Take My Hand

KurzgeschichteRomanze, Familie / P12
Alex Sheathes Annabel Haloway Grace Tiddle Hana Tate Julian Fineman Magdalena "Lena" Haloway
11.08.2013
11.08.2013
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Hallöchen :]
Ja, ich versuche mich mal wieder an einer neuen Reihe, die ich erst vergangene Woche beendet habe und die mich wirklich stark mitgerissen hat. Allerdings habe ich das Ende von "Requiem" nicht so gewollt. Dieses Buch, diese Bücherreihe, hat mich wirklich sehr tief bewegt und ich war für eine Weile gar nicht in der Lage ein anderes Buch auch nur anzufassen, ich war viel zu aufgewühlt. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, ein paar Sätze dazu zu verfassen, wie ich mir das Ende ein wenig passender vorgestellt habe (auch wenn es ein ebenso beklopptes Ende hat, aber mit weniger offenen Fragen).
So, das war alles was ich dazu zu sagen habe und ich hoffe, euch gefällt mein eigenes Ende zu "Requiem" :]


[Ach ja, und falls Ihr Euch fragt, wie ich auf die Titel gekommen bin: "Take My Hand" ist ein Song von Simple Plan und "Resistance" ist ein Song von Muse, der, wie ich finde, sehr gut zu der Reihe passt :D]


*~*~*~*

Kapitel 1: Love Is Our Resistance





Als ich meine Augen öffne, weiß ich sofort, dass ich nicht alleine bin. Neben mir liegt Grace, wie damals, als wir noch bei Tante Carol und Onkel William gelebt haben, gemeinsam. Bevor ich sie verlassen habe.
Sie hält meine Hand fest umschlossen und ich glaube, sie hat meine Handy die ganze Nacht festgehalten. Wahrscheinlich kann sie nach der einen Woche, in welcher ich sie endlich zu mir geholt habe, es immer noch nicht glauben, dass ich sie nicht mehr verlassen werde. Ich kann es ihr nicht verübeln, allerdings werde ich es nicht zulassen, dass uns jemals wieder irgendetwas trennt.
Ich betrachte die Äste über unseren Köpfen, an denen immer mehr Blätter hängen. Zwischen den Ästen kann ich den blauen Himmel sehen und erst nach und nach dringen die Geräusche um uns herum, zu mir durch. Vögel zwitschern über unseren Köpfen und einige Widerstandskämpfer kochen, feiern nach wie vor den Sieg über Portland. Ich setze mich auf und betrachte die Leute.
Tack sitzt abwesend und weit entfernt von den wenigen Leuten hier entfernt. Er starrt auf den Boden, als würde er damit Raven wieder zu Leben erwecken können. Der Gedanke an Raven schnürt mir die Luftröhre zu, also verdränge ich den Gedanken und schaue weiter in die Runde. Es sind in der Nacht neue Leute zu uns gestoßen. Sie reichen eine Flasche Whiskey umher und scheinen betrunken zu sein. Mitten in der Gruppe sitzt Julian. Er hat eine eigene Flasche in der Hand und starrt mindestens genauso betrübt zu Boden wie Tack.
Er hat in Portland gesehen, wie Alex und ich geküsst haben. Er hatte mich gleich nach seiner Ankunft gestern Nachmittag darauf angesprochen und so weh es mir auch getan hat, ich musste ihm sagen, dass Alex mir immer wichtiger war und ich Julian niemals so sehr lieben könnte, wie ich Alex liebe. Seitdem redet er nicht mehr mit mir.
Neben Julian sitzt Coral und im Gegensatz zu Julian lallt sie eine Hymne auf unseren Sieg über Portland. Als sie sieht, dass ich wach bin, piekt sie Julian in die Seite und deutet zu mir. Sofort senke ich meinen Blick und betrachte stattdessen Grace, welche scheinbar langsam wach zu werden scheint.



Seit der Woche, die wir schon hier sind, sind immer mehr Leute aus Portland angekommen, jedoch fehlt sowohl von meiner Mutter als auch von Alex bisher jede Spur. Er hatte mir versprochen herzukommen, mich zu finden. Ich vertraue ihm und ich weiß, dass er herkommen wird, allerdings macht sich langsam Angst in mir breit. Was, wenn er doch verletzt wurde?
Auch diesen Gedanken schüttle ich ab. Nein. Unmöglich.
„Ich habe Hunger.“, höre ich Grace plötzlich neben mir flüstern und trotz der Ruhe in ihrer Stimme, erschrecke ich mich.
Ich wende mich meiner Cousine zu und zwinge mich zu einem Lächeln. „Na dann sollten wir uns was zum Essen besorgen, Gracie.“
Grace fängt an zu strahlen und springt auf. Auch dabei lässt sie meine Hand nicht los.
Ich stehe ebenfalls auf uns führe sie zu der kleinen Gruppe, die am Kochen ist, wobei ich einen weiten Bogen um Julian mache, welcher plötzlich aufspringt und in Richtung Bäume stürmt. Ich halte den Atem an, als ich höre, wie er sich übergibt. Sofort ziehe ich Grace weiter und lasse sie neben einer Frau sitzen, die mit uns hierher gekommen ist. Ihr Name ist Samantha und sie hat sich sofort in Grace verliebt. Wenn Grace nicht bei mir ist, ist sie meistens bei Samantha aufzufinden.
Samantha hat kurzes, blondes Haar und strahlende blauen Augen. Sie hat ebenfalls in Portland gewohnt und hat während unseres Angriffs ihren Mann verloren, doch das lässt sie sich nicht so sehr anmerken, wie Tack sich seinen Verlust.
Ich setze mich neben Grace, während Samantha uns Essen auffüllt. Es gibt Bohnen, doch das ist besser als gar nichts. Grace verschlingt sofort ihre Portion, während ich beunruhigt Tack beobachte, welcher sich sein Messer genommen hat und es nachdenklich ansieht.
„Sam, kannst du kurz auf Grace aufpassen?“, flüstere ich und stelle meine Schale ab. Samantha guckt mich fragend an. „Tack bereitet mir Sorgen.“ Daraufhin nickt sie.
Ich stehe auf und gehe zaghaft auf Tack zu. Als ich vor ihm stehe, räuspere ich mich leise und er zuckt sofort zusammen. Er schaut auf, doch ich merke, dass er praktisch durch mich hindurch sieht.
„Was willst du?“ Ich kann raus hören, dass er versucht genervt zu klingen, doch er klingt nur verzweifelt, kaputt und traurig.
Ich gehe vor ihm in die Hocke und kneife die Lippen zusammen. „Tack, hör mal, ich weiß wie du dich fühlst.“
Tack sieht mich skeptisch an – skeptisch und müde. „Das wage ich zu bezweifeln. Ein kleiner Streit mit Julian ist gar nichts.“
Ich verdrehe genervt die Augen. „Ich rede nicht von Julian. Ich rede von Alex. Hat Raven es dir nie erzählt? Die Geschichte, wie ich zu euch gekommen bin?“, frage ich und er schüttelt missmutig den Kopf. „Ich habe mich damals in Alex verliebt. Wir wollten wegrennen, ein neues Leben beginnen. Wir wurden verraten und Alex hat alles dafür gegeben, dass ich es lebend aus Portland schaffe. Ich habe mit ansehen müssen, wie er angegriffen wurde und habe bis zu seiner Ankunft damals gedacht, er wäre tot. Deshalb war ich so schwach, Tack. Es hat dich damals doch aufgeregt, dass ich zu nichts zu gebrauchen war, oder?“
Er beantwortet die Frage mit einem lustlosen Schulterzucken und ich seufze.Wenn er darauf nicht eingehen will, dann muss ich härtere Geschütze auffahren, so leid es mir auch tut.
„Was würde Raven nur sagen, wenn sie dich sehen würde? Ich glaube, sie würde dich erst auslachen und dir dann sagen, was für ein Weichei du bist. Sitzt hier herum und vegetierst praktisch vor dich hin und kümmerst dich nicht um deine Gruppe. Tack, Raven hat dir ein Erbe hinterlassen. Du musst ihre Rolle übernehmen. Du bist unser Anführer und wir können keinen Schwächling gebrauchen. Raven soll sich doch nicht umsonst geopfert haben, oder?“
Mit großen Augen sieht Tack mich an, als ich mich erhebe und zu Grace zurückkehre. Mittlerweile haben sich auch Hunter und Pippa an das Feuer gesetzt und haben angefangen zu essen. Pippa nickt mir zu, als hätte sie gehört, was ich gerade zu Tack gesagt habe.
Ich nehme mir meine Schale und tue es den anderen gleich.





Am Abend sind Coral und ich zusammen unterwegs. Wir müssen sehen, was die Fallen eingebracht haben und schweigen uns die meiste Zeit an. Sie hatte den ganzen Tag Zeit ihren Rausch auszuschlafen und ihren zugekniffenen Augen nach zu Urteilen, hat sie gerade mit den Nachwirkungen ihres übertriebenen Alkoholkonsums zu kämpfen.
Ich befreie die toten Tiere aus den Fallen, weil ihr das Bücken zu anstrengend ist und sie trägt die Tiere, die sich durch den Frühling langsam vermehren, wodurch uns mehr Tiere in die Fallen rennen.
„Lena?“, flüstert Coral. Es ist das erste Mal seit einer Woche, dass sie freiwillig ein Gespräch mit mir anfängt.
„Hm?“
„Werden du und Alex weiter kämpfen oder das Weite suchen, sobald er eintrifft?“
Mit hochgezogener Augenbraue schaue ich Coral an. Sie hat sieht mitgenommen aus.
„Ich weiß es nicht.“, antworte ich ehrlich und muss an Grace denken. Ich werde sie nie wieder alleine lassen. Ich werde nicht mehr kämpfen. Ich muss auf Grace aufpassen. Sie hat nur noch mich. Aber was würde Alex machen? „Das werden wir sehen, wenn es so weit ist. Wieso fragst du?“
„Pures Interesse.“
Ich kann sofort erkennen, dass sie mich anlügt, aber das ist mir egal.
Als wir die letzte Falle aufgesucht haben, gehen wir zu unserem Lager zurück und sofort bemerken wir, dass neue Leute eingetroffen sind.
Grace steht nicht bei Samantha, sondern bei einem Mädchen, mit langen blonden Haaren. Sie ist schmutzig, ist aber mit einem großen Beutel in der Hand bewaffnet.
Hana.
Neben ihr stehen zwei weitere Leute, deren Gesichter mir verdammt bekannt vorkommen – meine Mutter und Alex. Ohne weiter auf Coral zu achten, gehe ich zielstrebig auf die drei zu, die meine Vergangenheit so sehr geprägt haben.
Auf halber Strecke sieht Alex mich an und sofort kehrt das Lächeln auf seine Lippen zurück, dass er mir damals immer geschenkt hat. Das Lächeln des alten Alex'. Ich kann nicht anders und renne los und auch Alex rennt mir entgegen. Lachend falle ich ihm um den Hals, unsere Körper prallen gegeneinander. Alex hebt mich hoch und presst seine Lippen auf die meine. Ich habe meine Arme um seinen Nacken geschlungen und er dreht sich einmal um seine eigene Achse, ehe er den Kuss löst und mich absetzt. Er lehnt seine Stirn gegen meine und wir sehen uns in die Augen.
„Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, aber ich dachte mir, du würdest dich über Hana freuen.“
Ich schlucke, als mir unser letztes Gespräch in den Sinn kommt. Sie hatte uns damals verraten. Wegen ihr wurden wir getrennt. Jetzt ist sie geheilt. Was soll sie hier?
Als ob Alex meine Gedanken gelesen hätte, entfernt er sein Gesicht ein wenig von mir und zwinkert mir zu. „Ihre Heilung ist fehlgeschlagen.“
Ungläubig blinzle ich und werfe meiner ehemaligen besten Freundin einen Blick zu. Sie strahlt gerade Grace an, welche ihr eine Geschichte zu erzählen scheint. Grace hatte mir bereits gesagt, dass Hana sich in den letzten Wochen um meine Familie gekümmert hatte. Grace vertraut Hana. Sie weiß nicht, was Hana Alex und mir angetan hat. Ich wage es zu bezweifeln, dass Alex es weiß.
„Wir haben Nahrungsmittel mitgebracht.“, sagt Alex und deutet zu Hana und den Beuteln zu ihren Füßen.
Ich muss Lächeln. „Das sind wunderbare Nachrichten.“
Alex lächelt ebenfalls und gibt mir einen weiteren Kuss, den er jedoch abrupt abbricht. Verwundert sehe ich ihm ins Gesicht, doch sein Blick ruht gar nicht mehr auf mir, sondern auf etwas, was hinter mir zu sein scheint. Ich merke, wie Alex' Muskeln sich anspannen und wie er einen Arm fallen lässt. Ich wende meinen Kopf nach hinten und kann erst nichts sehen, doch nach und nach erkenne ich Julian, welcher Alex mehr als nur hasserfüllt ansieht und mich nach wie vor keines Blickes würdigt.
„Lena, seid ihr -“, beginnt Alex flüsternd zu fragen.
„Nein.“, unterbreche ich Alex. „Wir sind nicht mehr zusammen.“
Augenblicklich entspannt Alex sich wieder und wendet sich von Julian ab, so wie ich mich schweren Herzens ebenfalls. Nur weil ich mich für Alex entschieden habe, heißt das nicht, dass Julian mir nicht trotzdem viel bedeutet. Ich weiß jetzt allerdings, dass ich zu Alex gehöre und somit weiß ich auch, dass auf Julian eine andere Frau wartet. Eine, die ihn so aufrichtig lieben kann, wie er es verdient hat. Denn ich konnte es nicht, nicht mit Alex in meinem Kopf, in meinem Herzen.
In diesem Moment kommt Grace auf Alex und mich zu gerannt. Eine Hand umfasst meine, die andere die von Alex. Ich frage mich, seit wann Grace so zutraulich ist, doch ich vermute, dass es was mit unserem Kuss vor einer Woche zu tun hat und auch an den Abend vor meiner vorgezogenen Heilung. Grace ist nie doof gewesen. Sie beweist es mir immer wieder.
„Lena, sie haben ganz viel Essen mitgebracht!“, sagt sie eindringlich und ihre Augen strahlen so sehr, als ob Weihnachten wäre. Wahrscheinlich ist es das gerade auch für sie, nachdem sie so lange nicht so viel zu Essen bekommen hat, wie sie in ihrem Alter braucht.
Mein Blick wandert zu Hana, welche mich ebenfalls ansieht. Unsere Blicke ruhen auf einander, als mir auffällt, dass sie ihren Mann hat sterben lassen. Sie ist hier, bei uns in der Wildnis. Ihr Mann ist gestorben, weil wir ihn getötet haben. Sie hat es zugelassen. Vielleicht ist unsere Freundschaft doch nicht verloren.
Hana lächelt mir zaghaft zu und ich kann nicht anders, als das Lächeln zu erwidern. Sie hat Grace beim Überleben geholfen. Sie hat ihren Mann verraten. Sie hat mich laufen lassen. Sie hat Alex und mich zwar auch verraten, aber ich bin ihr dankbar und ich hoffe, dass sie das weiß.
In dem Moment tritt meine Mutter vor Hana und winkt mir zu.
„Bin gleich wieder da.“, flüstere ich Alex und Grace zu. Ich lasse die Beiden los und gehe schnell zu meiner Mutter. Ohne zu zögern schließt sie mich sofort in ihre Arme und streichelt mir über den Rücken. Als sie mich wieder loslässt, kann ich ihr ansehen, dass sie stolz auf mich ist.
„Du hast mir nie von Alex erzählt.“, flüstert sie und ich muss leise Lachen. Von all den Dingen, die ich erwartet habe, dass sie die sagen wird, nimmt sie das Thema Alex.
„Ich nehme an, dass er dir bereits alles gesagt hat?“
Meine Mutter nickt. „Außer warum du mir nie was von ihm erzählt hast.“
Ich verdrehe die Augen. „Das hat auch noch Zeit.“





Am nächsten Morgen sitzen wir versammelt um das Lagerfeuer, wo zum ersten Mal seit Tagen ein richtiges Mahl zubereitet wird. Grace sitzt auf Alex' Schoß, welcher neben mir sitzt. Zu meiner linken sitzt meine Mutter und neben ihr sitzt Hana. Julian sitzt neben Tack zu Hanas linken und mir gegenüber sitzen Coral, Samantha, Hunter und Bram.
Alex hält meine Hand fest umschlossen, so wie Grace die ganze letzte Woche, hält er meine Hand auch ununterbrochen fest und in jeder Sekunde, die wir es können, entfernen wir uns ein wenig von der Gruppe und küssen uns. Er zieht mich immer eng an sich und küsst mich mit einem Feuer, dass auf mich überspringt. Ich kann sein Herz gegen seine Brust hämmern spüren und ich bin mir ziemlich sicher, dass es ihm ähnlich geht.
Mit einem Mal habe ich das starke Bedürfnis, mit Alex in den Wald zu gehen, uns zu verstecken und ihn zu küssen. Wir verstecken uns, damit wie niemanden verletzen und vor allem will ich nicht, dass Grace das sieht.
Die ersten Schalen mit Kartoffelbrei und Fleischstücken vom Schwein werden herum gereicht, Brötchen folgen.
„Gracie, ich glaube, du solltest dich neben Alex setzen.“, sage ich. „Er wird auch was essen wollen.“
„Du kannst ihn doch auch füttern.“, grinst Grace frech und ich muss lachen.
„Und wie esse ich dann was, Gracie?“
Ich finde es erstaunend, dass Grace sich binnen weniger Stunden so sehr einen Narren an Alex gefressen hat, doch meine Mutter hatte mir kurz vor dem Essen gesagt, dass sie vermutete, dass Alex und ich ihre Elternersatz sind. Meine Tante und mein Onkel haben sie nie wirklich wahr genommen, Jenny hat sich selbst mir überlegen gefühlt, da war ihr ihre kleine Schwester natürlich nichts wert. Lediglich ich habe sie akzeptiert und habe ihr die Zuwendung gegeben, die sie gebraucht hat, bis ich sie verlassen habe. Für Alex.
„Das ist doch blöd.“, grummelt Grace und setzt sich neben Alex, welcher anfängt zu lachen.
„Mein Schoß steht dir immer zur Verfügung, Gracie.“
Dann fängt Grace an zu strahlen.
Das Essen erreicht uns und wir fangen sofort an, sämtliches Essen hinunter zu schlingen. So gut habe ich seit New York nicht mehr gegessen und eine Weile ist nichts außer das Klappern unseres Geschirrs zu hören.
Als wir fertig mit Essen sind, bittet Hana mich darum, mit ihr zu reden und ich willige ein. Grace hat sich mittlerweile wieder auf Alex' Schoß eingenistet und spielt mit seinen Händen, während er mir hinterher schaut.
Wir sind nicht weit von den anderen entfernt, als Hana stehen bleibt und tief Luft holt.
„Lena, es tut mir leid.“
Erstaunt blinzle ich. „Was tut dir leid?“
„Einfach alles.“, sagt sie. „Dass ich euch damals verraten habe. Selbst als ich noch gedacht habe, dass ich geheilt worden bin, wusste ich, dass das falsch gewesen war. Ich habe solche Schuldgefühle gehabt und ich weiß nicht, wie mich die Eifersucht so weit treiben konnte. Und ich kann dir wirklich von ganzem Herzen sagen, dass ich wirklich froh darüber bin, dass du und Alex wieder vereint seid. Dieses Mal werde ich euch nicht im Weg stehen. Das schwöre ich dir.“
Sie hat den Satz gerade beendet, als sie sich schon umdreht und wieder zurück will. Ich beiße mir auf die Unterlippe, ehe ich den Mut aufbringe nach ihrer Hand zu greifen.
„Hana, warte.“
Mit großen Augen wirbelt Hana herum und sieht so aus, als hätte sie genau das erhofft.
„Ich... Danke. Ich bin  dir so unsagbar dankbar dafür, dass du dich um Gracie gekümmert hast. Weißt du, wie ich sie in den Highlands vorgefunden habe? Alleine. Unsere Familie war verschwunden. Ich glaube, ohne dich wäre sie gestorben. Du hast ihr Leben gerettet.“
„Na wenigstens etwas habe ich hinbekommen.“
Ich muss lächeln und als Hana sich zu mir beugt, lasse ich es zu, dass sie mich umarmt. Wir waren immerhin unser halbes Leben lang befreundet.






Über den Tag hinweg kommen auch die restlichen unserer Mitstreiter bei uns an und haben sogar noch ein wenig Verstärkung mitgebracht. Tack scheint sich meine Worte zu Herzen genommen zu haben, denn als er am späten Nachmittag vor uns steht, stolz und stark, wirkt er fast wieder wie unser  Anführer. Er kündigt uns an, dass wir demnächst das Lager räumen werden und gen Westen ziehen werden. Meine Mutter steht neben ihm, also sind wohl neue Befehle von Oben gekommen.
Während Tack zu uns spricht, bemerke ich Corals trüben Blick, der auf Alex' und meinen verschränkten Händen liegt und mir fällt ihre Frage vom Vortag ein.
Werden wir uns dem weiteren Widerstand anschließen oder uns niederlassen?
Ich betrachte meine Mutter und mein Herz wird warm. Ich habe so lange mit dem Gedanken gelebt, sie für immer verloren  zu haben und doch wurde ich eines besseren belehrt. Ich habe sie endlich wieder gefunden und sie ist die Mutter, die ich all die Jahre gebraucht habe. Wenn ich nicht mitziehen würde, dann würden wir wieder getrennt werden. Sie ist eine Kämpferin und niemand wird sie von ihrem Weg abringen. Sie will die Welt verändern. Sie hat ihr ganzes Leben lang geliebt und sie lebt immer noch. Ihr geht es gut und genau das will sie der Welt zeigen – dass Liebe keine Krankheit ist, sondern, wie unsere Vorfahren es schon erkannt haben, ein wunderschönes Gefühl, dass jeder Mensch erleben soll.
In unserer Gruppe haben wir Leute, die durch die Liebe verletzt worden sind. Meine Mutter, als sie meinen Vater verloren hat. Raven, als Blue gestorben ist. Tack, als Raven gestorben ist. Ich, als ich dachte, meine Mutter und Alex wären gestorben. Alex, als er gesehen hat, dass ich mit Julian zusammen war. Julian, als ich ihm das Herz wegen Alex gebrochen habe. Coral, als Alex sich für mich entschieden hat. Wir sind alle verletzt worden und dennoch stehen wir aufrecht hier und kämpfen für dieses Gefühl. Für unsere Freiheit.





Kurz nachdem Grace eingeschlafen ist, spreche ich mit Alex darüber, was wir nun machen wollen. Ich erkläre ihm meinen Standpunkt, der lautet, dass ich Grace nicht alleine lassen will.
„Das kann ich verstehen.“, sagt Alex und betrachtet dabei das kleine Mädchen neben uns. Mit seiner rechten Hand fährt er über das Haar, mit der linken Hand hält er meine fest. „Ich würde es auch nicht wollen, dass du sie jemals wieder alleine lassen würdest. Sie hat schon zu viel erlebt.“
Ich nicke und kneife meine Lippen zusammen. Mein Herz rast. Ich weiß immer noch nicht, wie er sich entscheiden wird. Ich weiß nicht, ob ich bei jedem Einsatz die Luft anhalten werde, bis er wieder gesund vor mir steht, oder ob er beruhigend neben mir sitzen wird und sich mit Grace irgendwelche Spiele ausdenken wird, um sie bei Laune zu halten. Ich hoffe inständig, dass die zweite Option eintritt, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass ich es nicht schaffen könnte, wenn ich ihn noch ein weiteres Mal verlieren würde.
„Ich könnte es verstehen, wenn du mitziehen würdest.“, flüstere ich, schweren Herzens und mein Blick gleitet zu Boden. Ich will ihn nicht ansehen, will nicht, dass er die Tränen sieht, die sich in meinen Augen eingeschlichen haben und drohen über meine Wangen zu rennen.
„Lena.“, flüstert Alex und hebt mit seiner rechten Hand mein Kinn an, so dass ich ihm in die Augen blicken muss. Er sieht mich ernst an und hat seine Lippen zu einer schmalen Linie verzogen. „Nichts und niemand kann mich jemals wieder dazu bringen, dich zu verlassen. Ich habe dich bereits zwei Mal verloren, dass lasse ich bestimmt nicht noch ein drittes Mal zu.“
Ein Stein fällt mir vom Herzen, der mindestens die Größe der Schutzmauer um Portland hat. Erleichtert fange ich an zu lachen und auch er muss grinsen.
„Wollen wir dann trotzdem mit den anderen mitziehen oder uns zurück ziehen?“, lächle ich und Alex zieht seine Augenbrauen zusammen.
„Ich glaube, wir sollten deine Verwandten aufsuchen – deine Tante, deinen Onkel, deine Schwester. Sie sind zwar geheilt, aber sie sind auch neu in unserer Welt. Sie brauchen bestimmt Hilfe.“
„Carol und William haben diese Hilfe gar nicht verdient.“, murmle ich und muss schaudernd daran denken, wie ich Grace in dem brennenden Keller gefunden habe, alleine, von Carol und William nichts zu sehen. Selbst wenn man zum Lieben nicht mehr fähig ist, muss man doch noch so weit verantwortungsbewusst sein, dass man seine jüngste Enkeltochter rettet. Aber wahrscheinlich waren sie zu feige, sie aus dem Keller zu holen.
Doch dann fällt mir Jenny ein. Sie ist noch nicht geheilt und auch wenn sie wirklich schrecklich sein konnte, so hat sie sich doch um Grace gekümmert. Jenny ist Graces nächste Verwandte und sie hat ein Recht darauf bei ihrer Schwester zu sein.
„Sie sind trotzdem deine Familie.“, antwortet Alex ruhig und ich schüttle den Kopf. Das sind sie nicht, schon seit einem Jahr nicht mehr. Denn seither ist die Wildnis meine Familie gewesen und Alex und meine Mutter und Grace und Hana und Raven... Aber nicht Carol und William.
„Ich schätze, wir sollten Grace diese Möglichkeit ermöglichen. Immerhin ist Jenny ihre Schwester.“, sage ich stattdessen und Alex nickt beipflichtend.





Wir wissen nicht, wohin wir gehen sollen. Wir wissen nicht, wann wir gehen wollen. Wir wissen nicht, wen wir mitnehmen werden. Allerdings wissen wir eine Sache: so lange wir zusammen sind, Alex, Grace und ich, ist alles gut.
Sie sind die Menschen, die ich liebe. Und das kann mir niemand nehmen.
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