Der Junge mit der Gitarre

von Ylvi
KurzgeschichteRomanze, Angst / P12 Slash
05.08.2013
28.03.2014
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Der Junge mit der Gitarre


Seine Finger an den Saiten waren schnell und geschickt, während er Akkorde wechselte und Töne zupfte. Wie lang er wohl geübt hatte, um das zu können? Ob ihm seine Finger irgendwann wehtaten?
Wenn, dann konnte man nichts davon sehen. Sein Gesicht trug einen Ausdruck sanfter Sehnsucht und seine Stimme war tief und angenehm und… samtig. Irgendwie. Wenn das möglich war, was Stimmen anging.
Er saß auf einem der Sessel, um ihn herum eine Gruppe Freunde, die meisten davon Mädchen, die ihm bewundernde Blicke zuwarfen und mit verzückten Mienen seiner Version von ‚You are my sunshine’ lauschten. Ein richtiger Herzensbrecher, das sah man schon auf den ersten Blick. Auch wenn er nicht den Eindruck machte, als sei das seine Absicht. Er war versunken in die Musik, die er viel mehr zu lieben schien als sein Publikum.
Er lächelte ein bisschen und ließ die Gitarre klingen, während er seinen Blick im Raum schweifen ließ. Warme dunkle Augen schauten aus einem hübschen Gesicht hervor. Volle Lippen, eine gerade Nase und ein Kopf voller dunkler Locken. Niedlich.
Dan konnte seinen Blick nicht von ihm wenden. Er war bei weitem das Interessanteste im Raum, auf dieser Party… Schwer vorstellbar, dass es irgendwo etwas gab, das er jetzt lieber angeschaut hätte, als den Jungen mit der Gitarre, der gerade zur letzten Strophe ansetzte.
You’ll never know, dear, how much I love you.
Er schaute Dan an und seine Augen, die vorher noch durch den Raum geschweift waren, schienen sein Gesicht abzutasten. Dan wusste, es sollte ihm peinlich sein, beim Starren ertappt worden zu sein, aber seltsamerweise war es das nicht.
Please don’t take my sunshine away.
Der letzte Ton verklang und sein Publikum klatschte. Die Mädchen fragten ihn irgendetwas, womöglich äußersten sie einen Liedwunsch oder ihre Bewunderung, oder beides. Keine davon schien seine feste Freundin zu sein. Wenn, wäre sie wohl ein glückliches Mädchen. Dan stellte sich vor, wie es wohl war, wenn man solche Liebeslieder vorgespielt bekam, von jemandem mit so liebevollen Augen und solch sanftem Lächeln, mit so wunderschöner Stimme und er jedes Wort, das er sang auch so meinte. Es versetzte ihm einen Stich im Magen.
Im Prinzip kümmerte er sich nicht groß um Romantik. Die meisten Typen, die mit ihm ausgingen, taten es im Geheimen und nicht mit der Absicht, eine feste Beziehung anzufangen. Nicht, dass Dan irgendetwas Exklusives festlegen wollte. Zumindest mit keinem, dem er bis jetzt begegnet war.
Das schloss sein Date ein. Tyler Callohane. Ein Footballer aus seiner Highschool. Der sich mit ihm normalerweise nicht in der Öffentlichkeit sehen ließ. Zumindest in keiner Öffentlichkeit, in der einer von ihnen erkannt werden konnte.
Hier war das anders. Es war eine Party auf einer Privatschule, ein Internat, das zwei Stunden Autofahrt von ihrem Heimatort entfernt war. Tyler kannte irgendjemanden hier. Wahrscheinlich irgendein Typ, mit dem er schon einmal etwas gehabt hatte.
Dan war das ziemlich egal. Er ging gern aus und lernte gerne Leute kennen. Er hätte es als schmeichelhaft empfunden, von Tyler gefragt worden zu sein, aber er wusste, dass sich sein Date etwas davon erwartete, ihn zwei Stunden lang zu dieser Party kutschiert zu haben.
Entweder er wollte hier jemanden flachlegen (es war eine reine Jungenschule - da gab es also Auswahl) oder (was wahrscheinlicher war), er wollte Dan flachlegen. Oder von Dan flachgelegt werden.
„Hier, ich hab dir nen Drink besorgt.“ Tyler drückte ihn einen Becher mit einem undefinierbaren Getränk in die Hand, an dem Dan vorsichtshalber roch, bevor er es probierte. Süß, mit Alkohol. Näher ließ sich das nicht wirklich bestimmen.
„Danke“, sagte er, mehr der Höflichkeit halber und nahm einen großen Schluck, um so schnell wie möglich eine Wirkung spüren zu können.
Der Junge mit der Gitarre redete immer noch mit seinen Freunden und zeigte seine strahlend weißen Zähne als er lachte. Dan lächelte. Er hatte ein schönes Lachen. Ein ehrliches, offenes Lachen.
Konnte man so etwas aus einem Lachen hören?
„Sag bloß, du hast ein Auge auf den geworfen“, sagte Tyler mürrisch. „Ich glaub nicht, dass du sein Typ bist.“
„Vielleicht.“ Dan zuckte mit den Schultern. Das bekam er heraus.
Er ließ Tyler stehen, als eines der Mädchen aufstand, wahrscheinlich um sich etwas zu trinken zu holen und ein Platz auf einem der Sofas bei dem Lockenkopf frei wurde. Dan ließ sich einfach darauf nieder, obwohl das Mädchen, das jetzt neben ihm saß ihm einen bösen Blick zuwarf. Wahrscheinlich hatte er ihrer Freundin den Platz weggeschnappt.
„Hi“, sagte er und schaute den Jungen mit der Gitarre an. „Du bist echt gut. Ich hab dich von da drüben spielen gehört.“ Er zeigte auf den Platz, an dem Tyler immer noch stand und ein bisschen verloren zu ihnen herüber sah.
„Danke.“ Ein strahlendes Lächeln.
„Wie lange spielst du schon?“
„Vier Jahre. Aber davor hab ich schon Klavier gespielt.“
„Wow. Ich wette, du spielst fantastisch.“
Er zuckte mit den Schultern, ein wenig verlegen und sehr niedlich. „Spielst du ein Instrument?“
„Leider nein. Ich glaube, ich bin nicht sonderlich musikalisch. Aber ich erkenne doch, wenn ich etwas höre, das mir gefällt. Oder sehe…“ Dan ließ seinen Blick über den Jungen schweifen und lächelte, um zu verdeutlichen, was er meinte. Sein Herz schien ein bisschen schneller zu schlagen, nach diesem offensichtlichen Flirtversuch, während er auf die Reaktion seines Gegenübers wartete. Dan hoffte nur, er würde nicht angewidert aufstehen und weggehen oder noch schlimmer, irgendeinen Kommentar loswerden.
Er tat weder das eine noch das andere. Stattdessen senkte er den Blick, sodass Dan die langen geschwungenen Wimpern bewundern konnte und räusperte sich leise, wie jemand, der nicht wusste, wie er auf ein Kompliment reagieren sollte.
„Spielst du noch mal was?“, fragte das Mädchen neben Dan.
„Klar. Irgendwelche Vorschläge?“ Er formulierte es wie eine allgemeine Aufforderung, aber er schaute Dan dabei an.
„Here comes the sun.“
„Beatles, hm?“
Dan zuckte mit den Schultern und grinste. „Kannst du es spielen oder nicht?“
Der Junge hob die Augenbrauen. Auf seinem Gesicht war deutlich zu lesen, was er dachte: Natürlich kann ich!
Er spielte ein Intro, das länger war als das des Originals und ließ sich Zeit, als würde er jede Note leben. Und dann fing er an zu singen, beinahe federleicht waren die ersten Zeilen. Er behielt diesmal den Blick auf die Gitarre gesenkt, obwohl die Griffe nicht so kompliziert waren wie die beim Lied zuvor und er sie nicht so schnell wechseln musste.
Little darling, I feel that ice is slowly melting.
Little darling, it seems like years since it's been clear.
Here comes the sun...
Er beendete das Lied, hörte aber nicht auf zu spielen. Stattdessen änderte er allmählich das Tempo und die Melodie, bis Dan das Lied als eine langsamere Version von ‚I want to hold your hand’ erkannte.
Der Junge schaute auf und lächelte ihn an, freundlich und liebenswert und Dan lächelte unwillkürlich auf die selbe Weise zurück.
Oh please, say to me, you let me be your man.
Das Mädchen neben Dan seufzte leise. Wahrscheinlich träumte sie davon, er würde ihr so ein Lied singen.
And when I touch you I feel happy inside.
Und weiter kam er nicht. Irgendjemand drehte die Musikanlage voll auf und Michael Jackson unterbrach die Acoustic-Session. Dan zuckte zusammen. Das Gitarrenspiel hatte ihn im Bann gehalten und die laute Unterbrechung hatte ihn ziemlich erschreckt. Der Junge mit der Gitarre verdrehte die Augen und grinste, bevor er die Gitarre neben sich an den Sessel lehnte.
„Welcher Vollidiot war das denn?“, maulte das Mädchen neben Dan laut genug, um trotz des Lärmpegels verstanden werden zu können. Er schaute zur Musikanlage hinüber und sah, wie Tyler sich gerade von der Anlage aus seinen Weg zu ihnen hinüberbahnte. War der Typ eifersüchtig und hatte sie deshalb mit Michael Jackson unterbrochen?
Tyler blieb neben der Gitarre stehen und schaute ihn an.
„Tanzen?“, rief er über die Musik hinweg. Dan wollte ihm schon antworten, aber das Mädchen neben ihm kam ihm zuvor.
„Meinst du mich?“, rief sie, ein wenig ungläubig. „Ich kenn dich gar nicht!“
Tyler schüttelte den Kopf. „Nein, ihn.“
„Urgs!“, machte das Mädchen neben ihm, was Tyler zum Glück nicht gehört zu haben schien.
Er wandte sich wieder Dan zu. „Was ist?“
„Vielleicht wenn du es schaffst einen ordentlichen ganzen Satz hervorzubringen“, gab Dan zurück. Er hatte keine Lust zu tanzen. Zumindest nicht mit Tyler.
Idiot!
Tyler starrte ihn wütend an, bevor er den Rückzug antrat.
Der Junge mit der Gitarre grinste. „Das war aber nicht sehr nett“, sagte er, aber man sah ihm deutlich an, dass er die Kritik nicht ernst meinte.
„Ein bisschen Mühe darf er sich schon geben.“
„Ich bin Hayden.“ Der Junge mit der Gitarre streckte ihm die Hand hin.
„Dan.“ Haydens Hand war größer als seine eigene und ziemlich warm, was aber wahrscheinlich nur an Dans dauerkalten Händen lag. Seit er im Sommer angefangen hatte zu wachsen, kam er gar nicht mehr hinterher mit essen, was seinen Körper wahrscheinlich dazu aufforderte, weniger wichtige Funktionen einzuschränken. Zum Beispiel seine Hände zu wärmen.
„Wow, ist dir kalt oder so? Hier drin ist es doch superwarm!“ Hayden ließ seine Hand nicht los. Stattdessen nahm er sie zwischen seine Hände in einem Versuch, sie zu wärmen. Dan zuckte mit den Schultern.
„Ich hab immer kalte Hände.“
„Ich auch“, mischte sich das Mädchen neben Dan in das Gespräch ein. Sie schaute ein bisschen beleidigt. „Ich bin übrigens Alice.“
„Hi, Alice“, sagte Dan und schenkte ihr ein kleines Lächeln, beinahe über die Schulter hinweg, da er immer weiter nach vorne gerutscht war. Sie sagte irgendetwas, das Dan nicht verstand und stand auf, wobei sie sich an Dan vorbeiquetschen musste, sodass Hayden sich gezwungen sah, Dans Hand wieder loszulassen.
Blöde Ziege, dachte Dan.
Hayden sagte etwas, aber in dem Moment wurde die Musik noch lauter gestellt und seine Frage ging vollkommen unter. Dan schüttelte den Kopf, als Zeichen dafür, dass er ihn nicht verstanden hatte und Hayden beugte sich noch weiter vor.
„Ich will meine Gitarre kurz aufräumen, damit ihr nichts passiert. Willst du mitkommen?“
Dan stand auf.
Sie waren ungefähr gleich groß, stellte Dan fest, als er Hayden aus dem Raum folgte, auch wenn Haydens Lockenschopf ihn wohl größer machte, als er eigentlich war. Er ließ seinen Blick über die Schultern und die muskulösen Oberarme, im T-Shirt gut zu erkennen, bis hinunter zu dem süßen Arsch schweifen.
Sie stiegen eine Treppe nach oben ins Erdgeschoss und sobald sie dort auf dem Gang waren, hörte man bereits nichts mehr von der Musik.
„Das ist ziemlich gut isoliert, da unten“, informierte ihn Hayden. „Deshalb wird da auch gefeiert.“ Dan schloss zu ihm auf.
„Ich hab dich aber noch nie bei einer von unseren Partys gesehen“, stellte Hayden fest und lächelte ihn an. „Wer hat dich eingeladen? Kennst du jemanden aus der Schule?“
„Dich.“ Dan lachte. „Ansonsten niemanden. Ich bin Tylers Date. Und Tyler kennt irgendjemanden, aber frag mich nicht, wen. Irgendeinen alten Freund aus irgendeinem Sportteam, wahrscheinlich Football.“
„Football, hm? Spielst du auch?“
Dan lachte laut auf. „Ich? Nie im Leben! Die würden mich nie ins Team lassen!“
„So unsportlich siehst du gar nicht aus“, sagte Hayden und musterte ihn von oben bis unten. Als er Dans Blick auffing, biss er sich auf die Unterlippe und schaute schnell woanders hin.
„Was heißt unsportlich“, sagte Dan und versuchte Haydens Unsicherheit zu übergehen. „Ich bin ziemlich gelenkig, ehrlich gesagt.“
Okay. Das trug wahrscheinlich nicht dazu bei, Haydens Schüchternheit zu überwinden. Dan biss sich auf die Lippen, um ein Grinsen zu unterdrücken. Der Kommentar war nicht einmal so gemeint gewesen, wie er wahrscheinlich geklungen hatte. Es stimmte wirklich. Er war gelenkig.
Aber er musste auch zugeben, dass dieses Talent meistens nicht im Sportunterricht zum Einsatz kam.
„Tut mir Leid“, sagte er schnell. „Ich hab das nicht so gemeint.“
„Was?“, fragte Hayden und schaute ihn endlich wieder an. „Wieso entschuldigst du dich?“
„Das ist dir unangenehm, wenn ich so was sage.“
„Nein, ist es nicht, ehrlich.“ Hayden lächelte ihn an. „Es ist peinlich, okay? Nicht, was du sagst, sondern wie ich mich benehme. Ich bin ein grünes Küken.“ Er blieb stehen und schaute Dan vielsagend an.
„Grünes Küken, hm?“
Wie gern würde er das jetzt ändern. Haydens Lippen waren bestimmt wundervoll zu küssen. Und allein der Gedanke, er könnte sich in seinen Haaren festhalten, während er ihn gegen die Wand presste.
Oh Gott, er musste ganz dringend aufhören, sich das so bildlich vorzustellen.
„Was ist?“, fragte Hayden.
„Nichts. Wo ist denn dein Zimmer?“
„Im zweiten Stock. Da vorne sind die Treppen.“ Er zeigte geradeaus, wo Dan im Licht der wenigen Lampen, die selbst jetzt noch angeschaltet waren, eine breit geschwungene Steintreppe erkennen konnte.
„Ganz schön protzig“, kommentierte er.
„Wir sind die Kinder reicher Eltern, was erwartest du?“ Es klang abfällig, wie er das sagte. Anscheinend kam er mit seinen Eltern nicht sonderlich gut zurecht. „Das heißt, sie können es sich leisten, uns in ein Internat zu stecken, wenn sie es zu Hause nicht mehr mit uns aushalten. Und sie können sich ständig damit rechtfertigen, sie würden es nur tun, weil man hier eine bessere Bildung bekommt.“
„Wenn das stimmt, sei froh. Du glaubst gar nicht, welchen Idioten du auf der öffentlichen Schule begegnest. Nach drei Jahren Spanischkurs können die nicht mal einen Satz. Und wenn ich mir noch ein Mal anhören muss, wie man Gleichungen nach x auflöst, weil es wieder irgendein Depp nicht verstanden hat, werfe ich vermutlich mein Mathebuch gegen die Wand.“
Hayden lachte. „So schlimm?“
„Schlimmer. Und ob du es glaubst oder nicht, die halten sich auch noch für was Besseres. Nur weil sie zufällig über einen Meter achtzig groß sind und Football spielen.“
„Ich dachte, du datest einen Footballerspieler. Oder bildet der die Ausnahme?“
„Tyler?“ Dan schnaubte. „Er ist vielleicht nicht vollkommen hohl, das stimmt.“
Sie erklommen die ersten Stufen.
„Wir sind auch nicht zusammen oder so“, fuhr Dan fort.
„Nicht? Ist das euer erstes Date?“
„Nein. Ja. Keine Ahnung. Er zeigt sich nicht mit mir in der Öffentlichkeit. Könnte ja seinem Image schaden oder so.“ Dan verdrehte die Augen. Im Prinzip machte es ihm nicht viel aus. Es war ja nicht so, als wären sie ein Liebespaar und er konnte gut auf Leute verzichten, die es als ekelhaft bezeichneten, wenn sie sie zusammen sahen. Ihm reichten schon das Starren und die anonymen Anrufe und Nachrichten.
„Wenn du ihn nicht magst, wieso gehst du dann mit ihm aus?“
Dan schwieg eine Weile, bevor er antwortete: „Verschiedene Gründe. Zum einen hab ich keine Lust meine Highschoolzeit jungfräulich hinter mir zu lassen und Tyler ist vielleicht nicht belesen und Kunstfan, aber er sieht gut aus und er steht auf mich. Und zum anderen gehe ich gerne aus. Da lernt man interessante Leute kennen. Wie dich, zum Beispiel.“
„Das heißt, er läd dich zu einer Party ein und du verbringst die Zeit mit irgendjemand anderem?“
„Sieht so aus, oder?“
„Warum nimmt er dich dann überhaupt mit?“
Okay. Anscheinend war ihr Verhältnis doch noch nicht so ganz offensichtlich definiert worden, wie Dan gedacht hatte. Ob Hayden überhaupt schon mal etwas mit einem anderen Jungen gehabt hatte?
„Weil er mich ficken will“, antwortete Dan unverblümt.
"Oh", machte Hayden, sagte aber sonst nichts.
Sie waren im zweiten Stock angekommen und Hayden ging auf die Zimmertür direkt gegenüber der Treppe zu und öffnete die Tür.
Dan folgte ihm in das Zimmer und schaute sich um. Es war mehr als doppelt so groß wie Dans eigenes Zimmer. Ganz offensichtlich war es ein Zweimannzimmer. Zudem gab eine kleine Küchenzeile und eine weitere Tür führte offenbar in ein Badezimmer.
Hayden legte die Gitarre vorsichtig auf einen der Schreibtische, der bereits überladen war mit Büchern und Papieren, bevor er sich wieder zu Dan umdrehte.
„Nicht schlecht“, kommentierte der und betrachtete die Struckverzierungen an der Zimmerdecke. Sein Vater könnte es sich niemals leisten, ihn auf eine solche Schule zu schicken. Er wollte sich gar nicht vorstellen, was das kostete.
Sie schwiegen eine Weile, in der Dan sich weiter umsah, bis er schließlich bemerkte, wie Hayden ihn anstarrte. Fragend schaute er zurück.
„Willst du…“ Hayden schluckte. „Willst du diesen Tyler auch ficken?“
Dan zuckte mit den Schultern. „Vielleicht.“
Auf der Herfahrt war er sich noch ziemlich sicher gewesen, wie der Abend für ihn enden würde. Jetzt… nicht mehr so ganz. Ehrlich gesagt hatte er wohl noch nie weniger Lust gehabt, mit Tyler zu schlafen, als jetzt, da er hier in Haydens Zimmer stand.
„Eigentlich nicht“, gab er deshalb zu.
„Und was sagst du ihm dann?“
Dan zuckte mit den Schultern. Tyler vertrug Ablehnung nicht sonderlich gut. Wahrscheinlich würde er es ihm in der Schule schwer machen, wenn er ihn jetzt abwies. Seis drum. Er schlief nicht mit Typen, um ein leichteres Leben zu haben, schließlich war er keine Hure.
„Er wird schon darüber hinwegkommen.“ Über einem der Betten hingen eine Reihe Fotos und Dan ging hinüber, um sie sich anzusehen. Die meisten zeigten eine Gruppe Jungen, Hayden irgendwo in ihrer Mitte.
„Freunde von dir?“, fragte Dan und deutete auf die Bilder.
„Ja. Sie gehen alle hier mit mir zur Schule und sind vermutlich unten auf der Party.“
„Und fragen sich, wohin ich dich entführt habe.“
Hayden zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Sollen wir zurückgehen?“
Dan zögerte. Er hatte auf die Party gehen wollen, um Spaß zu haben, sich zu unterhalten, zu tanzen, zu trinken (er musste ja nicht nach Hause fahren) und sich nicht nach fünf Minuten mit einem Fremden in sein Zimmer zurückzuziehen, auch wenn er süß war. Trotzdem hatte er keine Lust zurückzugehen.
„Erzähl mir was von deinen Freunden“, sagte er deshalb, anstatt Hayden eine Antwort zu geben und setzte sich uneingeladen auf dessen Bett. Er hoffte, Hayden würde sich neben ihn setzen, aber der Junge ließ sich stattdessen auf seinem Schreibtischstuhl nieder.
„Was willst du denn wissen?“
„Alles, was du mir erzählen willst.“

Drei Stunden später waren sie zu vertieft in ihre Unterhaltung, um noch groß an die Party zu denken, die sie gerade verpassten. Sie redeten über alles, was ihnen einfiel. Schule, Freunde, Eltern und Musik…
Es war so einfach mit Hayden zu reden. Sie verstanden sich einfach. Dan hatte sich bequem gegen die Wand gelehnt und ließ die Füße über den Bettrand baumeln. Hayden hatte nach einiger Zeit seine Gitarre wieder zur Hand genommen und zupfte darauf herum. Es war als hätten sie einen Soundtrack zu ihrem Gespräch, nicht störend, sondern untermalend, wie in einem guten Film.
Dan merkte schnell, wenn Hayden etwas auf dem Herzen lag, als sie ernstere Themen streiften. Anscheinend waren seine Eltern nicht sonderlich begeistert gewesen, als er sich vor ihnen geoutet hatte.
„Und dann schicken sie dich auf ein reines Jungeninternat?“, fragte Dan ungläubig und konnte ein Lachen nicht unterdrücken.
„Ich war sonst viel allein zu Hause, während mein Vater auf Geschäftsreise war und meine Mutter seine brave Frau gespielt hat, die ihn begleitet oder irgendwelche Wohltätigkeitsveranstaltungen organisiert hat. Und da dachten sie, hier würde ich besser beaufsichtigt werden.“
„Na das hat ja super funktioniert“, grinste Dan und machte eine ausschweifende Geste. Schließlich war er gerade mit dem lieben Sohn allein und unbeaufsichtigt in dessen Zimmer.
„Stimmt.“ Hayden schaute ihn ernst an, als er aufstand und die Gitarre auf den Schreibtisch legte. Dan richtete sich ein Stück auf und beobachtete ihn, wie er vom Schreibtisch herüber kam und sich zu ihm aufs Bett setzte. Seine Hände, die immer noch kalt waren, wurden feucht. Das hier, das war nicht wie mit Tyler. Kein Experiment oder so etwas. Er mochte Hayden. Er war lieb und freundlich und offen und verständnisvoll und irgendwie schüchtern und niedlich. Er war etwas Besonderes und Dan hatte jetzt schon Angst, dass der Abend enden würde. Irgendwann würden sie wieder nach unten gehen müssen. Irgendwann würde er mit Tyler in dessen Auto steigen müssen und nach Hause fahren in ein winziges Kaff mit Ansichten wie in den Zeiten des Bürgerkriegs im Süden.
Dan konnte die Augen nicht von Haydens Gesicht wenden. Seine Wangen waren leicht gerötet, die Pupillen groß im schwachen Licht der Lampe, sodass seine dunklen Augen vollkommen schwarz wirkten.
„Hi“, sagte Hayden und lächelte. Die Matratze bog sich leicht unter seinem Gewicht, als er sich neben Dan setzte. So ein schönes Lächeln, Dan hatte das Gefühl, er könnte es den ganzen Tag lang ansehen ohne dass ihm langweilig werden würde.
Dan sagte nichts. Ihm fehlten schlicht die Worte. Sollte er Hayden küssen? Er wollte es, er wollte es wirklich, aber vielleicht sollte er lieber abwarten?
Hayden schien ähnlich unsicher zu sein wie er, doch er schaffte es wenigstens, seine Hand zu nehmen. Noch bevor sich einer der beiden dazu überwinden konnte, sich weiter vorzubeugen, wurde die Tür aufgerissen.
Haydens Finger entglitten seiner Hand schneller, als Dan registrieren konnte.
Wütend wandte er sich zur Tür um. Tyler starrte ihn an, hinter ihm standen zwei weitere Jungen, die Dan von ein paar von Haydens Fotos wieder erkannte.
„Mann, was machst du denn?“, fragte der eine, schaute Hayden an und trat verunsichert von einem Bein aufs andere.
„Wo zur Hölle steckst du denn die ganze Zeit?“, motzte Tyler, die Stimme so laut, Dan hatte das Gefühl, sie zerriss einen Teil der Schönheit des Gespräches mit Hayden und seiner sanften Stimme und dem tiefen Lachen.
Hayden erhob sich schnell vom Bett. „Wir sollten wohl wirklich langsam zurückgehen. Ich hab gar nicht gemerkt, wie spät es geworden ist.“ Er machte ein paar Schritte auf die Tür zu, wobei er Tyler einen entschuldigenden Blick zuwarf, der Dan einen Stich versetzte. „Kommst du?“
„Komm schon!“, sagte jetzt auch Tyler und durchquerte mit schnellen Schritten den Raum, bis er direkt vor ihm stand und mit der Hand Dans Handgelenk umschloss, um ihn hochzuziehen. Großer Fehler.
Zuerst marschierte er hier hinein in das erste Gespräch von Dan seit langem, das wirklich etwas bedeutete und dann war er auch noch grob. Dan konnte es überhaupt nicht leiden, wenn ihn jemand gegen seinen Willen anfasste, selbst wenn es nur ein Klopfen auf die Schulter war von jemandem, den er nicht mochte. Aber Tyler packte ihn, dass es weh tat und damit begab er sich auf gefährliches Terrain.
„Spinnst du?“, zischte Dan und riss sich los.
Was? Du lässt mich stundenlang allein da unten sitzen und vergnügst dich hier mit Mr. Unschuld und ich spinne? Meinst du, dafür hab ich dich mitgenommen?“
„Nein, du hast mich mitgenommen, weil du mich ficken willst. Und nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Vergiss es! Und fass mich bloß nie wieder an!“
Tyler wich unwillkürlich zurück, schien sich aber schnell wieder zu fangen und verdrehte die Augen und stöhnte, um seine erste nervöse Reaktion zu überspielen. „Gott, du kannst so eine Zicke sein! Komm schon, ich besorg dir einen Drink, du kannst definitiv etwas vertragen.“
Übersetzung: Du hast zu wenig Alkohol im Blut und wenn ich dich abfülle, schläfst du vielleicht doch mit mir.
Er nahm Dans Hand, doch Dan zog sie weg und stolzierte zur Tür. Hayden guckte ihn ein bisschen besorgt an. Einer seiner Freunde konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, der andere schaute unsicher zwischen Dan, Hayden und Tyler hin und her.
„Ich dachte, wir wollten zurück zur Party gehen!“, sagte Dan und marschierte an ihnen vorbei zur Treppe. Die anderen folgten ihm in einem kleinen Abstand.
Er verfluchte Tyler in Gedanken. Am liebsten hätte er ihn eben aus Haydens Zimmer hinausgeworfen. Und er ärgerte sich über Haydens Reaktion. Es war ein scheiß Gefühl zu sehen, wie wenig ihm die Unterbrechung anscheinend ausgemacht hatte.

Zurück im Keller ging er schnurstracks zu den Getränken hinüber und füllte sich einen Becher mit der Bowle, die seltsamerweise immer noch nicht ausgetrunken war. Vermutlich hatten sie irgendwo einen Vorrat an Zutaten und kippten immer wieder etwas nach. Und diese Mischung war definitiv stärker als das, was er vorhin probiert hatte.
Er merkte wie Tyler ihn absichtlich ignorierte und sich auf eines der Sofas fallen ließ. Hayden jedoch kam zu ihm herüber und stellte sich neben ihn. Keiner sagte etwas, bis Dan seinen Becher fast vollkommen geleert hatte.
„Dan?“, fragte Hayden schließlich, als gerade ein ruhiges Lied begann und seine Finger berührten wie zufällig Dans Handrücken.
„Hm?“ Er schaute auf. Er könnte wirklich ewig in diese Augen schauen.
„Würdest du mit mir ausgehen?“ Hayden biss sich auf die Unterlippe.
Dan lächelte. Wie gern hätte er ihn jetzt geküsst. „Morgen?“
„Was?“, fragte Hayden überrascht.
„Sehen wir uns morgen?“
„Oh. Ja klar. Wenn du willst…“
„Ich will.“
Und als Hayden lächelte, schlug Dans Herz ein bisschen schneller.



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Romantischer (kitschiger?!) als man es von mir gewohnt ist, aber was solls. Reviews sind gern gesehen, Kritik ist noch gerner gesehen.
Die Story ist so etwas wie die Vorgeschichte zu einem größeren Projekt von mir, a dem ich momentan noch arbeite und zu der Kurzgeschichte "Ungesagtes".
Ich bedanke mich fürs Lesen :)
Liebe Grüße,
Ylvi
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