Augenblicke

von mimi-maus
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16
11.08.2013
11.08.2013
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Augenblicke


Ganz ruhig stand er da, ließ sich nass regnen, bis auf die Haut. Mit geschlossenen Augen. Den Kopf in den Nacken gelegt. Die Hände in den Taschen. Irgendwo schlug eine Kirchenuhr elf mal. Nur noch eine Stunde. Eine Stunde bis zum nächsten Tag. Den nächsten Tag, den er nicht mehr erleben würde. Er machte einige vorsichtige Schritte vorwärts ans Geländer und stützte sich dort ab. Den Kopf ließ er im Nacken liegen. Seine nackten Füße waren rot von der Kälte. Eigentlich sollte es ihm beängstigend vorkommen zu wissen, dass jede Minute seine letzte sein könnte, aber das war es nicht. Keineswegs. Es hatte eher etwas... Beruhigendes. Zu wissen, dass die Schmerzen bald ein Ende haben würden. Dass er nicht mehr leiden müsste. Nicht mehr die von Trauer und Schmerz gezeichneten Gesichter seiner Familie sehen zu müssen. Wobei das ziemlich egoistisch war. Oder doch nicht? Gleich bei der Diagnose war klar gewesen, dass er sterben würde. Kein Medikament, keine Therapie hätte ihn retten können, alles, was seine Eltern hatten versuchen lassen, war erfolglos gewesen. Trotz ihrer Bemühungen war er seinem kleinen Bruder aber am Dankbarsten. Sein kleiner Bruder, der akzeptiert hatte, dass er bald allein sein würde, der ihm beigebracht hatte, jeden Augenblick seines Lebens zu genießen. Sein kleiner Bruder, der nicht die ganze Zeit mit Trauermine herumlief. Ein lauter Knall riss ihn aus seinen Gedanken. Er öffnete die Augen. Bunte Lichter im Regen. „Feuerwerk“, murmelte er verträumt.Ein leises Lächeln stahl sich auf seine Lippen, er liebt Feuerwerk. Das Klicken einer Kamera. „Ha, erwischt“, erklang ihre Stimme. „Photographiere das Feuerwerk und nicht mich“, sagte er zu ihr, den blick allerdings starr in den Himmel gerichtet. Auf die explodierenden bunten Lichter. „Aber du bist hübscher“, widersprach sie, legte ihre Kamera auf den Wohnzimmerfußboden und trat zu ihm auf den Balkon. Sanft schlang sie ihre Arme um ihn. „Du wirst nass“, bemerkte er. „Du bist nass“, entgegnete sie ruhig. Dann aber zuckte sie heftig zusammen. „Verdammt, meine Kamera wird nass!“ Sie ließ ihn wieder los und flitzte zur Balkontür zurück. Erschöpft ließ er sich auf eine der Liegen sinken, die auf dem Balkon standen. Langsam ging ihm die Kraft aus. Nicht mehr lange und es würde vorbei sein. Endlich. „Hast du denn kein bisschen Angst?“ Mit diesen Worten sank sie vor ihm auf die Knie. „Nein, kein bisschen. Du allerdings schon, ich sehen es in deinen Augen“, antwortete er ihr und streckte sich gemächlich auf der gemütlichen Liege aus. „Ich... Ich kann mir einfach kein Leben ohne dich vorstellen“, gestand sie. „Wir sind doch praktisch schon unser ganzes leben lang befreundet... Was meinst du, werde ich nicht irgendwie einsam sein?“ „Nein wirst du nicht. Du wirst nie einsam sein. Ich habe meinen Bruder gebeten, auf dich aufzupassen. Immer auf dich aufzupassen. Ich weiß nämlich auch, dass ihr ineinander verliebt seid, ha!“ Sie lächelte, die Angst war aus ihren Augen verschwunden. „Jetzt bin ich nur noch eifersüchtig. Ich will auch irgendwann auf einem Balkon ganz oben auf einem Hochhaus sterben.“ „Du spinnst doch, Kleine!“ „Ja, vielleicht...“ Behutsam strich sie ihm einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest. Ganz fest. „Versprichst du mir etwas?“, fragte er sie. Ein Lächeln, ein Nicken. „Versprich mir, deinen Traum wahrzumachen und Photographin zu werden. Die beste der Welt! Und im Gegenzug verspreche ich dir, ich werde dir bei deinem Weg dorthin zusehen, dich keinen Moment aus den Augen zu lassen!“ Sie lachte. „Und dein Bruder?“ „Wieso, ihr werdet doch immer zusammen sein!“
„Okay, versprochen.“ „Danke. Danke für alles! Und Danke, dass du Du bist, dass du immer Du selbst geblieben bist!“ „Nein, ich habe zu danken. Für die Jahre, die ich mit dir verbringen konnte.“
Sanft drückte er ihre Hand. Seine Zeit in dieser Welt war um, es war nun Zeit zugehen. In eine Welt ohne Schmerz. Noch immer erhellte das Feuerwerk den Nachthimmel. Langsam schlossen sich seine Augen. Sie blieb neben ihm knien, ihre Hand in seiner. Eine Kirchturmuhr erklang. Nun war es halb zwölf. Und sein Leben hatte geendet. „Hat es ihm gefallen?“, fragte eine atemlose männliche Stimme. „Ja. Er war glücklich.“ „Gut.“ Sein kleiner Bruder trat zu ihr. In den Regen. Eine Weile betrachtete er schweigend seinen toten älteren Bruder. „Und nun?“ „Ich werde Photographin. Und du? Pyrotechniker?“ Lächelnd reichte er ihr eine Hand. „Ich werde mein Versprechen halten und immer auf dich aufpassen.“ Immer noch explodierten Feuerwerkskörper am Himmel. Er half ihr beim Aufstehen. Den Blick nach wie vor auf seinen Bruder gerichtet, fügte er hinzu: „Und nein, nicht Pyrotechniker. Ich glaube, ich werde Arzt.“
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