Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der Lockruf

von Altais
GeschichteFantasy, Horror / P16
12.08.2013
12.08.2013
1
5.628
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
12.08.2013 5.628
 
Ich habe zumindest zwei der drei Wortpaare gewählt. Aber das wichtigere der beiden solltet ihr in den ersten paar Sätzen erkennen *fg*

Die Geschichte ist mit „Die subjektive Sichtweise“ verwandt, bzw. spielt im selben Universum.

Viel Spaß beim Lesen!



1) misanthrop und mondän

2) impulsiv und weise

3) scheu und "hoch interessiert am Leben anderer Menschen (o.ä.)"







So laut die Wellen auch gegen den Strand brandeten, sie vermochten nicht den Lärm der Menschen zu übertönen. Zu meiner Linken spielten zwei jugendliche Gören Beachball, und jedes Verfehlen des Balls mit dem harten Schläger wurde von wieherndem Kichern begleitet. Ein Kerl und seine silikonbrüstige Gespielin, die sich vor einer halben Stunde ausgerechnet an mich so nahe gelegt hatten, dass ich Platzangst bekam, steckten sich lautstark schmatzend die Zungen in den Rachen, und sie stöhnte dabei, als wäre sie Darstellerin in einem Schmuddelfilm. Bälger warfen sich gegenseitig Bälle zu – einer davon, zum Glück aus leichtem Plastik, schrammte an meinem Scheitel entlang, und die Eltern, primitive Proleten, kümmerten sich nicht darum. Ein Blag krähte im Abstand von etwa zehn Sekunden nun zum gefühlten hundertsten Mal: „Aniiia! Aniiia! Aniiia!“, und fing an zu brüllen, als diese sich nicht meldete. Wenige Meter hinter mir lungerte eine Gruppe männlicher Teenager-Rotzlöffel, bei denen höchst wahrscheinlich gerade erst Sackhaare zu sprießen angefangen hatten, und prahlte laut grölend mit Sauf- und Weibergeschichten herum.

Weit und breit war der ganze Strand vollgerammelt mit Menschen. Vor zehn Jahren war ich das letzte Mal hier gewesen, und da hatte die Situation noch ganz anders ausgesehen, aber mittlerweile mutierte selbst das raue, arme Sagres schon zu einem zweiten Malle. Obwohl die Algarve zu großen Teilen schon seit den Achtzigern des letzten Jahrhunderts unter Naturschutz stand, und somit keine neuen Hotels gebaut werden durften. Heutzutage konnte man mit unberührter Natur und „Ökotourismus“ schon genauso viele Leute locken, wie mit billigen Pauschalurlauben. Aber wo kamen die alle unter?  

Welcher Teufel hatte mich geritten, hierher zu fahren? Ach richtig, meine Freundin, die sich vor etwa einer Viertelstunde entschuldigt hatte, um sich ein Getränk aus dem heruntergekommenen Strandbistro zu holen. Sie hatte anscheinend nicht mal Angst, dass der Schmalspurcasanova von einem Kellner da oben auch abgelaufenes Zeug an die Kunden verkaufte. Mich wunderte, dass sie sich überhaupt traute, alleine da raufzugehen. Sie war gewöhnlich nicht der Typ, offen auf fremde Homo sapiens zuzugehen, obwohl ihre Neugier ihnen gegenüber manchmal kaum erträglich war. Oft genug setzte sie sich unauffällig neben angeblich interessante Menschen, um sie zu belauschen und zu beobachten – das hätte mir eigentlich klar sein müssen, bevor ich den Urlaub mit ihr antrat – aber normalerweise nahm sie dabei immer jemand Bekannten mit, um selbst nicht angesprochen zu werden. Überhaupt wenn sie die Landessprache nicht verstand, bekam sie den Mund nicht auf. Melindas Englisch, mit dem man sich auch hier halbwegs verständigen konnte, war nicht schlecht, und einige Leute konnten sogar Deutsch, aber trotzdem war sie im Urlaub doppelt so schüchtern, wie sonst. Aber zum Getränk-Holen reichte es diesmal offensichtlich. Hoffentlich lag das nicht an diesem schleimigen Latin Lover.

Irgendwann, als das Paar neben mir auch noch anfing zu fummeln, das Blag, das nach Aniiia geschrien hatte, nunmehr mit heiserer Stimme ohrenbetäubend laut heulte, mir der nächste Ball ins Gesicht klatschte und meine Haut langsam anfing, einen Rotton anzunehmen, sprang ich auf. Wo war Melinda abgeblieben? Hatte sie sich entschlossen, die alte Meckerziege endlich durch den Strandbistro-Schönling zu ersetzen? So unwahrscheinlich sich das auch anhörte, ich zog es in Betracht. Brummelnd riss ich unsere Strandtücher hoch, versuchte erst gar nicht, meine nun einander inbrünstig mit Sonnenöl eincremenden Nachbarn nicht mit Sand zu panieren, als ich sie ausschüttelte, stopfte sie in meine Tasche. Ich schlug Melindas Buch zu, verstaute es ebenfalls und ging von empörtem Zetern der mit Sand bedeckten dummen Trine begleitet in Richtung Bistro. Ein Grinsen zog an meinen Lippen.

Im Bistro saß sie nicht. Der Schmalspurcasanova flirtete schamlos mit zwei Mädchen, das eine mit einem Tankini bekleidet, der ihr mindestens zwei Nummern zu klein war, das andere eine lange, dürre Blondine, beide mit Sabber im Gesicht. Bis auf einen alten Perversling, der eine höchstens dreizehnjährige Göre mit Blicken des Handtuchs, in das sie sich eingewickelt hatte, entledigte und ein feistes altes Ehepaar hielt sich auch niemand hier auf. Ich drehte mich um und betrachtete von der leichten Anhöhe, auf der das Bistro stand, den Strand. Wo war Melinda? Ich suchte ihren dunkelblonden Haarschopf im Wasser. Aber im Moment waren die Wellen so groß, dass sich höchstens ganz die harten Männer, die entweder sich selbst, oder der nächstbesten kurvenreichen Strandschönheit etwas beweisen wollten, hineinwagten.

Ich überwand meine Abneigung und stellte mich zum Schönling. Auf Portugiesisch beschrieb ich ihm meine Freundin und fragte, ob er sie gesehen hatte. Die dürre Blondine warf mir einen missbilligenden Blick zu, weil ich ihre völlig banale Erzählung über irgendeine Freundin von ihr, die nicht anwesend war, unterbrochen hatte, was ich ignorierte. Julio, Joao, Rodrigo oder wie auch immer er hieß erklärte mir, dass sie vor einer halben bis Dreiviertelstunde eine Cola gekauft hatte und dann wieder verschwunden war. Die Frage wohin konnte er nicht beantworten. Eine halbe Stunde! Wenn sie etwas vom Auto geholt hätte, dann wäre sie längst zurück! War sie vielleicht in die Stadt gefahren, aus irgendeinem unlogischen Grund?

Ich drängte mich an den fünf Blagen vorbei, die offensichtlich vorhatten, sich den Bauch mit Eis vollzuschlagen, und betrat die steilen, hohen Stiegen, die die Klippen hoch zu den Autos führten. Oben angekommen sah ich das Auto zwischen bestimmt über hundert anderen stehen. Melinda hatte also den Strandbereich nicht verlassen.

Langsam keimte Panik in mir auf. Was, wenn sie jetzt zurück war und nach mir suchte? Ich sah hinunter auf den Strand. Viele blonde Köpfe waren dort unten, einige standen auch und schienen etwas zu suchen, jede von denen konnte theoretisch Melinda sein. Mir wurde schwindelig und übel. Ich suchte nach dem Autoschlüssel – er lag immer noch in der Tasche. Eigentlich hätte ich gleich nachsehen können, ob sie ihn mitgenommen hatte. Wir besaßen zwei, aber einer blieb immer im Hotel liegen. Rasch deponierte ich unsere Sachen auf dem Rücksitz und machte mich wieder auf nach unten zum Strand. Ich lief zu den zwei Rettungsschwimmern, die hinten unter einem großen, gelben Sonnenschirm saßen und fragte dort nach meiner Freundin. Der große, dürre Brünette, dem ich nicht zutraute, dass er im Notfall einen  erwachsenen Menschen aus dem Wasser schaffen konnte, antwortete, dass er niemanden gesehen hatte. Klar, hätte er jemanden gesehen, wäre wohl schon die Hölle los.

Kopflos lief ich den ganzen Strand entlang, drängte mich zwischen den Beachballspielern, plantschenden Gören und viel zu nahe am langsam steigenden Wasserspiegel liegenden verlassenen Handtüchern durch, aber Melinda war nirgends.

Genau so hatte ich mir den Urlaub vorgestellt. Auf einem überbevölkerten Familienstrand liegen, von Touris verseuchte Denkmäler besichtigen, überteuertes Essen, das die billigen Buden ausglich, in mich hineinschaufeln und meine verschollene Freundin suchen.  Meine Panik wäre vielleicht unbegründet, wenn es irgendjemand anderer wäre als Melinda, die schon ins Stottern geriet, wenn man sie einem Bekannten vorstellte. Die Melinda, die sogar lieber eine unangenehme, dauerschlechtgelaunte Meckerziege wie mich mit auf Urlaub nahm, statt sich mit einer netten Gruppe toller, hochinteressanter, neuer Menschen aufzumachen. Eine solche Melinda würde sich nicht einfach alleine davonmachen.

Wo konnte sie schon hingekommen sein? Völlig ungebeten schlich sich der Gedanke an eine Entführung in meine Gehirnwindungen. Eine hübsche, unschuldig wirkende, junge, blonde, zarte Frau wie Melinda würde vielleicht die Aufmerksamkeit irgendeines perversen Packs auf sich ziehen. Wir waren hier nicht in Südafrika oder Osteuropa, aber wer wusste schon, was dem Menschenpack einfiel? Vielleicht war sie tatsächlich zum Auto gegangen, vergessend, dass sie den Schlüssel unten in der Tasche liegen gelassen hatte, und auf dem Parkplatz hatte ihr jemand aufgelauert und sie mitgenommen. Am helllichten Tag. Eher unwahrscheinlich, entschied ich, aber nicht unmöglich. Dass sie jemanden vom Hotel getroffen hatte und mit ihm oder ihr irgendwo auf einen Kaffeeklatsch saß, schloss ich aus, nicht nur wegen der Schüchternheit, sondern auch weil ich ohnehin jeden Menschen, der es wagte, sich uns zu nähern, mit meiner Art erfolgreich verscheuchte. Das Letzte was ich wollte, war mit irgendwelchen x-beliebigen anderen Urlaubern zusammenzusitzen und über das Wetter und Steuern zu reden, bloß weil sie in einem fremden Land dieselbe Muttersprache hatten, wie ich, und die Einheimischen interessierten mich ebenso wenig.

Blieb nur die Möglichkeit, dass die sogenannten Rettungsschwimmer, der lange Lulatsch und sein inkompetenter Azubi, übersehen hatten, wie Melinda von einer Welle davongespült wurde, oder dass sie tatsächlich jemand verschleppt hatte. Einen Fluch unterdrückend beschloss ich, die Polizei zu verständigen, auch wenn ich Gefahr lief, mich lächerlich zu machen, wenn sie dann plötzlich – völlig entgegen ihres Charakters - kichernd am Arm eines dieser Lackaffen daherkam, aber das Risiko musste ich eingehen.

Es waren mittlerweile zwei Stunden vergangen, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte.

*

Die Polizei war amüsiert darüber, dass ich schon auftauchte. Ich konnte mir nichts Witzigeres vorstellen, als eine besorgte Touristin, die befürchtete, dass ihre Freundin gerade von Taliban entführt wurde oder gar von Erschöpfung, dem Nesselgift einer Qualle oder dem Biss eines Hais niedergestreckt tot auf den Meeresboden sank – alles eher abwegig in Portugal, aber doch möglich. Mir ein paar wirklich hässliche Bemerkungen über heruntergekommene, faule, versoffene Machosäcke verbeißend nahm ich zur Kenntnis, dass die Polypen hier nichts machen würden, solange Melinda nicht 48 Stunden abgängig war. Ich hatte natürlich damit gerechnet, und trotzdem bestätigte der feist grinsende, an den Schläfen ergrauende Kerl hinter seinem Schreibtisch wieder meine Abneigung gegenüber sämtlichen Ämtern. Immerhin gereichte mir der schockierte Blick des jungen Möchtegern-Casanovas am Schalter vorne, als ich seinen kläglichen Versuch, lächerlich gebrochenes Englisch mit mir zu sprechen, mit perfektem Portugiesisch abschmetterte, zur Freude.

*

Die nächsten zwei Tage verließ ich unser Hotelzimmer nur um ab und zu einen Abstecher zum Pool  und ins hoteleigene Restaurant zu machen, aus Angst, Melinda vielleicht zu verpassen, wenn ich weiter wegging.

Aber sie kam nicht wieder, nach 48 Stunden, und wieder meldete ich mich bei der Polizei. Was sollte ich auch sonst tun?

Dieses Mal quetschten sie mich aus wie eine Zitrone, versuchten, mein Innerstes nach außen zu stülpen, stellten all die Fragen, die man sonst nur in klischeehaften Krimi-Fernsehserien zu hören bekam. „Haben Sie mit Ihrer Freundin gestritten?“, „Hatte sie mit jemandem Streit?“, „Wie nahe sind Sie sich?“, „Gibt es jemanden, der ihr Böses will?“, „Kann jemand bestätigen, dass sie mit Ihnen an dem Strand war?“ Et cetera, et cetera. Im Anschluss an das „Gespräch“ fühlte ich mich schuldig, obwohl ich nichts getan hatte. Sie beschlagnahmten sowohl ihr Tablet, als auch mein Netbook.

Und sie suchten. Suchten am Strand nach ihr, schickten Taucher aus, die die Küste abklapperten, insbesondere den Strand, befragten die Rettungsschwimmer, die Angestellten des Strandcafés, Touristen. Durchsuchten ihre Sachen auf Hinweise. Aber natürlich fanden sie sie nicht. Und ich saß jeden Tag an dem Strand an dem sie verschwunden war und starrte in die Wellen. Ignorierte die Menschen um mich herum und starrte aufs Meer. Stundenlang. Es war wie ein Zwang. Das Grünblau der brandenden Wellen. Das Glucksen und Blubbern im nassen Sand, wenn sie sich zurückzogen. Das Meer war ein Raubtier, das mich lockte. Ich weiß nicht, wann ich zu der Überzeugung kam, dass Melinda nicht von Taliban oder anderen Verbrechern oder Terroristen verschleppt worden war, sondern dort vorne im Wasser, tief unter den Wellen verschwunden war, aber ich wusste es dennoch.

Der Wahnsinn griff nach mir, eine andere Erklärung hatte ich nicht für das Mantra in meinem Kopf: „Gib sie zurück. Gib sie zurück. Gib sie zurück“, murmelte es, wann immer ich auf den Felsen saß und die Wellen beobachtete. Und natürlich erhielt der Homunculus in meinem Gehirn keine Antwort. Waren es Schuldgefühle? So etwas hatte ich zum letzten Mal empfunden, als ich meiner Mutter mit sechzehn hundert Schilling aus dem Portmonee geklaut hatte. Ich traute mich keine zwei Meter mehr an die Wellen heran, denn sie zogen mich magisch an. Magisch. Wenn ich einen Fuß ins Wasser setzte, würden sie mich davontragen.

*

Zwei Tage vor meiner Abreise lag ich wach auf dem Bett und starrte an die Decke. Über der filigranen Wand gab sich ein Pärchen seit schieren Stunden einem Rammel-Marathon hin. Das Bett donnerte rhythmisch gegen die Wand, er schnaufte wie ein wilder Stier und sie quiekte, wie ein Meerschweinchen, und ich war versucht, den Besen aus der Nische neben der Tür zu holen und damit ordentlich nach oben zu hämmern. Ich wollte schlafen. Ich hatte nicht die Hoffnung, durchzuschlafen, wenn diese brünftigen Halbaffen mich denn ließen. Das konnte ich schon nicht, seit Melinda weg war. Aber ich brauchte wenigstens die vier, fünf Stunden Schlaf, die ich kriegen konnte. Ich wälzte mich hin und her, fragte mich zum wiederholten Mal, was ich Melindas Vater, der schon die Frau an Krebs verloren hatte, sagen sollte, wenn sie nicht mehr zurückkam. Die beiden hatten keinen Kontakt seit die Mutter tot war, Melinda gab an, ihn zu hassen, und er tat, als sei sie ihm gleichgültig, aber dass Menschen einander und noch mehr sich selbst belügen, bis sich die Balken biegen,  ist altbekannt. Die Hoffnung, dass sie wieder auftauchte, war mittlerweile verschwunden. Falls doch, war sie die längste Zeit meine Freundin gewesen, sofern dieses houdiniartige Verschwinden auf ihrem Mist gewachsen war.

Ein ohrenbetäubend lautes Grunzen über mir kündigte den Orgasmus des männlichen Parts des Pärchens über mir an, und unrealistisch schnell folgte darauf ein noch lauteres weibliches Stöhnen. Ich atmete auf. Jetzt war endlich Ruhe. Aber weit gefehlt! Gerade als meine Gedanken abzudriften begannen, ging das monotone, rhythmische Gehämmer des Betts gegen die Wand wieder weiter. Ein ungläubiges Lachen kam mir aus. Was hatte man denen in den Tee getan? Knurrend setzte ich mich auf und sobald ich das tat und mein Blick auf das Fenster fiel, oder vielmehr das, was dahinter lag, spürte ich eine Rastlosigkeit, die mir für einen Moment die Kehle zuschnürte.

Das Meer, es lag als tiefdunkle, bewegliche Masse unter den Klippen. Der Halbmond warf sein fahles Licht auf die sanften Wellen und hülle sie in einen gespenstischen Schimmer. Ich schob die dünne Decke von mir, warf die Beine über die Bettkante und stand auf. Erst bewegte ich mich Richtung Balkon. Die Tür stand leicht offen, und wenn ich mich konzentrierte, konnte ich das Rauschen hören. Hier drin war es stickig, und die Wände und die Geräusche dahinter erdrückten mich, ich konnte nicht atmen. Ich musste hier raus.

Rasch warf ich mir eine Jeans, ein T-Shirt und eine dünne Jacke über – der Wind war nachts richtig kühl – steckte mir den Schlüssel ein und verließ fluchtartig das Hotel.

Ein merkwürdiger Zwang erfasste mich, er zog mich an den nächstgelegenen Strand. Erst widerstand ich ihm noch. Ich lief an die Klippen, die nicht weit vom Hotel entfernt waren, und sah hinunter in das wogende Meer. Die Brise war wirklich steif, und ich schlang die Arme um meinen Oberkörper, als sich die Härchen auf meinen Armen aufstellten. Der Wind zischte um meine Ohren, zerrte an meinen Haaren, und drückte mich Richtung Meer. Ich hatte den Eindruck, als wolle er mich die mindestens sechzig Meter hohen Klippen hinunterstürzen. Zum Meer, er wollte, dass ich zum Meer ging.

Über Wurzeln und Steinchen stolpernd, mich gegen den Wind stemmend, entfernte ich mich von der Klippe. Nun war der Drang, an den Strand zu gehen und das salzige Wasser an meinen nackten Füßen zu spüren zu groß um zu widerstehen. Hektisch pflanzte ich einen Fuß vor den anderen, ich hatte das unbestimmte Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich nicht schnell am erstbesten Strand in der Nähe des Hotels stand.

Ich erinnere mich nicht an den Weg zu dem Strand, ich weiß nicht, wie lange ich gehen musste, oder woran ich vorbeikam. Die nächsten Minuten muss ich in einem tranceähnlichen Zustand verbracht haben. Jedenfalls fand ich mich erst wieder, als ich Sand an den Zehen spürte, der beim Gehen in meine Sandalen kam. Hinter mir ein zu dieser Zeit völlig verlassenes Strandbistro, vor mir das ruhige, beinahe schwarze Meer. Und jetzt, wo ich da stand, fühlte ich mich schlagartig verloren. Was machte ich hier, viel zu nahe am Wasser?

Der Wind war nun bitterkalt und so stark, dass ich mich dagegen stemmen musste. Von einer Sekunde auf die andere türmten sich hohe Wellen auf, die mit gewaltiger Kraft am Strand brandeten. Gischt wurde mir ins Gesicht geschleudert, brannte in meinen Augen und verschleierte mir die Sicht. Ich stolperte ein paar Schritte zurück und fiel auf den Hosenboden. Nässe drang durch meine dünnen Jeans. Fluchend versuchte ich wieder auf die Füße zu kommen, aber plötzlich fühlte ich einen Widerstand.

Etwas drückte auf meine Schulter. Ein Gewicht.

Die nächste Welle klatschte an den Strand und rollte über meine Beine, ich saß bis zu den Hüften im kalten Wasser.

Eiskalt. Eiskalt fuhr es durch meine Glieder, bis zu den Knochen. Ich schrie auf, die tosende See verschluckte den heiseren Ruf. Niemand würde mich hören, niemand würde mich finden, vielleicht suchte man nicht mal nach mir. Etwas zog und zerrte an mir, schleifte mich Richtung Wasser.

Meine Kehle fühlte sich rau an, nur dadurch bemerkte ich, dass ich mir die Seele aus dem Leib schrie, kaltes Wasser vermischte sich mit heißem auf meinen Wangen. Ein Hustenreiz erfasste mich, als es in meine Nase und meinen Mund eindrang.

Ich betete zum Herrgott, während ich meine Finger vergeblich in den nachgiebigen Sand krallte. Er würde mich nicht erhören. Das letzte Mal hatte ich vor Jahrzehnten zu Ihm gesprochen.

Und dann war ich plötzlich frei. Pures Adrenalin schoss durch meine Adern, wie Feuer,  ich krabbelte weg, nur weg vom Wasser, sank dabei in Sand ein, kam irgendwie trotzdem auf die Füße und schließlich rannte ich. Mein Körper war eine Maschine, sie funktionierte ferngesteuert, aber was auch immer die Knöpfe drückte, schaffte mich erfolgreich weg vom Strand, in Sicherheit.

Erst als ich im Zimmer saß, am Bett, fühlte ich mich wieder, als hätte ich die Kontrolle über meine Gliedmaßen. Ich ließ mich aufs Bett fallen, so, wie ich war, und schlief augenblicklich ein.

*

Die portugiesischen Behörden schickten mir meinen Laptop hinterher. Die Adresse von Melindas Vater hatte ich ihnen natürlich hinterlassen. Mittlerweile war eine EU-weite Fahndung nach Melinda ausgegangen, aber ich wusste, dass sie sie nicht finden würden. Sie lag im Ozean, unter den Wellen, dort, wo auch ich jetzt sein würde, ohne Sein Eingreifen. Ich war sicher, dass Gott seine Hände im Spiel hatte, denn das war es letztlich gewesen, was mich gerettet hatte, vor den eisig kalten Armen im Wasser, die nach mir gegriffen hatten. Ich war ein atheistischer Mensch – gewesen, bis jetzt. Ich hatte nie an das Übersinnliche geglaubt. Das war etwas für Träumer, Spinner und psychisch Kranke. Vielleicht war ich psychisch krank. Natürlich hatte ich einen Schock gehabt. Wie oft passierte es schon, dass ein Mensch am helllichten Tag spurlos von einem gut besuchten Strand verschwand? Dennoch hatte ich in den nächsten drei Jahren keine einzige Eingebung, und die Psychotherapeutin, die mich behandelte, stellte auch nichts weiter als eine durch Schuldgefühle ausgelöste, sogenannte "reaktive depressive Verstimmung" fest.

Trotzdem hatte ich eine Abneigung gegen das Meer. Urlaube an ein Wasser, das größer war, als der Attersee vermied ich. Stattdessen entdeckte ich eine Liebe für die Berge und die Wüsten dieser Welt: Ich zeltete in den Rocky Mountains, besuchte ein paar der wenigen Menschen, die ich tolerierte in einem Dorf in den Anden, bereiste die Hochebenen der Mongolei, stieg sogar auf einen Siebentausender des Himalaya.

Und das Thema „Meer“ kam immer wieder zu mir, als könne ich ihm nicht entrinnen, so weit ich auch weglief.

Mal ertrank ein Kollege beinahe beim Surfen, dann kamen Schauermeldungen über quallenverseuchte Strände in Australien, ein Schiff, das vor Sydney havarierte und etwa 20 Menschen in den Tod riss. Dokumentationen über sogenannte „Freakwaves“, wenn ich den Fernseher ausnahmsweise mal einschaltete.  Und Berichte über kenternde Fischerboote.

Melinda wurde für tot erklärt, man hob eine Grube aus und bettete einen leeren Sarg in die Erde. Ich besichtigte die Beerdigung aus der Ferne, denn der Vater nahm mir in der Tat übel, dass sie im Urlaub mit mir verschollen war. Ich hatte noch dazu den Fehler gemacht, in meiner seltsamen Lethargie, die mich in Portugal befallen hatte, zu vergessen, ihn sofort von Melindas Verschwinden in Kenntnis zu setzen. So hatte er es erst erfahren, als die europaweite Fahndung ausgegeben worden war, und das machte mich in seinen Augen erst recht verdächtig. Nun, seine Hassbekundungen waren ohnehin nur der Gipfel des Eisbergs meiner Schuldgefühle – obwohl diese laut meiner Therapeutin zwar nachvollziehbar, aber ungerechtfertigt waren. In der Nacht nach ihrem Begräbnis erschien sie mir zum ersten Mal im Traum, tatsächlich zum ersten Mal, und rief nach mir, unter den Wellen. „Hol mich zurück an die Oberfläche. Ich will nicht dort unten bleiben.“

Ich erwachte schweißgebadet und öffnete wie in Trance den Laptop, noch bevor ich mir etwas zu trinken holte, um meinen staubtrockenen, kratzenden Rachen zu benetzen. Dann schüttete ich mir einen halben Liter Orangensaft hinunter und gab „am Strand verschwunden“ ein.  Zunächst fand ich Berichte über verschwundene Strände nach Sturmfluten oder anderen natürlichen Einwirkungen und ähnliche Dinge, die nicht mit dem zusammenhingen, wonach ich suchte. Ich versuchte es mit „Im Meer verschwunden“ und nahm den Vorschlag Googles an, den Satz durch „Menschen“ zu ergänzen.

Das Erste, worauf ich stieß, waren im Roten Meer versunkene Schiffe mit verschollenen Passagieren, aber die folgenden Google-Einträge waren interessant.

Einer handelte von einer Mutter, die ihre erwachsene Tochter 2009 auf Fuerteventura am helllichten Tag verloren hatte. Ein weiterer von einem Mann, dessen Freundin 2007 auf den Azoren verschwand, ebenso am Strand, um die Mittagszeit. Als Nächstes fand ich eine Seite, die sich dem Phänomen selbst widmete: mehrere Dutzend solcher Fälle waren dokumentiert, auch die zuvor beschriebenen. Vorwiegend waren es Frauen in einem Alter zwischen fünfzehn und fünfundvierzig Jahren, aber auch der eine oder andere Knabe war dabei. Die Ereignisse schienen sich hauptsächlich auf den Atlantik, die Nordsee und das Mittelmeer zu konzentrieren, aber es gab auch vereinzelte Fälle im Pazifik, im karibischen Meer und indischen Ozean, wobei diese sich dahingehend von denen der zuvor genannten Meere insofern unterschieden, als dort vorwiegend Männer spurlos verschwanden, allerdings tauchten in der Mehrzahl der Fälle die Leichen auf. Haiangriffe wurden gerne dafür verantwortlich gemacht, oder Unfälle durch Schiffsschrauben.

Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken, als ich den nächsten Absatz las:

Diejenigen, die die Verschollenen begleitet hatten, ehe diese verschwanden, empfanden häufig eine Abneigung oder gar Angst vor dem Meer. In einigen Fällen waren auch sie wenig später spurlos verschwunden.

Warum brachte diese verdammte Seite mich so aus der Fassung? Warum brachte mich dieses ganze Ereignis, das nunmehr über drei Jahre in der Vergangenheit lag, so aus der Fassung? So sehr, dass ich auf halb esoterische Seiten zurückgriff, ähnlich aufgezogen wie diese unsäglichen „Creepypastas“, von denen ich durch die Tochter meines ebenso unsäglichen Arbeitskollegen erfahren hatte, um mir einzureden, dass eine übernatürliche Macht Melinda damals geholt hatte, und mich deswegen keine Schuld traf. Laut Therapeutin, dieser selbst halb verrückten alten Schabracke, traf mich auch ohne Eingreifen des Übernatürlichen keine Schuld.

Aber trotz dieser rationalen Gedanken saß ich da vor dem Laptop und las diesen Absatz immer und immer wieder, bis mir der Blick verschwamm.

Ich war versucht, meinen Fall zu schildern, aber ich war noch nie der Typ gewesen, der sich anonym im Internet wichtigmacht. Und was half es schon? Entweder basierte diese Seite ohnehin auf urbanen Legenden, oder ich bekam vielleicht auch noch Mails von Leuten, die ebenso wahnsinnig waren, wie ich offenbar. Aber ich tat es dennoch. Ich schrieb eine Mail an die Seite und schilderte meinen Fall, verlinkte auf den kurzen Artikel in jeweils einem deutschen und einem portugiesischen Boulevardblatt und übersetzte beide auf Englisch, da die Seite eine britische war, aber ich hatte nicht vor, auf eine Antwort zu warten. Die Seite war schon etwas älter und der letzte Eintrag war vor über einem Jahr erfolgt.

Der nächste Weg führte mich tagsüber in der Mittagspause in die Stadtbibliothek, die lächerlich klein war, ganz der Provinzstadt, in der ich immer noch lebte, entsprechend. Ich bediente mich in der Mythenabteilung und hoffte, dass ich Zeit fand, die zwei Bücher, die ich mitnahm, so schnell wie möglich zu lesen.

*

Mein Gebiet waren eher die lateinamerikanischen Hochkulturen, mit Mythen, erst recht dem Meerjungfrauenmythos, hatte ich nur oberflächlich im Studium zu tun gehabt. Soviel ich wusste, hatten die Seefahrer in alten Zeiten oft an Skorbut gelitten, waren gelangweilt gewesen, und keiner von ihnen hatte eine Brille getragen. Daher hatten sie gerne wunderschönen Frauen mit Menschenkörper und Fischleib gesehen, wenn Delphine oder Seekühe ihren Schiffen folgten. Das war jedenfalls die offizielle Erklärung, woher der Mythos kam.

Auf der ganzen Welt tauchte die eine oder andere Meerjungfrauensage auf, aber der klassische Mythos konzentrierte sich auf Europa. Da gab es die Meeresnymphen, die sogenannten Nereiden, die Töchter des Nereus, denen nachgesagt wurde, Schiffbrüchige zu schützen. Die Selkies aus der schottischen Mythologie – Robbengestaltwandler, die ihr Fell ablegen und zu wunderschönen Menschenfrauen werden konnten. Sirenen – gefährliche Verführerinnen, die Seefahrer unter Wasser zogen, um sie zu töten. Und alle Arten von Wassermännern, die in den meisten Sagen einen bösen Charakter besaßen.

Keines der beiden Bücher half mir weiter. Was hatte ich aber erwartet? Eine Eingebung, wenn ich eine dieser Sagen las, mir eine der Erklärungen über den Mythos und seine Herkunft zu Gemüte führte?

*

Nachts lag ich ewig wach, und fühlte mich ein wenig wie vor einer der Prüfungen im Studium, wenn ich zu viel gelernt hatte. Meermänner und Sirenen spukten in meinem Kopf herum, grünblaue, große Wellen schwappten hinter meinen geschlossenen Augen an raue, felsige Küsten, Planken zerstörter Schiffe trieben auf dem aufgewühlten Wasser und der Ozean toste und rauschte in meinen Ohren.

Ich starrte an die Decke und fühlte mich rastloser denn je. Der Wind draußen bewegte die Zweige des großen Baumes vor meinem Fenster, welcher einen gespenstischen Schatten an den Plafond warf. Selbst dieses unregelmäßige Schaukeln der Äste erinnerte mich an Meereswellen.

„Komm … komm zu uns …“, lockten sie. Ich deckte mich bis über den Kopf zu. Zum letzten Mal hatte ich das mit acht gemacht, nachdem ich mir heimlich eine Dokumentation über Mumien angeguckt hatte.

*

Ich fühlte mich in meiner Haut nicht mehr sicher. Wo auch immer ich hinging, ich sah Melindas Gesicht. Wenn ein Blondschopf an mir vorbeiging, meinte ich, sie sei es. In Fotos glaubte ich, ihr Gesicht wiederzuerkennen. Sie sah mich anklagend an. Schüttelte den Kopf über mich.

Warum hast du mich alleine zurückgelassen?

Ich verlor den Verstand.

Immer mehr spürte ich den Drang, zurückzukehren, nach Portugal, an diesen Strand, der mir beinahe zum Verhängnis geworden war, wenn auch nur um mir zu beweisen, dass ich bloß halluzinierte. Dass mein Serotonin-Haushalt durcheinandergekommen war.

Der Drang begann, die Abneigung gegen das Meer zu überwinden.

Jede Nacht hörte ich dieses sanfte: „Komm … Komm zu uns.“

Ich vernachlässigte meine Arbeit, bis mein Vorgesetzter mich abmahnte. Ich bat um Urlaub und erhielt ihn nur, weil er befürchtete, dass ich sonst kündigte.

Anderthalb Wochen sperrte ich mich zu Hause ein, nur um die kleinen Blondschöpfe da draußen nicht für die zutiefst enttäuschte, traurige Melinda zu halten. Vergrub mich in weiteren Mythenbüchern. Überlegte, ob ich mich in eine Nervenklinik einliefern lassen sollte. Entschied mich dagegen und buchte stattdessen einen Flug, das erste Mal ohne auf das Geld zu achten.

Ich schrieb eine zweite E-Mail an diese Adresse, in der ich mein Vorhaben kundtat. Ich wusste, dass die meisten „Erfahrungsberichte“ dort nichts als Lügengeschichten von Verrückten waren, ebenso wie ich wusste, dass auch ich meinem Wahnsinn nachgab, aber nichts desto trotz fühlte ich den Wunsch, der Nachwelt etwas zu hinterlassen, im Falle des Falles. Auch wenn diese Nachwelt nur aus den wenigen Spinnern oder wahrlich Verzweifelten bestand, die diese Internetseite lasen.

In der Nacht davor besuchte er mich. „Endlich hast du dich entschieden, zu uns zu kommen“, säuselte er in mein Ohr, und ich fühlte die Eiseskälte an mir herunterkriechen. Ich sah in Melindas Gesicht, aber sie hatte sich verändert, bis zur Unkenntlichkeit. Ihre graue Haut spannte unnatürlich über ihr verdorbenes Fleisch und hier und da blitzte bleicher Knochen hervor. Ihr blondes Haar war fahl und schwebte um sie herum, wie ein bizarrer Schleier. Sein Gesicht sah ich nicht, aber seine klauenbewährte, schuppige Hand, die auf ihrer knochigen Schulter lag. „Sieh, sie ist auch hier unten bei uns und wartet auf dich.“

Ein Zorn erwachte in mir und brodelte, floss durch meine Adern, wie Gift, aber dieses Gift fühlte sich an, wie eine Heilung.

*

Nun saß ich da am Strand. Völlig erledigt von dem langen Flug – dank einer Gewitterfront, die wie ein böses Omen über Lissabon hing, hatte der Pilot den Flughafen anderthalb Stunden lang umkreisen müssen – und trotzdem hellwach. Ich wusste nicht, warum ich mir überhaupt dieses Motel gemietet hatte. Wohl um an einem Rest Normalität festzuhalten. Um mir einzureden, dass ich bloß einen Spontanurlaub getätigt hatte.

Der Strand war bis auf eine Gruppe Surfer und einen einsamen Jogger völlig leer. Natürlich, gerade war Spätherbst, und während es zwar nie wirklich kalt wurde, konnte man bei diesen Temperaturen nicht mehr baden. Die See war aufgewühlt, die Wellen riesig und die Beachboys ziemlich sicher auf Drogen.

Er war nahe, aber er wartete. Worauf wartete er? Die Menschenmenge hatte ihn damals nicht aufgehalten, als er Melinda von dem überfüllten Strand entführt hatte. Ein paar eingekiffte Surfer würden ihn doch nicht abhalten, sich zu holen, was er dachte, dass ihm zustand.

Die Müdigkeit übermannte mich nach bestimmt anderthalb Stunden. Heute bin ich sicher, dass es nicht nur die Müdigkeit war, denn für gewöhnlich konnte ich nicht schlafen, wenn es nicht absolut ruhig und dunkel war, egal wie erschöpft ich mich fühlte.

Jedenfalls erwachte ich schlagartig, als Nässe in mein Gesicht sprühte. Die Flut hatte den Strand erreicht, und der Felsen, auf dem ich lag, war völlig von Wasser umgeben. Ich konnte nicht vor und nicht zurück, und eine stärkere Welle konnte mich leicht von meinem Platz herunterwerfen und unbarmherzig gegen die Klippen schleudern. Aber ich hatte keine Furcht. All meine Emotionen schienen wie von einem Schleier verhüllt, nicht greifbar. Trotzdem es mittlerweile stockdunkel war, sah ich fast wie am Tag. Ein seltsames Leuchten hatte das Meer erfasst, und ich wusste, er war da.

Ein Flüstern erreichte meine überempfindlichen Ohren. Es drang durch das Rauschen des Meeres und das Donnern der Wellen an die Felsen und Klippen. In einer Sprache, von der ich nicht dachte, sie je gesprochen zu hören, da sie seit langem tot war. Ausgestorben seit hunderten von Jahren. Ich musste mich anstrengen, um die Worte zu verstehen. Die Betonung war völlig anders, als von meinen alten Professoren und sämtlichen Altertumsforschern angenommen, und einige Worte hatte ich noch nie gehört, und es war zu lange her. Dadurch, aber vor allem auch durch die Lautstärke des Meeres, entfiel mir ein Teil, aber ich zweifelte nicht am beschwörenden, lockenden Charakter des Gesangs.

„Es war dumm von dir, herzukommen, aber ich bin sehr erfreut. Jetzt bist auch du mein. Deine kostbare Lebenskraft wird auf mich übergehen. Sie wird mir vorzüglich schmecken. Dein Körper wird an den Grund des Meeres sinken, und dem deiner Begleiterin Gesellschaft leisten", säuselte er nun laut und deutlich, und für jeden, der diese alte, tote Sprache nicht verstand, klangen die bösartigen Worte wie eine sanfte, zarte Liebeserklärung.

Ich fuhr herum, als eine kalte, große Hand die meine erfasste. Erst erblickte ich die Finger der Kreatur. Die Farbe der Haut war beinahe menschenähnlich, ebenso gebräunt, wie die der Leute, die hier lebten, aber der bläuliche Schimmer war unmöglich zu übersehen. Sie schillerte, wie die Schuppen von Fischen, und die Spitzen der Finger verjüngten sich in scharfen Klauen, die dieselbe Farbe hatten, wie die Haut selbst. Als ich den Kopf hob, erblickte ich ein Gesicht, das so schön war, dass ich für einen Moment dachte, bereits gestorben zu sein und den antiken Göttern gegenüberzustehen.   So ebenmäßig, als hätte Michelangelo es gemalt. Seine Augen glühten, wie Sterne. Das Meer spiegelte sich in ihnen, die schäumenden Kronen der Wellen. Dunkles, nasses Haar fiel weit über seine kräftigen Schultern und wurde durch das Wasser bewegt, in dem sich die Hälfte seines Körpers befand.

Es widersprach jeglichen Gesetzen der Biologie und Physik, und immer noch dachte ich, dass ich den Verstand verloren haben musste, als ich die Flosse sah, die hinter ihm aus dem Wasser ragte und sich mit den Wellen bewegte. Die Hälfte seines Leibes bestand tatsächlich aus einem glänzenden, schuppigen Fischschwanz.

Er hob seine zweite Hand, um sie sachte um meinen Oberarm zu legen.

Ich schloss die Augen und sah Melindas totes Gesicht vor meinen Augen. Eines der wenigen Menschen, dessen Gesellschaft ich nicht nur mit Zähneknirschen ertragen, sondern gemocht hatte. Ihre unschuldige, scheue Art, ihre positive Lebenseinstellung, die vielen Pläne, die sie gehabt hatte und nun niemals verwirklichen konnte, weil ihr Leib dort unten zwischen Korallen, Seesternen und Fischen verrottete. Und dasselbe wollte er auch mir antun.

Das Metall zwischen meinen Fingern fühlte sich noch kälter an, als seine Hände und das Wasser.

Ich trieb es ihm ins Genick, bis zum Anschlag, robustes Fleisch gab nach, weich wie durch Butter glitt das Messer in seinen Körper und stieß schließlich gegen Knochen. Ich drehte den Knauf um, und kaltes Blut floss über meine Hand. Er stieß ein ersticktes Geräusch aus, vor Schock erstarrt, ein überraschter Ausdruck in seinem schönen Gesicht, und ich zog das Messer heraus, um es ihm in eines dieser nun unerträglich hell leuchtenden Augen zu rammen. In einer Fontäne sprühte mir der dunkle Lebenssaft der Kreatur jetzt entgegen. Kalt. Eiskalter Hass, der durch meine Adern lief. Der Griff seiner Hände lockerte sich. Ich hatte nicht gespürt, wie fest er geworden war. Noch bevor ich das zweite Mal zustechen konnte, brachen seine Augen und das Licht erlosch.

Seine Hände rutschten von mir, sein Körper, nun den Elementen ausgeliefert, wurde vom Meer zurückgezogen. Die Gischt der Wellen färbte sich dunkel vom Blut.

Ich starrte frierend und schaudernd auf die Wellen, bis die Ebbe kam.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast