehr allzu viele Gedanken machen. Vorsichtig hob er sein Hemd.

Einen Moment starrte er seine Brust ungläubig an. Hatte es vorhin nicht weit schlimmer ausgesehen? Behutsam betastete er die Haut um die Eintrittswunden. Wie lange hatte er den Raum abgesucht? War er zwischendurch ohnmächtig geworden, ohne es zu merken? So schnell heilte keine Verletzung. Er lehnte sich an die Wand. Länger als eine halbe Stunde war er doch noch nicht wach, oder? Wenn er sich jetzt nicht einmal mehr auf sein Zeitgefühl verlassen konnte…

Eine Weile blieb er ruhig sitzen. Spielte es tatsächlich eine Rolle? Vermutlich hatte er irgendwann das Bewusstsein verloren, er konnte es nicht ändern und die Wunden heilten, das war die Hauptsache. Vermutlich hatte er sich beim ersten Anblick der Verletzung schlicht geirrt, was die Tiefe der Stiche betraf. Er war allein, ohne jegliche Erinnerung, verwundet aufgewacht, da war es wohl verständlich, wenn er sie viel schlimmer einordnete, als sie waren. Doch irgendwie wusste er, dass dem nicht so war.
Er bewegte sich vorsichtig. Es schmerzte auch schon weit weniger. Gut, dann musste er sich darüber nicht länger sorgen. Vielleicht waren die Selbstheilungskräfte seines Körpers einfach außergewöhnlich gut. Das wäre doch speziell in solch einer Situation erfreulich. Sicher, wahrscheinlich besaß er Superkräfte. Dann hätte er die verschlossene Tür allerdings aufbekommen. Er ignorierte seine eigenen sarkastischen Einwände und machte sich stattdessen daran, den einzigen Teil des Raumes zu untersuchen, den er bisher außer Acht gelassen hatte. Er hob die Matratze an und zog sie beiseite. Keine Unregelmäßigkeiten im Boden. Seufzend ließ er sich erneut darauf nieder und untersuchte die verklebten Teppichkanten. Doch auch hier gab es nichts zu entdecken. Er schob die Schlafunterlage zurück an ihren Platz, setzte sich darauf und lehnte sich an die Wand.

Schlicht um sich zu beschäftigen, griff er erneut nach einer Zigarette und zündete sie an. Es war zwar albern, dennoch vermittelte es ihm ein beruhigendes Gefühl von Normalität. Er schloss die Augen und atmete den Rauch tief ein.

Vielleicht sollte er sich damit abfinden, dass er an seiner Situation im Augenblick nichts ändern konnte? Wie sah es mit dem Erinnerungsvermögen aus? Er versuchte, sich ins Gedächtnis zu rufen, wo er lebte. England und Frankreich waren die ersten Länder, an die er gedacht hatte. Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Er dachte auf Englisch. Ein erfreutes Lächeln über diese eigentlich allzu offensichtliche Erkenntnis zeigte sich auf seinem Gesicht. Darauf hätte er früher kommen können. Nun ja, es war ein Anfang. Keine Vorwürfe für den Moment. Also England. Ihm war durchaus bewusst, dass es eine große Anzahl Länder gab, in denen diese Sprache gesprochen wurde, aber dieses war ihm als Erstes eingefallen und Zweifel brachten ihn nicht wirklich weiter. Er brauchte irgendetwas, woran er festhalten konnte. Auf die Frage nach seinem Namen fand er nach wie vor nicht die geringste Antwort. Das beunruhigte ihn weit mehr als alles andere. Er rief sich erneut selbst zur Ordnung. Es war nur ein Name, mehr nicht. Was half es ihm oder was schadete es wirklich, ihn nicht zu kennen? Natürlich vergaß Niemand so etwas einfach so. Aber es ließ sich eben nicht ändern. Was war mit seiner Wohnung? Er lebte vermutlich in England, doch egal wie sehr er sich anstrengte, auch dazu gab es keine näheren Informationen in seinem Gedächtnis. Irgendwie kam ihm London in den Sinn, aber das wäre wohl jedem als Erstes eingefallen. Er vermochte nicht einmal ansatzweise zu sagen, ob es ein riesiges Haus oder eine winzige Wohnung war, in der er lebte. Nun ja, bettelarm war er jedenfalls nicht, sonst wäre ihm dieser Raum nicht so schäbig erschienen.

Er drehte die Zigarettenschachtel in seiner Hand hin und her. Es gab keine Aufschrift, die vor den Gefahren des Rauchens warnte. Er wunderte sich ein wenig, dass er sie vermisste. Vielleicht befand er sich in einem Land, in dem dies nicht Vorschrift war. Doch auch das half ihm nicht wirklich weiter.

Möglicherweise interpretierte er seine Lage auch völlig falsch. Er war nicht in dem Hemd zurückgelassen worden, in dem auf ihn eingestochen worden war. Das war doch positiv zu werten. Warum sollte sich jemand, der ihn qualvoll verdursten lassen wollte, vorher die Mühe machen, ihm blutige Kleidungsstücke auszuziehen? Dann hätte er das alte Hemd zusätzlich beseitigen müssen. Er seufzte leise. Um ihn in Sicherheit zu wiegen? Es gab kein Wasser, nichts Trinkbares, egal wie er es betrachtete, es gab keine Chance, dies nicht negativ zu deuten. Aber davon abgesehen ging es ihm eigentlich recht gut.
Er lauschte erneut auf Geräusche, doch kein Laut drang an sein Ohr. Er musste sich gedulden. Vielleicht war er zu seiner eigenen Sicherheit in diesem Zimmer. Möglicherweise hatte ihn bereits jemand gefunden, der ihm helfen wollte. Wäre es nicht sogar vernünftig, ihn einzusperren, damit er nicht in Panik zu flüchten versuchte? Vielleicht wusste derjenige, dass er sein Gedächtnis verloren hatte. Positiv zu denken war wohl nicht das Dümmste, etwas anderes als Grübeln blieb ihm momentan nicht. Doch er sollte es nicht übertreiben. Welcher Freund würde ihn ohne Wasser einsperren? Und selbst wenn er fort musste, hätte er irgendeine Nachricht hinterlassen. Nur weil man ihm die Zigaretten nicht abgenommen hatte, war es naiv anzunehmen, dass er nicht in sehr ernsten Schwierigkeiten steckte.

Es kostete ihn große Überwindung, nicht erneut aufzustehen und nach einer versteckten Botschaft zu suchen. Dieser Wunsch war verständlich, aber da er bereits den gesamten Raum gründlich abgesucht hatte, wäre es Vergeudung von Energie. Es gab keine Nachricht.

Seine Kehle begann zu brennen. Gott, er war so durstig. Was, wenn niemand kam?
„Irgendwer wird schon auftauchen“, versuchte er sich einzureden. Anzufangen Selbstgespräche zu führen, erschien ihm kein allzu gutes Zeichen. Aber immerhin wusste er nun, wie seine Stimme klang. Vielleicht brachte es ihn weiter, wenn er das wiederholte, was er zu wissen glaubte? Möglicherweise fiel ihm irgendetwas ein. Diese Hoffnung war ebenfalls ein wenig abwegig, doch womit konnte er sich schon beschäftigen? „England, London…“ Er begann aufzuzählen, was ihm bisher in den Sinn gekommen war. Es blieb jedoch ebenso ergebnislos wie es in Gedanken herunterzubeten. Er versuchte es mit Namen. Er musste ja nicht unbedingt seinen eigenen herausfinden, aber eventuell kam ihm ja irgendeiner vertraut vor. „James, Nathan, Patrick, Richard …“ Er murmelte leise vor sich hin. Zumindest waren es vorwiegend englische Vornamen, das bestärkte die Vermutung seiner Herkunft.

Nach einer Weile gab er es auf. Nichts davon schien Bedeutung für ihn zu haben. Er war recht sicher, wenn er so weitermachte, würde irgendeiner vertraut wirken, aber so sehr er sich das wünschte, könnte es dann genauso gut nur Einbildung sein. Er ließ sich zurück auf die Matratze sinken und begann die Sekunden zu zählen. Das würde zumindest seinem Zeitgefühl helfen.

Bei 900 hielt er inne. Eine Viertelstunde war noch nicht vergangen, er hatte selbst gemerkt, dass er zu schnell zählte. Er setzte sich wieder auf und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Unbewusst drehte er erneut die Zigarettenschachtel in der rechten Hand. Als es ihm auffiel, hielt er einen Moment inne, zuckte dann jedoch die Schultern. Während er damit fortfuhr, ließ er seinen Blick durch den leeren Raum schweifen. Schließlich folgten seine Augen der Bewegung des Päckchens. Er betrachtete seine Hand - und starrte sie einen Moment ungläubig an.

Die Schachtel fiel auf die Matratze. Irritiert strich er mit dem Daumen über den Ringfinger der rechten Hand. Eine Druckstelle spürte er nicht, aber ein minimaler Farbunterschied zeichnete sich ab, den zweifellos ein Ring hinterlassen hatte. Er war verheiratet oder zumindest fest mit jemandem liiert. Und er hatte auch diesen Menschen vergessen. Das erschien ihm ein weit größerer Verlust als der seines Namens. Doch es bot auch Grund zur Hoffnung. Jemand würde ihn vermissen, nach ihm suchen, ihn vielleicht aus diesem Raum befreien oder wenigstens die Polizei verständigen. Er hielt in seinen Überlegungen inne. Jemand? Eine recht vage Formulierung.

Unbewusst betastete er die Stelle, an der das Schmuckstück gesessen hatte. Die Gestalt, die ihm in den Sinn gekommen war, als er das erste Mal an Rettung dachte, war eindeutig männlich gewesen. Wenn er näher darüber nachdachte, bezweifelte er stark, dass das Gegenstück zu seinem verlorenen Ring einer Frau gehörte. Er lächelte leicht. Nicht, dass ihm dies im Moment in irgendeiner Weise half, aber es war immerhin eine Information über sich, derer er sich sicher zu sein glaubte. Wenn er nur seinen Namen wüsste. Wie konnte er einen Menschen, den er liebte, einfach vergessen? Er spürte einen Stich von Schuld. Selbst wenn er aus diesem Zimmer entkam, selbst wenn er ihn wiedersah, er würde sich nicht an ihn erinnern.

Er atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen. Irgendwann würde sein Erinnerungsvermögen schon zurückkehren und möglicherweise wäre es nützlicher, sich um dieses Detail später zu kümmern. Wenn es ihm nicht gelang, von hier zu verschwinden, bräuchte er sich darum wohl keine Sorgen zu machen. Ein weiterer beunruhigender Gedanke setzte sich in seinem Kopf fest. Er trug den Ring nicht mehr. Würde ein Entführer sich tatsächlich die Mühe machen, ihn ihm abzunehmen? Er öffnete die Augen erneut und betrachtete seine nackten Finger. Wahrscheinlicher war doch, dass er ihn selbst abgelegt hatte, was wiederum bedeuten könnte, dass es doch niemanden gab, der ihn suchen würde. Erneut griff er nach der Zigarettenschachtel und steckte sich eine weitere an, um sich irgendwie abzulenken. Sein Mund war furchtbar trocken und ihm wurde allmählich schwindlig vor Durst. Natürlich war es unverantwortlich, nun noch zu rauchen. Nicht, dass es wirklich geholfen hätte, aber was konnte er sonst …

Er hielt den Atem an und starrte konzentriert ins Leere. Hatte er etwas gehört? Hastig drückte er die Zigarette aus, sprang auf und eilte zur Tür. Als er sein Ohr fest an das Holz presste, hörte er es deutlich, Schritte. Einen Moment war er versucht, zu rufen, um sich bemerkbar zu machen, doch er hielt sich davon ab. Wer auch immer dort draußen war, wusste vermutlich genau, dass er eingeschlossen war. Es war wohl ohne Zweifel klüger, ihm nicht zu verraten, dass er wach war. Erneut tauchten schwarze Nebel am Rande seines Sehfeldes auf. Er hatte sich zu schnell bewegt. So leise wie möglich, atmete er tief durch. Womöglich war er zu schwach, um einen anderen zu überwältigen, aber einfach abwarten würde er trotzdem nicht.

Ging die Tür nach außen oder nach innen auf? Er starrte den Türrahmen an. Es gelang ihm nicht, sich vernünftig zu konzentrieren. Vorhin hatte er es noch gewusst. Er lehnte sich an die Wand und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Die Schritte näherten sich. Nach außen.

War er sicher? Nein, aber ihm blieb keine Zeit mehr. Er stellte sich direkt vor die Tür. Sein Herz schlug so laut, dass er fürchtete, sein Wächter müsste es ebenfalls hören. Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt. Vielleicht war das doch keine gute Idee. Wäre es nicht besser, es erst einmal mit Worten zu versuchen? Er könnte ihm Geld anbieten. Er schalt sich selbst einen Feigling, das würde zu nichts führen. Zumal er nicht die geringste Ahnung hatte, ob er überhaupt welches besaß. Er durfte jetzt keinen Rückzieher machen. Ein leises Klacken erklang als sich die Verriegelung öffnete. Eigentlich hatte er warten wollen, bis sein Wärter eintrat, aber so wäre es leichter. Mit aller Kraft warf er sich gegen die schwere Tür.
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