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Ein Schritt vor sind zwei zurück

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
09.08.2013
11.12.2017
48
98.282
44
Alle Kapitel
299 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
09.08.2013 1.694
 
Willkommen zurück! Habe mich doch dazu entschieden, relativ früh ein neues Kapitel hochzuladen. Bin heute dermaßen schlecht drauf, dass ich etwas Aufmunterung gut gebrauchen kann!
Ich hoffe, das heutige Kap kommt genauso gut an wie das vorige. Ich bedanke mich bei den 18 Favoriten, habe mich gefreut wie ein Schnitzel! :-*
Vielen Dank! Und wenn mir auch noch jemand ein paar nette Worte oder Kritik dalässt, wäre mein Tag vielleicht doch nicht ganz so im Eimer... Ich sag nur so viel... Einen "Arbeitsunfall", den dadurch abgebrochenen Zahn und fast den ganzen freien Nachmittag im Wartezimmer beim Zahnarzt verbringen finde ich nicht so berauschend :P
Liebe Grüße und nun viel Spaß!




Ich rannte neben der schreienden Frau auf der fahrbaren Trage her, die mir mit ihren zierlichen Händen beinahe meine Fingerknöchel brach.

„Haben Sie Ihre Versicherungskarte dabei? Und den Mutterpass?“, fragte einer der Pfleger oder was auch immer er sonst war. Unsere Kolonne hielt vor einem Aufzug und wartete, bis sich die Türen öffneten. Als hätte Melanie jetzt keine anderen Probleme!

„In der Tasche“, keuchte sie mit feuerrotem Gesicht.
„Die ist noch im Auto, ich hole sie schnell!“, rief ich, dankbar dafür, irgendetwas tun zu können.

Nur äußerst widerwillig ließ Melanie meine Hand los und ich rannte davon. Mein Auto stand immer noch direkt vor der Notaufnahme. Als ich mir die Tasche vom Rücksitz schnappte und zurückeilen wollte, blaffte mich ein Krankenwagenfahrer an.

„Das geht doch nicht, was Sie hier machen! Sie blockieren den Zugang! Das kann über Leben und Tod entscheiden!“

Da er neben mir stand und eine rauchte, machte ich mir keinen großen Kopf.

„Ich kann nicht! Ich muss wieder rein, sie bekommt ein Kind! Aber wenn Sie gerade eh nichts zu tun haben…“ rief ich und warf ihm meine Autoschlüssel zu.
Ich sah mich nicht mehr um, aber da ich keinen Aufprall oder ein Fluchen hörte, ging ich davon aus dass er ihn aufgefangen hatte.

Die Schiebetüren schlossen sich hinter mir und ich rannte bis zum Aufzug, in den sie Melanie geschoben hatten.
Wo musste ich hin? Da das nicht der offizielle Besuchereingang war, hing hier auch keine dieser Tafeln, die einem anzeigten, in welchem Stockwerk welche Abteilungen lagen.

„Kreißsaal?“, japste ich nach Luft ringend, als eine weißgekleidete Person an mir vorbei lief.
„Dritter Stock!“

„Danke!“  Wild hämmerte ich auf den Rufknopf des Aufzugs und beleidigte  ihn in Gedanken, weil es so lang dauerte. Ich hatte das Gefühl, Melanie im Stich zu lassen. Sie war da oben ganz auf sich gestellt, keiner war bei ihr, der sich von ihr die Finger ausreißen lassen konnte. Sie brauchte jemanden, den sie beschimpfen konnte. In Ermangelung der Alternativen würde ich das eben für sie sein.

Als sich die Fahrstuhltüren öffneten, kramte ich in der Tasche und angelte nach dem farbigen Heftchen, auf dem „Mutterpass“ stand. Das Versicherungskärtchen steckte mit im Umschlag.
Mit einem leisen `Pling´ entließ mich der Stahlkäfig gefühlte Stunden später wieder und ich rannte auf einen Glaskasten zu, hinter dem zwei Mitarbeiterinnen saßen.

„Ich suche die junge Frau, die hier gerade eingeliefert wurde. Hellblonde, schulterlange Haare…“, setzte ich an, da ertönte ein schriller, schmerzerfüllter Schrei.
„Ich glaube, das ist sie.“ Vor Aufregung knallte ich das Heftchen viel zu stark auf das Holz.

„Kann ich zu ihr?“

Die kleinere der beiden nickte. „Den Flur runter, vorletztes Zimmer rechts.“

Jetzt rannte ich nicht mehr, sondern atmete tief durch und versuchte mich innerlich auf das vor mir liegende Grauen einzustellen. Die Tür war nur angelehnt, also drückte ich sie vorsichtig auf und trat ein.

Mittlerweile hatten sie Melanie aus ihrer Hose geschält und auf ein merkwürdiges Bett gesetzt. Um ihren Bauch war ein Gurt geschlungen, ein Monitor piepste ab und zu.

Vor ihr standen eine Frau und ein weiterer dieser weißgekleideten Menschen, die man hier überall antreffen konnte.

Ich trat neben Melanie und lächelte sie an. Die Tasche ließ ich irgendwo zu Boden fallen. Sie verzog ihren Mund auch zu einer Art Lächeln, obwohl es eher wie eine Grimasse wirkte.  

Die etwas mollige Frau gab ihr immer wieder Anweisungen, während sie mit ihren Händen irgendwas zwischen Mels Beinen machte. Als ich das Blut an ihren Handschuhen sah, schaute ich schnell weg.

Meine Knie zitterten wie verrückt und ich atmete flach, um nicht den verhassten metallischen Geruch in die Nase zu bekommen, bei dem mir sofort speiübel wurde.

„Pressen!“, sagte die Frau mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme.  Mittlerweile war ich zu dem Schluss gekommen, dass sie die Hebamme sein musste. Melanie griff nach meinem Unterarm und krallte ihre Fingernägel so fest in mein Fleisch, dass Tränen in meine Augen traten.

Sie hat viel stärkere Schmerzen als du, nicht jammern!


„Nicht mehr pressen, nur atmen!“, wies die Frau an.
Ich ignorierte die Sternchen, die sich jedes Mal vor meinen Augen bildeten, wenn sie einen markerschütternden Schrei ausstieß. Stattdessen versuchte ich mich auf etwas anders zu konzentrieren.

Alles hier drin sah für mich eher nach Folterkammer als nach Kreißsaal aus. Eine riesige Badewanne, viel zu viele technische Gerätschaften, deren Nutzen ich nicht einmal erahnen konnte und merkwürdige Stühle standen im Zimmer verteilt.

Die Wände waren in warmen Tönen gestrichen, die die Gebärenden offenbar beruhigen sollten. Bei mir verfehlten die Farben leider gänzlich ihre Wirkung, stattdessen hatte ich die Befürchtung, ohnmächtig zu werden. Ich hasste Krankenhäuser wie die Pest.

Trotzdem stand ich neben einer wildfremden Frau, die mir die Hand zerquetschte, dabei versuchte, eine Melone aus einer Öffnung so groß wie ein Nadelöhr zu pressen und die Anweisungen einer Frau befolgte, die mit blutverschmierten Handschuhen durch die Gegend wedelte.

Mein Magen rebellierte, schnell starrte ich an die Decke und wischte mit meiner freien Hand den Schweiß von der Stirn.


Das ist kein Blut, das ist kein Blut, das ist kein Blut!!

Ich hörte Melanie schluchzen und sah sie an, in ihren Augen standen Tränen des Schmerzes.
Sanft strich ich ihr die verschwitzen Haarsträhnen aus der Stirn und drückte vorsichtig ihre Hand.

„Alles wird gut“, raunte ich ihr zu, und bemerkte selbst, wie blöd dieser Spruch doch klang.
„Es ist bald vorbei… Ich bin ja da.“ Ich hasste es, völlig machtlos zu sein und ihr nicht helfen zu können.

Ich weiß nicht wie lange ich dort stand, schwachsinniges Zeug auf sie einredete und über ihren Kopf streichelte. Es war wie in einem grausigen Horrorfilm. Man sah nicht direkt auf den Bildschirm, hörte aber dennoch die furchtbaren Geräusche.

Irgendwann war es dann soweit, dass die Hebamme das Kommando gab, zu Pressen und nicht damit aufzuhören.

Und dann war das Baby da.

Gut, so einfach war es natürlich nicht, aber da ich nicht hinsah, wusste ich auch nicht, was genau da unten ablief.

Nicht, dass ich es zu genau wissen WOLLTE.

Melanies Griff um meinen Arm lockerte sich. Erleichter spürte ich das Kribbeln, das vom zurückkehrenden Blut an die Druckstellen führte.
Ich verstand nicht, was die Helfer zu ihr sagten, in meinen Ohren rauschte es und mir war ganz schummerig.

So hatte ich mir meinen Freitagabend nicht vorgestellt.

Ich wurde zur Seite geschoben, als die Hebamme ihr das kleine, in eine Decke gepackte Ding auf die Brust legte.

Es war rot und ganz verknittert, nicht glattgebügelt wie die Neugeborenen aus dem Fernsehen.

„Wenn du dein Kind dann in den Armen hältst, vergisst du die ganzen Schmerzen, die du durchgemacht hast und liebst es mehr als dein eigenes Leben“, vernahm ich die Stimme meiner Mutter in meinem Kopf.

Das hatte sie damals zu mir gesagt, nachdem sie mir erzählt hatte, über zehn Stunden mit mir in den Wehen gelegen zu haben.

Nun wusste ich, dass das damals nicht nur daher gesagt war, um das weinende, achtjährige Mädchen zu trösten, das ein schlechtes Gewissen hatte, seiner Mama so weh getan zu haben.

Glücklich strahlte Melanie von einem Ohr zum anderen, ihr liebevoller Blick war auf das Kind an ihrer Brust gerichtet, das sie ganz vorsichtig berührte, als könnte es zerbrechen.

„Die Kamera…“, flüsterte sie, ohne zu mir aufzublicken. „In meiner Tasche.“
Nach kurzem Suchen hatte ich sie gefunden.

„Können Sie ein Foto von uns machen?“, fragte Melanie und sah nur kurz zu der Hebamme auf, die freundlich nickte.

Ich wollte Platz machen, doch sie sagte: „Sie müssen mit aufs Bild.“
Hastig wollte ich widersprechen, doch sie bestand darauf. Und nach so einer Tortur wollte ich wirklich nicht mit ihr diskutieren.

Seufzend stellte ich mich neben sie, setzte mein Kameralächeln auf, und war erleichtert, als der blaue Lichtblitz mich erlöste. Ich wollte nur einen Moment ausruhen, mir war furchtbar schlecht.

„Wenn Sie mich nicht mehr brauchen…“, setzte ich an, „dann gehe ich jetzt.“
„Kommen Sie morgen wieder?“ Melanie schien mir nur mit halbem Ohr zuzuhören, schaute immer noch das Baby an. Ich lächelte leicht, als ich erneut den entzückten Gesichtsausdruck sah.

Ich ging ein paar Schritte rückwärts, wollte ihr die Privatsphäre geben, um die ersten Momente mit ihrem Kind genießen zu können. Schließlich hatte ich eigentlich gar nichts mit dieser Frau zu tun, kannte sie erst seit wenigen Stunden.

„Ich besuche Sie morgen“, sagte ich und verließ den Raum.

Als ich den Fahrstuhl erreicht hatte, atmete ich ein paar Mal tief durch und strich meine verschwitzten Haare aus meinem Gesicht.

Ich fühlte mich, als hätte ICH soeben ein Kind bekommen.

Väter konnten sich wenigstens auf diesen Moment vorbereiten, in dem ihre Frau vor Schmerz schreiend und wimmernd das gemeinsame Kind aus sich raus presste, mich hingegen hatte das alles vollkommen überrumpelt.
Das war eine Erfahrung, die ich so schnell nicht wieder machen wollte.

Mein Herzschlag galoppierte immer noch, als ich mich gemächlich zu meinem Wagen begab. Die frische Luft tat gut und half mir, den Geruch nach Desinfektionsmitteln aus meinem Kopf zu kriegen.
Plötzlich erstarrte ich einen Moment.

Wo war mein Auto?

Nach kurzem Suchen entdeckte ich es auf einem Parkplatz wenige Meter weiter und lachte erstaunt auf.

Der Krankenwagenfahrer hatte es tatsächlich um geparkt! Fassungslos schüttelte ich über mich selbst den Kopf.
Es war einfach nur dumm gewesen, ihm die Schlüssel zu geben, das leuchtete mir im Nachhinein auch ein.
Aber es hätte sich sowieso nicht gelohnt, meine alte Schrottmühle zu klauen, und der Tank war auch fast leer.

Erschöpft  ließ ich mich auf den Fahrersitz fallen, der Schlüssel steckte.

Automatisch sank mein Kopf an die Stütze und ich schloss die Augen.
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