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Leben heißt...

GeschichteHumor, Freundschaft / P16 Slash
Amerika Deutschland England Frankreich Italien Kanada
13.08.2013
30.06.2014
50
162.126
9
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13.08.2013 1.838
 
Alfred konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Er war wütend auf sich selbst, dass er sich so einfach hatte bestehlen lassen.
Er zog sich an und achtete nicht wirklich darauf ob er Matthew weckte oder nicht. Bis nächste Woche sollten beide ein eigenes Zimmer haben.
Nicht, dass Alfred Matthew nicht leiden konnte, aber sie hatten so wenig gemeinsam. Aber so waren Stiefbrüder nun mal. Man konnte sie sich nicht aussuchen. Genauso wenig wie echte Geschwister. Alfred war eigentlich immer froh gewesen ein Einzelkind zu sein. Aber wenn Matthew doch nur etwas weniger schüchtern wäre.
Alfred war ja nicht gemein, oder so, aber er hatte ihn ausversehen mal grob beleidigt. Das war noch ganz am Anfang, als sein Vater seine neue Freundin kennen gelernt hatte.
Alfred hatte die ganze Zeit geschmollt.
Niemand konnte seine Mutter ersetzten. Niemand.
Alfred polterte die Treppe im Jugendstilreihenhaus hinunter. Sie wohnten in Westminster. Es war kein hässliches Viertel aber er mochte es nicht.
Und dann dieses Wetter!
Ständig regnete es. Aber zurzeit war der Himmel klar. Doch wie er das Wetter einschätzte würde das nicht lange anhalten. Er würde Recht behalten. Nach dem Frühstück begann es zu regnen. Alfred blickte aus dem Fenster. Es war todlangweilig hier.
Er ging wieder nach oben und suchte sich eine Spielekonsole aus, an der er dann bis zum Mittagessen spielte.
Seine Stiefmutter hatte die Post hereingeholt und da lag doch etwas dabei, was er genau kannte.
„Scheint so, als ob dein Dieb reumütig wäre“, begann sie. Alfred begann sofort den Inhalt zu prüfen.
„Tja. Das Bargeld hat er immerhin behalten.“
„Sei doch froh, dass es nur das Geld war“, meinte sie und strich ihm über den Kopf.
„Lass das“, maulte Alfred und setzte sich an den Tisch.
Matthew lächelte und wollte ebenfalls Alfred aufmuntern wurde aber von Alfred unterbrochen: „Ich bin jetzt 16. Und ich bin kein Hund. Also hör auf meine Frisur zu ruinieren.“
„Jetzt sei doch nicht so griesgrämig. Sonst bist du doch auch nicht so.“
Nein. Alfred war garantiert nicht griesgrämig. Alfred war eigentlich ein Sonnenschein aber dafür musste auch sein Umfeld passen.
Aber wenigstens hatte er seinen Geldbeutel zurück. Immerhin etwas an diesem Tag, das gut war.
Zum Mittagessen gab es Stew. Dieser seltsame englische Eintopf sah optisch eigentlich gar nicht schlecht aus und schmeckte auch nicht eklig. Vielleicht lag es auch nur daran, dass seine Stiefmutter ihn gekocht hatte. Ihr Name war übrigens Ashley. Seine richtige Mutter hieß Emily. Und wenn er schon dabei war, sein Vater hieß Daniel.
„Alfred? Gibst du mir bitte das Salz?“, fragte Matthew.
Alfred hatte ihn akustisch nicht gehört. Seine Mutter reichte ihm dann das Gewürz.
„Und was machst du heute so?“, fragte sein Dad.
„Vielleicht gehe ich ins Kino…“
„Das ist eine gute Idee. Vielleicht kannst du ja Matthew mitnehmen.“
Alfred wollte eigentlich gar nicht ins Kino, sondern lieber durch die Straßen pirschen und
Ausschau nach dem Punk zu halten. Aber London war so groß! Zu groß. Es bedarf bei
Alfreds vorhaben viel Glück. Sogar so unverschämt viel Glück das man alle irischen Kobolde aus selbigen Land dafür bräuchte um so viel Glück zu erzeugen.
Aber aus irgendeinem Grund hatte Alfred so viel Glück und fand ihn nass geregnet vor einer Tür zu einem Tattoosalon.
Er hatte ein blaues, geschwollenes Auge und Nasenbluten. Als er ihn näher betrachtete, das konnte er gestern nicht, entdeckte er noch zahlreiche Piercings im Gesicht sowie an den Ohren.
Seine Beine hatte er übereinander geschlagen und den Kater auf dem Schoß liegend, gammelte er vor der Eingangstür herum.
„So sieht man sich wieder“, meinte Alfred und stellte sich vor ihn. Arthur antwortete nicht sondern schien durch ihn hindurch zu starren.
„Hörst du mich?“, fragte Alfred.
Arthur reagierte nicht.
Er kam näher und rüttelte ihn an den Schultern.
„Hallo!?“
Arthurs grüne Augen sahen Alfred an, aber er zeigte keine Reaktion.
„Ich will mein Geld wieder.“
„Geht nicht“, antwortete Arthur.
„Und warum nicht?“, hakte Alfred nach.
„Hab's nicht mehr.“
„Was hast du damit gemacht?“
„Schulden bezahlt.“
„Du siehst eher aus als hättest du als Boxsack gearbeitet.“
„War nicht genug Geld.“

Alfred wusste, dass er eigentlich kein Mitleid mit ihm haben sollte, denn er war ganz sicher auch selbst dran schuld, dass er in dieser Lage war.
„Wie lange…lebst du denn schon in London?“, fragte Alfred.
„Ich wurde hier geboren.“
„Achso. Ich bin erst seit 2 Wochen hier.“
„Ja. Ich habe es in deinem Pass gelesen.“
„Du hast es…oh…“
„Ich musste ja irgendwie deinen Geldbeutel zurückbringen.“
Alfred reichte Arthur erst noch ein Taschentuch.
„Ach? Blutet sie immer noch?“
„Ja. Etwas. Warum gehst du eigentlich nicht rein?“
„Die Wohnung gehört nicht mir.“
„Das ist doch ein Tattoo…“
„Über dem Laden ist seine Wohnung. Ich wohne ab und an bei ihm, aber erst wenn er wiederkommt, kann ich rein. Ich bin kein Fan von Einbrüchen.“
„Wo ist er denn? Und wer ist er?“
„In Colchester auf einer Messe. Er ist der Tätowierer von dem Laden.“
„Eine Messe!? Ist der Satanist?“
Arthur schaute ihn verwirrt an.
„Was willst du denn mit Satanist? Sehen wir so aus, als ob wir Tiere schlachten und opfern?“
„Keine Ahnung! Könnte doch sein.“
„Alfred, richtig? Du hast keine Ahnung was Punks eigentlich sind, oder? Ich kenne niemanden, und ich kenne wirklich viele, aber keiner ist Satanist. Die meisten sind Evangelisch und das mit Herz und Seele. Oder eben Katholisch.“
"Aber in Colchester hat man doch Leichen im Garten von 2 Serienkillern gefunden.“
„Das war in Gloucester, du Idiot. Und nicht nur im Garten sondern die haben sie auch im Haus eingemauert.“
Alfred schüttelte sich.
„Aber darum geht es dir nicht, oder?“, fragte Arthur.
„Nein. Darf ich dich mal was fragen?“
„Sicher.“
„Wie alt bist du?“
„Ich bin 17.“
„Hast du einen Job?“
„Ja.“
„Ist der legal?“
„Das musst du nicht wissen“, grinste Arthur.
„Hast du eigentlich noch Familie?“
„Ja. Sie lebt teilweise noch.“
„Teilweise?“
„Das geht dich nichts an.“
„Meine Mom ist tot. Meine Stiefmutter ist zwar ganz nett und ihr Sohn auch. Aber meinem Dad scheint es egal zu sein, das sie tot ist.“
„Das glaube ich nicht. Dein Dad wollte sicher nur eine Lücke füllen.“
„Hast du eigentlich Schmerzen?“
„Ja. Mein Kopf tut weh.“
„Warte“, begann Alfred. „Ich habe hier Kopfschmerztabletten…“
„Nein. Ich nehme keine Tabletten.“
Alfred stockte: „Echt nicht?“
„Nein.“
„Warum denn nicht?“, fragte Alfred und schob die Packung wieder beiseite. Arthur zog die Beine an.
„Ich war mal abhängig.“
„Du warst?“, fragte er und setzte sich neben ihn.
Arthur hatte eigentlich keine Lust ihm seine gesamte Lebensgeschichte zu erzählen also schwieg er.

Es wurde schon langsam dunkel und sein Kumpel war immer noch nicht aufgetaucht. Alfred hatte in der Zeit von Abenteuern aus seiner alten Wohngegend erzählt, doch die letzte halbe Stunde hatte er auch den Mund gehalten.
„Kennst du noch einen Zaubertrick?“, fragte Alfred.
„Tonnenweise. Aber ich beherrsche sie nicht alle.“
„Irgendeinen den du kennst.“
Arthur überlegte. Er schippte  und zauberte eine Karte hervor.
Alfred fielen fast die Augen raus.
„Wie machst du das? Das ist cool!“
„Magie.“
„Ach komm. Verrat mir den Trick.“
Arthur sah auf seine Armbanduhr.
„Weißt du, wenn du weniger Piercings, keine gefärbten Haare und andere Klamotten tragen würdest…dann…“, begann Alfred.
Arthur schenke Alfred einen missbilligenden Blick.
„würdest du wie ein ganz normaler Mensch aussehen.“
„Kleider machen Leute, stimmt‘s?“
Alfred nickte.
„Ich glaube ich muss gehen“, meinte Arthur dann.
„Gehen? Wohin?“
„Ich brauche einen Schlafplatz.“
„Oh…“
„Ich kann auch nicht immer bei Hunter übernachten. Er hat eine Freundin und wenn sie nicht da ist, darf ich in ihrem Bett schlafen. Aber da heute beide nicht da sind…“
Arthur schien zu überlegen.
„Die Friedhofstoiletten sind oft offen. Ich probier’s da mal.“
Alfred schüttelte sich bei dem Gedanken in einem öffentlichen WC zu schlafen.
„Wie lange bist du schon hier auf der Straße?“
„Viel zu lange“, meinte Arthur und lachte spöttisch.
„Außerdem geht dich das nichts an.“
„Du bist echt seltsam…“
„ICH BIN NICHT SELTSAM!“, schrie er so laut, dass Oscar zusammenzuckte.
„Doch. Im einen Moment bist du echt ein Idiot und im anderen total nett.“
„Und wo gehst du jetzt hin?“
„Ich geh auf Schlafplatzsuche.“
Alfred hätte ihm schon fast angeboten, bei ihm zu übernachten, aber dass konnte er seinen Eltern nicht antun.
Wer weiß, ob er etwas mitgehen ließ.
„Übrigens, deine Anzeige…könntest du die vielleicht zurückziehen?“, bat Arthur.
Die Anzeige. Stimmt. Er hätte ja den ganzen Tag Zeit gehabt ihn zu melden.
„Ja. Ich hab ja das Meiste wieder.“
„Ich würde es dir wiedergeben, wenn ich könnte, aber ich bin pleite! Und ich habe noch Schulden. Wenn ich die nicht schnellstens abbezahle werde ich vielleicht noch kalt gemacht.“
„So ernst?“
„Ich habe da Schulden, wo du hoffentlich nie Schulden haben wirst, Alfred.“
Arthur stand auf und holte eine Zigarette raus.
„Kein Geld aber rauchen, klar.“
„Auf lange Sicht ist das günstiger. Die Marke kostet 6 Pfund. Ein Mittagessen bis zu 10 Pfund. Hier drin sind 30 Zigaretten. Das heißt ich kann mir für 6 Pfund 30 Mal den Hunger wegrauchen.“
Alfred wusste nun, dass es wirklich ernst war. Sein Gegenüber hatte es wirklich verdammt schwer. Und er musste noch eine Katze ernähren.
„Kannst du irgendein Instrument? Du könntest dich auf irgendeinen öffentlichen Platz stellen und Musik machen. Oder deine Zaubertricks zeigen.“
„Was glaubst du was ich mache!? Ganz legal ist das nicht, aber man kann mich dafür nicht wegsperren.“
„Was spielst du denn?“
„Ich kann vier Instrumente. Und ich muss jetzt los, sonst sind die guten Plätze alle weg und ich lande hier im Regen in irgendeinem Park. Also! Bye.“

Arthur verschwand mit seinem Kater im Dunkeln. Alfred wusste nicht genau, was er von ihm halten sollte, aber er schien eigentlich ganz nett.
Arthur hingegen schlich sich auf einen Friedhof. Auf einen ganz bestimmten um genau zu sein. Der kleine, etwas unbedeutende Friedhof in der Milman’s Street an der Kreuzung an die Kings Road.
Hier waren nicht nur die Toilettenräume durchgehend offen, sondern hier lag auch ein Teil seiner Familie.
Er stand vor einer steinernen Grabplatte. Er kniete sich auf das feuchte Gras. Das Moos wuchs schneller als man glaubte.
Er zog das Geflecht ab und legte so die Namen wieder frei. Er fuhr mit den Fingerspitzen über die eingemeißelten Namen. Es sah so trostlos aus. Auf allen anderen Gräbern standen Blumen und Kerzen und kleine Figuren und er hatte zu kämpfen, dass man die Schrift lesen konnte.
Bevor eine Träne ihren Lauf finden konnte, wischte er sie weg.
Seit 12 Jahren war er mindestens einmal pro Woche hier.
Die Gaslaternen waren schwach und der Regen ließ nach. Arthurs Hose war durchweicht und er zog seine Jacke zu. Der Reißverschluss war vor 4 Monaten kaputt gegangen.
Nach dem er lange genug sentimental geworden war, lief er zu den Toilettenräumen.
Abgeschlossen.
Verdammt.
Wenn mal einmal wirklich darauf angewiesen war funktionierte gar nichts!
Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt, verdammt!
Fluchend legte er sich in ein Mausoleum. Der Eingang besaß keine Tür. Aber es roch muffig und nach Staub.
Es kostete ihn Überwindung und Stolz in einem fremden Grab zu schlafen aber hier war es wenigstens trocken.
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