Wo wir herkommen

von baronesse
KurzgeschichteRomanze / P12
Administrator Lorlen
11.08.2013
11.08.2013
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Dies ist mein Beitrag zum Gilde der Schwarzen Magier-Wichteln von FinGoldhair.
Wichtelkind: UmbraNoctis
Pairing: Administrator Lorlen/OC
Stichworte:
- Heilerquartier
- Arbeit
- Ausflug
Genre: egal

Viel Spaß beim Lesen! Ich hoffe es gefällt dir, Umbra.


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Seufzend legte Lorlen die Robe zurück aufs Bett und trat dann einen Schritt zurück. Das Zimmer sah bereits schrecklich kahl aus, doch das wenigste davon hatte er selbst gepackt. Auch im Heilerquartier hatten sie Diener für die Magier, und da Lorlen der beste Freund des Hohen Lords war, konnte es selbstverständlich niemand mit ansehen, wenn er selbst packen musste! Nein, das ginge auf keinen Fall, hatte man ihm erklärt und ihn bestimmt hinaus geschoben zu seiner letzten Unterrichtsstunde. Da er sich wirklich darauf gefreut hatte, noch einmal vor ein Klassenzimmer zu treten, war er gegangen. Bei seiner Rückkehr war das Zimmer fast leer gewesen. Nur noch die Roben hingen da, die grünen Roben eines Heilers, die er ebenso zurücklassen würde wie sein altes Quartier und sein altes Leben.
Er war jetzt Administrator, erinnerte er sich und zupfte ein letztes Mal an der grünen Robe, bevor er sich schweren Herzens daran machte, aus der getragenen Robe zu schlüpfen.
Sie trat ein ohne zu klopfen, also stand er halb unbekleidet vor ihr, doch als sie den traurigen Blick auf seinem Gesicht sah, kam sie ohne ein Wort näher und half ihm in die blauen Roben des Administrators, die bereits bereit lagen.
„Danke Reva“, sprach er leise.
Sie nickte, glättete die neue Robe ein wenig an der Schulter und trat dann zurück.
„Gut seht ihr aus Lor… Administrator Lorlen.“

„Reva, bitte“, er wusste, er würde sich daran gewöhnen müssen, fortan so angesprochen zu werden. Da er bereits seit drei Jahren Assistent des alten Administrators gewesen war, kannte er nicht nur die Pflichten und Lasten, die auf den Schultern desjenigen lasteten, der dieses Amt bekleidete, sondern auch die Distanz, welche die blauen Roben zu den anderen Magiern schafften. Vielleicht würde es bei ihm anders sein, da er immerhin den Hohen Lord zu seinem engsten Freund zählen konnte. Akkarins Verhalten hatte sich zwar geändert, seit er zurück war in der Gilde, doch seinen Status hatte er ihm nie unter die Nase gerieben. Zumindest er würde mit Lorlen, dem Administrator, noch genauso umgehen wie mit Lorlen, dem Heiler.
Bei Reva sah das anders aus. Sie wirkte scheu, wie sie vor ihm stand und nicht wusste, was sie tun sollte.

„Willst du es dir nicht noch einmal anders überlegen?“ Lorlen konnte die grüne Robe plötzlich nicht mehr auf seinem Bett liegen sehen. Hastig trat er näher und wollte sie hochnehmen, doch Reva kam ihm zuvor.
„Ich mache das schon, Administrator.“ Die junge Frau riss ihm das Kleidungsstück fast aus der Hand, und legte es dann ordentlich in eine Truhe. Vermutlich würde jemand anderes die Roben tragen dürfen, ein Novize vielleicht, aber Lorlen argwöhnte insgeheim, dass sie weggeworfen wurden oder umgenäht wurden. Er hatte bislang keinen Magier in der Gilde gesehen, der gebrauchte Roben trug. Hier ausgebildet zu werden stand im Prinzip jedem magisch Begabten zu, doch es war zu einem Privileg der Häuser und bessergestellten in Imardin verkommen. Schon die Novizen, die hier ankamen, wurden von ihren Eltern mit eigenen frischen braunen Roben beschenkt.

„Reva…“, Lorlens Stimme war leise geworden. Er fühlte sich nutzlos und wusste nicht wo hin mit seinen Händen, nun da sie ihm das einzige abgenommen hatte, was hier noch zu erledigen gewesen war. Wieder strich er über seine neue blaue Robe. „Ich würde mich freuen, wenn du dich umentscheidest und mit mir kommst.“
Sie schüttelte energisch den Kopf. Braune Locken flogen in jede Richtung. Egal, was sie damit anstellte, sie ließen sich nie bändigen. Lorlen hatte es ihr zuliebe einmal mit Magie versucht, mit dem Ergebnis, dass ihre Haare steil in die Höhe standen und sich erst nach Tagen dazu herabgelassen hatten, wieder zu fallen. Lachend hatten sie damals festgestellt, dass es Dinge gab, die nicht einmal ein Magier beherrschen konnte.

„Ich kann nicht… Lorlen.“
Dass sie ihn beim Namen nannte, ließ sein Herz für einen kurzen Moment aussetzen, doch ihr Gesichtsausdruck blieb ernst. „Ich möchte dir etwas zeigen. Ein kleiner Ausflug in die Stadt, wenn du Zeit hast und nicht zu viel Arbeit.“
„Bis heute Abend habe ich noch Zeit. Noch bin ich nur ein Heiler… ein arbeitsloser Lehrer. Heute Abend werde ich offiziell eingesetzt“, erklärte er ihr. Stirnrunzelnd sah er auf die Roben hinab, dann griff er spontan nach dem Saum. „Gib mir noch mal die alte“, verlangte er und zog sich rasch um. Da er dabei den Stoff über den Kopf zog, sah er nicht, wie wehmütig Reva ihn musterte.

Sie verließen das Gildengelände, was für einen ausgebildeten Magier kein Problem war. Reva, als Dienerin, konnte sich ebenso frei bewegen, wenn sie frei hatte, doch da sie in Begleitung eines Magiers war, bezweifelte niemand, dass sie ihre Arbeit erledigt hatte. Niemand behelligte sie. Düster fragte Lorlen sich, ob es das letzte Mal sein würde. Morgen würde er die blauen Roben tragen, die einzigartig waren und ihn nicht nur innerhalb der Gilde sondern auch in der Stadt direkt auswiesen. Dann konnte er nicht mehr so einfach durch die Straßen wandern oder Besuche machen. Vielleicht hatte Reva Recht.
„Wohin gehen wir eigentlich?“, erkundigte er sich nach einigen Straßen bei ihr. Er kannte sich hier aus, und sie waren bereits an seinem Elternhaus vorbei, wohin er sie einige Male mitgenommen hatte. Ebenso an der Sumistube aus seiner Jugend, die sie ebenfalls kannte.

Sie führte ihn zu einem imposanten Haus im Inneren Ring. Wer hier lebte, gehörte definitiv zu den reicheren Familien von Imardin, und für einen Moment war ihm nicht klar, was Reva hier verloren hatte. Dann erklärte sie es ihm.

„In diesem Haus bin ich geboren“, begann sie leise und zog Lorlen auf die Straßenseite gegenüber, so dass sie nicht im Weg standen. Es war das erste Mal, dass sie von ihrer Herkunft sprach. „Bereits meine Urgroßmutter war Dienerin dieser Familie, meine Großmutter und meine Mutter nach ihr. Vielleicht arbeiten wir sogar schon länger hier, doch über solche wie uns gibt es natürlich keine Aufzeichnungen.“ Sie klang ein wenig bitter und ihr breiter Mund war eine starre Linie. „Versteht ihr, Lord?“

‚Nein’, musste sich Lorlen eingestehen. Er verstand nicht. Er wusste nur, dass er für Reva noch immer empfand wie am ersten Tag, als sie seine Dienerin geworden war und durch die Tür spaziert war, der Mund zu einem breiten Grinsen verzogen, die vorgeschriebene Verbeugung ein dauerhaftes Wippen ihrer Haare. Damals hatte sie nur kurz gezögert, viel weniger als er, als er gemerkt hatte, worauf es mit ihnen hinaus lief. Er war nicht der Mann für Affären, konnte es sich nicht vorstellen, sein Herz einer Frau zu schenken, aber ihr die Ehre zu verweigern seine Frau zu werden. Gleichzeitig war ihm von Anfang an klar, dass seine Familie niemals jemanden wie Reva akzeptieren würde, auch wenn ihre Familie noch so lange einer der Familien Imardins gedient hatte. Also hatte er erst versucht, es abzuwehren, zu verleugnen, was er für die kleine, energische Frau empfand, doch in jenen Jahren war er einsam gewesen. Anders als Akkarin, der nach der fertigen Ausbildung beschlossen hatte zu reisen, war Lorlen in Imardin geblieben, und er hatte seinen besten Freund vermisst, vor allem, als dessen Briefe ausblieben. In seiner Einsamkeit war es ihm irgendwann nicht mehr gelungen, seine Gefühle für die lebenslustige Dienerin zu verbergen, und er hatte nach besten Kräften verleugnet, wie wenig Zukunft das ganze hatte. Und mit der Zeit hatte es sich eingependelt. Niemand musste davon erfahren. Wieso auch? Sie war ohnehin ständig in seinem Quartier, und er konnte auf magische Art verhindern, dass sie jemand störte oder ungewollte Konsequenzen entstanden. Deshalb hatte er irgendwann angefangen sich darauf zu verlassen, dass Reva an seiner Seite war, auch wenn sie offiziell niemals da sein konnte und er in der Gilde noch immer als Junggeselle galt.

Bis er erfahren hatte, dass er der nächste Administrator werden würde.
Es hatte Akkarins Handschrift, und es war nicht, dass Lorlen sich nicht auf die Aufgabe freuen würde. Doch an dem Tag, an dem er Reva davon erzählt hatte, hatte sie sich zurückgezogen und ihm danach erklärt, dass ihre Beziehung enden müsse. Er hatte die Konsequenz nicht verstanden, bis heute nicht. Und was hatte es damit zu tun, dass sie in diesem Haus geboren worden war?

„Ich bin hier geboren“, wiederholte Reva, als könnte sie plötzlich doch auf magische Weise seine Gedanken hören. „Mitten unter ihnen und doch nie eine von ihnen. Ich habe mit ihren Kindern gespielt, und bin über die Hintertreppe verschwunden, wenn sie Unterricht hatten oder Besuch empfangen wurde. Für alles war ich gut genug, zum Toben, Spielen, als Lernpartnerin oder Zuhörerin. Komplizin in jedem Streich. Dann wurden sie erwachsen und Dinna heiratete. Lewan kam zur Gilde um sich ausbilden zu lassen. Ich dachte, ich könnte ihr vielleicht nahe bleiben, doch sie hatte schon eine Dienerin, und so kam ich zu Euch. Und es war wieder das gleiche. Bitte versteht mich nicht falsch. Ich möchte nicht sagen, dass Ihr mich jemals schlecht behandelt habt oder herabsehen würdet auf das was ich bin. Ich war gut genug, Eure Geliebte zu werden, und ich bezweifle gar nicht, dass Ihr die Wahrheit sagt, wenn Ihr von Gefühlen sprecht, Lorlen.“ Ihr Blick verriet den Schmerz, den sie bislang stets vor ihm verborgen hatte. „Aber selbst wenn es Euch ehrlich ist, wäre es doch wie hier. Dinna hätte mich gern bei sich behalten, aber die Familie, in die sie geheiratet hat, brauchte keine weitere Dienerin. Lewan ebenfalls, aber was hatten die beiden schon zu sagen?“

Lorlen musste schlucken. Beinahe hätte er die Hand nach ihr ausgestreckt, doch er wusste, dass er sich das in der Öffentlichkeit nicht erlauben durfte. Dafür verfluchte er sich.
„Ich bin ein Magier. Ich bin nicht länger der Spielball meiner Familie“, wandte er ein.
„Ach nein? Und die Gilde? Würde sie es einfach so zulassen, dass ihr eine Dienerin heiratet, ohne magische Gabe?“ Ihre Augen waren nun klar, und die Rationalität, die er daran sah, bestätigte ihm, dass sie ihren Entschluss bereits gefasst hatte. „Wir könnten niemals glücklich werden, Lorlen. Ich weiß, dass Ihr Euch danach sehnst, eine Familie zu haben, vielleicht Kinder, doch ich kann Euch beides nicht geben und Ihr mir nicht. Vielleicht wäre es noch gegangen, wenn Ihr irgendein Magier gewesen wärt“, sie schnaubte und er musste lächeln. Sie hatten den einen oder anderen Abend damit verbracht sich über die exzentrischeren unter den Magiern lustig zu machen. Meist war es Lorlen gewesen, der Reva beschwichtigen musste und ihr versuchte zu erklären, was seine Kollegen daran so faszinierend fanden.

„Heute Abend werdet Ihr Administrator, Lorlen. Nach dem Hohen Lord ist das der wichtigste Mann der Gilde, und neben dem König einer der wichtigsten Männer Imardins“, ihr Blick wich seinem nicht aus.
Lorlens Herz wurde schwer. Würde er jemals wieder eine Frau finden, die angesichts dieser Macht und Wichtigkeit nicht zurückschreckte?
„Wir könnten es versuchen“, murmelte er. Tief in seinem Inneren wusste er, dass sie Recht hatte. Es würde niemals gelingen. „Es tut mir Leid“, murmelte er und streckte eine Hand aus, um nach einer ihrer Locken zu greifen. Reva warf einen Blick auf die Straße, dann wich sie vor ihm zurück. „Ich werde nicht länger in der Gilde bleiben. Meine Mutter wird langsam alt, und die Familie würde sich freuen, wenn ich bei ihnen anfange.“
Lorlen nickte. „Dann wählt also jeder von uns beiden die Arbeit und nicht die Liebe.“ Traurig blickte er sie an. Revas Augen glitzerten. „Eine andere Zukunft gibt es nicht, Lorlen!“
Er kehrte allein zur Gilde zurück. Und an jenem Abend begann er sein Amt als Administrator der Gilde. Eine alte, füllige Frau legte ihm die Roben zurecht und runzelte die Stirn, als er ihr zulächelte.

„Du bist so eben zu einem der begehrtesten Junggesellen Imardins geworden“, lächelte ihm sein Freund Akkarin später am Abend zu. Er zählte ebenso dazu, aber das sagte er nicht.
Und Lorlen verschwieg, dass er es immer zu bleiben gedachte.
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