Little Tale of Stars

von - Leela -
KurzgeschichteFantasy, Freundschaft / P6
Eddie Jake
18.08.2013
18.08.2013
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Diese Geschichte gehört zu dem Projekt »Entschuldigung, ich bin zu spät« von Yuki-Ai.


Little Tale of Stars

Jake sah zur Uhr und wanderte erneut an der Bushaltestelle auf und ab. Er kam nicht umhin, die Augen zu verdrehen und atmete genervt durch. Hatte Eddy etwa vergessen, daß sie sich hier treffen wollten, um zusammen zurück nach Hause zu fahren, obwohl sie sich erst vor vier Stunden in dem großen Kaufhaus getrennt hatten, damit jeder nach seinen Interessen gucken konnte?
      Er sah erneut zur Uhr und begann bereits zu zweifeln, ob er die Zeit selber richtig im Blick hatte. Aber sie hatten 18.00 Uhr ausgemacht, da war er sich ganz sicher! Vor allem, weil ab da die Busse nur noch stündlich in ihre Richtung fuhren – und gerade war der zweite Bus, den sie hätten nehmen können, abgefahren.
      Er überlegte schon, ob Eddy vielleicht einen früheren Bus genommen hatte, entweder, weil er sich vertan hatte und dachte, vergeblich auf ihn zu warten, oder weil er es tatsächlich vergessen hatte. Doch das konnte er sich nicht vorstellen. Nein, wahrscheinlicher war, daß Eddy noch immer völlig beseelt im Kaufhaus unterwegs war, und gar nicht mehr an die Zeit oder ihn dachte. Das konnte er sich so richtig von seinem Partner vorstellen! Manches Mal war Eddy noch immer wie ein Kind, fasziniert von den gewöhnlichsten Dingen, ein Träumer mit einer unheimlichen Phantasie.
      Jake atmete erneut frustriert durch und beschloß, den nächsten Bus zu nehmen, egal, ob Eddy dann da war oder nicht. In der Zwischenzeit konnte er zumindest noch versuchen, Eddy in dem Kaufhaus zu finden; er hatte nun ja noch genug Zeit. Er hatte sich gerade überlegt, Eddy in dem Kaufhaus ausrufen zu lassen, als dieser abgehetzt die Straße entlang lief und atemlos bei ihm stoppte.
      „Jake… Es tut mir leid! Ich weiß, ich bin zu spät!“ keuchte er.
      „Ja!“ ließ sich Jake grummelnd vernehmen. „Über eine Stunde! Der zweite Bus ist gerade abgefahren!“
      „Sorry! Aber… Ich konnte wirklich nicht früher!“ entschuldigte sich Eddy.
      „Du konntest nicht früher, bei einer Shopping-Tour? Konntest du dich nicht aus der Spielwarenabteilung lösen?“ frotzelte Jake.
      „Wenn es nur das gewesen wäre!“ begann Eddy. „Warum bist du überhaupt noch hier? Ich hatte damit gerechnet, daß du längst nach Hause gefahren bist!“
      „Wir haben ausgemacht, daß wir uns hier treffen! Es hätte dir ja auch was passiert sein können!“ argumentierte Jake.
      Eddy stutzte. „Dafür, daß du dann eine Stunde lang hier auf mich wartest, hast du dir ja große Sorgen gemacht!“
      Jake seufzte. „Ich kenne dich eben!“
      Eddys Blick war an Fassungslosigkeit nicht mehr zu überbieten. „Soll also heißen, wenn mir wirklich etwas passiert wäre, wäre es keinem aufgefallen!“
      Jake hielt kurz aus der Bahn geworfen inne. „Naja… Aber offensichtlich ist dir ja nichts passiert, abgesehen davon, daß dich wahrscheinlich das Kaufhaus mal wieder so fasziniert hat, daß du die Zeit vergessen hast!“
      Jakes prüfender Blick, dem jedes Lächeln fehlte durchbohrte Eddys Seele. „Hättest du mal nach mir gesehen! Dann wüßtest du, daß ich die Zeit nicht verpeilt habe!“ schoß er zurück.
      „Na, auf die Geschichte bin ich gespannt!“ bekannte Jake. „Komm’ da drüben ist ein Bistro. Laß uns eine Kleinigkeit essen, ich habe Hunger! Wir haben ja jetzt noch fünfzig Minuten Zeit, bis der nächste Bus kommt!“
      „Gut!“ meinte Eddy etwas verbissen, dem der leichte Hauch von Ungläubigkeit, der jetzt bereits in Jakes Stimme mitschwang nicht entgangen war. „Wenn du mir die Geschichte nicht glaubst, übernimmst du das Essen!“
      „Keine Sorge, ich lade dich schon ein!“ meinte Jake leichthin, womit er Eddy noch mehr aufbrachte. Doch er behielt seinen Ärger unter Kontrolle und sagte erst mal nichts, bis sie sich im Bistro gesetzt und bestellt hatten. Jake sah ihn erwartungsvoll an. „So, nun erzähl’ mal, was hat dich so lange aufgehalten, daß du über eine Stunde zu spät bist!“
      „Ich weiß gar nicht, ob ich es dir überhaupt erzählen soll!“ meinte Eddy eingeschnappt. „Du glaubst mir ja sowieso nicht!“
      Jake sah ihn betroffen an. Das war eine Reaktion, die er nicht von Eddy erwartet hatte. Sollte vielleicht doch etwas dran sein, an der abenteuerlichen Geschichte, die ihn aufgehalten hatte? Immerhin war es ja nicht unmöglich, daß tatsächlich etwas vorgefallen war, weswegen er sich verspätet hatte! Aber egal, ob es eine Ausrede war oder stimmte, mittlerweile war er neugierig geworden. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann sollte er seinem Partner erst mal Glauben schenken. Etwas verschämt meinte er: „Ach, Eddy. Ich war nur etwas genervt, weil ich eine Stunde damit zugebracht habe, auf dem Gehweg auf- und abzulaufen. Natürlich interessiert mich deine Geschichte, und ob ich sie glaube, kann ich erst beurteilen, wenn ich sie gehört habe. Also, erzählst du’s mir?“
      „Na gut. Also, es begann damit, daß die Kassiererin kein passendes Wechselgeld mehr in der Kasse hatte und erst welches besorgen mußte.“
      „Das kommt vor. Das dauert aber nicht so lange!“ wandte Jake ein.
      „Das war auch nicht das Hauptproblem!“ fuhr Eddy verheißungsvoll fort. „Also, die Kassiererin der Medienabteilung (!) war unterwegs um Kleingeld zu holen. In der Spielwarenabteilung war ich gar nicht. Das habe ich gar nicht mehr geschafft. Dann hätte ich vielleicht wirklich die Zeit vergessen!“
      Jake schmunzelte süffisant. „In der Medienabteilung gelingt dir das auch! Besonders, wenn es CDs und Filme im Sonderangebot gibt!“
      „Mag sein“, lenkte Eddy ein. „Diesmal war es trotzdem anders. Also, die Kassiererin war gerade für einen Moment weg, und vor mir waren noch ungefähr fünf bis sechs Leute in der Schlange.“
      Jakes Blick verklärte sich gerade etwas, und auf Eddys verhalten forschende Miene hin erklärte er ausweichend: „Ich habe nur gerade ziemlich wirres Kopfkino! Ich habe mir gerade bildlich vorstellt, wie ihr alle dort in einer riesigen Boa Constrictor steckt und wartet. – Aber erzähl’ nur weiter!“
      Eddy sah Jake fassungslos an. „Du nimmst mich nicht wirklich ernst, oder?“
      „Doch!“ meinte Jake perplex. „Ich hatte nur gerade dieses Bild vor Augen!“
      „Und du schreibst mir zu viel Phantasie zu!“ kommentierte Eddy. „Und das, wo ich gerade mal am Anfang der Geschichte bin.“
      „Eben! Wer weiß, was da noch kommt!“ lachte Jake. „Also, die Kassiererin der Medienabteilung war unterwegs, und du hattest noch ein paar Leute vor dir. Immer noch nichts ungewöhnliches!“
      „Nein. Genau. Aber dann…“ Eddy atmete durch, was anzeigte, daß jetzt der Teil kam, von dem er sich ziemlich sicher war, daß Jake es ihm nicht glauben würde. „Ein paar Leute hinter mir stellte sich eine Gruppe von vier jungen Männern in die Reihe!“
      „Ah… Wie aufregend! Jetzt kommen wir zum wirklich spannenden Teil!“ kommentierte Jake.
      Eddy verdrehte die Augen und atmete kontrolliert durch. „Ja!“ meinte er und verzog den Mund zu einem Schmollen. „Willst du die Geschichte jetzt hören, oder nicht?“
      Zu Jakes Rettung brachte die Bedienung gerade die Bestellung, stellte die Teller vor ihnen ab und wünschte ihnen Guten Appetit, so daß er einen kurzen Moment Zeit hatte, sich eine geschickte Reaktion zu überlegen, ohne noch mehr Öl auf’s Feuer zu gießen.
      „Also, eine Gruppe von vier jungen Männern stellte sich ebenfalls in der Schlange an!“ meinte Jake und nahm sich seinen Burger.
      Eddy schüttelte leicht frustriert den Kopf, um das Bild einer Boa Constrictor aus seinem Kopf zu verbannen und fuhr fort, ohne seinen Teller überhaupt zu beachten: „Richtig. Und weißt du was? Ich hätte schwören können, daß es die Beatles waren!“
      Jake, der gerade herzhaft von seinem Hamburger abbeißen wollte, hielt perplex inne. „Was?“
      „Ja!“ sagte Eddy verschwörerisch. „Mir kamen die Stimmen schon so bekannt vor. Als ich mich umwandte und sie näher betrachtete, da war eigentlich kein Zweifel möglich! Auch die anderen Besucher in der Abteilung schienen sicher zu sein, die ganze Atmosphäre hat sich plötzlich verändert!“
      „Eddy!“ Jake lachte fast tadelnd. „Erstens: John Lennon ist tot! Zweitens: Mittlerweile sind die Jungs etwas davon entfernt, »junge Männer« zu sein! Davon abgesehen erklärt das immer noch nicht, warum du so extrem zu spät bist!“
      „Ich weiß, es klingt absurd!“ meinte Eddy verzweifelt. „Aber so war es! Ganz sicher!“
      „Da hat dir jemand einen ganz schönen Bären aufgebunden! Vielleicht ist irgendwo ein Double-Wettbewerb, wo die Gruppe teilnimmt!“ Nun endlich biß Jake von seinem Burger ab.
      „Ich bin ja noch nicht am Ende der Geschichte!“ meinte Eddy verheißungsvoll.
      „Das hatte ich geahnt! Die Verspätung erklärt sich nämlich noch immer nicht!“ meinte Jake kauend.
      Eddy ignorierte den Kommentar und fuhr fort: „Also, ein Mann vor mir wollte wohl ein paar CDs kaufen.“
      „Kommt vor in einem Medienladen!“ Auf Eddys strafenden Blick bemühte sich Jake, die Klappe zu halten und sich auf sein Menü zu konzentrieren.
      „Auf jeden Fall war auch ein Beatles-Album dabei. Und soll ich dir was sagen? Auf dem Abbey-Road-Cover fehlten die Bilder der Jungs! Es war nur die Straße zu sehen mit dem Zebrastreifen! Als er das bemerkte, wollte er sich natürlich beschweren!“
      „Tja, dumm, wenn man so etwas erst an der Kasse bemerkt!“ meinte Jake.
      Eddy sah ihn elektrisiert an. „Verstehst du es nicht, Jake? Auf dem Cover fehlen die Beatles, und in der Schlange stehen…“ Er machte eine auffordernde Geste.
      Jake stutzte. Dann blieb ihm schier sprachlos der Mund offen stehen, bevor er im Affekt lachte. „Nein. Du willst mir jetzt nicht ernsthaft erzählen, die Beatles sind aus dem Abbey-Road-Cover gestiegen und haben sich in der Kassenschlange angestellt!“
      „Was sollte es sonst für eine Erklärung geben?“ argumentierte Eddy mit eindringlichem Blick.
      „Das kann nicht mehr als ein verrückter Zufall gewesen sein“, bemerkte Jake. „Ein Fehldruck von einem Cover, oder es war eine Parodie, oder was weiß ich, und ein paar Beatles-Fans, die zu einer Convention unterwegs sind, und sich einen Spaß daraus machen, auf der Straße als die Fab Four erkannt zu werden!“
      Eddy schüttelte den Kopf. „Und genau das glaube ich nicht! Ich glaube nicht an Zufälle! Da muß ein Zusammenhang bestehen!“
      „Eddy, das ist das absurdeste, was ich je gehört habe!“ lachte Jake.
      „Es kommt noch besser!“ kommentierte Eddy leise.
      „Was ist denn passiert?“ fragte Jake weiter. „Hat sich der Kunde beschwert? Und damit den ganzen Laden aufgehalten, so daß du nicht rechtzeitig an der Bushaltestelle sein konntest?“
      „Äh, dazu kam er vorerst nicht einmal…“ fuhr Eddy fort. „Die Kassiererin kam gerade zurück.“
      „Nun, das ist nicht das schlechteste. Wo sollte er sich sonst auch beschweren?“ warf Jake ein.
      Eddy hielt sich unter Kontrolle und fuhr ruhig fort: „Ein Kollege begleitete sie, weil mittlerweile so viele Kunden aufgelaufen waren, daß die zweite Kasse geöffnet werden mußte.“
      „Kenne ich, ja. Und?“
      „Ihr Kollege war Rod Stewart! Ganz sicher!“ setzte Eddy voller Überzeugung nach.
      Jetzt war es völlig um Jakes Beherrschung geschehen. Er brach in schallendes Gelächter aus, während er hervorstieß: „Ja, klar! Rod Stewart arbeitet bei uns im Einkaufszentrum!“
      Eddy verzog keine Miene. „Ich sag’ ja, du hättest dabei sein sollen!“
      Jake beruhigte sich nur langsam wieder. „Dem stimme ich zu! In der Medienabteilung scheint es aufregender zu sein als in der Büroartikelabteilung! – Mensch, Eddy, der wird nur eine große Ähnlichkeit mit Rod Stewart haben! Wahrscheinlich ist der schon ganz angenervt davon, daß er ständig darauf angesprochen wird!“
      „Inklusive der Stimme?“ fragte Eddy verheißungsvoll.
      „Und welcher Kunde hatte die Rod Stewart-CD, auf dem das Foto fehlte?“ lachte Jake.
      Eddy schüttelte den Kopf. „Ganz anders! Es ist doch gerade ein neues Album rausgekommen. Und der Pappaufsteller, auf dem eigentlich Rod Stewart abgebildet war, war leer – bis auf das Album!“
      „Oh Gott, ich faß es nicht!“ ließ sich Jake vernehmen. „Eins muß man dir lassen: Wenn du kreativ bist, dann bist du es richtig!“
      „Ich wünschte, ich wäre so kreativ!“ erwiderte Eddy. „Aber das hier ist wirklich passiert!“
      Jake faltete die Hände und sah Eddy tiefgründig an. „Okay! Nehmen wir mal bis hierher an, deine Geschichte stimmt. Wo ist der Fehler im System?“
      Eddy sah ihn verständnislos an. „Wie meinst du das denn jetzt?“
      „Na, gehen wir mal davon aus, die Beatles sind wirklich aus dem Abbey-Road-Cover ausgestiegen, haben sich ein bißchen im Laden umgeguckt, eine nette CD gefunden, und sich dann zum Bezahlen an der Kasse angestellt! Und nehmen wir ferner an, daß es Mister Stewart zu langweilig war, dort in dem Pappaufsteller den ganzen lieben langen Tag herumzustehen, und mit freundlichem Grinsen sein neues Album zu präsentieren.“ Jake machte eine hilflose Geste. „Wie erklärst du dir, daß er so schnell Mitarbeiter in der Medienabteilung des Einkaufszentrums geworden ist?“
      „Ich kann es dir nicht erklären!“ erklärte Eddy unumwunden. „Keine Ahnung! Aber als ich ging, was das Schild »Aushilfe gesucht« von der Tür weg!“
      Jake konnte nicht anders und brach förmlich auf dem Tisch zusammen, während er das Gesicht in den verschränkten Armen verbarg. „Du hast eine blühende Phantasie, Eddy! Warum sagst du nicht einfach, daß du die Zeit vergessen hast? Das ist doch nicht schlimm!“
      „Ich hab’ gewußt, daß ich es dir lieber nicht hätte erzählen sollen!“ gab Eddy beleidigt zurück.
      „Du erwartest doch nicht wirklich, daß ich das glaube, oder?“ fragte Jake fasziniert.
      „Nein!“ erwiderte Eddy schmollend. „Erwartet habe ich es von Anfang an nicht! Aber du wolltest es ja wissen!“
      „Sag’ mal, glaubst du da echt dran?“ grinste Jake. „Oder willst du mich ernsthaft auf die Schippe nehmen?“
      „Ich war dabei, Jake!“ erklärte Eddy inständig. „Ich gebe zu, wenn ich die Geschichte von jemand anderem gehört hätte, wäre ich genauso skeptisch, aber ich habe es erlebt!“
      Jake wußte langsam nicht mehr, was er glauben sollte. Einerseits war er sich sicher, daß an der Geschichte nichts dran sein konnte, andererseits konnte er sich nicht vorstellen, daß Eddy so lange an solch einer absurden Geschichte festhalten und sich schier lächerlich machen würde, wenn nicht irgend etwas wahres dran war. Vielleicht hatte die Medien-Abteilung einen Thementag gehabt, ohne daß sein Partner es mitbekommen hatte? „Komm’, erzähl weiter! Ich will den Rest der Geschichte hören. Amüsant ist es allemal! – Okay, Rod Stewart hat also die zweite Kasse besetzt. Und dann? Eigentlich sollte man davon ausgehen, daß dadurch alles noch schneller abgewickelt wird, anstatt daß du aufgehalten wirst!“
      Eddy atmete durch. Auch wenn er davon ausgehen konnte, daß Jake ihm sowieso kein Wort glaubte, er konnte nicht anders, als die Chance zu nutzen und weiterzuerzählen. „Naja, es waren hinter mir schon so viele Leute an der zweiten Kasse, daß es sich für mich nicht gelohnt hat zu wechseln. Also bin ich an meiner Kasse stehengeblieben.“
      „Wie, du hast dich nicht von Rod Stewart bedienen lassen?“ fragte Jake theatralisch entsetzt.
      „Nein!“ gab Eddy tiefgründig zurück. „Ich wollte ja nicht zu spät kommen!“
      Das hatte gesessen! Trotzdem konnte Jake sich nicht verkneifen zu sagen: „Also, das wäre mir in dem Moment egal gewesen!“
      „Schön! Ich hoffe, du hast registriert, daß ich eine in dieser Konstellation schlüssige Erklärung gerade selbst an den Teufel geliefert habe! Und zwar einfach, weil es so gewesen ist, und ich mir nichts ausdenke!“ kommentierte Eddy fast schon ein bißchen patzig.
      „Ja, und warum bist du jetzt zu spät gekommen? Das habe ich immer noch nicht begriffen!“
      „Erst mal hatte ich immer noch den Beschwerdekunden vor mir!“ erinnerte Eddy.
      „Ach ja. Dann hätte es sich ja vielleicht doch gelohnt, die Kasse zu wechseln! – Wurden die Beatles denn von Rod Stewart bedient?“
      „Ich hab’ doch gar nicht mehr darauf geachtet, was hinter mir war! Aber ich glaube schon“, erwiderte Eddy. „Fakt war jedenfalls, daß die Verkäuferin sehr irritiert war, und den Herren in die Reklamationsabteilung geschickt hat. Das hat aber schon einen Moment gedauert, weil sie zuerst versucht hat, das selber zu klären.“
      „Also keine Parodie, sondern ein Fehldruck!“ schloß Jake.
      „Der Mann hat seine Ehefrau darauf geschworen, daß die Jungs drauf waren, als er das Album in die Hand genommen hat!“ meinte Eddy ohne jedes Lächeln.
      Jakes Blick verhieß verhaltenes Erstaunen. „Oh, na, die Ehe muß ja schon arg in den Brüchen liegen!“
      Eddy ließ das unkommentiert. „Die nächste Frau vor mir hatte eine Videographie zurücklegen lassen.“
      Jake sah Eddy enthusiastisch an. „Laß mich raten: Auf dem Cover fehlte das Bild, statt dessen stand Michael Jackson plötzlich hinter dir und hat dich gefragt, wie er zum Gemüsestand kommt!“
      „Der erste Teil ist richtig! Aber es waren die Pet Shop Boys, und die haben CDs probegehört!“ erwiderte Eddy trocken.
      Jake sah Eddy beeindruckt an. „Du weißt echt, wie die Pet Shop Boys aussehen, so daß du sie gleich erkannt hast?“
      „Ich nicht! Aber es gab genug kreischende Mädchen!“ erklärte Eddy stumpf.
      Jake musterte Eddy eingehend. Entweder, er hatte die fehlende Stunde damit zugebracht, sich eine wasserdichte Story zu überlegen, oder sein Partner war so unglaublich spontan, daß er nicht dagegen ankam. In gewisser Weise war es faszinierend, und das nicht nur aufgrund der utopischen Geschichte, die Eddy ihm anbot.
      „Ab da ist dann auch ziemlich alles aus dem Ruder gelaufen“, erklärte Eddy weiter. „Die Kassiererin hatte noch mit der Kundin zu tun, und die anderen Besucher verteilten sich auf die schon vorhandenen Promis, oder machten Jagd auf weitere mögliche Stars, die eventuell irgendwo auftauchen mochten. Und ich wollte eigentlich einfach nur meine Jazz Compilation bezahlen!“
      Jake sah Eddy mit diesem speziellen Blick der Faszination an, der sagte, daß er kein Wort von seiner Erzählung glaubte. „Hättest du nicht einfach eine Posaune aus dem Cover greifen und auf dich aufmerksam machen können?“
      Eddy seufzte tief. „Also, wenn du die Dynamik verstanden hast, dann erklär’s mir! Ich habe bis jetzt nicht begriffen, wie das alles zustande gekommen ist!“
      Jakes Blick ruhte nachdenklich auf seinem Freund. Fast bedauerte er es, daß Eddy keine Ambitionen verspürte, Kinder zu bekommen. Mit dieser lebensechten Art, Geschichten zu erzählen, hätte er sie in jedes Märchenland entführen können. „Also, ich kann’s dir nicht sagen!“ erwiderte der Blonde schließlich. „Was ich mich aber die ganze Zeit frage ist, wenn du nicht in der Spielwarenabteilung warst, wo kommt dann der Hello Kitty-Anhänger her?!“ Er stupste den Anhänger an, der an Eddys Krawatte baumelte.
      Eddy sah an sich herab. „Ach, die gab es an der Kasse! Aber das kam erst später!“
      Jake schüttelte verwirrt den Kopf. „Also, laß mich noch mal zusammenfassen, damit ich es auch richtig verstehe: Die Beatles, Rod Stewart und die Pet Shop Boys steigen aus Covern und Pappaufstellern und wuseln in dem Laden herum, weswegen alles in allgemeinen Aufruhr gerät, und du deine CD nicht bezahlen kannst! Soweit richtig?“
      Eddy nickte.
      „Und deswegen bist du eine Stunde zu spät!?“
      „Reicht das nicht?“ meinte Eddy entgeistert.
      „Aber wenn du unbedingt rechtzeitig da sein wolltest, so daß du dich nicht einmal von Rod Stewart an der Kasse bedienen lassen wolltest, warum hast du die CD nicht einfach zurückgelegt, um sie später zu kaufen?“
      Eddy seufzte. „Das war ja noch nicht alles…“
      „Ernsthaft…?“ Jake wußte nicht mehr, ob er lachen oder weinen sollte.
      „Wir sind noch nicht beim Hello Kitty-Anhänger angekommen, oder?“ erinnerte Eddy.
      „Nein. Ich ahne aber, daß noch mehr zwischen dem Aufruhr und dem Bezahlen gelegen hat, als es eben den Anschein hätte erwecken können…“
      „Darauf kannst du wetten!“ meinte Eddy verheißungsvoll.
      „Sag’ mal…“ warf Jake ein. „Ißt du deinen Burger eigentlich noch?“
      Eddy wirkte, als würde er sich jetzt überhaupt erst wieder an seine Bestellung erinnern und schob Jake den Teller zu. „Also, wenn du magst…“
      Jake hielt etwas verhalten inne. So gut die Geschichte auch war; wenn Eddy ein Essen ausschlug, war etwas nicht normal. Er zog den Teller zu sich heran, gab Eddy aber kurz ein Zeichen, bevor der weitererzählen konnte, stand auf und holte sich von Tresen noch ein paar Servietten. Als er zurückkam, stockte er aber plötzlich verblüfft im Schritt, als sein Blick unvermittelt auf Eddys Füße fiel. „Sag’ mal… Wo sind eigentlich deine Schuhe?“
      „Das wollte ich gerade erzählen!“ setzte Eddy an, während Jake seinen Platz wieder einnahm und ihn mit einem konsternierten Blick bedachte. „Ich hatte wirklich kurz überlegt, ob ich die CD noch kaufe, weil ich schon über die verabredete Zeit drüber war, auch wenn ich sie unbedingt haben wollte. Dann dachte ich mir, ich komme sowieso schon zu spät, da machen ein paar Minuten nichts aus, ich wollte dich aber auch nicht noch länger warten lassen.“
      „Und darüber hast du solange nachgedacht, bis sich das Problem von selbst gelöst hat und hast die CD mit deinen Schuhen bezahlt?“ mutmaßte Jake.
      „Im Gegenteil. Die Entscheidung wurde mir schon vorher abgenommen. Ich bekam in dem Moment aus einer anderen Ecke einen ziemlichen Aufruhr mit, – jemand war da ziemlich ungehalten, aber ich konnte nichts erkennen, weil so viele Leute um denjenigen herumstanden, und überall suchten die Leute nach etwas.“
      „Und, hast du noch rausgefunden, wer sich da so aufgeregt hat, weil er etwas verloren hat?“
      „Mmhm…“ meinte Eddy verkniffen.
      „Und, wer war es? Sag’ nicht, es war Bruce Springsteen!“
      „Den Gefallen kann ich dir tun! Es war nämlich nicht der Boss, sondern der King!“ meinte Eddy trocken.
      Jake sah ihn mit geweiteten Augen an, so als würde er langsam vergessen, daß er die Geschichte nicht glaubte. „Elvis Presley…?“
      „Höchstpersönlich! Und damit sind wir bei dem Thema mit den Schuhen!“ bemerkte Eddy mißmutig. „Ich meine, ich finde es ja schön, die Aufmerksamkeit einer Legende zu erregen, aber…“
      Jake sah ihn deutlich irritiert an. „Was wollte Elvis Presley mit deinen Schuhen…?“
      Eddy machte eine hilflose Geste. „Ganz genau weiß ich es auch nicht! Ich weiß nur, nachdem er mich entdeckt hatte, hielt er genau auf mich zu, so daß mir echt anders zumute wurde, blieb direkt vor mir stehen, deutete nach unten und sagte in einer vehementen Tonlage, die man auch ohne nähere Erklärung versteht: ‚Blue suede shoes!’ – Was hätte ich denn machen sollen? Er wollte sie unbedingt haben!“
      Jake starrte ihn ein weiteres Mal mit offenem Mund an. ‚So viel Blödsinn, der so gut zusammenpaßt, kann man sich doch nicht ausdenken! Nicht einmal Eddy!’ schoß es ihm kurz durch den Sinn, ihm fiel aber nichts besseres ein als zu sagen: „Äh, auch Elvis ist bereits tot, Eddy.“
      „Zumindest behaupten das die Leute! Wir haben vorhin schon bei den Beatles festgestellt, daß das Prinzip hier nicht zieht.“
      Jake schüttelte den Kopf, um die Verwirrung abzustreifen. „Du hast also Elvis deine Schuhe überlassen. Die blauen Wildlederschuhe.“
      „Mmhm. Das war noch nicht mal so peinlich wie kurz darauf, als Billy Idol mich ansprach, warum ich keine Schuhe anhabe, kurz bevor die Frau ihn durch den ganzen Laden jagte, weil er auf ihrem CD-Cover fehlte.“
      Jake hörte fasziniert zu. ‚So gut kann er seine Ausrede nicht durchgeplant haben! Oder doch?’ Doch wenn er recht bedachte… Eddy hatte schon so oft von Jake einen Seitenhieb bekommen, wenn irgend etwas schief gelaufen war, vielleicht war das seine Reaktion darauf, um ihm endlich mal eins auszuwischen. Vielleicht war er dafür sogar extra zu spät gekommen, um das so durchziehen zu können. Jake hatte kaum zu Ende gedacht, da schnappte er innerlich nach Luft. Ja, das war eine plausible Erklärung!
      „Immerhin hatten sie es geschafft, in der Zwischenzeit eine der Kassen wieder zu besetzen“, erzählte Eddy derweil weiter.
      Jake faltete die Hände und strahlte ihn an. „Mit Michael Hutchence!“
      „Mit der Verkäuferin, die schon zuerst die Leute versucht hat zu bedienen!“
      Jake schaute fast schon enttäuscht drein. Aber Eddy dosierte seine Geschichte gut, so daß man immer wieder dazu neigen konnte, ihr einen gewissen Wahrheitsgehalt beizumessen, wenn man wollte.
      „Die Chance habe ich jedenfalls gleich genutzt und bin zu ihr zum bezahlen gegangen, bevor die anderen Kunden überhaupt gemerkt hatten, daß die Kasse wieder offen war. Naja, und als sie die CD abgerechnet hat, da hat sie mir einen von den Hello Kitty-Anhängern gegeben, als Entschädigung für den Tumult. Das ganze hatte schon so viel Zeit in Anspruch genommen, daß ich es mir verbissen habe, mir ein Autogramm von David Lee Roth zu besorgen, obwohl ich fast in Ohnmacht gefallen bin, als ich zufällig noch mitbekommen habe, daß er sich offensichtlich auch aus einem Cover gelöst hat. Das muß das »Crazy from the Heat«-Album gewesen sein…“
      Jake konnte nicht anders, er lachte herzlich. „Also, mal ehrlich, Eddy. Das mit dem Anhänger nehme ich dir ab. Aber was den Rest angeht… Wenn du mir erzählt hättest, Prime Evil wäre aufgetaucht und hat den Laden aufgemischt, und du hättest versucht, ihn zu bekämpfen, das hätte ich dir eher geglaubt!“
      „Glaube ich dir. Aber so ist es nun mal nicht gewesen!“ meinte Eddy mit verheißungsvollem Blick.
      Jake konnte noch immer nicht anders als zu lachen. „Ehrlich, das war eine schöne Geschichte. Aber bei aller Liebe, es ist nichts weiter als eine Geschichte!“
      Eddy machte eine lapidare Geste. „Wenn du meinst… Ich werde zu Hause jedenfalls erst mal meine Stiefel klarmachen, und morgen neue Schuhe kaufen gehen!“ Er versuchte gar nicht erst, den sarkastischen Unterton aus seiner Stimme zu verbannen.
      Jake widmete sich den Resten von Eddys Hamburger. „Wieder blaues Wildleder? Du weißt ja inzwischen, daß das eine magische Anziehungskraft auf Elvis hat!“
      „Ja ja, mach’ dich nur lustig darüber! Das nächste Mal, wenn mir so etwas passiert, erzähle ich dir gar nicht davon! Dann lasse ich dich lieber in dem klischeehaften Glauben, ich sei unzuverlässig! Das ist streßfreier!“
      „Ach, Eddy! Du weißt doch, daß dir das keiner wirklich übel nimmt. So schlimm ist es ja auch nicht, du kannst halt nicht anders!“
      „Wie gut, daß du das Essen bezahlst!“ schnappte Eddy.
      Jake hielt im Bissen inne. „Du hast ja nicht mal was davon gehabt!“
      „Nach dem Tag heute war mir auch nicht nach Essen zumute! Und weißt du was? Nicht einmal wegen dem, was ich erlebt habe, sondern weil ich von vorneherein gewußt habe, daß ich es dir nicht zu erzählen brauche! Und ich hatte Recht!“
      Jake musterte ihn mit einem abschätzenden Blick. Glaubte Eddy die Geschichte etwa selber? „Weißt du was? Das nächste Mal komme ich einfach mit, wenn du in den Medienladen gehst. Dann erlebe ich es ja selber!“ schlug er neutral vor, so daß er keine Zugeständnisse zu machen brauchte, Eddy aber auch nicht das Gefühl hatte, er würde ihm nicht glauben.
      Eddy kommentierte es nicht. Nur sein Blick sagte das, was er dachte: ‚Ja, klar. Und dann passiert natürlich nichts!’
      Jake nahm den letzten Bissen und wischte sich die Finger ab. „Sag’ mal, warum hast du eigentlich einen Teddy dabei?“ fragte er, als in die Stofftasche schaute, die halboffen auf dem Tisch lag.
      „Das ist Tracys Teddy. Er hat ihn in die Kuscheltierklinik gebracht, weil sein Fell an einigen Stellen durchgescheuert war und hat mich gebeten, ihn wieder mitzubringen.“
      „Okay, das glaube ich dir ungeprüft!“ lachte Jake und forderte damit noch einmal eine deutlich gefrustete Miene bei Eddy heraus, die ihm fast leid tat. Doch er wußte, womit er Eddy würde aufheitern können, da war er sich sicher. Er sah schnell zur Uhr. Ein bißchen Zeit hatten sie noch, bis der nächste Bus kam. Rasch schob er die Teller zusammen und nahm seine eigenen Einkäufe zur Hand. „Hier, ich hab’ noch etwas für dich!“ meinte er und nahm etwas aus der Tasche. „Ich habe in der Schreibwarenabteilung etwas gefunden, was dir sicher gefällt! Ein Ringbuch mit einem Foto von Roxette drauf!“ Er hielt es Eddy mit erwartungsvollem Lächeln hin und stutzte, als der mit einem verhaltenen Blick reagierte. „Was ist?“
      „Ist das zum selber reinkleben?“ fragte Eddy verwirrt.
      Jake drehte das Ringbuch konsterniert um, und nur einen Moment später durchzuckte ihn ein Schock. „Ich bin mir ganz sicher, daß ich eines von den Roxette-Ringbüchern genommen habe. Das sah genauso aus, nur mit dem Foto…“
      „Vielleicht war das Foto draufgeklebt und ist abgegangen?“ mutmaßte Eddy.
      „Nein-nein“, widersprach Jake deutlich irritiert. „Das war da richtig reingedruckt…“
      In dem Moment hörten sie Stimmen vom Tresen her und ein Lachen, und als sich Eddy und Jake in die Richtung umwandten, schnappten sie synchron nach Luft. Das Pärchen sah eindeutig aus wie Per Gessle und Marie Fredriksson – Jake konnte es bestätigen, er hatte das Foto ja gerade erst gesehen.
      „Das gibt’s doch nicht…“ entfuhr es Jake leise. Als er sich aus seiner Starre löste und Eddy vorsichtig den Blick zuwandte in der Vermutung, unter dessen verheißungsvoller Miene zusammengeschmolzen zu werden, beglückwünschte er sich dazu, Eddys Lieblingsband erwischt zu haben, denn Eddy war so völlig hin und weg, daß er Jake komplett ausblendete.
      In dem Moment trafen Jake drei erstaunliche Erkenntnisse: Erstens: Offensichtlich war Eddys Geschichte nicht erfunden! Zweitens: Der Kauf des Roxette-Ringbuches war sogar ein größerer Volltreffer, als er zuerst angenommen hatte. Und drittens: Sie verpaßten auch den dritten Bus…
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