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[Captain Future]  Boundaries No More

von cortez11
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P18
09.08.2013
18.03.2014
7
21.517
 
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09.08.2013 2.838
 
Einblicke

Alassat, die Hauptstadt Kh’elvarhs, schien einem bizarren orientalischen Märchen entsprungen zu sein, dachte Future, als er den Raumgleiter vorsichtig in die Nähe der Siedlung steuerte.
Dieser Eindruck sollte sich zunächst bestätigen, nachdem sie in einer stillen Seitenstraße gelandet waren und er und Ezella schließlich, mit den landesüblichen weiten Gewändern versehen, unter die Menge gemischt hatte. Die verschiedensten Gerüche zogen ihnen entgegen, lautes Stimmengewirr, das sie nicht verstehen konnten, außerdem schienen die Bewohner dieser Stadt bei allem, was sie taten und sagten, heftig und ausladend zu gestikulieren.
Zunächst ließen sie sich treiben von der Strömung der immer dichter werdenen Menschenmassen, die die Besucher, Fremden, Müßiggänger, Händler und Geschäftsleute mal hierhin, mal dorthin zog. Die Kapuzen tief über die Stirn gezogen, schienen sie nicht aufzufallen im allgemeinen Gedränge. Allerdings machte ihnen die mörderische Hitze bald zu schaffen, und schnell fühlte Future sich trotz der kühlenden Funktion seiner Rüstung verschwitzt und klebrig.

Ihr Weg hatte sie, ohne dass es ihnen bewusst geworden war, in Richtung des Amüsierviertels der Stadt geführt, wo die Straßen besonders eng und die Menge – Kh’elvaner und auch Angehörige anderer Rassen – besonders dicht war. Das war insofern kein Unglück, als dass sie ihren Kontakt, von dem sie nur wussten, dass er oder sie „Shir arh-Kh’aneya“ hieß, in einem Club namens „Licht der Wüste“ treffen sollten.
Grell und blinkend hob sich die Reklame verschiedenster Bars, Nachtclubs und anderer Etablissements gegen den langsam dunkler werdenden Himmel ab. Warmes, orangefarbenes Licht drang aus gewölbten Eingängen und Fensterbögen, Stimmengewirr, das Klirren von Gläsern, teilweise auch pulsierende fremdartige Musik.
Vor einem dieser Bars blieb Future schließlich stehen, angezogen von den wirbelnden Klängen einer Trommel, zu der sich eine fast nackte Tänzerin bewegte, verfolgt von den begehrlichen Blicken der überwiegend männlichen Besucher.
Unwillkürlich streifte er die Kapuze nach hinten, die ihm lästig geworden war, und lehnte sich gegen einen der Pfeiler, um ihr zuzusehen.
In Ezellas Gesicht machte sich ein genüssliches Schmunzeln breit. „Na, Captain, Sie werden doch wohl jetzt nicht untreu werden wollen?“ fragte er von hinten und legte Future die Hand auf die Schulter.
„Ezella.“ Futures Stimme klang gespielt-vorwurfsvoll. „...Für was halten Sie mich eigentlich...?“ Er schüttelte belustigt den Kopf und blickte den Marshall an.
„Hm...“ Der Marshall kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Ich weiss nicht so recht – ich glaube, ich behalte das besser für mich. Eigentlich wollte ich heute noch einen gemütlichen ruhigen Abend haben...“
Future lachte und wandte sich wieder dem Geschehen vor ihm zu. Irgendetwas an dem Mädchen, das da tanzte, kam ihm vertraut vor, zog ihn in ihren Bann. Nachdenklich studierte er ihre Bewegungen, ihr Gesicht, die geschwungene Form ihres Körpers, ihre schwarzen Augen, die durch dunkles Makeup noch betont wurden. Wer war sie bloß? Und an wen erinnerte sie ihn?
Ein Gedanke schien sich zögernd in seinen Überlegungen zu formen. ...Loona?
Wäre es nicht so abwegig, die Professorin für denebische Kulturgeschichte ausgerechnet hier anzutreffen, so hätte er fast geglaubt, seine alte Bekannte Loona La Luz, die Sinn für solch ausgefallene Abenteuer hatte, in der Tänzerin wiederzuerkennen. Aber sie konnte es nicht sein.
Er ließ seinen Blick über die Menge schweifen. Weiter im Hintergrund des Lokals war ein Barkeeper damit beschäftigt, aus verschiedenen Flaschen mit teils seltsam gefärbtem Inhalt seine Drinks zusammenzumischen. Einen Moment lang überlegte er, ob er hineingehen sollte, um etwas zu trinken, aber der Gedanke an die Wirkung des Alkohols in der Hitze hielt ihn dann doch davon ab. Es war wohl besser, weiterzugehen und ihren Treffpunkt zu suchen.
Er stülpte die Kapuze wieder über und machte Ezella ein Zeichen. Wenig später hatten sich wieder unter die Menge gemischt, ließen sich treiben vom Strom der Besucher und Müßiggänger, von einer Bar zur nächsten.

Das „Licht der Wüste“, Noor alh-Kh’anarh, entpuppte sich als Spelunke vom gleichen Schlage der anderen Etablissements, an denen sie bislang vorbeigekommen waren. Auch hier gab es Tänzerinnen, die das Publikum in Atem hielten, doch diesmal begnügten sie sich nicht damit, draußen stehen zu bleiben und von dort aus zuzuschauen, sondern gingen hinein und orderten schließlich ein fruchtsaftähnliches Getränk, das entfernt an Grapefruitnektar erinnerte und genauso gelblich im Glase schimmerte wie der Saft der ihnen bekannten Frucht.
„Das ist Kyassit,“ hörte Future eine Stimme links hinter sich sagen.
Langsam drehten beide sich um.

Futures Blick fiel auf einen jungen Kh’elvaner, der wie viele der anderen Anwesenden eines dieser langen orientalischen Gewänder trug. Langsam schlug der Fremde die Kapuze zurück, so dass man sein Gesicht erkennen konnte, dabei blitzte an seiner Hand ein Ring auf, dessen dunkler Stein in der Mitte mit dem Abbild einer silbernen Schlange umgeben war – genauso, wie Barnings es ihnen beschrieben hatte.
„Ich bin Shir,“ begann er, „Shir arh-Kh’aneya. Und Sie müssen Captain Future und Ezella Guerney sein.“ Er hatte sich der Sprache der Föderation bedient, sonst hätten sie ihn nicht verstehen können.
Der Marshall nickte und schüttelte ihm die Hand. Futures Blick hatte währenddessen die Gesichter der Umstehenden überflogen, die in keiner Weise verrieten, dass sie an dem sich nun anbahnenden Gespräch in irgend einer Art und Weise interessiert schienen. Beruhigt begrüßte jetzt auch er seinen Gegenüber und stellte sich vor.
Arh-Kh’aneya hatte jedoch verstanden. „Hier werden wir nicht auffallen – wenn wir uns einfach ganz normal verhalten, irgendwo hinsetzen, miteinander reden.“ Er deutete auf das Getränk in Ezellas Glas. „Kyassit wird aus der Kyassa-Frucht gewonnen, die, auf irdische Maßstäbe bezogen, auf einer Art Kaktus gedeiht.“
„Jedenfalls schmeckt es.“ Der Marshall lächelte zurück. „Sie müssen derjenige sein, der uns einen Kontakt zum Hohen Rat verschaffen kann.“
Arh-Kh’aneya zog beide ein wenig vom Bartresen weg. „Der bin ich.“
Sie folgten ihm zu einem Tisch, der recht nahe an der Tanzfläche stand, und setzten sich. Hier war die Musik so laut, dass garantiert keiner der Anwesenden an den Nachbartischen mehr als nur ein paar unverständliche Wortfetzen mitbekommen konnte.

Der Kh’elvaner beugte sich ein wenig vor. „Der beste Ansprechpartner für Sie – in dieser besagten Sache – wäre Ilanyrh alh-Ansha, der Herr der Oase Alh-Ansha. Er zählt zu denjenigen im Hohen Rat, die auf Mäßigung dringen und einen Krieg mit allen Mitteln vermeiden möchte.“
Future ließ die Worte des Kh'elvaners auf sich wirken. „Wie und wo können wir ihn am besten kontaktieren?“
„Ich habe mir erlaubt, das zu arrangieren,“ erwiderte sein Gegenüber. „Nach allem, was man so hört, scheint Zeit etwas zu sein, das in dieser Angelegenheit durchaus eine Rolle spielt, Captain.“
Future, bei dem alle Alarmglocken schrillten, versuchte, gelassen zu klingen. „...Was hört man den so?“ fragte er scheinbar beiläufig und ignorierte den Blick, den Ezella ihm zuwarf.
„Die kh'elvanischen Medien berichten von 'unvorhergesehenen Schwierigkeiten', die während der Verhandlungen aufgetreten sein sollen – was immer das auch heißen mag... “ Gespannt blickte er vom Captain zu dem Marshall, als könnte er in ihren Gesichtern lesen. „Sie beide jedoch wissen offensichtlich mehr,“ fügte er trocken hinzu. „Darf man vielleicht – “
Im gleichen Moment unterbrach er sich selbst, schüttelte den Kopf. „Nein,“ führte er seinen eben begonnenen Satz zuende, „man darf nicht... Ich weiss, dass das nicht geht.“ Er atmete geräuschvoll die Luft aus, die er unwillkürlich angehalten hatte. „Ich bin nur neugierig. Wir alle von der kh'elvanischen Friedensbewegung sind gespannt auf den Ausgang der Verhandlungen – es hängt viel davon ab für unsere Welt. Krieg würde mehr zerstören, als man sich außerhalb Kh'elvarhs vorstellen mag.“
Danke, dachte Future. Das ist das, was ich hören wollte. Laut dagegen entgegnete er: „Auf Föderationsseite denkt man ähnlich – zumindest das kann ich Ihnen versichern.“
Arh-Khaneya wirkte nachdenklich. „Dann sind wir wenigstens nicht ganz alleine,“ sagte er.

Future Augen hefteten sich wieder auf die Tänzerin, die sich mit abwechselnd wirbelnden Drehungen und dann wieder langsamen, lasziven Bewegungen im Takt der fremdartigen Musik bewegte. Der Kh’elvaner folgte den Augen seines Gegenübers und musste grinsen, dabei entblößte er ein Paar strahlend weißer Reißzähne.
„Ich glaube, Sie haben eine Eroberung gemacht...“ Er bewegte kurz den Kopf in Richtung der Tänzerin, deren Blicke trotz der immer wieder wechselnden Folgen von Tanzschritten stets auf dem Fremdling ruhten.
Ezella schmunzelte. „Hoffentlich kann Future auch Alh-Ansha für sich einnehmen – oder besser, für unsere Sache.“
„Ich wünsche Ihnen beiden viel Glück,“ erwiderte der Kh'elvaner. „Ilanyr Alh-Ansha ist zwar das, was man einen „alten Patriarchen“ nennen würde, und ein mißtrauischer alter Fuchs. Ich bin mir aber ziemlich sicher, daß Sie bei ihm Unterstützung finden werden – er ist jemand, der beharrlich für den Frieden eintritt. Wenn jemand für das moderne, das offene und friedliche Kh'elvarh steht, dann er.“ Er nickte der Tänzerin zu, die nun vor ihrem Tisch angekommen war.
„Alle notwendigen Daten habe ich für Sie aufgezeichnet, Captain,“ fuhr er fort und drückte Future eine Art Chip aus Plastometall in die Hand. „Ilanyr alh-Ansha weiß ja bereits, dass Sie auf ihn zukommen werden.“
Future ließ den Chip, der fast genauso wie die kh’elvanischen Münzen aussah, unauffällig in den Falten seines Gewandes verschwinden.
„Nicht verwechseln,“ raunte ihm der Kh’elvaner noch zu, bevor er aufstand, mit einer schnellen Bewegung der hübschen Tänzerin ein ähnlich aussehendes Metallstück unter den Halter ihres ziemlich spärlich ausgefallenen BHs schob und in der Menge verschwand.

- () -

Die Sonne war fast untergegangen, als Ilanyr alh-Ansha sich in seinem Sessel in seinem Büro im Außenflügel des Ratsgebäudes zurücklehnte und die verspannten Schultern streckte. Hoffentlich würde niemand seine Besucher bemerken... Er hatte seinen Mitarbeitern Anweisung gegeben, nicht gestört zu werden, und zu dieser späten Stunde war sowieso der größte Teil seines Stabes schon auf dem Heimweg.

Die Ratssitzung war anstrengend gewesen. Stundenlang hatten sie über die kh'elvanische Position in der Frage um den Felsenplaneten debattiert, immer wieder unterbrochen von Einwürfen zum Stand der Ermittlungen und vereinzelten Aufrufen zu Racheaktionen.
Er war erschrocken gewesen, erschrocken über die Offenheit, mit der die Imperiumspartei ihre Forderungen inzwischen vorbrachte, und über das offenkundige Zögern, mit dem der Rat diese Einwürfe abwies. Warum konnte niemand die Sache betrachten als das, was sie wirklich war – ein politisch motivierter Mord?
Die Ränke und Eifersüchteleien der Imperiumspartei waren ihm schon lange zuwider, wusste er doch, dass Kh’elvarh seinen Weg aus der selbstgewählten Isolation nur dann finden konnte, wenn es seinen Nachbarn und Handelspartnern friedfertig begegnete. Die Glorreichen Tage des Alten Reiches waren vorbei, unwiderruflich vorüber, weit entfernte Vergangenheit... Der Staat Kh’elvarh, das einstige Imperium, war erwachsen geworden, hatte es auch scheinbar an Macht verloren – doch wahre Stärke lag nicht in territorialer Expansion, davon war er überzeugt. Kh'elvarhs Stärke lag in der uralten, hochentwickelten Kultur, dem Technologievorsprung, der Zähigkeit seiner Staatsbürger, die sich durch lange Jahrhunderte und viele blutige Kriege schließlich ein halbwegs zivilisiertes und friedliches Leben erkämpft hatten.
Die Anhänger der Imperiumspartei schienen nicht zu wissen, was sie aufs Spiel setzten...

Er dagegen schon. Eine gute Stunde später hatte sich zwischen ihm und seinen beiden heimlichen Besuchern bereits ein lebhaftes Gespräch entspannt.

„Ich hoffe sehr, dass Ihre Untersuchungen erfolgreich sind,“ sagte er gerade und schaute seinen Gegenüber an. Ihm war bewusst, dass diese Unterhaltung, sollte sie an die Öffentlichkeit dringen, ihn in ernsthafte Schwierigkeiten bringen konnte, doch er hatte seine Entscheidung bereits getroffen.
„Ihr Wort in Gottes Ohr...“ gab Future zurück. „Wenn es keinen Krieg gibt, dann ist, glaube ich, beiden Seiten geholfen, sowohl Kh'elvarh als auch der Föderation.“
Ilanyr Alh-Ansha holte tief Luft. „Wenn es darum geht, einen Krieg zu vermeiden, sind wir schon Zwei,“ entgegnete er. „Sie rennen bei mir offene Türen ein, Captain. Wenn ich Sie in irgend einer Weise unterstützen kann, dann tue ich das gerne...“ Sein Blick war offen und ehrlich, als er seinen Gegenüber anschaute.
„Ich danke Ihnen,“ erwiderte Future. Er war versucht, diesen Vertrauensvorschuss Alh-Anshas auch seinerseits zurückzugeben, doch er zögerte unwillkürlich einen Moment. Wie weit konnte er seinem Gegenüber, einem Ratsmitglied einer fremden, vielleicht feindlichen Regierung wirklich trauen...?
Doch was blieb ihm eigentlich anderes übrig?
...Ich hasse Politik,
dachte er.
Ruhig fixierte er den Kh'elvaner. „Es scheint mir offensichtlich, dass irgendwelche Kräfte im Spiel sind, die diesen Krieg wollen,“ begann er schließlich, „doch wer oder was diese Kräfte sind, das müssen wir herausfinden, und so, wie es im Moment aussieht, wird das nicht einfach.“
Die Augen des alten Patriarchen blitzten auf. „Ich zähle zu den gemäßigteren Stimmen im Hohen Rat – einer Minderheit leider, im Gegensatz zu den regierenden Traditionalisten um Alh-Seedarh, der nicht nur handelspolitisch zu den Hardlinern zählt...“
Future blickte ihn an. „Alh-Seedarh? Der Kopf der Imperiumspartei?“
„Sie sind gut informiert.“ Alh-Ansha nickte. „Er ist in jeder Hinsicht gefährlich,“ fuhr der Kh’elvaner fort, „nicht nur, weil er zur Imperiumsfraktion zählt. Es gehen Gerüchte um, dass eine radikale Splittergruppe den Glanz des Alten Reiches, des Kh’elvanischen Imperiums, zur Not auch mit aggressiver Expansionspolitik wiederbeleben möchte...“
„...und Alh-Seedarh hat zufälligerweise gute Kontakte zu dieser Gruppierung?“ führte Future den Satz seines Gegenübers zuende. Bingo.
„Offiziell konnte man es ihm bislang nicht nachweisen,“ erwiderte Alh-Ansha mit einem bitteren Schmunzeln. „Inoffiziell jedoch... sagen wir es mal so – für jeden, der sich mit den tieferen Details der kh'elvanischen Innenpolitik befasst, wäre eine solche Verbindung durchaus nicht abwegig.“ Er seufzte.
Willkommen im Wespennest, dachte Future. Vielleicht lagen die Ursachen für ihr Problem ja doch in den innerpolitischen Querelen dieses seltsamen Volkes?
"'Die Söhne der Wüste'." Der Kh'elvaner ließ sich die Worte auf der Zunge zergehen. "In Zeiten wie diesen finden solche Gruppierungen leider Zulauf... zu glorreich sind die Erinnerungen an die Alten Tage. Ihr Einfluss wächst." Er blickte seine beiden Besucher an. "Ich will mich gerne umhören, kann Ihnen aber nichts versprechen. Es ist eine Vermutung, wenn auch eine naheliegende – und Alh-Seedarh weiß sehr wohl, was er tut und wie weit er gehen kann."
"Danke." Future erwiderte den Blick. Ihm war sehr wohl bewusst, was sein Gegenüber da für sie tat, wie groß sein Entgegenkommen tatsächlich war und in welche Gefahr er sich begab. Doch er vermeinte zu spüren, dass dem alten Patriarchen an der Sache wirklich gelegen war... Einer, der seinen Auftrag ernst nahm.
Gäbe es doch nur mehr davon.

- () -

Nach ihrem Gespräch mit Harbinger traf sich Joan mit Otho in der Cafeteria der Mensa.
Der Androide wirkte irgendwie erschlagen. „Joan, ich brauche dringend Kaffee,“ stöhnte er. „Am besten ganz viel davon.“ Zielstrebig steuerte er auf die Schlange vor dem Kaffeeautomat zu und reihte sich in die Menge der Wartenden ein.
Joan, die ihm gefolgt war, lachte. „Waren Deine Nachforschungen so – absorbierend...?“
Der Androide rollte genervt mit den Augen. „Ich habe mich durch pfundweise Daten von Forschungsregistrierungen gewühlt,“ erwiderte er. „Genau wie Simon es vorausgesagt hat: Alles, aber auch wirklich alles muss registriert werden, was irgendwie in die Richtung 'therapethisches Klonen von vernunftbegabten Lebewesen' geht.“ Er blickte die Agentin an. „Ich habe eine Übersicht aller registrierten Forschungsaktivitäten der vergangenen fünf Jahre erstellt... doch soweit meine Wenigkeit das beurteilen kann, was ich nicht glaube, ist nichts dabei, was auch im Entferntesten für uns in Frage käme – Curtis und Simon werden jede Menge 'Spaß' damit haben, wette ich, wenn sie die einzelnen Daten durchgehen. ...Und wie sieht es bei Dir aus?“
„Eigentlich auch nichts.“ Joan rief sich die Unterhaltung in Erinnerung. „Harbinger sieht keinen, oder wenn überhaupt, dann nur einen unerheblichen Anstieg in der Verwicklung gentherapeuthischer Verfahren in die Aufklärung von Kriminal- und sonstigen Todesfällen, was deren Vorkommen als Ursache oder Tatbestand betrifft... Aber - “
Sie blickte den Androiden an und machte eine entsprechende Kopfbewegung. „Otho, Du bist dran.“
„Wie... “ Otho drehte sich um. „Ach so - “ Er drückte die entsprechende Taste am Kaffee-Synthesizer. „Was magst Du? Double Choc Cappucino?“
„Ja, bitte... “

Kurze Zeit später hielten sie beide ihr Getränk in der Hand und bahnten sich einen Weg an den nächsten freien Tisch, was gar nicht so einfach war.
„Harbinger schätzt die Dunkelziffer auf 5 %,“ vollendete Joan ihren Satz von vorhin und stellte ihre Tasse ab.
„...Dunkelziffer?“
„Unregistrierte Klonaktivitäten. Provisorische illegale Labors. Oder nicht aufgedeckte Fälle, in denen z. B. die Todesursache anderweitig angegeben war und keine Autopsie angefordert wurde.“ Joan nippte nachdenklich an ihrem Cappucino. „Auch wenn fünf Prozent nach 'nicht viel' klingt – bezogen auf das Sonnensystem, gleicht das einer Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen.“ Schließlich stellte sie die Tasse ab, lehnte sie sich zurück und streckte die verspannten Schultern. „Aber es war gut, mal wieder mit 'good old Harbinger' zu reden.“
Otho wusste, dass Joan bei ihm Vorlesungen belegt hatte, und schmunzelte. Dann wurde er wieder ernst. „A-propos reden... Hast Du irgendetwas von Curtis gehört?“
„Nein. Bei mir hat er sich nicht gemeldet.“ Ihre Antwort klang ein bischen enttäuscht.
„Bei mir auch nicht.“ Der Androide überlegte. „...Was eigentlich können wir hier vor Ort noch in Erfahrung bringen?“
Joans Augen leuchteten auf. „Ehrlich gesagt – wenig. Für die ganze online-Recherchearbeit ist es sowieso völlig egal, wo wir und befinden – das ist von der COMET aus bequemer und auch viel sicherer, oder was denkst Du...?“
Der Androide leerte den Rest in seinem Becher in einem Zug und grinste. „Genau das habe ich auch gedacht.“
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