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Das schwere Los, in dieser Welt eine Frau zu sein

von Caligula
GeschichteHumor, Krimi / P16
Fürstin Yanagisawa Hoshina Sogoru Sano Reiko Torai
15.08.2013
26.02.2014
5
10.450
 
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15.08.2013 2.317
 
Kapitel 1 ~ Ein neuer Fall

Ein neuer Morgen war über Edo hereingebrochen, auch über den durch Sümpfe und weitläufige Felder abgeschiedenen Teil der Hauptstadt, Yoshiwara. In diesem, durch eine hohe Mauer und einem Wassergraben geschützten, Vergnügungsviertel der Stadt, kehrte nun erst wieder etwas Ruhe ein, denn hier tobte das Leben vor allem nachts. Hier konnten die Männer ihren lasterhaften Vergnügungen nachgehen, wie etwa dem Glücksspiel oder die Dienste einer Prostituierten in Anspruch zu nehmen.

Doch gleichsam zog dieser Ort auch Verbrechen an und die Polizei von Edo musste nahezu jeden Tag heranrücken. Auch dieser Morgen förderte wieder einmal ein Verbrechen zutage; in einem der zahlreichen Bordelle war eine der Prostituierten tot aufgefunden worden.

Die Frau war schon etwas älter, zwischen dreißig und vierzig Jahre alt. Auch die dick aufgetragene Schminke konnte über ihr wenig ansehnliches Gesicht nicht hinwegtäuschen. Ihre Augen, in denen ein entsetzter Ausdruck zu erkennen war, quollen hervor und ihr Mund war weit aufgerissen. Sie präsentierte dem Betrachter eine Zahnlücke, die aber offensichtlich nicht vom Verbrechen stammte, denn der fehlende Zahn war nirgends zu finden. Auch ansonsten schien die Frau völlig unverletzt zu sein. Sie lag der Länge nach auf dem, mit Tatamimatten ausgelegten, Fußboden des kleinen Zimmers, zwei Trinkschalen und eine Flasche Sake lagen unweit ihrer rechten Hand.

"Armes Schwein", erklärte der Polizeikommandeur, der den Tatort zusammen mit seiner obersten Gefolgsfrau und dem Bordellbesitzer in Augenschein nahm, teilnahmslos.

"Herr, das ist eine Frau...", korrigierte Torai, seine Gefolgsfrau, ihn, wenngleich ihr bewusst war, dass der Polizeikommandeur hier lediglich seine persönliche Abneigung für die unahnsehnliche Frau zum Ausdruck brachte, was dieser mit den Worten "Ich weiß" sogleich bestätigte. Der Bordellbesitzer äußerte sich nicht zu den abfälligen Worten des Polizeikommandeurs; zu groß war seine Angst vor dem mächtigen Mann.

"Wir haben nichts angerührt und alles so gelassen, wie wir es vorgefunden haben, ehrenwerter Herr", berichtete er stattdessen, wobei er nervös die Hände rang. Abgesehen davon, dass er die Leiche nur zu gerne so schnell wie möglich losgeworden wäre, brachte ein Mord in seinem Bordell einen schlechten Ruf und würde wohl viele Kunden fernhalten.

Die morgendliche Ruhe wurde von lautem Gepolter und einer aufgeregten Stimme durchbrochen, die die Treppe des Bordells heraufstürmten. Der Polizeikommandeur und Torai hatten die Stimme sofort erkannt und warteten sichtlich genervt auf den Eindringling; der Bordellbesitzer hielt den Blick fragend und auch ängstlich auf die Tür gerichtet.

"HOSHINA!"

Eine Gruppe von vier Samurai betrat das kleine Zimmer. Ihr Anführer war kein geringerer als der Sôsakan-sama, der höchst ehrenwerte Ermittler von Ereignissen, Gegebenheiten und Personen, des Shôgun, Sano Ichiro. Ihm folgten sein oberster Gefolgsmann Hirata, sowie seine beiden Ermittler Marume und Fukida. Ihre Mienen waren streng und wachsam, doch im Gegensatz zu ihrem Herrn blieben sie ruhig und beobachteten stumm die Szene, während Sano seinem Unmut laut Luft machte.

"Was macht Ihr schon wieder hier?!", verlangte er angriffslustig von Hoshina zu wissen. "Wollt Ihr wieder einmal meine Ermittlungen sabotieren?!"

Der Hass zwischen den beiden Männern war groß, wenn auch nur bedingt begründet. Polizeikommandeur Hoshina war der Liebhaber des Kammerherrn Yanagisawa, Sanos Erzfeind seit vielen Jahren. Die Chemie zwischen Sano und Yanagisawa hatte von Anfang an nicht gestimmt. Dann waren in den letzten Jahren auch noch einige unschöne Dinge zwischen den Gegnern vorgefallen, als Sano, mehr als einmal, verhindert hatte, dass der machtgierige Kammerherr die Macht des Shôgun komplett an sich reissen konnte.

Überraschenderweise hatten die langjährigen Feinde schließlich Waffenstillstand geschlossen; gleichzeitig war Hoshina auf der Bildfläche erschienen... Nicht weniger ehrgeizig und machthungrig als sein Geliebter, hatte er dessen Antipathie für Sano und dessen Freunde übernommen und fuhr den Krieg zwischen den beiden Parteien nun stellvertretend für den Kammerherr fort. Der Waffenstillstand hatte Sano nicht die erhoffte Ruhe eingebracht, wenn er Hoshina auch nur als geringfügige Gefahr ansah.

Dieser ließ sich Sanos Anschuldigungen nun, wie zu erwarten, nicht gefallen und trat dem Sôsakan-sama wutentbrannt entgegen. Torai hatte es aufgegeben, den aufbrausenden und temperamentvollen Polizeikommandeur zur Ruhe zu ermahnen, wenn er sich mal wieder provozieren ließ.

"Ach, und Ihr?!", spie er Sano lautstark entgegen. "Könnt Ihr mit Eurer Paranoia nicht mal zuhause bleiben?! Ich muss mich doch nicht dafür rechtfertigen, dass ich meinen Job mache!" Er war inzwischen dicht an Sano herangetreten, sodass sich ihre Nasenspitzen fast berührten, brüllte aber, als stünde er in einer ganz anderen Ecke des Raumes. "Wenn sich hier jemand rechtfertigen muss, dann Ihr! Was hat der Sôsakan-sama des Shôgun hier zu suchen?!" Er betonte Sanos Titel besonders und dieser machte schlagartig ein ertapptes Gesicht, als Hoshina desweiteren ausführte: "Diese Frau hat mit dem Shôgun überhaupt nichts zu tun! Sie war bloß eine verdammte Nutte!"

Schweißtropfen rannen dem sprachlosen Sôsakan-sama das Gesicht hinunter.

"Jetzt wo er´s sagt...", gab auch Fukida zu bedenken.

"Was machen wir eigentlich hier, Sano-san?", wollte Marume nun wissen. Sano, dessen Mundwinkel nervös zuckten, vermied es tunlichst seine Gefolgsleute anzusehen. Für Hoshina war der Fall klar.

"Oh, ich wusste es! Ihr wollt meine Ermittlungen sabotieren!"

"Das ist nicht wahr!", hielt Sano augenblicklich dagegen. "Ich hatte nur nichts zu tun und will für die Gerechtigkeit sorgen! Davon haltet Ihr ja bekanntlich nicht viel!" Es kam zu einem Handgemenge zwischen den beiden, dem jedoch keiner der Anderen sonderliche Beachtung schenkte, geschweige denn, dass jemand dazwischen gegangen wäre. Hirata und Torai, die wesentlich besonnener waren als ihre Herren, knieten inzwischen einträchtig bei der Leiche nieder und kümmerten sich um den eigentlichen Grund ihres Erscheinens hier.

"Die Leiche wurde vergiftet?", mutmaßte Hirata anhand der sichtbaren Beweise.

"Ja, sieht so aus", bestätigte Torai. "Keine Verletzungen, aber Trinkschalen neben ihr auf dem Boden, als hätte sie ihre fallengelassen..."

"Dann ist der Täter eine Frau!", riefen Sano und Hoshina plötzlich in ungewohnter Einigkeit und triumphierend, ohne die Hände oder das Schwert vom Hals des Anderen wegzunehmen. Torai drehte sich mit empörter Miene zu den Streithähnen um.

"Gift benutzen doch nicht nur Frauen!", hielt sie es für nötig, ihresgleichen in Schutz zu nehmen.

"Das würde auch die Der-Täter-war-ein-Freier-Theorie zerstören...", gab Hirata lahm zu bedenken. Kaum dass er es ausgesprochen hatte, kam ihm, sowie allen anderen Anwesenden im Raum, ein Gedanke, wie sie den Täter möglicherweise ermitteln konnten.

"Das Gästebuch!", riefen alle gleichzeitig und stürmten sofort zur Zimmertür, wo es schnell zur nächsten handgreiflichen Auseinandersetzung kam, denn beide Parteien wollten als Erste das Buch in die Finger kriegen. Hoshina hatte sich in den Türrahmen gestellt und versperrte Sano und seinen Ermittlern den Weg nach draußen. Sano versuchte den Polizeikommandeur mit seinem ganzen Körpergewicht nach vorne zu drücken, doch dieser hielt sich mit beiden Händen am Rahmen fest und Sanos Bemühungen, unter Einsatz seines ganzen Körpergewichts, stand.

"Torai!", presste er angestrengt hervor. Die Ermittlerin wusste sofort was zu tun war und auch wenn es ihr widerstrebte, kroch sie zwischen den Beinen der Kämpfenden hindurch und gelangte somit als Erste aus dem Zimmer. Doch Hoshinas Triumphgefühl war nicht von langer Dauer, als Sano ihm nacheiferte und Marume zu Hilfe rief. Der stämmige, muskulöse Ermittler warf sich mit aller Kraft von hinten gegen den Haufen. Hoshina konnte sich nicht länger am Türrahmen halten und stürzte, dicht gefolgt von Sano und Marume, die unsanft auf ihm landeten und beinahe zerquetschten, mit lautem Getöse in den Flur. Der Bordellbesitzer, der das Ganze bis dahin ruhig beobachtet hatte, verlor nun doch die Geduld mit den hochrangigen Beamten.

"Es reicht!", brüllte er entschieden und erhielt die volle Aufmerksamkeit der verdutzten Samurai. "Hört gefälligst auf euch in meinem Bordell zu streiten!!!"

***

Sobald sich die Gemüter wieder einigermaßen beruhigt hatten, prüfte der Bordellbesitzer, unter den neugierigen und erwartungsvollen Blicken der Ermittler, mithilfe des Gästebuches, wer die ermordete Prostituierte zuletzt aufgesucht hatte und wurde schnell fündig.

"Also...", begann der ältliche Mann langsam. "Minamis letzter Gast war ein gewisser Senju Akira..."

"Senju...?" Auf Sanos und Hoshinas Gesichtern zeichnete sich Unbehagen und Enttäuschung ab. Beide dachten angestrengt nach, konnten mit dem Namen Senju jedoch nichts anfangen.

"Ja, richtig!", fuhr der Bordellbesitzer fort, als sei im gerade etwas eingefallen. Er sah vom Gästebuch auf und legte die Hand nachdenklich ans Kinn, als er den Ermittlern berichtete: "Ich kann mich noch gut an ihn erinnern. Er war nämlich..." Alle Blicke waren gespannt auf den kleinen Mann gerichtet, der höchstwahrscheinlich im Begriff war, ihnen eine entscheidende Information zu liefern. Möglicherweise ein besonderes Merkmal, dass ihnen die Identifizierung des Täters erleichtern würde. "Hübsch...", geriet der Alte plötzlich, immer noch in Denkerpose, ins Schwärmen. "Oh ja, er war wirklich aussergewöhnlich hübsch..." Die Samurai musterten den Bordellbesitzer angewidert und enttäuscht, doch mehr Informationen waren nicht aus ihm herauszuholen...

Frustriert verließ die Gruppe das Bordell wieder und besprach auf der Straße ihre nächsten Schritte. Sano befahl seinen Ermittlern, sich zu verteilen und Augen und Ohren offen zu halten, dann machten auch er und Hirata sich auf den Weg. Hoshina, der mit Torai abseits der Gruppe, nahe dem Eingang zum Bordell, stand, hatte den Kopf gesenkt und schwieg in Ratlosigkeit.

"Hoshina-san? Wo sollen wir mit der Suche anfangen?", wagte Torai zu fragen.

"Keine Ahnung... Hübsche Typen gibt es doch wie Sand am Meer!", jammerte der Polizeikommandeur, ohne den Kopf zu heben.

"Aber findet Ihr das nicht seltsam?", meinte seine Gefolgsfrau ernst. Etwas an der Geschichte machte sie misstrauisch. "Wenn er doch so hübsch ist, wie der Bordellbesitzer sagt, warum hat er sich dann so eine... naja, so eine genommen?"

"Was weiß ich!", erwiderte Hoshina verzweifelt. "Manche Typen haben eben einen echt seltsamen Geschmack!"

Wie wahr, dachte Torai bitter und bedachte den Hinterkopf ihres Herrn mit bösen Blicken. Es war ihr ein Rätsel, was er ausgerechnet an Kammerherr Yanagisawa fand. Er mochte schön anzusehen sein, doch sein Charakter war durch und durch verdorben und um seine ehrgeizigen Pläne zu erreichen, ging er auch großzügig über Leichen, wobei ihm nichts heilig zu sein schien. Sie war sich sicher, dass er auch Hoshina skrupellos seiner Machtgier opfern würde. Hinzu kam, dass Hoshina Yanagisawa immer unterlegen sein und sie niemals auf Augenhöhe sein würden, was diese Beziehung früher oder später zum Scheitern verurteilen würde. Nur ein Narr ließ sich auf eine Beziehung mit seinem Vorgesetzten ein.

"Senju Akira?", durchbrach eine ihnen unbekannte, weibliche Stimme die unangenehme Stille, die sich breit gemacht hatte. "Den kenne ich..."

Als Hoshina und Torai sich nach der Sprecherin umsahen, entdeckten sie eine wunderschöne, junge Frau, die sie direkt ansah. Sie konnte höchstens Anfang zwanzig sein. Ihr seidiges Haar, welches sie offen trug, war so lang, dass es bis über ihren Rücken reichte, einen Teil ihres Gesichts bedeckte und ihr auf einer Seite über die Schulter fiel. Gekleidet war die Frau in einen kostbar aussehenden, dunkelroten Kimono, der freizügig ihre Schultern und sogar den Ansatz ihrer Brüste offenbarte. Sie bedachte die beiden Polizisten mit einem gutmütigen Blick.

Während Hoshina sich bloß mit skeptischem Blick zu der Frau umdrehte, konnte Torai ihren Unmut über die freizügige und anzügliche Bekleidung der Frau kaum verbergen und brachte völlig überrumpelt keinen Ton hervor.

"Ach... Und wer seid Ihr?", wollte der Polizeikommandeur von der Fremden wissen.

"Wie unhöflich von mir... Ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt." Ohne jede Scham griff die Frau nach Hoshinas Hand und legte diese in ihre, was Torai fast gänzlich aus der Fassung brachte. Was fiel diesem Weibsstück ein, sich dem Polizeikommandeur so anzubiedern?! "Ich heiße Senju Mariko", stellte die Fremde sich schließlich vor. Sie stand nun sehr dicht vor Hoshina und sah ihm direkt in die Augen. Er erwiderte ihren Blick misstrauisch und eine halbe Ewigkeit verbrachten die beiden damit sich intensiv in die Augen zu starren, bis sich Hoshinas Augen plötzlich kurz weiteten, als hätte er etwas in den vor ihm liegenden Weiten erkannt.

Energisch schob Torai sich zwischen ihren Herrn und die fremde Frau, um wieder Abstand zwischen ihnen zu schaffen und die Befragung der möglichen Zeugin zu übernehmen.

"Senju, sagt Ihr? Dann seid Ihr mit dem Mann, den wir suchen, verwandt?", wollte sie wissen.

"Ja", gab Senju milde lächelnd zu. "In der Tat hätte ich dem Polizeikommandeur etwas zu erzählen..." Ihr Blick glitt durch Torai hindurch und galt einzig und allein ihrem Vorgesetzten. Der hatte sich rasch wieder an Torai vorbei zu Senju gekämpft und nahm ihre Hilfe fast schon etwas zu enthusiastisch bereitwillig an. Von einer Sekunde auf die andere war seine Skepsis komplett verflogen. Senju zeigte mal wieder keinerlei Berührungsängste, als sie Hoshina ihre Hand auf die Brust legte, während sie ihn fast flüsternd um ein Gespräch unter vier Augen bat.

"Augenblick mal!", ging Torai hastig dazwischen. Der Gedanke, ihren Herrn mit einer Fremden, noch dazu mit einer so attraktiven, jungen Frau, allein zu lassen, gefiel ihr überhaupt nicht. "Ich denke, ich sollte..."

"Torai!", wurde sie harsch von Hoshina unterbrochen. Er hatte ihr bereits den Rücken zugewandt, um mit Senju, die sich bei ihm eingehakt hatte, einen ruhigeren Ort aufzusuchen. "Ich mach das schon", erklärte er gönnerhaft. "Geh nachhause." Torai wusste, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als ihrem Herrn zu gehorchen, auch wenn es ihr widerstrebte.

"Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit, Herr Polizeikommandeur...", säuselte Senju in verführerischem Tonfall. "Wenn Ihr mir folgen würdet..."

"Ich würde Euch bis ans Ende der Welt folgen!", rief Hoshina, der völlig in ihrem Bann zu stehen schien, freudig aus und hüpfte der schönen Frau hinterher wie ein verliebter Junge...
Fassungslos und fast ein wenig beschämt über das Verhalten ihres Vorgesetzten, schaute Torai den beiden hinterher, bis sie aus ihrem Blickfeld verschwunden waren.
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