I'm not going home

von phantasos
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12 Slash
Lara Croft
09.08.2013
09.08.2013
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„Brauchen Sie etwas?“ Die Brünette schloss das Notizbuch und hob ihren Kopf an. Schweigend verneinte sie seine Frage, in dem sie mit dem Kopf schüttelte. Der Mann, der sie angesprochen hatte, hielt sich an der Reling fest und stand mit einem geringen Abstand neben ihr. Sie hatte ihn nicht gehört. Die Frau betrachtete ihn einen kurzen Moment, ehe sie den Blick nach vorne richtete.

„Keine Ahnung, was Sie auf dieser Insel durchgemacht haben. Wenn ich mir Ihre Wunden und Blicke so ansehe, dann möchte ich das auch nicht. Jedenfalls, wir sind bald zu Hause“, sprach er mitfühlend. Die Angesprochene nickte, sah ihm hinterher als er aus ihrem Sichtfeld verschwand. Diese Information war nicht von Bedeutung, nicht für sie. Erneut öffnete sie das Buch an einer bestimmten Stelle, strich nachdenklich über das Geschriebene.

Ich gehe nicht nach Hause, dachte sich Lara Croft während sie mit einem vielsagenden Lächeln gen Horizont sah. Yamatai war erst der Anfang gewesen. Das Abenteuer hatte sie verändert. Deutlich machte sich der Drang spürbar die Reise fortzusetzen, Antworten auf all ihre Fragen zu finden. Am Ende hatten sich Roths Worte bestätigt, sie fühlte sich mehr denn je als eine wahre Croft.


× ×



Die Nacht brach an und Lara saß am Bug des Schiffes, besah sich das Sternenbild, während sich vor ihren Augen vereinzelte Erinnerungsfetzen der vorangegangen Tage abspielten. Obwohl sie Mut gefasst hatte, den Weg, der sich ihr eröffnete, fortzusetzen, bröckelte allmählich ihre Fassade. Die Expedition, die so viel Leben kostete, war ihre Idee gewesen. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Automatisch wanderte ihre rechte Hand zu der Bauchwunde, die mit Sicherheit noch länger Probleme machen würde. Ihr Körper war ausgelaugt. Je mehr die Spannung von ihr abließ je deutlicher fühlte sie ihre Verletzungen. In den letzten Tagen lebte sie durch den Adrenalinkick, der sie über ihre eigenen Grenzen gehen ließ. Ein Schub, der ihr das Überleben sicherte, aus Situationen rettete, die ohne Ausweg erschienen. Gepaart mit dem eisernen Willen, den sie in sich entdeckt hatte, wurde sie zur Überlebenden.

„Es tut mir leid“, wisperte die Brünette in die Nacht hinaus. Schwerfällig hob Lara ihr Hände, betrachtete diese ausführlich. Nie zuvor hatte sie einen Gedanken daran verschwendet, Leben auszulöschen. Die Insel hatte sie eines Besseren belehrt. Aus ihnen wurden Mordinstrumente. Der erste Mord hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt, ihr Innerstes erschüttert. Der Rest? Wie unsagbar einfach es doch war ein anderes Lebewesen, sei es Mensch oder Tier, zu töten, wenn der erste Schritt beschritten worden war. Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie hatte gemordet, während Feinde ihr die Liebsten nahmen. Sie gab sich die Schuld dafür. Eine Schuld, die sie ihr Leben nicht vergaß.

Die Crew, die Lara unwissend wie sie war ins Verderben trieb.

Grim, der sich opferte, um ihr den Weg zu ebnen. Ausgerechnet dieser alte, mürrische Sturkopf, der unantastbar, unzerstörbar erschien.

Alex, der sich in Gefahr brachte, nur ihretwillen, um ihre Aufmerksam zu erlangen. Es gab andere Mittel um Wege sich einer Frau interessant zu machen.

Roth. Er starb ohne dem Wissen eine Tochter zu haben. Behutsam zog sie eine seiner Pistolen hervor. Sanft strich sie über deren Lauf. Er hatte ihr beide anvertraut und diese würde sie in Ehren halten.

Mit einer Aussage gab sie Reyes Recht. In ihrer Gegenwart starben Menschen. Yamatai war Beweis genug. Der Preis, wenn man in einer Gruppe reiste. Allein, ohne Rücksicht auf andere, war es einfacher. Da gab es nur ihr eigenes Leben, ihre eigene Sicherheit. Nachdenklich erhob sich Lara und trat an die Reling, wo sie sich mit beiden Armen abstützte und auf das Wasser starrte. Anfangs wollte sie die restliche Besatzung finden. Danach stand ihr Sams Überleben mehr oder weniger im Mittelpunkt. Sam. Die Brünette biss sich auf die Unterlippe. Sie konnte sie nicht vorstellen, was sie getan hätte, hätte diese Insel Sams Leben eingefordert.

„Du lässt ganz schön auf dich warten.“ Zwar erschreckte sich Lara über die plötzlichen Worte, doch behielt sie ihre Position bei.

„Bin nicht müde“, gab sie knapp zurück und verhakte die Finger ineinander, auf welche sie Druck ausübte. Erst als sie spürte, wie ihr ein Mantel um die Schultern gelegt wurde, sah sie zur Seite.
„Einen größeren gab es nicht?“, kommentierte sie und hob skeptisch eine Augenbraue, ehe die Brünette schmerzlich das Gesicht verzog und sich die Schulter massierte, gegen die sie zuvor einen ordentlichen Klaps erhalten hatte.

„Ich bitte dich, nach diesen Ereignissen bringt dich ein kleiner Klaps schon nicht um. Außerdem, ihr wolltet das erstbeste Schiff nehmen, ich hätte noch auf einen Luxusliner warten können. Die Boutiquen hier sind leider geschlossen“, scherzte Sam und gesellte sich neben die andere. Ohne weitere Widerworte zog sie den Mantel enger um ihren Körper und rang sich ein Lächeln ab. Lara spürte den Blick, der auf ihr ruhte.

„Geh endlich zu Bett“, meinte die Schwarzhaarige schließlich. Sie sorgte sich. Seit der Abreise hatte sie zusammen mit Reyes und Jonah Zeit zum Entspannen gefunden, nicht Lara. Diese wirkte weiterhin angespannt, versuchte in Bewegung zu bleiben, obwohl ihr Körper Bände sprach. Lara drehte den Kopf zur Seite, legte die Stirn in Falten.

„Ich sagte dir-“

„Ja, ja, du bist nicht müde. Wenn du tatsächlich nicht schlafen kannst, dann leg dich wenigstens hin. Du siehst nicht gut aus“, unterbrach sie Sam, die keine Lust auf eine Diskussion hatte. Leider war Lara in mancher Hinsicht ein großer Sturkopf.
„Keine Widerrede mehr, du kommst mit“, fügte sie schnell hinzu, um ihr keine Ausweichmöglichkeit zu bieten. Wie nicht anders erwartet, vernahm Sam ein genervtes Brummen. Anstatt darauf einzugehen, nahm sie Lara bei der Hand und zog diese hinter sich her, während sich ein sanftes Lächeln auf ihre Lippen stahl. Manchmal konnte sich diese Frau, wie ein kleines Kind benehmen. Schweigend folgte die Brünette und musterte Sam. Unbewusst festigte sie den Griff. Die Schwarzhaarige bemerkte das zwar, nahm es jedoch ohne Kommentar hin. Der Weg in die Kabine, die man ihnen überlassen hatte, kam Lara elend lang vor. Obwohl sie eine Entscheidung getroffen hatte, verspürte sie nicht das Verlangen Sam auf längere Zeit hinter sich zu lassen. Sie brauchte tatsächlich Ruhe, denn ihr Innerstes tobte zu sehr, verlor sich in diversen Empfindungen, die sie nicht einzuordnen vermag. Sam betrat den Schlafraum zuerst und ließ dabei Laras Hand los, die die Türe hinter sich schloss und sich einen Augenblick lang dagegen lehnte.

„Ich glaube, ich habe mich noch nie so sehr auf meine Badewanne und mein eigenes Bett gefreut, wie nach dieser Reise. Endlich wieder daheim im eigenen Reich und keine merkwürdigen Sekten“, fing Sam an, um diese Stille zu unterdrücken. Lara sah zu Boden und wippte unruhig mit einem Bein.

„Ich gehe nicht nach Hause“, murmelte sie, gerade so laut, dass sie Sam hören musste. Diese setzte sich auf die Matratze und lachte leise auf.

„Dachte ich mir“, kommentierte sie trocken.

„Woher?“ Sam seufzte und entledigte sich ihrer Jacke.

„Du strahlst es aus, du hast Blut geleckt und möchtest den Weg fortsetzen.“ Natürlich wusste sie es. Sam war stets in der Lage ihre Gedanken zu erahnen, dafür kannte sie Lara mittlerweile zu gut.
„Zuvor lässt du dir dennoch deine Wunden versorgen“, fügte sie hinzu und besah sich den Körper der anderen.

„Da habe ich wohl keine Chance dagegen zu reden?“ Eine Frage, die sie sich allerdings hätte ersparen können, Sams Ausdruck sprach Worte. Seufzend stieß sie sich von der Türe ab und ließ sich auf das andere Bett nieder, wodurch sie sich direkt gegenüber saßen.

„Du gehst alleine, oder?“ Ein Nicken folgte, während sie sich ihre Schuhe auszog um sich nach hinten setzen zu können, wo sie gegen die Wand sank und die Beine eng an ihren Körper zog.

„Diese Katastrophe war mir eine Lehre.“

„Niemand konnte wissen, dass das auf diese Weise aus dem Ruder laufen würde. Es ist nicht deine Schuld.“ Verächtlich schnaufte Lara.

„Ich habe euch in diese Gewässer geführt.“

„Weil ich dich zu dieser Expedition überredete“, entgegnete Sam sofort.
„Außerdem, hättest du dich nicht durchgekämpft, hätte niemand überlebt. Vier Überlebende sind in manchen Augen vielleicht kein großer Erfolg, doch wir haben es geschafft. Hör auf dir Vorwürfe zu machen, es bringt die Toten nicht zurück.“ Lara hörte aufmerksam zu, bettete den Kopf auf ihren Knien und sah ausdruckslos zur anderen.

„Am Ende warst es du, die mich weitermachen ließ. Ich hatte Angst dich zu verlieren und ich habe keine Vorstellung darüber, wie weit ich noch gegangen wäre, nur um dich in Sicherheit zu wissen.“

„Ich weiß“, wisperte Sam. Wenn es darum ging, gab es für Lara keine Grenzen. Dieser Beschützerinstinkt hatte sie bereits vor dieser Reise gezeigt. Für Sam war klar, dass Lara die einzige Person war, die so weit ging, nur um ihr Leben zu retten. Schwungvoll erhob sich die Schwarzhaarige und kletterte zur anderen aufs Bett. Sie hob einen Arm und wartete einen Moment ab, ehe sie spürte, wie Lara nachgab und sich gegen ihren eigenen Körper sinken ließ. Sam gab beide Arme um diese und drückte sie sanft an sich, hauchte ihr einen Kuss aufs Haar.

„Heute Nacht pass ich auf dich auf.“ Nickend hielt sich Lara an dem Top der anderen fest und schloss ihre Augen. Entspannung und Geborgenheit breiteten sich in ihr aus. Fürsorglich strich Sam ihr über den Rücken, lehnte ihren Kopf an Laras. Es brauchten keine großen Worte ausgesprochen zu werden, Sam war sich darüber im Klaren, was Lara für sie empfand. Egal, was bevorstand, sie würde diese Frau nicht einfach ziehen, alleine lassen. Für sie stand außer Frage, dass Lara der wichtigste Mensch in ihrem Leben war.