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[Captain Future]  Boundaries No More

von cortez11
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P18
09.08.2013
18.03.2014
7
21.517
 
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09.08.2013 5.713
 
Gleichungen mit mehreren Unbekannten

Am selben Abend noch kehrten Ezella und Future zum Deneb zurück.
Sie hatten sich etwas abseits vom Stadtzentrum in einem kleinen unscheinbaren Hotel eingemietet, da der Rest der Mannschaft noch mit der COMET unterwegs war und erst am nächsten Tag eintreffen würde. In Ermangelung der Bordküche waren sie dann noch einmal vor die Tür gegangen und unvermittelt in einer stillen Nebenstraße bei einem kleinen Takeaway gelandet, wo sie sich mit Essbarem eindeckten, bevor sie wieder in ihr Domizil zurückkehrten.

Später lag Ezella noch einen Weile in seinem Hotelzimmer wach.
Eigentlich war er hundemüde, doch wirklich schlafen konnte er nicht...
Die ganze Angelegenheit bereitete ihm Sorgen. Die Tatsache, dass sie sozusagen im Untergrund arbeiten mussten, war nicht nur für ihn ungewohnt und unbequem, sondern für ihre Ermittlungen ein großes Hindernis. Er konnte verstehen, dass Cashew diesen Weg bevorzugt hatte, doch er fühlte sich, als hätte man ihnen vorsätzlich die Hände gebunden, während man gleichzeitig erwartete, dass sie diesen Fall in Rekordzeit lösten.
Und Future...
Ezella überlegte. Er kannte Future inzwischen schon etliche Jahre, und durch den engen Kontakt, in dem sie bei vielen ihrer gemeinsamen Fälle standen, hatte sich so etwas wie eine Freundschaft zwischen ihnen entwickelt.
Und deshalb hatte er auch die jüngsten Veränderungen bemerkt, die in dem Captain vorgegangen waren. Seit den paar Tagen, in denen er und Joan mehr oder weniger offiziell „zusammen waren“, glaubte er, so etwas wie eine stärkere Anspannung an ihm wahrzunehmen - so als würde er verstärkt mit Unvorhergesehenem rechnen, mehr auf Dinge zwischen den Zeilen, auf Unwichtigkeiten oder Belanglosigkeiten achten. Eine Vorsichtsmaßnahme...? Vielleicht.
Er wusste, warum Future sich dagegen gewehrt hatte, seine Gefühle Joan offen zu zeigen... Verbergen können hatte er sie ihm gegenüber jedoch nie wirklich, und so hatte er gespürt, wie dieser innere Konflikt an ihm zehrte. Aber vielleicht hatte Future sich ihm gegenüber auch keine Mühe gemacht, es wirklich zu verbergen?
Andererseits hatte er ihn in den letzten Tagen so gelöst wie noch nie erlebt...
Die seltsame Macht der Liebe. Ezella seufzte.
Schließlich drehte er sich auf die andere Seite und zog sich die Decke bis unters Kinn.
Mögen die Götter den beiden gut gesonnen sein, dachte er und schmunzelte. Sie passen gut zueinander, und beide hätten es wirklich verdient....

Future war noch nicht schlafen gegangen.
Nachdem er sein Comlink auf Nachrichten von seiner Mannschaft gecheckt hatte, stellte er den kleinen Televisor an, der an der Wand befestigt war, um die Spätnachrichten zu schauen. Der Nachrichtensprecher berichtete direkt nach einem Massencrash am rigellianischen Raumhafen mit reißerischen Bildern schwelender Trümmer auch kurz und knapp über 'unvorhergesehene Schwierigkeiten, die die Verhandlungen zwischen Kh'elvarh und der Föderation vorerst zum Erliegen gebracht' hätten. Näheres dazu sei aber nicht bekannt, fuhr er fort, man tippe auf die Forderung nach weiteren Zugeständnissen bezüglich der Gebietsansprüche. Dann blendete das Bild über zum nächsten Thema.
Future fischte nach der Fernbedienung und schaltete das Gerät aus.

Das Gespräch mit Senator Alh-Ansha ging ihm nach wie vor durch den Kopf, und nachdem er ein paar Schritte ruhelos auf- und abgetigert war, trat er schließlich ans Fenster, löschte das Licht und starrte nach draußen in die denebische Nacht.
Es wäre ein starkes Stück, wenn sich die ganze Angelegenheit als innerkh'elvanische Affäre entpuppen sollte - und der Föderation die Schuld dafür in die Schuhe geschoben würde. Diese Interpretation der Vorfälle war eine Option, immerhin eine der wenigen plausiblen, die sie in dieser ganzen verfahrenen Angelegenheit hatten, überlegte er. Doch noch wussten sie zu wenig. Wenn sie doch nur mehr Informationen bekommen könnten... Wenn sie in diese Richtung einen Ansatzpunkt erhalten würden, könnte das auch die Suche nach den Klon-Ursprüngen vereinfachen...
Das Warten war zermürbend.
Geräuschvoll stieß er die Luft aus, die er unwillkürlich angehalten hatte.

Noch einmal langte er nach seinem Notepad und machte sich ein paar Notizen – Gedanken, denen er bei Gelegenheit noch einmal in Ruhe nachgehen wollte, sowie Stichpunkte zu ihrer weiteren Vorgehensweise. Dann, als er es schon wieder beiseite legen wollte, hielt er inne.
Er hatte sich dort ein Bild von Joan abgespeichert, das er vor einiger Zeit mehr oder weniger zufällig aufgenommen hatte – sie waren damals gerade alle im Mannschaftsraum der COMET gewesen, und Joan lachte, weil Otho irgendeine komische Bemerkung gemacht hatte.
Sie hatte auf dem Foto leicht den Kopf zurückgeworfen. Ihr Lachen war warm und ansteckend, dachte er, als er das Foto betrachtete, und ihre Augen strahlten.
Für einen Moment schloss er die Augen.
Du fehlst mir, dachte er.
Schließlich legt er das Notepad zur Seite und ging ins Bad.

- () -

Noch in der Nacht waren Joan, Otho, Simon und Grag wieder in Richtung Deneb aufgebrochen.
Der Roboter und der Androide wechselten sich am Steuer des großen Raumschiffes ab, während Simon sich zu einer ersten Auswertung der Daten ins Bordlabor zurückgezogen hatte.
Nach einer Weile ging Joan, die ihm dabei half, schlafen, und so blieb der Professor alleine im Laboratorium zurück. In stoischer Ruhe widmete er sich den Algorithmen, mit denen er den Datenwust einer ersten Filterung unterziehen wollte - alle Datensätze einzeln durchzugehen, dafür blieb ihnen einfach keine Zeit... Und auch wenn es sinnvoll gewesen wäre, einzelnen Labors Besuche abzustatten und den Beteiligten dort vor Ort auf den Zahn zu fühlen, um die erwähnte Dunkelziffer einzuengen, mussten sie diese Möglichkeit leider verwerfen: Bei der Unmengen an Informationen, die Joan und Otho mitgebracht hatten, wären sie in fünf Wochen noch nicht damit fertig.
Simon rief sich selbst zur Ordnung.
Mit dieser Ungenauigkeit mussten sie leider leben...
Ihm gefiel das trotzdem nicht wirklich - denn es barg durchaus die Chance, dass eventuell wichtige Daten nicht berücksichtigt wurden und so ihre Ergebnisse verfälschten. Auch wenn diese Chance sehr gering war, wenn er die Suchfilter entsprechend präzisierte. Er seufzte.
Die Zeit drängte, und ihr Auftrag glich der sprichwörtlichen Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Kein Wunder, dass Curtis nicht glücklich gewesen war, als Cashew ihn um die Übernahme dieses Falles gebeten hatte. Doch was half alles Hadern...
Ruhig fokussierte er sich wieder auf seine Programmierarbeit. Je eher er fertig war, desto schneller würden sie vorankommen.

Als er endlich so weit war, dass er meinte, eine Pause einlegen zu können, fiel sein Blick auf die unten im Display des Rechners eingeblendete Zeitangabe.
Fünf Uhr morgens, Bordzeit.
Noch zwei Stunden bis zur Landung auf Deneb.
Seltsam. Er fühlte sich gar nicht müde... Analytische Denkarbeit hatte er auch nie wirklich als Arbeit aufgefasst, eher als eine Art sportliche Herausforderung. Nicht, dass ihn das nicht anstrengte - die beiden restlichen Stunden würde er sich Ruhe gönnen, beschloss er, damit seine Effizienz nicht leiden würde und er im Laufe des Morgens zusammen mit Curtis weitermachen konnte.
Aber der Gedanke daran, dass er vorankam, stimmte ihn positiv.
Der Praktikabilität halber blieb er einfach im Labor, löschte das Licht, schwebte zu der freien Konsole rechterhand, die ihm als Ruheplatz dienen sollte, und ließ sich vorsichtig darauf nieder. Sicherheitshalber aktivierte er noch den Magnetmechanismus, der ihn auf der Konsole fixierte, damit er nicht durch etwaige Manöver des Schiffes herunterfallen würde.
Wenige Minuten später war er eingenickt.

- () -

Dakhali blinzelte. Das grelle Licht, das ihr entgegenströmte, als sich das Schott zum Hof öffne­te, blendete sie, und sofort umfing sie die trockene Mittagshitze der Wüsten­luft.
Der vor ihr liegende Hofbereich konnte eigentlich nicht als solcher bezeichnet werden, denn ei­nem richtigen kh’elvanischen Anwesen glich dieser Wohntrakt wirk­lich nicht. Auch war Elh-Keresh, ihr Herr, der Herr des Hauses, kein Kh’elvaner, aber das zählte ebenfalls nicht. Warum auch...
Nach allem, was ihr widerfahren war, er­schien dieser Hof ihr heimelig. Dieser Ort war ihr Zuhause geworden, hier war sie aufgenommen worden – sie, eine Kh’ed­deysh(6), eine Ausgestoßene.

Schräg vor ihr lag der Laborkomplex, dort, wo der Fels aus dem Sand zu ragen be­­gann und eine Klippe bildete, die dann steil nach unten hin abfiel. Vor der Klippe war mit einem Elek­trozaun ein Stück Sandes abgetrennt, in dem ein Sandseeker(7) ruhelos hin- und hereilte, ungeachtet der Hitze, die auf dem ganzen Hof lastete. Das schwere Reptil mochte sie nicht, sie mochte nicht seinen starren Blick aus den kleinen bern­stein­farbenen Au­gen und auch nicht die blaue Zunge, die zwischen den Zähnen des ge­waltigen, leicht geöffne­ten Gebisses hervorlugte, weil das Tier in der Gluthitze der Sonne hechelte, aber das war das Einzige, was sie störte.
Am Ende des Hofes war Kühle, war eine andere Welt. Eine ihr unverständliche, ehrfurchtheischende Welt, ganz und gar un-kh’elvanisch, schien es ihr, da die Gebäude aus Metall errichtet wor­den waren. Doch die blinkenden Lichter und farbigen Erscheinungen faszinierten sie, und noch viel mehr die Leichtigkeit, mit der ihr Herr über sie gebot – vor allem über den feuri­gen Strudel aus Sonnenglut, dem er in der Tiefe des in den Fels gelasse­nen, vergitterten Metall­beckens zu wirbeln befahl...

"Ja." Die Stimme von hinter der Tür klang leicht angespannt.
Sie wusste, dass er eigentlich nicht gestört werden wollte, wenn er sich in sein Arbeitszimmer zurückzog, doch seinen Kaffee brauchte er auch.
Zischend glitt die Tür auf, und sie trat ein.

Er hatte ihr den Rücken zugewandt, stand vor der großen Bücherwand, die über eine schmale Konsole verfügte, und schien dort in eines der Werke vertieft zu sein. Ihr Eintreten hatte ihm keinerlei Reaktion entlockt.
"Ich habe Euren Kaffee, Herr," sagte sie leise und fand, dass sich ihre Stimme dabei etwas unsicher anhörte.
"Stell' ihn dort drüben auf den Tisch," erwiderte er, ohne den Kopf zu wenden.
Gehorsam ging Dakhali mit der Tasse hinüber zu dem großen Arbeitstisch, der, über und über voll mit Dokumenten, Unterlagen und den obligatorischen zwei oder drei Notepads neben dem Bildschirm, kaum Platz zum Abstellen bot, doch irgendwie fand sie ein Eckchen, das frei war, und plazierte dort das Getränk vorsichtig. Dann wandte sie sich um.

Er hatte sich immer noch nicht bewegt. Seine blauschwarzen Haare fielen locker über seine Schultern, der Kopf war gebeugt, die Arme seitlich auf der Konsole aufgestützt, und da sie ihn weder atmen hörte noch sehen konnte, wie sich seine Schultern dabei leicht hoben und senkten, meinte sie für einen Moment, er sei so starr wie eine der Statuen auf den großen Anlagen in Alassat.
Zumindest so ehrfurchtgebietend.
Sie beschloss, zu gehen, bevor er sich vielleicht doch noch nach ihr umdrehte.
...Nicht, dass sie sich davor gefürchtet hätte, nein.

Seine Augen waren so blauschwarz wie seine Haare.
Meistens blickten sie streng. Streng und befehlsgewohnt. Sein Blick konnte sogar stechend sein, gefährlich, oder eiskalt, wenn man ihn zum falschen Zeitpunkt störte.
Doch auch eine tiefe, unergründliche Glut schien darin zu lodern... die hatte sie nur wenige Male erlebt.
Einmal, als er ihre Herrin an sich gezogen hatte, als sie noch lebte, als sie, Dakhali - wohl in einem unglücklichen Moment - die Tür zu ihrem Wohnbereich geöffnet hatte und sah, wie er die Arme um sie gelegt hatte. Da waren seine Augen milde gewesen und schienen trotzdem zu glühen.
Und einmal...

Als er ihr vor zwei Wochen abends im Gang begegnet war.
Ein kurzer Moment nur.
Doch er hatte sich tief in ihre Gedanken eingebrannt.

- () -

"...eine Einladung?" wiederholte Ezella verwundert.
Er hatte bereits am frühen Morgen zusammen mit Future das Hotel verlassen, um sich am Raumhafen mit dem Rest der Mannschaft zu treffen. Von da an hatten sie beide abwechselnd mit Joan und Grag bei der ersten Auswertung der Klondaten mitgeholfen, und so hatte sich der Tag gezogen, bis Future vorhin die Nachricht von Alh-Ansha ehalten hatte.
"Eine Einladung. Auf seinen Landsitz, genauergesagt, seine Festung. Ich verstehe zwar immer noch nicht, warum er das jetzt so offiziell macht - aber uns gibt das die Gelegenheit, mehr über Kh'elvarh und die ganze Angelegenheit zu erfahren." Future wandte den Kopf wieder dem Taktischen Monitor zu, auf dem die Region erkennbar war, in der Alh-Ansha zu finden sein sollte: Eine karge Wüstengegend, unbewohnt, lebensfeindlich, kilometerweit nichts als Sanddünen und Felsen. Und dann die Oase mit ihrem Wunder des Grüns inmitten all' dieser Einöde - auf der Karte jedoch nichts als eine stetig blinkende Markierung.
Der Marshall trat näher heran.
"Hier". Future tippte auf das Display und zoomte die markierte Stelle heran.
Das Bild wechselte und zeigte nun die wuchtig aufragenden Mauern einer riesigen, offenbar uralten kh'elvanischen Speicherburg im Licht der Abendsonne. Hoch ragten ihre massiven Türme in den Himmel. Die Darstellung war so scharf, dass Ezella sogar vermeinte, die Wächter auf den Zinnen der Anlage sehen zu können...
Die Burg lag auf einer felsigen Anhöhe, die an ihren Abhängen von zahlreichen Gärten, Feldern und sonstigen landwirtschaftlichen Produktionsflächen umgeben war, alle gespeist von der Quelle, die dem Ort und den dort Ansässigen ihren Namen gegeben und die Ansiedlung überhaupt erst ermöglicht hatte. Das tiefstehende Licht der kh'elvanischen Sonne brachte die Farben der Vegetation zum Aufleuchten und war trotz der frühen Abendstunde noch so intensiv, dass auch das große Bugfenster der COMET sich bereits selbsttätig abgedunkelt hatte, um die Strahlungsintensität für den Innenraum der Kommandozentrale zu mildern.
"Wir müssten eigentlich bald da sein." Future drehte sich um zu Otho an der Navikonsole. "Wie lange ungefähr brauchen wir noch, Otho?"
"Bei dem Tempo ca. 15 Minuten," gab der Androide zurück.
Future richtete den Blick auf Grag, dessen große Metallhände schwer auf den Kontrollen der COMET ruhten. "Geschwindigkeit beibehalten, Grag," sagte er. "Benachrichtigt mich, sobald Ihr beide mit dem Landeanflug beginnt."
Mit diesen Worten nickte er Ezella zu und ging zur Tür.

Nachdenklich trat der Marshall an das Bugfenster heran und blickte nach draußen.
Unter ihnen zog die scheinbar endlose, gewellte Dünenlanschaft vorrüber... ein eindrucksvoller Anblick: Geschwungene bläuliche Schatten kontrastierten mit dem kräftigen Goldton des Sandes dort, wo die Dünen nicht mehr voll vom Licht der sinkenden Sonne erfasst wurden, und bildeten bizarre flächendeckende sich wiederholende Muster. Darüber wölbte sich der allesumspannende kh'elvanische Himmel, erst staubverschleiert und gelblich in Bodennähe, doch dann in den Höhenlagen kristallklar, bis hin zum Horizont... Die starken Farben der Landschaft erzeugten eine beinahe merkwürdige Stimmung; Ezella fühlte sich einen Moment lang an die Kadesh-Wüste auf dem Mars erinnert, doch diese hier war irgendwie anders... er konnte sich nicht genau erklären, wieso.
Er überlegte.
Diese hier erschien ihm irgendwie... geheimnisvoller?
Er musste schmunzeln.


Während das große Raumschiff in der immer noch heißen Abendsonne stand und seine silberne Außenhaut flirrende Reflexe in den Sand warf, war es im Inneren der Speicherburg weitaus angenehmer.
Ilanyr Alh-Ansha hatte seine Gäste in einen geräumigen Saal geführt, der durch offene Fensternischen und eine Säulengalerie vom Innenhof getrennt war. Wärme drang erstaunlichweise nur wenig durch die offene Konstruktion in die Räume – vielleicht waren das einfach den dicken Mauern geschuldet, die ihrerseits aber wiederum das leise Plätschern des Wasserspiels im Hof nicht wegfilterten.

Future fühlte sich fast wie in eine orientalische Märchenwelt versetzt, während er den Ausführungen seines Gastgebers über die offensichtlich blutige Geschichte Kh'elvarhs folgte. Den rechten Arm um Joan gelegt, die neben ihm saß und sich ein wenig an ihn lehnte, versuchte er sich das Erzählte vorzustellen.
„Die Sechste, Siebte und Achte Epoche waren fast noch schlimmer als die vorangegangenen,“ erklärte der alte Patriarch gerade. „...Unsere Kultur ist alt, und sie ist voll von Blut und Kampf. Sie „Zivilisation“ zu nennen, kommt mir nur schwer über die Lippen, denn meiner Meinung nach sind wir Kh’elvaner sehr unzivilisiert – zu gewalttätig, zu brutal.“
„Euer Volk existiert in einer sehr lebensfeindlichen Umgebung,“ erwiderte Ezella. „Ich will die Gewalt als solche nicht entschuldigen – doch rauhes Leben bedingt oft rauhe Sitten, würde ich sagen...“
„Um so mehr läge echte Kultur in der Verbesserung dieses Zustandes,“ schmunzelte Ilanyr. Er langte nach der Schale mit dem Fladenbrot, die auf dem niedrigen Tisch in der Mitte zwischen ihnen stand, riß für sich selbst ein Stück vom obersten Brotfladen ab und reichte dann die Schale weiter. „Es steht geschrieben, dass die Neunte Epoche anbrechen wird, wenn der Stein von Tēresh zerschlagen wird,“ fuhr er fort. „Es bedeutet eine große Herausforderung für Kh’elvarh, eine schwere Prüfung. Manchmal denke ich fast, dass diese Epoche schon angebrochen ist – so, wie die Zeichen der Zeit im Moment auf Krieg deuten.“
„Die Sagen und Mythen spielen offenbar eine große Rolle auf Kh'elvarh,“ warf Future ein. „Diese Einteilung in Epochen erinnert mich ein wenig an die Etrusker auf meinem Heimatplaneten – ebenfalls eine weit entwickelte Zivilisation, die laut ihrer Legenden und Prophezeihungen nach zwölf solcher Zeitalter in einem anderen Volk aufgehen sollte. Gefasst nahmen sie ihr Schicksal auf sich, als das Ende der Zwölften Epoche nahte, und tatsächlich wurden sie von den Römern besiegt und assimiliert... Ihre Nachfahren wurden Welteroberer.“
Der Patriarch blickte ihn an. „Bei uns stellen die Überlieferungen ebenfalls gelebte Geschichte dar – und doch ist Kh'elvarh vermutlich ganz anders als andere Welten... Andere Völker haben Götter, wir dagegen haben Orakel, die in das Geschehen unseres Planeten eingreifen. Andere Welten haben einen normalen Zeitfluss, wir haben immer wieder kleinere Unterschiede, die für uns so normal sind wie die Existenz der Orakel. Andere Welten haben viele unterschiedliche Klimazonen und deshalb eine Vielfalt an Völkern und Legendenbildungen... Kh'elvarh hat letztendlich nur eine einzige, allesumfassende – die Wüste. Und ihre Bewohner.“ Er holte tief Luft. „Diese Welt lebt sozusagen von innen heraus – aus ihrer starken kulturellen und geschichtlichen Identität, die jeder Kh'elvaner verinnerlicht hat – auch wenn diese mit dem Hereinbrechen der Moderne mehr und mehr in Frage gestellt wird. Die Wurzeln sind trotzdem immer noch sehr stark und sehr, sehr tief.“ Sein Blick wurde ernst. „Selbst in der Politik Kh'elvarhs spielen sie eine prägende Rolle – bis heute.“
"Das Glorreiche Imperium," warf Ezella nachdenklich ein. "Wenn man etwas über Kh'elvarh hört, dann das."
"Die Imperiumsfraktion wird nicht umsonst so genannt," erwiderte Ilanyr. "In der Siebten Epoche beherrschte Kh'elvarh nicht nur seine Nachbarplaneten - von Deneb bis Ayoum war alles unterworfen und tributpflichtig." Er schaute den Marshal an. "Die Zeiten fast unbegrenzter Kriegsmacht sind lange vorbei, aber Kh'elvarh verfügt heutzutage über starke Handelsbeziehungen. Andere Welten, andere Völker sehen das mit Sorge - Deneb mit einbegriffen." Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr: "...Und die Fraktion, der Alh-Seedarh vorsteht, plädiert für ungebremste Exporte und Ausweitung der Einflußsphäre."
"Ein Krieg würde dies zumindest zeitlich verhindern. Oder - nach einem für Kh'elvarh erfolgreichem Ausgang - in großem Umfang erst ermöglichen," gab der Marshal zu bedenken.
Ilanyr seufzte. "Das ist ein Gedanke, der leider nicht abwegig ist. Und auch gleich mehrere Schlussfolgerungen bezüglich des Auslösers zulässt... Eine davon haben wir ja bereits ins Auge gefasst - doch noch kann ich nichts dazu sagen, inwiefern sie tatsächlich zutrifft," entgegnete er. "Kh'elvanische Mühlen, auch meine, mahlen leider langsam."

Future hatte bis hierher schweigend zugehört.
Er überlegte.
Irgend etwas schien sich in seinen Gedanken zu formen, eine Idee...
Während er den Worten ihres Gastgebers lauschte, der inzwischen die diversen Splittergruppen beleuchtete, die das Alte Imperium wieder aufleben lassen wollten, war er sich inzwischen fast sicher, dass die Ursache für den Mord in innerkh'elvanischen Angelegenheiten zu suchen war. Irgendetwas, was der alte Patriarch erwähnt hatte, ließ ihn nicht los... Doch er konnte dieses Gefühl, diese Vermutung nicht in Worte fassen. Und solange der das nicht konnte, musste er jede andere Möglichkeit ebenfalls in Betracht ziehen, egal wie abwegig oder unwahrscheinlich sie auch war.
Er spürte eine innere Unruhe.
Nicht nur, weil ihre Zeit knapp war...
"Curtis...?"
Irritiert blickte er zu Joan, die ihm ein Stück Fladenbrot hinhielt, und sein Blick entspannte sich sofort.
"Danke." Er nahm das Brot entgegen und lächelte sie an.
"Du bist ganz in Gedanken," flüsterte sie so leise, wie sie konnte, um das Gespräch zwischen Ezella und Ilanyr nicht zu stören.

- () -

Am nächsten Vormittag widmete sich Future zusammen mit Simon wieder der Klonierungs-Frage. Seit dem Morgen waren sie deshalb ihre Theorien erneut gemeinsam durchgegangen. Jetzt stand er mit dem Rücken zur Tür, direkt am Labortisch, und redete auf das Gehirn ein, das auf Augenhöhe über den dort aufgebauten Gerätschaften schwebte.
„...Womit wir wieder bei der ersten Option sind,“ warf er gerade ein. „Läuft da draußen irgendwo ein Cashew-Klon herum? Gruselige Vorstellung. Ich denke eher nein, aber ausschließen können wir das nicht.“
Simon wollte in diesem Moment zu einer Antwort ansetzen, als er Joan in der Tür bemerkte.
„Hallo Joan,“ begrüßte er sie, dann wandte er sich wieder den Geräten vor ihm zu.
Future drehte sich um.
Seine Augen strahlten, und er bemerkte die Kaffeetasse gar nicht, die Joan ihm unter die Nase hielt.
„Hi. Ich kann nicht mehr denken vor lauter Datensätzen,“ sagte die blonde Agentin und reichte ihm den Becher. „Magst Du einen Kaffee?“
„Danke. Ich kann auch gut 'ne Pause gebrauchen.“ Er nahm den Becher entgegen, stellte ihn, ohne wirklich hinzusehen, rückwärts auf den Labortisch hinter ihm, schaute Joan an und zog sie an sich, um sie sanft zu küssen.
Das wollte ich schon die ganze Zeit tun, dachte er und schloss die Augen.
Joan, völlig überrascht, ließ ihn gewähren.
Als er sie wieder anblickte, waren seine Augen groß und dunkel.
Sie lächelte.
Schnell griff er mit der Linken nach dem Kaffee, mit der anderen fasste er Joan bei der Hand und zog sie hinaus auf den Gang in Richtung Pantry.
Dort angekommen, hatte das immer noch dampfende Getränk schon wieder das Pech, nicht beachtet zu werden – Future hatte es neben der Spüle der kleinen Bordküche abgestellt, um Joan erneut in die Arme zu nehmen, und diesmal wurde es ein intensiver Kuss, leidenschaftlich und fordernd, und er genoß es, sie zu spüren...
Joan schaute ihn zärtlich an. „Ich liebe Dich,“ flüsterte sie. „Auch wenn Du offensichtlich meinen Kaffee nicht magst.“
„Ich muss Prioritäten setzen,“ erwiderte er und schmunzelte. „Du kommst eindeutig vor dem Kaffee.“ Damit drehte er sich um und griff nach dem Becher.
Die Flüssigkeit darin war immer noch heiss, obwohl Joan, so wie er es mochte, noch einen Schuss Milch obendrauf gegeben hatte, und er trank etwa die Hälfte davon, ohne die Augen von ihr zu lassen, bevor er den Becher wieder absetzte.
„Sehr lecker,“ sagte er. „Darfst Du gerne wieder machen.“
„Macho,“ schimpfte Joan in gespielter Beleidigung.


„Woher, verdammt noch mal, ist das Material...?“ Future tigerte vor dem Labortisch auf und ab. Die Überwachungsaufnahmen, die Otho in Verkleidung aus dem Gästehaus des Regierungspalastes „besorgt“ hatte, boten keinerlei Ansatzpunkte. „Normalerweise beobachtet jemand den Zimmerservice, um in einer ruhigen Minute ein Handtuch vom Wäschewagen zu klauen. Oder besticht gleich die Angestellten.“ Er blieb stehen und blickte Simon an. „Die Aufnahmen lassen aber auf nichts dergleichen schließen.“
„Ich habe mit der Untersuchung der Aufzeichnungen begonnen, bin aber noch nicht fertig. Erst dann wissen wir wirklich, ob sie manipuliert wurden,“ entgegnete das Gehirn.
„Wenn ja, macht sich jemand da aber viel Mühe.“
„Womit wir wieder bei der Frage wären, wer von einem Krieg profitieren würde...“
„Bleiben wir bei der Materialfrage, Simon. Wurden nur einzelne Epidermiszellen erschaffen, damit sie gefunden werden konnten, oder gar Körperteile, oder noch mehr...?“ Future legte den Kopf schief. „Was mich wundert, ist, dass keine verwertbaren Fingerabdrücke gefunden wurden. Wurden sie abgewischt? Oder sind sie erst gar nicht entstanden...?“ Er überlegte. „Wir haben einfach noch zu viele Unbekannte in unserer Gleichung, und dass unser Auftrag inoffiziell ist, macht die Sache nicht leichter...“
„Ich nehme an, dass Du die dritte Möglichkeit nicht vergessen hast, Junge,“ warf Simon ein.
Future warf ihm einen kurzen Blick zu. „Nein. Ich frage mich schon die ganze Zeit, ob es auch Aufzeichnungen aus den Sitzungszimmern des Regierungspalastes gibt. Oder den Gängen davor...“ Er atmete geräuschvoll aus. "Wenn ja, wird es weitaus schwieriger werden, an sie heranzukommen."
"Gesetzt den Fall, dass überhaupt welche existieren.“ Simons elektronische Stimme klang nüchtern.
"...Verdammt." Future ballte die Faust, während er wieder anfing, auf und ab zu gehen. "...Wir kommen einfach nicht weiter," murmelte er verbissen und schüttelte den Kopf, wie um Klarheit zu gewinnen. Er konnte sich nicht konzentrieren, irgendetwas ließ ihn nicht los, immer wieder schweifte sein Denken ab, dann fand er sich im Geiste wieder in Alh-Anshas Büro. Doch was, zum Henker, hatte das mit der Materialfrage zu tun?
Und warum störte es immer wieder seine Überlegungen?
Schließlich blieb er stehen und blickte hoch, wo Simon ihn ungerührt mit seinen elektronischen Teleskopaugen fixierte. Ideen begannen sich in seinen Gedanken zu formieren, und er wollte schon zum Sprechen ansetzen, biß sich im selben Moment jedoch auf die Zunge.
Das war zu...
...verwegen? Oder zu unrealistisch?
Er zwang sich, die beiden Gedanken konsequent zuende zu denken, und blinzelte irritiert.
Halt, stop -
Simon, der geduldig vor ihm verharrt hatte, blickte ihn erwartungsvoll an, doch Future schien es sich plötzlich anders überlegt zu haben. "Sorry, Simon," stieß er hervor und machte auf dem Absatz kehrt. Mit zwei, drei Schritten hatte er die Labortür erreicht und stürmte hindurch.
Nachdenklich schaute das Gehirn ihm hinterher, als die Türflügel sich zischend schon wieder schlossen.

In seiner Kabine angekommen, stürzte Future sich sofort auf seinen Rechner.
Hinter seinem kleinen Schreibtisch verschanzt, den Kopf auf die Linke gestützt, konzentrierte er sich ganz auf die Suchanfragen, die er im Sinn hatte.
Der Bildschirm des Geräts flammte auf, und gleich nachdem er sich authorisiert und die entsprechenden Programme gestartet hatte, stellte er bereits die erste seiner Suchanfragen.
Einige Sekunden, die sich für ihn zur gefühlten Ewigkeit dehnten, blinkte die Suchmaske auf dem Display im Wartemodus, während die Anfrage bearbeitet wurde.
Dann erschien die erwartete Antwort.
"Keine Daten verfügbar."
Ja, sicher. Er lächelte grimmig. Klar sind hier keine Daten verfügbar.
Noch einmal streckte er sich, dann begannen seine Finger über die Tastatur zu fliegen.
Anderswo aber wahrscheinlich schon. Und ich habe auch schon eine Idee, wo...


Nach einem kurzen Mittagessen hielten Simon und Future Kriegsrat im Mannschaftraum.
Das Gehirn hatte die Zeit dazu benutzt, zusammen mit Grag und Joan die Klonregistrierungsdatenauswertung voranzutreiben, in dem er die vorgefilterten Daten weiteren analytischen Einengungen unterziehen ließ. Weit waren sie allerdings wirklich noch nicht gekommen. Brauchbare Ergebnisse ließen nach wie vor auf sich warten, bislang hatten sie noch keinen einzigen Treffer gelandet, und die zu überprüfende Datenrestmenge war immer noch groß.
Futures gute Laune, die daher gerührt hatte, dass seine Recherche von vorhin Aspekte aufgezeigt hatte, die in seinen Augen vielleicht noch nützen konnten, war schon längst verflogen.
Simon dagegen blieb nüchtern wie immer.
"...und was meinst Du, Junge...?"
Future stützte müde den Kopf auf. "Dieses Gewirr aus politischen Animositäten, Simon..." erwiderte er und atmete hörbar aus. "Die Wahrscheinlichkeit, dass der Grund für den Mord in den innerpolitischen Querelen dieses Volkes zu suchen ist, ist hoch... und trotzdem bin ich mir unsicher."
Das Gehirn schwebe näher, verharrte in etwa knapp über Augenhöhe und fixierte seinen Gegenüber mit seinen photoelektrischen Sensoren. "Die Klon-Spur ist jedenfalls mager," bemerkte er. "Bislang haben wir nicht viel."
"Genau das macht mir Sorgen." Future blickte hoch. "Einerseits sind uns die Hände gebunden, andererseits läuft uns die Zeit davon." Er holte tief Luft. "Und dass wir so rein gar nichts von Cashew hören... ist für mich auch kein gutes Zeichen."
Simon antwortete nicht.
"Wir können nur weiter machen," resümierte Future währenddessen. "Breiter gestreut suchen... Obwohl ich nicht so recht weiß, wohin das führen soll. Aber es ist unsere einzige Chance." Nachdenklich betrachtete er die leere Kaffeetasse vor sich und drehte und wendete sie, bevor er sie wieder auf der Tischplatte abstellte. Einen kurzen Moment blieb er so sitzen, dann gab er sich einen Ruck und stand auf.
"Mach' Du ruhig schon weiter - ich komme gleich nach..." Mit diesen Worten ging er zur Tür.
"...Falls Du Joan suchst - sie ist mit Otho im Labor," rief ihm das Gehirn hinterher, als sich die Tür schon zischend öffnete.
"Danke..." Future drehte sich um und grinste. "Aber ausnahmsweise habe ich mal etwas anderes im Sinn," fügte er noch hinzu, als sich die Tür schon mit dem gleichen Geräusch hinter ihm schloss.
Simon verharrte eine Weile regungslos und blickte ihm nach, dann wandte er sich um und schwebte in Richtung Labor davon.

Als Future eine knappe Viertelstunde später das Labor betrat, fand er dort Ezella, Joan und seine gesamte Mannschaft vor. Ezella und Joan widmeten sich immer noch dem verbliebenen Rest der Datenauswertung, während das Gehirn offensichtlich seinen eigenen Gedankengängen nachging und vor dem anderen Bildschirm irgendwelche Zahlenreihen abrief; um ihrer Rasterdatenfahndung noch zusätzliche Informationsaspekte abzugewinnen. Grag und Otho, die sich im Hintergrund hielten, waren wie üblich am Streiten.
Sein Eintreten bescherte ihm jedoch volle Aufmerksamkeit, und alle verstummten.

"Ich habe eben noch einmal ein bischen herumgehört," begann er. "...Und unter anderem habe ich mit Ilanyr gesprochen." Er blickte Joan und Ezella an. "Wir haben ja immer noch keinerlei Informationen über etwaige kh'elvanische Klonforschungen - und laut unserem Kontakt ist es unmöglich, auf offiziellem Wege daran zu kommen."
Otho schaute ihn erwartungsvoll an und grinste. "Und inoffiziell...?"
"Das ist genau der Punkt, über den wir sprechen müssen," gab Future zurück, doch er blieb ernst, und seine Stimme klang erschreckend nüchtern. "Wenn wir uns hier Klarheit verschaffen wollen, werden wir genau das tun müssen - in das kh'elvanische Ministerium für Technologie, Forschung und Wissenschaft einzubrechen und uns die Daten selber holen," führte er seinen Satz zuende. "Ihr könnt Euch alle sicherlich vorstellen, was passiert, wenn wir dabei erwischt werden..."
"Das möchte ich mir lieber gar nicht ausmalen," brummelte Ezella kopfschüttelnd.
"Ich auch nicht." Future ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen. "Deshalb brauchen wir einen guten Schlachtplan. Oder hat jemand von Euch eine andere Idee...?"
Stille.

"...Das ist sehr riskant," ließ sich Simon schließlich vernehmen. "Aber ehrlich gesagt - sehe ich auch keine andere Möglichkeit." Seine Linsenaugen fixierten Future einen Moment lang, als wolle er noch etwas hinzufügen, doch er blieb stumm.
"Dann... an die Arbeit," entgegnete Future.

Während der Rest der Anwesenden durcheinander redete, schwebte das Gehirn heran. "Und was hast Du noch herausgefunden?" fragte es so leise, dass die anderen es nicht hören konnten.
"Nichts besonderes," gab Future ebenso leise zurück. "Eine Spinnerei, der ich nachgehen wollte, aber ich muss auf die Antwort warten."

Im Anschluss hatten sie die Zusammensetzung der einzelnen Teams bestimmt, die für diesen Einsatz nötig waren - Otho würde mit Future zusammen vor Ort in das Ministerium eindringen, Ezella und Joan würden die Fahrer der Fluchtfahrzeuge darstellen, wärend Grag und Simon die Beschaffung der notwendigen Gleiter regelten, bevor sie die COMET zurück zum Deneb fliegen sollten - konnte das große Raumschiff doch seit ihrem Besuch mit ihnen in Verbindung gebracht werden, und das letzte, was bei einem eventuelle Auffliegen der Mission noch fehlte, wären Hinweise auf einen Zusammenhang  der Angelegenheit mit Senator Ilanyr Alh-Ansha...

Grag und Simon waren daraufhin sofort nach Tabractē aufgebrochen, der nächstgrößeren kh'elvanischen Stadt.
Future hatte sich währenddessen im Labor verschanzt und alle anderen 'rausgeschickt. Bevor die Mission "Einbruch" starten konnte, würden er und Simon noch eine Menge vorzubereiten haben, und er wollte schon einmal damit anfangen.

Wenn sie nicht erwischt werden wollten - und das war die Grundvoraussetzung für die ganze Aktion - dann durften sie nicht nur keinerlei Spuren hinterlassen, sondern mussten auch praktisch unsichtbar sein, denn eines war sicher: Das Ministerium wurde überwacht. Also mussten sie Maßnahmen treffen, um normalen bildgebenden Verfahren (also Überwachungskameras), Infrarot-Verfahren (Temperaturdifferenz), Materie-Scanner (Radar- und Röntgenstrahlung, Sonar) und Detektoren jeglicher Art für elektromagnetische Felder zu entgehen...  keine leichte Aufgabe, aber er hatte eine Idee gehabt, die Simon sofort eingeleuchtet hatte. Damit konnte es funktionieren, dachte er. Allerdings musste er die Geräte noch modifizieren, um die elektromagnetischen Wellen zu dämpfen und so anpassen, dass sich ihre Wirkung nicht gegenseitig behinderte, und in zweifacher Ausführung bereitstellen.
So ausgerüstet, mussten sie dann den Einbruch wagen...

Er schüttelte über sich selbst den Kopf.
Einbrechen in eine Behörde eines fremden Staates, der den eigenen eines politisch motivierten Mordes verdächtigte... Inmitten von angespannten Verhandlungen, die kurz vor dem Scheitern standen, so dass sich die Möglichkeit eines Krieges klar und deutlich am Horizont abzeichnete...?
Er musste völlig verrückt geworden sein, soviel stand fest.
Schulterzuckend wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

Bis zum frühen Abend hatte er zusammen mit Simon die Tarngeräte für ihre Einbruchsmission modifiziert und fertiggestellt.
Alles war bereit: Von zwei unauffälligen Gleitern gängigen Typs und einem ausgedienten kleinen Schiff für den Rückflug nach Deneb bis hin zu der Route, die sie nehmen würden, den Raumplänen des Ministeriums, die sie, ganz ohne Alh-Anshas Hilfe in Anspruch zu nehmen, beschafft und ausbaldowert hatten, von Notfallmaßnahmen im Falle des Versagens ihrer Tarnvorrichtung oder der Entdeckung durch ihnen bislang unbekannte Methoden bis hin zu alternativen Fluchtwegen und abhörsicheren Kommunikationsmöglichkeiten, falls noch mehr als vorausgesehen schief gehen sollte.

Joan und Ezella hatten den Nachmittag genutzt, um sich mit den Fahrzeugen vertraut zu machen, ihre Rollen einzustudieren und ihren Fahrtweg zu verinnerlichen.
Ohto hatte seinen Part der Aktion bereits in- und auswendig gelernt; er fieberte dem Einsatz förmlich entgegen - sein sprunghaftes Naturell liebte eigentlich das Risiko, doch wusste er, wie vorsichtig er würde sein müssen, um die ganze Sache sicher und gefahrlos durchzuziehen; also versuchte er, gelassen zu bleiben.

Future hatte sich in die selten benutzte Krankenstation der COMET zurückgezogen. Noch einmal ging er dort, so ruhig er konnte, die Pläne des Ministeriums systematisch durch, immer wieder und wieder. Er würde seinen Weg im Schlaf finden müssen, sagte er sich, da einfach zu viel davon abhing, ob sie aufflogen oder nicht...
Einiges hing vom Erfolg ihrer Mission ab, die eigentlich nur einen lächerlichen Einbruch darstellte. Allerdings unter absurden Bedingungen.
Die möglichen Konsequenzen lasteten schwer auf seinen Gedanken.
Und sie würden nicht nur ihn treffen...
Er mochte gar nicht daran denken.

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(6) Kh'eddeysh - Ausgestoßener (von kh'elvanisch "kh'eddiye-eyresh", kh'eddiya-los, als 'ohne Kh'eddiya', und ohne Kh'eddiya sind nur diejenigen, die von ihrem Stamm verstoßen wurden, d. h. denen das Recht aberkannt wurde, das Kh'eddiya ihres Stammes zu tragen)

(7) Sandseeker, große waranähnliche Echse, erreicht in etwa die doppelte Größe eines irdischen Krokodils - eines der gefürchtetsten Raubtiere Kh'elvarhs
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