Großer Teufel

von mimi-maus
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12
11.08.2013
11.08.2013
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Großer Teufel
Langsam nimmst du deine Kette mit dem Schlüssel als Anhänger ab. Auf dem Tisch steht eine Schachtel aus vor Alter gedunkeltem Holz. Deine Hand zittert, als du den Schlüssel in das Schlüsselloch steckst; das Schloss klemmt, du bekommst den Schlüssel nicht umgedreht. Du probierst die andere Richtung, aber auch in diese gelingt es dir nicht, den Schlüssel unzudrehen. Kurz vor dem Aufgeben beschließt du schon deprimiert, es ein letztes Mal zu versuchen; diesmal bekommst du den Schlüssel halb herum, von diesem Erfolg erfreut fägst du an, am Schlüssel zu ruckeln, und tatsächlich, langsam bewegt er sich weiter. Als du es endlich geschaft hast, das Schloss ganz zu öffnen, atmest du erst einmal tief durch und trommelst dann unentschlossen mit den Fingern auf der Schachtel herum. Ein Jahr hattest du dich nicht getraut, die Schachtel zu öffnen, weil du Angst vor dem hattest, was dort drinnen hätte sein können, und heute hast du es geschafft, sie aufzuschließen, aber mehr traust du dich nicht. "Was bin ich nur für ein Feigling!", sagst du und ziehst dir einen Stuhl heran. Vor der Schachtel sitzen macht es auch nicht besser. Dir ist total unwohl, du weißt nämlich, dass die Schachtel von deiner Schwester ist. In ihr hatte sie alles aufbewahrt, was ihr wirklich etwas bedeutete, jedes Jahr ist mehr dazu gekommen, nur seit dem letzten Jahr wurde sie nicht mehr geöffnet. Leise laufen dir heiße Tränen der Wut und der Trauer über die Wangen. Wie hatte sie dir so etwas antun können, wo sie doch wusste, wie sehr du an ihr hängst. Du lachst leicht hysterisch auf. Aber.... Sie hatte sich das ja nicht ausgesucht, sie wollte später Medizin studieren und eine Medizin für ihre Krankheit finden. Doch jetzt... War es zu spät. Die Tränen rennen dir immer schneller über die Wangen, du siehst schon alles verschwommen. Du wischt dir über das Gesicht, die Tränen wollen nicht auf hören zu laufen. "Schluss jetzt!", gibst du dir selber den Befehl , es bringt nicht wirklich etwas. Nach zehn Minuten hast du aufgehört zu weinen. Nun nimmst du deinen ganzen Mut zusammen und öffnest die Schachtel. Noch starrst du an die Decke, doch langsam senkst du deinen Bilck. Dein Sichtfeld schließt jetzt schon die Schachtel ein, aber du siehst nicht genau, was in ihr ist. Du verharrst kurz in dieser Porition, denn du musst erst einmal den Mut aufbringen noch weiter nach unten zu sehen. Dann schautst du in die Schachtel. Obenauf liegt ein Bild von dir und deiner Schwester. Ihr beide lächelt glücklich in die Kamera, wieder fängst du zu weinen an, denn du weist, dass sie nie wieder mit dir lächeln wird. Du hebst das Foto aus der Schachtel und willst es gerade zur Seite legen, als du bemerktst, dass auf der Rückseite etwas geschrieben steht. Du drehst das Foto um. In ihrer kleinen sauberen Handschrift hatte sie etwas drauf geschrieben. Dort steht:
Hey, mein Engel! Leider kannn ich nicht mehr bei dir sein. Es tut mir schrecklich Leid. Bestimmt hast du lange gebraucht, um diese Schachtel zu öffnen, aber ich verstehe dich. Mein Tod. -Es ist etwas komisch darüber zu schreiben, da ich jetzt noch nich tot bin, aber ich kann nicht einfach so gehen-war etwas, das wir beide unter keinen Umständen wollten und auch immer dagegen angekämpft haben,aber leider vergebens. Es tut mir so unendlich Leid. Aber um zu Thema zu kommen, nichts daran ist deine Schuld, keiner hat Schuld daran. Vielleicht war es Schicksal, das ich diese Krankheit bekommen habe, vielleicht auch einfach nur Pech, aber niemand kann etwas dafür. Mach dich nicht verrückt deswegen. Du weißt, wie sehr ich dich liebe und das wird auch immer so bleiben, egal was passiert und egal... Ach einfach alles. Niemand und nichts kann meine Liebe zu dir unterbinden. Hör meinetwegen nicht mit dem Leben auf. Es gibt so viel wichtiges, dass du erleben kannst und musst, wenn du dein Leben nicht weiter lebst und es nicht genießt, werde ich dich heimsucchen. ... Nein, das könnte ich nicht, dafür hab ich dich viel zu sehr lieb. So, viel mehr will ich dir gar nicht schreiben. Ach ja, zwei Dinge noch: Erstens in dieser kleinen Schachtel sind wichtige Dinge und Erinnerungen von mir, ich dachte, dass sie bei dir besser aufgehoben sind, als bei sonst irgendwem.
Zeitens: Seelenwanderung!!!!! Erinnerst du dich, was ich dir erzählt habe? Man stirbt nicht, man wechselt nur den Körper. Ich bin also nicht tot, nur woanders.
Lebe weiter, es ist nur richtig, ich könnte es nicht ertragen, wenn du aufhörst zu leben. Ich werde dich immer in meinem Herzen tragen. Und irgendwann, in einem anderen Leben, treffen wir uns wieder. Vielleicht sind wir sogar wieder Schwestern, wir werden sehen. Ich sehe dich dann. Bis bald <3Xoxoxoxo
Du siehst dir das Foto nochmal an und endeckst getrocknete Wasserflecken, die unregelmäßigen Abständen auf dem Papier verteilt sind, dazu noch frische, die noch nicht getrocknet sind. Deine Schwester hatte also auch geweint. Du legst das Foto zur Seite und blickst wieder in die Schachtel. Als erstes fällt dir ein Amulett ins Auge, vorsichtig nimmst du es heraus. Immer schneller fangen deine Tränen an über dein Gesicht zu laufen, alles verschwimmt vor deinen Augen, du wischt mit deinem Ärmel über das Gesicht, aber das Bild bleibt trotzdem verschwommen. Auch durch schnelles blinzeln wird es nicht besser. Nach einigen Minuten, in denen du ununterbrochen geweint hast, wischt du die über die Augen, noch immer fließen Tränen aus deinen Augen, aber du kannst wieder klar sehen. Du hebst das Amulet auf deine Augenhöhe und erkennst, dass es das deiner Schwester ist. Sie hat es immer getragen, einmal hat sie sich in der Nacht fast damit erwürgt, wenn du es nicht bemerkt und die Kette wieder gelöst hättest. Bei dieser Erinnerung schleicht sich ein leichtest Lächeln auf dein Gesicht. In der Schachtel sind viele persönliche Sachen deiner Schwester, daneben noch einige Fotos. Zu unterst liegt ein schweres Blatt Papier du nimmst es heraus und faltest es auseinander. Du siehst zuerst nur ein Stückchen, das bunt bemalt ist. Als du es ausgebreitet vor dir liegen hast, erkennst du das Bild wieder. Du hast das Bild für deine Schwester gemalt, noch als du im Kindergarten warst. Wieder fangen die Tränen an zu laufen, du hattest angenommen, dass sie es schon lange weggeschmissen hat, hiermit hast du unter keinen Umständen gerechnet. Leise vor dich hinschluchzend packst du die Schachtel wieder ein, als das Amulett an der Reihe ist, zögerst du. Langsam hängst du es dir um den Hals, natürlich würdest du es gleich wieder zurückpacken. Du lässt es los, spürst das angenehme Gewicht des Amuletts, du bekommst das Gefühl unendlicher Sicherheit. Du sortiertst den Rest zurück in die Schachtel, ganz nach oben kommt wieder das Foto. Dann verschließt du die Schachtel wieder. Als du aufstehst, schlägt das Amulett deiner Schwester sanft gegen deine Brust. Du nimmst die Schachtel in beide Hände, trägst sie in dein Zimmer und stellst sie dort in deinen Schrank. Wann immer du nichtweiter kommen würdest oder Hilfe bräuchtest, jetzt hast du einen Ort, wo du nachsehen , wo du neuen Mut schöpfen und dich an deine große Schwester erinnern kannst, egal was passieren wird, diese Schachtel wird dich durch dein Leben begleiten. Mit einer Hand umfässt du fest das Amulett und sagst in die Stille: “Bis bald, mein großer Teufel! Ich werde dich immer lieben und dich immer wieder finden!” Mit diesem Versprechen schließt du deinen Schrank.
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