Schneebälle im Juli

von - Leela -
GeschichteAllgemein / P12
Eddie GB Jake Madame Why Tracy
12.08.2013
12.08.2013
1
5645
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Herzlich Willkommen im Ghostbuster-Büro und zum Wettbewerb »Schnee mitten im Jahr« von ayola. Ihr seid zum ersten Mal im Ghostkommando, der Zentrale der Ghostbuster? Dann wundert euch nicht, denn hier hat sogar die Büroeinrichtung eine Seele und ein Eigenleben, wie zum Beispiel das Skelevision - der Fernseher mit Herz. Laßt euch von meinen Jungs, sowie dem Ghostbuggy - dem liebenswertesten (manchmal aber auch recht zynischen) und wandlungsfähigsten Auto der Welt - in eine kleine Geschichte entführen.


Schneebälle im Juli


Aus der Bahn geworfen

Ein klirrendes Geräusch ließ Jake beinahe tödlich zusammenzucken, kurz bevor etwas unvermittelt haarscharf an ihm vorbeiflog, kurz auf dem Schreibtisch aufschlug und dann dahinter im Bücherregal landete.
      Jake war in der Bewegung erstarrt und schaute dem Geschoß hinterher, ohne wirklich begriffen zu haben, was gerade passiert war. Ganz langsam löste er sich wieder aus der Starre und ging bedächtig zum Schreibtisch, auf dem der halb aufgeweichte Bericht ihrer letzten Mission lag. Wie in Trance hob er das tropfende Papier an, auf dem die Tinte im unteren, rechten Viertel langsam verschwamm. „Was zum…“
      Unterdessen kam Eddy ins Büro und blieb verwundert stehen. „Jake, irgend etwas hat unsere Fensterscheibe zerschlagen!“
      Jake reagierte nicht einmal darauf, als er völlig konsterniert um den Schreibtisch herumging und das Bücherregal begutachtete, um zu sehen, was da genau durch die Scheibe geflogen war. Doch außer den Spuren von an den Bücherrücken herunterlaufenden Wassers konnte er nichts finden.
      Von draußen drang Kinderlachen bis in ihr Büro hinein.
      Eddy schlang die Arme um den Körper. „Also, für Juli finde ich es aber gerade extrem kalt!“
      Jake ging zum Fenster und sah hinaus. In seinem Blick spiegelte sich Entgeisterung, die schon an Entsetzen grenzte. „Ich kann dir sagen, warum!“ entfuhr es ihm. „Es schneit!“
      „Ach, komm schon Jake!“ schmunzelte Eddy. „Veralbern kann ich mich selber!“
      „Nein, es stimmt!“ wandte Jake ein. „Sieh nur!“ Er deutete durch das Loch im Fenster nach draußen, durch das einige Flocken sogar schon ihren Weg ins Innere des Büros fanden, allerdings nur für kurze Zeit, bevor sie dahinschmolzen und sich langsam in einer feuchten Pfütze auf dem Boden sammelten. Er beobachtete die Kinder, die fröhlich die Straße entlang rannten und sich eine Schneeballschlacht lieferten. Er hatte sich also nicht getäuscht, als er für einen Augenblick gedacht hatte, daß es ein Schneeball gewesen war, der die Scheibe durchschlagen hatte, bevor er diesen Gedanken als absurd beiseite geschoben hatte. „Das glaube ich jetzt einfach nicht!“
      „Jetzt bleib doch mal ruhig, Jake!“ versuchte Eddy, ihn zu beschwichtigen, als der schon an ihm vorbei zur Tür rannte.
      „Du bist gerade auch nicht mitten im Sommer fast von einem Schneeball erschlagen worden!“ Jake riß die Tür auf wie in der Hoffnung, daß sich ihm dort ein anderes - für die Jahreszeit passenderes - Bild bot. Doch auch hier schaute er auf die verschneite Landschaft von New York.
      Eddy ging derweil selbst neugierig zum Fenster und sah staunend hinaus. „Wow! Ist das nicht ein herrlicher Anblick?“ meinte er fasziniert.
      „Das ist nicht herrlich, das ist unnormal!“ bekam er zur Antwort.
      „Was ist denn los?“ fragte Eddy hilflos, als er sich etwas widerwillig von dem schönen Anblick löste.
      Jake drehte sich aufgewühlt zu ihm um. „Es schneit, Eddy! Mitten im Juli!“
      „Ja, und? Dann haben wir halt mal Glück gehabt! Bei der Hochwasserkatastrophe warst du auch nicht so aus dem Häuschen!“
      „Da wußte ich auch, woher es kam!“ setzte Jake dagegen. „Eddy, das hier kann nicht Prime Evils Werk sein! Wir haben ihn gerade festgesetzt! Und das sehr sicher!“
      „Nimm es doch einfach so hin!“ meinte Eddy mit einer saloppen Geste. „Man kann nicht immer alles erklären!“
      Jake atmete gepreßt durch. „Mag sein, Eddy, aber das hier macht mir Angst! Gestern hatten wir noch schönsten Sonnenschein; es kann nicht so schnell gehen, daß wir einen derartigen Wetterumschwung haben! Nicht aus natürlichen Gründen jedenfalls!“
      Eddy stöhnte auf. „Da ist Prime Evil einmal in unserem Leben nicht schuld an etwas, und schon ist es wieder nicht richtig!“
      „Hast du mal darüber nachgedacht, daß hier noch etwas böseres als Prime Evil am Werk sein könnte?“ setzte Jake dagegen.
      Eddy hielt kurz beklommen inne.
      Mittlerweile war Tracy ins Büro dazugekommen. Der Gorilla hob nachdenklich den verschmierten Bericht vom Schreibtisch hoch.
      „Ja, ich schreibe den Bericht nachher neu“, sagte Jake automatisch.
      „Sollten wir uns vielleicht erst mal um das kaputte Fenster kümmern?“ warf Eddy vorsichtig ein.
      „Gute Idee“, stimmte Tracy zu und nahm sich der Sache an.
      Eddy war heilfroh darum, denn Jake war noch immer nicht ansprechbar und lief in Gedanken versunken durch das Büro. „Es muß eine Ursache dafür geben! Ich muß rausfinden, was dahinter steckt. Hoffentlich ist es eine ganz einfache Erklärung…“ murmelte er vor sich hin, ohne überhaupt auf die anderen zu achten.
      „Sag mal, hat dich der Schneeball am Kopf getroffen, oder was ist los?“ entfuhr es Eddy.
      „Ich suche nur nach einer Erklärung, sonst nichts!“ gab Jake zurück.
      Eddy seufzte tief. „Die kann ich dir sagen: Es ist ein einmaliges, wunderbares Wetterphänomen! Und weißt du warum? Wären wirklich Geisteraktivitäten im Spiel, wäre entweder der Ghostalarm losgegangen, oder unser Telefon würde nicht mehr stillstehen!“
      „Du freust dich wahrscheinlich richtig darüber, oder?“ Jake konnte einen gewissen Zynismus nicht aus der Stimme verbannen.
      Eddy machte eine hilflose Geste. „Ich mag Schnee!“
      Jake stöhnte unverhohlen auf. „Du bist manchmal so herrlich naiv, Eddy!“ meinte er, jedoch ohne eine Spur Herzlichkeit in der Stimme.
      Eddy nahm es gelassen. „Mag sein! Dafür kann ich das Leben genießen!“ setzte er dagegen.
      Tracy hatte mittlerweile das Fenster notdürftig gerichtet und kam zu den beiden herüber. „Merkwürdiges Wetter…“ ließ sich der Gorilla vernehmen.
      „Siehst du?“ Jake machte eine umfassende Geste, als er Eddy ansah. „Sogar Tracy ist skeptisch!“
      „Ich sage ja nicht, daß das Wetter nicht merkwürdig ist!“ erwiderte Eddy überrascht. „Ich sage nur, daß es mir gefällt, und ich es so nehme, wie es kommt!“
      Jake verdrehte leicht die Augen.
      Indes machte das Skelevision auf sich aufmerksam. „Hey, Leute, jetzt kommt ein Bericht von Jessica!“ Ausnahmsweise bekam es einmal nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit der Jungs, so wie sonst, wenn ihre Freundin eine Reportage im Fernsehen hatte; trotzdem schaltete das Skelevision selbsttätig den richtigen Kanal ein. Auf dem Bildschirm erschien die Reporterin in dickem Wintermantel und Mütze. „Liebe Zuhörer, ich melde mich hier live aus New York, wo mitten im Sommer ein Schneechaos ausgebrochen ist!“
      Das reichte, um Jakes Aufmerksamkeit zu wecken. „Mach mal lauter!“ rief er, als er sich schon vor das Skelevision kniete, welches seiner Aufforderung gerade nachkam.
      „Obwohl gestern noch der herrlichste Sommertag war, versinkt die Stadt heute in Schnee“, berichtete die Reporterin weiter. „Selbst die Meteorologen können sich das Phänomen noch nicht erklären. Dieser unvermittelte Wetterumschwung hat bereits den gesamten öffentlichen Verkehr lahmgelegt. Schulen und Kindergärten bleiben heute geschlossen. Weder über die Ursache, noch über die Dauer können bislang Angaben gemacht werden. Wir werden Sie weiter auf dem laufenden halten!“
      Es wurde zurück ins Studio geschaltet, wo der Moderator fortfuhr: „Das war Jessica Wray über das unerwartete Schneechaos in New York. Weiter geht’s mit…“
      Jake schaltete das Skelevision ab und drehte sich zu Eddy und Tracy mit versteinerter Miene um. „Nicht einmal die Meteorologen wissen, wie das zustande kommt!“ wiederholte er tiefgründig.
      „Ich hab’s gehört!“ kommentierte Eddy und mußte aufpassen, nicht die Augen zu verdrehen.
      Jake lief noch einen Moment unschlüssig durch das Büro, dann hielt er es nicht mehr aus. „Ich nehme das Ghostbuggy und fahre raus, um mir das mal anzusehen!“ erklärte er entschlossen.
      „Na, da wird sich GB aber freuen!“ kommentierte Eddy leise, ohne die Ironie in seiner Stimme zu verbergen.
      Jake reagierte gar nicht darauf. „Okay, wenn ihr nicht mitwollt, um das aufzuklären, dann eben nicht. Ich schaffe das schon allein! – Auf geht’s…“
      Eddy und Tracy sahen ihm nach, als er loslief, um sich umzuziehen.
      Eddy sah Tracy resignierend an. „Na, hoffentlich lohnt es sich für ihn überhaupt, die Uniform anzuziehen.“
      „Vielleicht will er Schneebälle busten“, mutmaßte Tracy.
      Die beiden konnten nicht an sich halten zu lachen und waren froh, daß Jake es nicht mehr mitbekam.


Wetteranalyse

Nachdem Jake den Anzug mit der Uniform getauscht hatte, sprang er ins Ghostbuggy, das bis dahin friedlich in der Garage geschlummert hatte, und nun aufschreckte. „GB, wir machen mal einen kleinen Ausflug!“ begrüßte er das rote Cabrio.
      „Wir – allein?“ erkundigte sich GB überrascht, als er feststellte, daß Eddy und Tracy fehlten.
      „Ja!“ war die prompte Antwort.
      „Das ist genehmigt!“ freute sich GB. „Das wird ja mal ein richtig angenehmer Ausflug, ohne den dicken Gorilla an Bord. Und Eddy könnte auch mal etwas abnehmen. Aber du, du bist so schön leicht gegen die beiden! Und ich habe auch richtig Lust auf einen schönen Sommerausflug in der Sonne!“ Enthusiastisch setzte er nach: „Also, worauf warten wir noch?“
      Jake atmete ruhig durch. „Geht schon los!“ Er öffnete das Garagentor, und bereits bei halber Öffnung wirbelten Schneeflocken herein, bevor die Sicht auf die unerwartete Schneelandschaft frei wurde.
      GB stockte geschockt. „Das ist jetzt nicht dein Ernst!“
      „Leider doch“, meinte Jake mit einem Seufzen.
      GB bremste schon ab, bevor er überhaupt gestartet war. „Du willst mich wohl aufs Rad nehmen? Da fahre ich nicht raus! Keine Chance, nicht unter diesen Bedingungen! Ich bleibe hier!“
      „Wir müssen der Sache auf den Grund gehen, GB!“ sagte Jake. „Auch wenn die anderen es gelassen sehen, ich will wissen, was dahinter steckt!“
      „Ich höre immer »wir«!“ beschwerte sich GB.
      „Ich kann es doch nicht ändern!“ setzte Jake dagegen. „Eine andere Wahl haben wir nicht.“
      „Doch, die haben wir!“ beharrte GB. „Wir bleiben alle hier, wo es kuschelig, warm und gemütlich ist!“
      „Dann finden wir aber nicht heraus, ob uns hier eine ernste Gefahr droht, und wir vielleicht nie wieder Sommer haben werden!“ schloß Jake die Diskussion ab. „Flugmodus, GB, und die Kuppel schließen!“
      Das Ghostbuggy transformierte sich widerwillig in ein Flugzeug und stülpte anstelle eines Verdecks die Glaskuppel über das Führerhaus. „Soll ich auch noch die Heizung anmachen?“ fragte es zynisch.
      „Ja, bitte!“ erwiderte Jake, ohne auf den Seitenhieb einzugehen.
      GB ließ sich ein Grummeln vernehmen, atmete tief durch und schoß unter Protest aus der Garage hinein in die Kälte der winterlich anmutenden Welt.
      Als Jake zu seinem Rundflug aufbrach, bot sich ihm ein groteskes Bild. Die ganze Stadt lag unter einer dichten Schneedecke, und es wollte nicht aufhören zu schneien. Die Kinder hatten ihre Schlitten herausgeholt, bauten Schneemänner oder machten Schneeballschlachten. Er beobachtete die Leute, die sich verwundert über den Gartenzaun hinweg unterhielten und sah das eine oder andere Pärchen, das es zu einem Winterspaziergang hervorgelockt hatte. Alles in allem war es eine friedliche Atmosphäre, in der sich niemand übermäßig Sorgen zu machen schien. „Sag mal, bin ich jetzt bescheuert, oder sind es die anderen?“ sagte er leise zu sich.
      „Darauf möchtest du wahrscheinlich keine ehrliche Antwort von mir haben!“ grummelte das Ghostbuggy.
      Jake ignorierte den Kommentar geflissentlich. Dafür war er viel zu konzentriert auf das Geschehen um ihn herum.
      Je weiter sie flogen, desto mehr kam Jake zu dem Schluß, daß niemand auf die Idee kam, sich ernstliche Gedanken über das Wetter zu machen. Er sah nur wenige Leute auf den Straßen. Die meisten hatte es wahrscheinlich ins Innere der Häuser getrieben, wo die Heizungen wieder in Gang gebracht wurden. Er konnte so manchen Schornstein wieder rauchen sehen. Die wenigen Leute, die es in dicker Kleidung nach draußen zog, waren entweder verblüfft und fasziniert, oder verdrossen über die eigentümlichen Sommerbedingungen, so wie der Herr, den er gerade beim Schneeschippen beobachtete, und der fortwährend vor sich hinfluchte.
      Jake mußte noch immer Fassungslosigkeit niederkämpfen. Daß die Kinder den plötzlichen Wetterumschwung nicht weiter hinterfragten, sondern das einzigartige Naturschauspiel ausnutzten, konnte er ja noch nachvollziehen, aber selbst die Erwachsenen schienen es einfach so hinzunehmen. Eddy und Tracy hielten ihn für überdreht, Jessica hatte ganz nüchtern und wertungsfrei über die Fakten berichtet, und GB war nur mißmutig, in die Kälte zu müssen…
      „Wohin soll es denn nun überhaupt gehen, Cowboy?“ mischte sich GBs Stimme wieder in seine Gedanken.
      „Erst mal an den Rand der Stadt. Ich möchte wissen, welche Ausmaße dieses Phänomen hat!“
      „Na, du mußt es ja wissen“, kommentierte GB ungehalten.
      Nachdem sie einige Zeit unterwegs gewesen waren, stellte Jake fest, daß sich das Wetterphänomen nicht nur auf New York beschränkte, sondern weit über das Land erstreckte.
      GB atmete frustriert durch. „Also, für mich sieht das aus, wie ein einfacher plötzlicher Wintereinbruch!“ meinte er. „Können wir jetzt nach Hause fliegen?“
      „Noch nicht“, entgegnete Jake und dachte angestrengt nach. Es mußte eine Möglichkeit geben, mehr über die sonderbaren Ereignisse zu erfahren. „Weißt du was? Ich habe eine Idee! Wir besuchen Madame Why! Wenn uns jemand weiterhelfen kann, dann ist sie es.“
      „Das hört sich gut an!“ bekannte GB. „Und danach fliegen wir nach Hause!“
      „Wenn ich eine akzeptable Antwort bekomme, ja!“ bestätigte Jake.
      GB konnte sich nicht helfen, ihm war, als läge ein leichter Unterton in Jakes Stimme, der noch Zweifel hegte. Er sagte aber nichts weiter dazu, sondern korrigierte den Kurs in die Richtung, in welcher der Wohnwagen der Wahrsagerin seinen Sitz hatte, in der Hoffnung, daß Jake die Antworten fand, die er suchte – damit er schnell wieder in seine kuschelige Garage zurückkam.
      Als sie die Stadt hinter sich ließen, wurde das Schneegestöber auf dem Flug immer schlimmer, so daß Jake manches Mal kaum noch etwas unter sich erkennen konnte. Es löste ein dumpfes, beunruhigendes Gefühl in ihm aus. Er mochte diesen Effekt schon im Winter nicht; jetzt gerade ließ es ihn regelrecht schaudern. Es war eine andere Angst, als nur die, gut und sicher am Zielort anzukommen. Es war zusätzlich die Angst, die Sicherheit eines natürlichen Ablaufes zu verlieren, der einem Geborgenheit vermittelte, ohne sich Sorgen machen zu müssen, daß die Welt aus den Fugen geriet, und alles Leben auf dem Planeten mit ins Verderben zog, ohne daß jemand etwas dagegen tun konnte. Und solange er die Ursache nicht greifen konnte, konnte er nicht intervenieren! ‚Manchmal ist Prime Evil doch das kleinere Übel’, dachte er besorgt bei sich. ‚Bei Prime Evil wissen wir wenigstens, woran wir sind, und wie wir ihn bekämpfen können…’ Er kämpfte das dumpfe Gefühl von Panik in sich nieder, das immer wieder versuchte, die Oberhand zu gewinnen und zwang sich, ruhig zu bleiben.
      GB versuchte derweil, ein Zittern zu unterdrücken. „Ich finde ja, du übertreibst“, ließ er sich mit vor Kälte bibbernder Stimme vernehmen.
      „Sorry, GB. Es mag so sein, aber ich will es genau wissen. Das brauche ich für meinen Seelenfrieden“, erwiderte Jake.
      „Jake, ich bremse ja nur ungerne deinen Enthusiasmus aus“, ließ sich GB beunruhigt vernehmen. „Aber da kommt etwas auf uns zu!“
      Jake schaute genauer nach vorne, und plötzlich erkannte er, was GB meinte: Sie hielten genauen Kurs auf einen Schneesturm! „Du meine Güte! Schaffen wir es dadurch, GB?“
      Er konnte förmlich spüren, wie GB geschockt nach Luft schnappte. „Bist du verrückt? Du magst da warm und trocken sitzen, aber ich tue es nicht!“
      „Können wir es schaffen, GB?!“ wiederholte Jake seine Frage.
      „Was soll diese blöde Fragerei? Tracy hat mich so konzipiert, daß ich so etwas schaffe!“
      Jake konnte sich ein kleines Schmunzeln nicht nehmen lassen. „Gut! Dann flieg durch!“
      „Ich hasse dich!“ gab GB zurück.
      Zu mehr Unterhaltung kamen sie nicht, denn die kleine Sturmfront war jetzt sehr nahe, und sowohl Jake, als auch GB mußten sich konzentrieren. Als sie in die dichte Flockenmasse eintraten, flogen sie ein Stück fast blind. An den Scheiben wirbelten die Schneeflocken wie ein grauweißes Kaleidoskop und zogen bald psychedelische Muster über das Glas. Unter anderen Voraussetzungen hätte man den Anblick sicher genießen können, doch dafür war die Situation gerade zu prekär. Jake bemühte sich verbissen, das Ghostbuggy auf Kurs zu halten. Nach ein paar Minuten war es überstanden, und sie ließen die Sturmfront hinter sich, während unter ihnen wieder die winterlich anmutende Schneelandschaft hinwegzog.
      „Toll! Jetzt bin ich gefroren!“ beschwerte sich GB.
      „Jetzt hab dich nicht so!“ schoß Jake genervt dagegen. „Es ist für einen guten Zweck!“
      GB ließ nur kurz die Seitenelemente der Kuppel herunter, so daß einmal ein von Schnee geschwängerter Windstoß ins Führerhaus wehte.
      „Bist du verrückt?“ schrie Jake auf.
      „Noch Fragen?“ konterte GB gereizt.
      Jake ließ es dabei bewenden. Es war nicht so, daß er GB nicht verstehen konnte.
      Nach einigen Minuten kam endlich der Wohnwagen von Madame Why in Sicht, der ebenfalls unter einer dichten Schneedecke lag. Erleichtert atmeten sowohl Jake, als auch GB auf. Nur wenig später landete das Ghostbuggy hinter dem Wohnwagen.
      Als Jake um das Auto herumging, stellte er fest, daß GB Eiszapfen an der Karosserie angesetzt hatte. „Du meine Güte…“ entfuhr es ihm leise.
      GB ignorierte Jakes Überraschung gekonnt. „Ich sagte ja, wir hätten zu Hause bleiben sollen! Aber auf mich hört ja keiner!“


Fragen und Antworten

Jake ging die rutschigen Stufen zu der Tür des Wohnwagens hoch und klopfte. „Madame Why? Sind Sie zu Hause?“
      Rebecka öffnete die Tür nur einen Augenblick später und lächelte. „Jake, ich habe gewußt, daß du kommen wirst! Wie schön! Komm rein!“
      Jake folgte der Wahrsagerin in den Wohnwagen. „Dann wissen Sie sicher auch, warum ich hier bin.“
      „So genau habe ich die Karten nicht befragt!“ winkte Rebecka ab. „Ich freue mich immer, wenn ihr mich mal besuchen kommt. – Ist es nicht herrliches Wetter draußen?“ schwenkte sie das Thema in eine andere Richtung.
      Jake sah sie starr an. „Es schneit, Madame!“
      „Eben! Was für eine Abwechslung nach den vergangenen heißen Tagen!“
      Jake sah sie fassungslos an und überlegte schon, ob sie wirklich der richtige Ansprechpartner für sein Anliegen war. Eigentlich war er in der Hoffnung hergekommen, ihren Wohnwagen ein wenig beruhigter wieder verlassen zu können, und nun begegnete Rebecka ihm mit der gleichen Gelassenheit, die er bei den anderen Leuten beobachtet hatte. War die Welt etwa komplett verrückt geworden? – Aber vielleicht bedeutete gerade das auch, daß Rebecka für ihn die Antworten hatte, die er suchte, und er sich vielleicht sogar wirklich keine Sorgen zu machen brauchte… Er mochte noch gar nicht daran denken, daß es tatsächlich so sein konnte.
      „Magst du etwa keinen Schnee?“ fragte sie, als sie seinen konsternierten Blick bemerkte.
      „Wir haben Juli!“ entgegnete er entgeistert und schrieb seine Hoffnungen gerade in den Wind.
      „Was stört dich daran?“ fragte Rebecka ungerührt.
      „Die Kombination, Madame!“ erklärte Jake verzweifelt. „Wir haben Sommer! Schnee gibt es im Winter! Da stimmt doch irgend etwas nicht!“
      „Ach, Juli – Dezember… Was macht es für einen Unterschied?“ behauptete Rebecka leichthin. „Die letzten Tage waren so heiß, da tut dieses erfrischende Wetter einfach nur gut!“
      „Was ist das denn für eine Begründung?“ entfuhr es Jake fassungslos. „Was ist, wenn es nie wieder Sommer wird?“
      „Jake, wir haben Sommer!“ erwiderte Rebecka ruhig. „Nur einen sehr kalten, im Augenblick!“
      Jake wäre am liebsten zusammengebrochen und konnte sich gerade so zurückhalten sie zu fragen, ob sie ihn veralbern wollte. „Sie verstehen nicht wirklich, was mir Sorgen macht, oder?“ fragte er in resignierter Ruhe. „Oder haben Sie Informationen, die Sie mir noch nicht preisgeben, weil Sie sich lieber über meinen Zustand amüsieren?“
      „Was genau suchst du denn für Informationen?“ fragte sie noch einmal genau nach.
      Er machte eine hilflose Geste. „Ich möchte wissen, warum es im Juli schneit! Das ist alles andere als typisches Wetter, und es macht mir Angst! Aber anscheinend bin ich der einzige, der sich darüber wirklich Sorgen macht. Niemand scheint in Aufruhr zu sein! Klar, alle wundern sich, aber niemand scheint sich wirklich daran zu stören!“
      „Warum sollten sie auch, Jake?“ wunderte sich Rebecka, während sie bereits zu der anderen Seite des Wohnwagens ging, wo sie in einem Schrank nach etwas suchte.
      Jake machte eine hilflose Geste. „Wir haben Juli, Madame. Es ist einfach nicht… richtig!“
      „Wie definierst du »richtig«?“ erkundigte sich Rebecka, nahm eine Kugel aus dem Schrank und plazierte sie auf dem Tisch.
      „Na, Schnee gehört einfach in den Winter!“ beharrte Jake.
      „Nur weil es dem Weltbild entspricht, das du bislang kennst?“ implizierte die Wahrsagerin. Sie gab ihm einen Wink. „Komm mal her, ich möchte dir etwas zeigen!“
      Jake folgte ihr zu der Kristallkugel, die sie gerade aktivierte.
      „So ein Wetter wie jetzt entsteht durch ein Tiefdruckgebiet“, erklärte Rebecka. „Es ist sehr selten, daß es so extrem im Sommer ist wie jetzt, aber es kommt vor! Das ist nichts Ungewöhnliches. Ich zeige dir mal Begebenheiten, wo so etwas früher schon vorgekommen ist. – Hier zum Beispiel. Das Jahr 1816 wurde sogar als das »Jahr ohne Sommer« bezeichnet, obwohl das so ja gar nicht richtig ist. Aber es war ein ungewöhnlich kaltes Jahr und bekam den Beinamen »Achtzehnhundertunderfroren«.“
      „Ach du meine Güte…“ entfuhr es Jake, als er die Bilder aus dem Nordosten Amerikas und dem südwestlichen Europas in der Kristallkugel beobachten konnte.
      Rebecka schmunzelte. „Wenn du damals schon gelebt hättest, würdest du dich heute vermutlich nicht über das bißchen Schnee aufregen.“
      „Das ist wohl wahr…“ meinte Jake leise, noch immer etwas aufgewühlt.
      „Oder hier, das ist in Österreich, vor einigen Jahren, als dort ein plötzlicher Wintereinbruch mitten im Sommer herrschte.“ Sie zeigte ihm Bilder von Autos, die im Schnee steckten, zugefrorenen Seen, idyllischen Schneelandschaften und Straßen, die im Chaos versanken. „Das kommt dem, was wir hier erleben schon ziemlich nahe, nicht wahr?“
      Jake nickte beklommen.
      Rebecka sah ihn beruhigend an. „So etwas kommt immer mal wieder vor, Jake. Das ist nichts Schlimmes, und es geht auch wieder vorbei. Das ist nichts, was dir Angst machen muß.“
      „Hätten Sie das nicht gleich zu Beginn sagen können?“ fragte Jake.
      „Ich habe nicht geahnt, daß es dich so extrem belastet“, gab Rebecka zu. „Wenn ich gewußt hätte, daß es dich so beunruhigt, hätte ich dich vorgewarnt. Ich habe das Wetter schon früh in den Karten gesehen!“
      „Na gut“, meinte Jake, nun doch wesentlich beruhigter. „Trotzdem finde ich es nicht schön. Ich hatte mich so auf den Sommer gefreut.“
      „Tja, das ist etwas anderes“, erwiderte Rebecka tiefgründig. „Persönliche Wünsche beachtet das Wetter nur selten. Damit mußt du selber fertig werden…“
      „Das ist mir klar“, lachte Jake. „Ich hoffe nur, es nimmt mir jetzt niemand übel, wenn ich persönlich erschüttert bin.“
      Rebecka machte eine wohlwollende Geste. „Das sei dir gestattet.“
      „Können Sie schon sehen, wie lange es anhält?“ fragte Jake vorsichtig.
      „Nicht sehr lange, leider“, erwiderte Rebecka. „In ein paar Tagen ist alles vorbei!“
      Das schien Jake ein wenig zu beruhigen.
      „Entspann dich, Jake!“ riet Rebecka. „Das hier ist etwas Besonderes! Genieße es einfach!“
      Jake verdrehte leicht die Augen. »Genießen«! Er mochte so schon den Sommer lieber als den Winter, wie sollte er es da genießen? Aber zumindest konnte er es jetzt akzeptieren. „Danke, Madame Why. Sie haben mir wirklich sehr geholfen.”
      „Das freut mich. – Magst du vielleicht noch einen heißen Tee, zum Aufwärmen, bevor du zurückfliegst?“
      „Ich weiß nicht; GB steht noch dort draußen in der Kälte und friert sich den Motor ab. Das mag ich ihm eigentlich nicht länger als nötig zumuten.“
      „Wie du willst. Ich biete es dir nur gerne an. Das macht den Rückflug vielleicht ein bißchen angenehmer.“
      Jake überlegte kurz, und konnte dann doch nicht wiederstehen; insbesondere, wenn er einen Blick aus dem Fenster des Wohnwagens auf den vereisten See und die verschneite Landschaft warf. „Okay! Einen kleinen Tee kann ich mir wohl genehmigen.“


»Winterfreuden«

Jake und Rebecka hatten sich noch einen kurzen Moment gemütlich unterhalten, und Jake mußte zugeben, er war sehr dankbar für den Tee gewesen. Dann verabschiedete er sich wieder und kehrte zu GB zurück, der mittlerweile in einer von Kälte forcierten Griesgrämigkeit auf ihn wartete.
      „Das wurde auch Zeit!“ war die Begrüßung.
      „Tut mir leid, GB“, entschuldigte Jake sich, als er einstieg und sich hinter das Steuer setzte. „Aber es hat nun mal seine Zeit gebraucht, um alles zu klären.“ Den Tee erwähnte er ganz bewußt nicht.
      „Und, was hat der Herr herausgefunden?“ ließ sich GB ungehalten vernehmen.
      „Es ist ein ganz normales Wetterphänomen“, erwiderte Jake. „Nichts, worüber man sich Sorgen machen müßte.“
      „Überraschung!“ kommentierte GB mißmutig, als er, schwerfällig durch die Kälte, startete.
      „Ja, ich weiß“, lenkte Jake ein. „Eddy hat es auch schon gesagt. Aber trotzdem. Dieses merkwürdige, ungute Gefühl ist weg, und das war es schon wert.“
      „Soll heißen, du kannst jetzt anfangen, den Schnee richtig zu genießen!“ frotzelte GB.
      „Na, so würde ich das nun auch wieder nicht sagen…“ kommentierte Jake schmollend.
      „Also darf ich jetzt wieder in meine kuschelige Garage, und du ziehst dich mit einem guten Buch in das schöne warme Büro zurück“, mutmaßte GB.
      „Ja, so ungefähr. Obwohl zuerst noch eine Menge Arbeit auf mich wartet. Ich muß diesen verdammten Bericht neu schreiben, den der Schneeball erwischt hat.“
      „Schon mal darüber nachgedacht, eine Schreibmaschine zu benutzen?“ bemerkte GB.
      „Das überlasse ich lieber jemandem, der sich dabei nicht so oft vertippt.“ Jake korrigierte GBs Flugbahn etwas, auf den direkten Weg in die Heimat.
      Der Rückflug wurde um einiges entspannter als die Tour zu Madame Why, was daran liegen mochte, daß sie sich nun zügig und ohne Umwege auf den Weg nach Hause machten, ohne ihre Umgebung zu analysieren und nur das Wetter ein wenig im Blick behalten mußten.
      GB ließ sich ein wohliges Seufzen vernehmen, als seine Garage endlich in Sicht kam.
      Jake ließ schnell einen Blick über das Grundstück schweifen und wußte nicht, ob es ihn überraschen sollte oder nicht, als er feststellte, daß seine Kameraden draußen vor dem Haus waren. Er stellte GB in der Garage ab und ging nach vorne zum Haupteingang.
      Eddy und Tracy, die sich inzwischen mit Winterklamotten ausgestattet hatten, registrierten ihn nicht einmal, so waren sie in ihre Beschäftigungen vertieft. Als Jake zu ihnen zurückkam, hatten Eddy und Tracy gerade ihren Schneemann fertig gebaut. Jake blieb verblüfft stehen und konnte sich ein Kopfschütteln und ein Seufzen nicht nehmen lassen.
      Tracy rollte indes einen Schneeball zusammen, um Eddy damit zu bewerfen, einem unglücklichen Zufall zufolge verfehlte er aber sein Ziel und traf statt dessen Jake. Der Gorilla hielt erschrocken inne. „Oh… Tut mir leid…“
      Jake maß ihn mit einem abschätzenden Blick, dann ging er in die Hocke, formte sich selbst einen Schneeball und feuerte zurück.
      Damit überraschte er seine beiden Partner sichtlich, die ihm einen bald geschockten Blick zuwarfen.
      Jake schien mittlerweile Gefallen an der Idee gefunden zu haben und feuerte den nächsten Schneeball auf Eddy, der hastig hinter dem Schneemann Schutz suchte.
      Tracy hatte sich unterdessen von seinem Erstaunen erholt und rollte bereits den nächsten Schneeball zusammen, den er auf Jake warf. Binnen kürzester Zeit hatte sich zwischen den dreien eine Schneeballschlacht entwickelt, in der selbst Jake zugeben mußte, daß es einen unglaublichen Spaß machte, – und er war fast enthusiastischer bei der Sache als Eddy oder Tracy. Aber nur fast!
      Gerade traf ihn ein sauber geworfener Schneeball von Eddy direkt im Nacken und ließ ihn geschockt erstarren.
      „Na warte!“ knurrte er und suchte sich neuen Schnee zusammen, während Eddy in Deckung ging, und auch Tracy suchte vorsichtshalber Schutz.
      Jake gab sein bestes und versuchte nach Kräften, seine Partner zu erwischen. Ein Schneeball streifte Eddy noch knapp, der nächste ging ins Leere, und einer traf Tracy im Fell. Schnell setzte Jake nach und ließ seinen Partnern keine Atempause. Er holte noch einmal kräftig aus, um sich an Eddy zu rächen.
      Eddy sprang automatisch außer Reichweite, bevor er merkte, daß das nicht einmal notwendig gewesen wäre.
      Der letzte Schneeball war nicht gut gezielt, viel zu hoch und mit sehr viel Kraft. Jake hielt erschrocken inne, als er die Flugrichtung beobachtete, ohne noch etwas ausrichten zu können. „Oh-oh…“
      Im nächsten Moment klirrte die zweite Fensterscheibe und regnete in tausend Scherben auf den Boden herab, während Jake die Zähne zusammenbiß, und nur langsam wagte, die Augen wieder zu öffnen.
      Eddy stellte sich zu Jake und sah zu dem zerbrochenen Fenster hinauf. „Glückwunsch, Partner! Ich weiß nicht, ob Tracy seinen Bericht für die Versicherung jetzt neu schreiben muß - das kommt darauf an, wie gut du gezielt hast - aber du kannst ihn zumindest jetzt ergänzen!“
      Jake schoß die Verlegenheitsröte ins Gesicht und konnte nicht anders, als lediglich mit einem verlegenen Lächeln zu antworten…


_______________________________________________________________________________________
Der Wettbewerb wurde leider nicht zu Ende geführt.
Review schreiben
 
 
'