Das absonderliche Dasein des eigenartigen Peter Piceringas

von Katzelin
GeschichteDrama, Familie / P16
05.08.2013
05.08.2013
1
3744
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Worte der Runde (3 aus 5): Regen - Stein - Wechselwirkung - Rubin - Wespe

____________________________________________________________________

Kapitel 1

Die hochmütige Edelfrau


Der Tag, an dem Peter Piceringas das erste Mal das kärgliche, weißgetünchte Haus in der Ecclesgreig  Road verlassen sollte, um die kleine Schule des verschlafenen Ortes an der Küste zu besuchen, war kein besonders guter Tag.

Es hatte die ganze Nacht über geregnet. Langsam, aber allmählich hatte sich der Regen seine Weg durch die unzähligen Risse der maroden Dachpfannen gesucht und hatte in den winzigen Zimmern des Dachgeschosses so große Pfützen hinterlassen, dass die Kakerlaken, Mäuse und all das andere Kleingetier, mit dem sich Peter und seine kleine Schwester Polina ihr Zimmer teilten, darin eine Poolparty hätten feiern können.

Irgendwann in schwarzdunkler Nacht war Peter aufgewacht, da es stetig von der Dachschräge herab auf sein Kopfkissen und auf seine Stirn tropfte. Missmutig hatte er im trüben Schein der flackernden Nachttischlampe einen Topf aus Polinas Puppengeschirr auf sein Kissen gestellt, in der vagen Hoffnung, es würde bald aufhören zu regnen und der kleine Behälter somit genügen. Alsdann war er zu seiner Schwester ins Bett gekrabbelt, die den unwillkommenen Besucher mit Fußtritten und einem ablehnenden Knurren begrüßte.

Polina war drei Jahre alt und schlief noch immer in einem winzigen Gitterbettchen, das ihre Mutter mit Goldlack bestrichen und mit Glasperlen dekoriert hatte. Von der Zimmerdecke, gleich über dem Bett, hing ein mottenzerfressener, rosafarbener Baldachin herab und von diesem baumelte ein zerschlissenes Mobile aus glitzernden Krönchen und Möwenfedern.

Das Bett maß kaum mehr als einen Meter zwanzig auf sechzig Zentimeter und war schon für Polina allein kaum groß genug. Ihr zwei Jahre älterer, hochgewachsener Bruder musste die Beine leicht anziehen, um überhaupt hinein zu passen und als die Mutter am Morgen mit trällernder Stimme ins Zimmer gesprungen kam, lag Polina quer über der Brust ihres erschöpften Bruders, der die ganze Nacht kaum ein Auge zugetan hatte.

„Morgenstund hat Gold im Mund“, trällerte Angelina Pinceringas und riss die schweren, alten Brokatvorhänge vor dem einzigen Fenster des Zimmers auf. Der Regen hatte inzwischen aufgehört und die Sonne lachte fröhlich und gleißend hell durchs Fenster hinein. Im Schein der unzähligen Lichtstrahlen tanzte der Staub, den Angelina mit ihrer beherzten Bewegung aus den muffenden Vorhängen geschlagen hatte. Leichtfüßig tänzelte sie durchs Zimmer, jeder Schritt begleitet von einem quietschenden Geräusch und mit einem alten, angestaubten Kinderlied auf den Lippen, mit dem sie ihre beiden Königskinder jeden Morgen begrüßte.

Müde blinzelte Peter, als er versuchte die Lider zu heben und schielte unter seiner vorgehaltenen Hand durch die Gitterstäbe des Bettes zu seiner Mutter hinüber. Die trug ein hellgrünes, knielanges Kleid mit langen Fransen an Saum und Halsausschnitt, wie es die Frauen in den 20er Jahren getragen hatten. Auf Ihrer Stirn saß ein passendes Samtstirnband, verziert mit langen schwarzen Federn, die Angelina auf der linken Seite am Kopf hinab hingen. Alles an ihr war auffallend und auch irgendwie elegant, wie Peter eingestehen musste – mit Ausnahme ihrer Füße. Diese steckten nicht in feinen, edlen Riemchensandalen und Netzstrümpfen, sondern in kniehohen, mausgrauen Gummistiefel, die mit jedem Schritt schreiend quietschten und ein seltsames saugendes Geräusch machten, wenn sich die schmalen Füße Angelinas in den groben Stiefeln bewegten.

Singend warf die Mutter Peters Bettdecke zurück. „Ich hab' die Rose an meinem Fuß, das macht, dass ich allzeit tanzen muss“, schallte es durch den Raum, während Angelina abwesend auf den übergelaufenen Puppentopf schlug und zwischen Zwei Liedversen jauchzend rief: „Aufstehen mein kleiner Prinz, der Tag ist wach und erwartet deine hohen Taten. Auf auf und rasch fein gemacht, wir wollen das Volk nicht warten lassen.“ Das Wasser spritzte nur so auf, als Angelina den Puppentopf umstieß und benetzte ihre Hände und den Arm hinauf bis zur Schulter. Sie jedoch schien es nicht zu bemerken und tanzte zur Mitte des Raumes an Polinas Bett heran.

„O weh mein Fuß, wenn ich arbeiten muss! Wenn ich zum Tanzen geh, tut mir mein Fuß nicht weh“, trällerte sie und beugte sich in das Gitterbettchen hinab, just in dem Moment, in dem Polina sie Augen aufschlug und sich fürchterlich erschreckte. Geängstigt versuchte das kleine Mädchen zurückzuweichen und presste die Fäuste unsanft in die Magenkuhle ihres sich noch im Halbschlaf befindlichen Bruders. Mit einem lauten Schrei bäumte Peter sich auf, warf Polina gegen die Gitterstäbe, die darauf lauthals zu weinen begann und sich den Hinterkopf rieb. Peter heilt seinen Bauch und starrte in das bunt geschminkte Gesicht seiner Mutter, die amüsiert und verwirrt zugleich auf die zwei Kinder herab sah.

„Nanu“, sagte sie, „wie bist du denn so schnell da herüber gekommen mein kleiner Peter?“ Sie wandte sich zu Peters leerem Bett um. „Flink wie ein Wiesel und schlau wie ein Fuchs.“ Grinsend sah sie erneut zu ihrem Sohn, beugte sich hinab und kniff ihm kräftig in die Wange. Angelina sah ihn aus tellergroßen Pupillen heraus an, ihr schiefes Lächeln reichte von einem Ohr zum anderen und ihre gepuderten Wangen leuchteten in einem stechenden Rot. Peter neigte seinen Kopf auf die Seite, um ihrem Griff zu entkommen und zwang sich zu einem freudlosen Lächeln. Polinas Weinen war inzwischen zu einem Wimmern abgeklungen, welches Angelina überhaupt nicht zu hören schien.

„Rasch rasch!“, befahl sie ihren Kindern in flötendem Ton. „Heut ist dein großer Tag, mein Prinz. Man erwartet uns sicher schon.“ Sie tänzelte zur Tür hinaus, quietschend und singend. Platschend trat sie in eine der großen Pfützen vor der Zimmertür und lief die knarrende Holztreppe hinunter. Peter blickte ihr missgelaunt hinter her und als sein Blick auf den abgetragenen, ledernen Ranzen fiel, der gleich neben der Zimmertür an die Wand gelehnt stand, ließ er sich seufzend zurück fallen und zog die Decke über den Kopf. Er hatte gewusst, dass sein erster Schultag eine Herausforderung sein würde, doch er hatte gehofft und gebetet, dass ihm schlimmeres erspart bleiben würde. Im Augenblick aber fühlte er deutlich, dass er geradewegs in eine handfeste Katastrophe hineinsteuerte.

Er spürte, wie Polina sich über die Gitterstäbe schob und mit den Füßen voran auf den Holzboden fiel. Dann schlurfte sie davon. Träge warf er die Decke zurück, stieg aus dem Bett und nahm auf dem Weg hinaus den Ranzen vom Boden. Erst jetzt sah Peter die große Pfütze am Boden, in sich unter dem Ranzen gesammelt hatte. Gluckernd löste sich der Ranzen vom Boden und Wasser rann am Leder hinab und tropfte plätschernd hinab.

„Großartig!“, stammelte Peter zwischen zusammengepressten Zähnen und stapfte die Treppe hinunter, den tropfnassen Ranzen eine Armeslänge entfernt vor sich hertragend. Als er am Ende der Treppe angekommen war und seine bloßen Füße den Dielenboden berührten,  wurde ihm schlagartig bewusst, warum seine Mutter an diesem Morgen mit Gummistiefeln durch das Haus sprang. Überrascht zog er den rechten Fuß zurück und schaute hinab. In der Diele und auch in der Küche stand gut ein Fingerbreit Wasser. Peter spähte zu dem großen Spalt unter der Eingangstür und mutmaßte, dass in der Nacht der Regen sich seinen Weg den abschüssigen, gepflasterten Weg zum Haus hinab gebahnt hatte, um sich vor der Haustür zu sammeln und unter der Tür hindurch in das alte, baufällige Haus hineinzulaufen. Diele und Küche lagen am tiefsten, um in den schmalen Salon zu gelangen, musste man eine Stufe hinauf treten. Einen Keller, in den das Regenwasser hätte ausweichen können, gab es nicht.

Peter schloss für einen kurzen Moment die Augen, atmete tief durch und ging dann schlurften Schrittes in die Küche. Wütend warf er den nassen Ranzen auf den Tisch, auf dem Polina saß und versuchte sich ihre nasse Schlaufanzughose von den Beinen zu ziehen. Sie hatte sich bereits von einem Bein befreit und war gerade im Begriff das zweite über ihre Ferse zu ziehen, als sie gefährlich weit nach hinten kippte und vom Tisch zu fallen drohte. Peter streckte einen Arm nach ihr aus, packte sie am Rücken und schob sie zurück auf den Tisch. Schwankend kippte sie vornüber und hatte endlich ihre Schlafanzughose ausgezogen. Jauchzend hielt sie das durchnässte Kleidungsstück in die Höhe, während Peter sich auf den einzigen Stuhl fallen ließ, der um den Tisch stand. Wild kippelte der Stuhl hin und her.

Angelina stand an der Spüle unter dem Fenster und hatte ihren Kindern den Rücken zugedreht. „Wo sind meine Bücher?“, fragte Peter und zog sich eine der beiden Schalen heran, die auf dem Tisch standen. Stirnrunzelnd spähte er hinein und inspizierte ihren Inhalt auf seine Genießbarkeit. Er fand einige Haferflocken, trockene Rosinen und eine aufgeschnittene Karotte. Daneben schwammen weiße Bohnen und Brotkrumen in einer Flüssigkeit, die schwer nach Erdbeermilch aussah und ein wenig verdächtig roch. Angewidert hob er den Kopf und wollte die Schale wieder von sich schieben, als Polina die ihre hob und den Inhalt in seine kippte. Sie grinste ihn an, setzte ihre Schale auf den Tisch und schob seine dichter an ihn heran. Flüssigkeit schwappte über den Rand der Schale und lief über Peters Hand. Polina gluckste fröhlich und hielt ihm einen großen Löffel hin.

„Na, in deiner Tasche“, sagte Angelina, als sie sich mit einem beherzten Schwung herumdrehte, in den Händen zwei Gläser, gefüllt mit trübem Wasser. Den Löffel fest mit seinen Fingern umklammert starrte Peter zu seiner Mutter. „Diese Tasche?“, er deutete auf seinen durchnässten Ranzen, in dessen Leder sich allmählich Wasserränder zu bilden begannen.

„Natürlich“, gab Angelina ihm zwitschern zur Antwort, stellte die Gläser ab und tätschelte Polina den Kopf. „So ein braves Mädchen“, sagte sie zu dem kleinen Mädchen, „alles schon aufgegessen.“ Mit einem gespielt bösem Blick zog sie Peter den Löffel aus der Hand, hob damit eine große Portion aus der Schale auf dem Tisch und schob sie ihrem Sohn zwischen die Lippen, ehe er wusste, wie ihm geschah. Würgend rang er das eigenwillige Frühstücksmüsli seiner Mutter hinunter, nahm ihr den Löffel ab und sah sie böse an.

„Wirklich diese Tasche?“, wiederholte er, griff nach seinem Ranzen, löste die Schnalle und schlug die Klappe zurück. Der Ranzen lag auf dem Rücken und Peter kullerten eine Unmenge loser Blei- und Buntstifte entgegen, dazwischen rollte ein von den Wellen blankgespülter grauer Stein hervor. Skeptisch nahm er den Stein zur Hand, drehte ihn zwischen den Fingern, als er ihn mit fragenden Blick musterte und sah dann wieder zu seiner Mutter.

„Bringt Glück“, sagte sie und wollte erneut nach seinem Löffel greifen, doch er entzog sich ihrem Griff und warf den Löffel achtlos in die Schale. Mit zornglühenden Augen griff er in den Ranzen, ohne seinen Blick von Angelina abzuwenden. Hervor zog er ein durchweichtes Bündel an Heften und Büchern. Ein feuchter Film aus allen Farben des Regenbogens schillerte auf dem nassen Papier – die Bundstifte hatten sich während der Nacht nach und nach aufgelöst. Resigniert warf er die Sachen auf den Tisch und ließ den Kopf auf die neongelbe Wachstischdecke fallen.

Angelina tätschelte seine Schulter. „Alles halb so wild mein Prinz. Jemandem so reinen Geblüts wird man eine solche Lappalie rasch vergeben. Morgen kaufe ich dir neue Bücher.“ Sie schob Bücher und Stifte wieder in den Ranzen, klappte ihn zu und setzte mit einem Lächeln den Stein oben auf das Leder. „Vergiss dein Glücksstein nicht“, trällerte sie, ehe sie in den Salon entschwand, der durch eine große Flügeltür von der Küche aus zu erreichen war, um etwas zu holen.

Peter ließ den Kopf auf die Seite fallen und schielte ihr hinterher. Behutsam streichelte Polina ihm über sein zerzaustes, braunes Haar. „Wie lange müssen wir noch in diesem Haus wohnen Mum?“, rief er Angelina hinterher.

Mit quietschendem, knarrendem Schritt kam Angelina zurück in die Küche geeilt und trat mit einer pathetischen Geste die Stufe hinab, die in den Salon führte. In der rechten Hand hielt sie einige Kleider, während sie die linke in die Seite stemmte.

„Peter Alexander Piceringas, ich wüsste nicht, was es auszusetzen gäbe an unserem wunderschönen kleinen Schloss. Ist dir etwa dein blaues Blut zu Kopf gestiegen, dürstet es dich nach mehr Prunk und Tand?“

„So hab ichs nicht gemeint Mum“, wehrte Peter ab und wandte seinen Blick wieder der Tischplatte zu. Er wusste, er hatte seine Mutter auf dem falschen Fuß erwischt. Etwas, das sehr rasch, sehr unglücklich enden konnte – für alle beteiligten.

„So“, zischte Angelina, „hast du nicht? Wie hast du es denn dann gemeint?“ Sie warf die Kleider auf den Küchentisch, schob Polina etwas beiseite und zog Peter an seiner Schulter zurück.

„Es tut mir leid Mum!“, versuchte Peter einzulenken, doch als seine Augen den Blick seiner Mutter trafen, wusste, er, dass es zu spät war. Er versuchte aufzustehen, doch Angelina hielt ihn zurück. Sie packte den Saum seines Schlafanzugoberteils und begann es ihm über den Kopf zu ziehen.

„Nein“, sagte sie, während sie mit einem Ruck seine erhobenen Handgelenke von dem Kleidungsstück befreite. „Du weißt, ich dulde keine Allüren in meinem Haus. Diese Art von Menschen sind wir nicht Peter. Wir kennen Anstand!“ Sie zog ein samtblaues Hemd mit weiß-blau gestreiftem Kragen aus den Kleidungsstücken auf dem Tisch und wollte es Peter überziehen.

„Das soll ich doch nicht wirklich anziehen?“, stammelte Peter und versuchte erneut von seinem Stuhl aufzustehen, doch ehe er sich versah, hatte seine Mutter ihm das Hemd über den Kopf gestreift und seine Arme verschwanden in den Ärmeln. Entsetzt blickte er an sich hinunter. „Das ist aber nicht die Schuluniform Mum“, stellte er fest, doch Angelina ignorierte ihn.

„Zieh die Hose aus“, fuhr sie ihn an und ihre Stimme war so giftig und zornesschwanger, dass Peter nicht wagte zu widersprechen und gehorsam seine Hose von den Beinen streifte. „Hier“, sie hielt ihm eine passende dunkelblaue Hose aus feinstem Stoff hin. Sie roch nach Mottenkugeln und Staub. Mit klammen Fingern griff Peter danach und begann die Hose anzuziehen. „Ich will so etwas nie wieder von dir hören Peter. Ich habe mir solche Mühe mit euch gegeben und versucht euch zu rechtschaffenden und bescheidenen Menschen zu erziehen, deren edle Abstammung ihnen nicht zu Kopf gestiegen ist. Und nun das!“ Sie schnalzte verächtlich mit der Zunge. „Willst du so das Andenken deines Vaters mit Füßen treten Peter, willst du das tatsächlich?“

Barfüßig, mit zerzaustem Haar stand Peter vor ihr. Der blaue Samtanzug war ihm gut und gern zwei Nummern zu groß und hing schlaff von seinen Schultern. Er musste die Hose bis knapp unter die Brustwarzen, damit er nicht auf den Saum trat und sie mit den Händen an Ort und Stelle halten. Er fühlte sich furchtbar lächerlich und Polinas kicherndes Lachen war seiner Laune kaum zuträglich. Den Tränen nah starrte er zu seiner Mutter hinauf und konnte sich nicht länger zurück halten.

„Dad war ein einfacher Stahlarbeiter und wir sind nicht adelig. Auch wenn du es dir noch so lang einredest und uns in unmögliche Kleider steckst und behauptest diese Bruchbude sei ein Schloss – es ändert ja doch nicht an der Wahrheit.“ Peter bereute seine Worte in dem Augenblick, in dem er sie ausgesprochen hatte. Er sah, wie seine Mutter begann am ganzen Leib zu zittern und die Hände rang. Tränen glänzten in ihren braunen Augen, als sie sich abwand und eine Schublade aufzog.

„Sag so etwas nie wieder Peter!“ Sie kramte eine blau-weiße Schachtel hervor. Peter konnte nur wenige Buchstaben lesen, doch er wusste, was die Buchstaben auf der Schachtel bedeuteten. Mit fahrigen Fingern öffnete Angelina die Schachtel und zog einen Streifen mit Tabletten heraus. Sie löste zwei der Pillen aus ihrer Plastikhülle, öffnete den Schrank oberhalb der Schublade und nahm eine Flasche mit bernsteinfarbener Flüssigkeit heraus.

„Bitte Mum, es tut mir leid“, sagte Peter und trat einen Schritt auf seine Mutter zu, bemüht die Hose nicht fallen zu lassen. Er wusste, dass sie bereits ihre tägliche Dosis Escitalopram genommen hatte und er kannte die Wechselwirkung, die die Tabletten mit dem Adumbran hatten, welches seine Mutter gegen ihre Panikattacken nahm. Nur zu gut wusste er, in welch unkontrollierte Euphorie sie verfallen konnte, wenn sie beide Medikamente zusammen nahm und mit sorgenvollem Blick starrte er wie versteinert zu ihr hinüber, während er darauf wartete, dass die Tabletten zu wirken begannen. Er hielt die Luft an und sah im Augenwinkel, wie Polina sich vor und zurück wiegte und ebenso wie er darauf wartete, was passieren würde.

Unendlich langsam drehte sich Angelina zu ihren Kindern herum, nach einem Augenblick, der beiden wie eine Ewigkeit erschienen war. Ihre Miene war ausdruckslos und sekundenlang starrte sie die Kinder nur an. Doch dann kam Bewegung in ihre Züge und ein unnatürliches, gequält-fröhliches Lachen wuchs auf ihrem Antlitz.

„Schön!“, sagte sie bestimmt, „Wir müssen uns beeilen, sonst kommen wir noch zu spät.“ Sie griff erneut in die noch immer offenstehende Schublade und nahm eine Kette mit einem glutroten Anhänger zur Hand, der so gar nicht zu dem Grün ihres Kleides passen wollte. Mit zitternden Händen legte sie das Schmuckstück um den Hals. „Siehst du Peter, ich werde meinen Rubinschmuck tragen. Damit alle sehen, von welch edler Ankunft die Piceringas‘ tatsächlich sind.“ Sie hatte den Verschluss des Anhängers, von dem Peter mit Bestimmtheit sagen konnte, dass er aus Glas war, schließlich geschlossen und strich mit der Hand über den roten Stein. „Bist du nun zufrieden Peter? Ist es das, was du wolltest?“

Peter blinzelte und wusste nicht, was er sagen sollte. Stattdessen nickte er stumm.

„Gut“, seufzte Angelina, „dann wollen wir mal los. Wir kommen noch zu spät.“ Sie griff den ominösen Glücksstein vom Ranzen ihres Sohnes und steckte ihn in Peters Hosentasche, die sich irgendwo auf Höhe seines Bauchnabels befand. Verwirrt ließ er sie gewähren und sagte noch immer nichts, als ihm den nassen Ranzen umhängte und Polina vom Tisch nahm. Dann ergriff sie Peters Hand und zog ihn in Richtung der Tür.

„Aber Mum, meine Schuhe“, stammelte er, „und Polina ist noch halb im Schlafanzug.“

„Papperlapapp“, erwiderte Angelina, „hör auf so hochnäsig zu sein und zeige ein wenig Demut gegenüber jenen, denen es nicht so gut geht, wie uns. Glaubst du, deine neuen Schulkameraden haben alle das Glück in einem so schönen und festlichen Anzug zu ihrer Einschulung gehen zu können? Ihr seid fein genug, alle beide. Und was euch an Eleganz noch fehlt, das hat eure Mutter für euch schließlich doppelt.“

Peter sah mit Entsetzen, wie sie die Haustür aufstieß und ihn nach draußen auf die Straße zog. „Willst du nicht wenigstens andere Schuhe anziehen Mum?“, fragte er in der Hoffnung an die Eitelkeit seiner Mutter appellieren zu können und sie doch noch zum Einlenken zu bewegen, um sich selbst wenigstens noch Schuhe an die bloßen Füße zu ziehen – wenn es schon sicher nicht mehr für Socken reichen würde. Doch es half nichts. Angelina ignorierte seine Worte, als hätte er sie nie ausgesprochen und stapfte quietschend die Straße hinab in Richtung der kleinen Schule, die nicht weit vom Haus der Piceringas‘ entfernt lag. Peter zog und zerrte am Arm seiner Mutter und wollte sie zum Stehenbleiben bewegen, doch die schien so kräftig wie zwei ausgewachsene Männer zugleich. Wenn Angelina Piceringas sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann konnte nichts sie so rasch wieder aufhalten.

Peter hatte Mühe im Lauf seine Hose festzuhalten und gleichzeitig mit seiner Mutter Schritt zu halten. Ein Auto raste hupend an ihnen vorbei und er sah, wie zwei junge Männer ihrer Köpfe aus den heruntergekurbelten Fenster hielten und ihnen etwas zuriefen, dass in Peters Ohren etwa wie „fesches Outfit Madame Piceringas“ klang, in Wirklichkeit aber wohl nur halb so freundlich gewesen war. Schamesröte zeichnete Peters Wangen und als lautes Kindergeschrei an sein Ohr drang, erfasste ihn vollends die nackte Panik. Mit einem kräftigen Ruck riss er sich von seiner Mutter los, die abrupt stehen blieb.

„Du kannst mich nicht zwingen!“, schrie er sie an. Polina presste sich beide Hände auf die Ohren, als erwarte sie ein ohrenbetäubendes Donnerwetter. Mit offenem Mund blickte Angelina auf ihren Sohn, der verzweifelt versuchte, nicht seine Hose fallen zu lassen und am ganzen Körper zitterte wie Espenlaub. Das viel zu große Hemd schlackerte um ihn herum wie ein alter Kartoffelsack und sah in diesem Augenblick alles andere als festlich aus. Dafür jedoch interessierte sich eine Wespe sehr für das glänzende blau, in dem Peter steckte und begann laut summend um seinen Kopf zu kreisen.

Verängstigt versuchte Peter das Tier mit der freien Hand wegzuschlagen, als Angelina den Arm hob, ausholte und ihrem Sohn mit der flachen Hand gegen die Schläfe schlug. Erschrocken riss Peter beide Hände hoch und presste sie auf die Stelle an gleich oberhalb seiner Augenbraue, die auf der Stelle zu brennen begann, als wären die Finger seiner Mutter aus glühend heißem Stahl gewesen. Die Wespe jedoch hatte Angelina erwischt und sie fiel geschlagen und ein letztes Mal seufzend brummend zu Boden.

Peter presste die Augenlider fest aufeinander, bemüht den Schmerz zu vergessen und den Tränen nicht nachzugeben, als er bemerkte, dass das Kinderlachen und –schreien verklungen und es sonderbar still um ihn her geworden war. Zaghaft hob er die Lider einen Spalt und spähte an seiner Mutter und Polina vorbei auf den Schulhof, den sie längst erreicht hatten, ohne dass er es bemerkt hatte. Ein kalter Windstoß strich um seine Beine und er blickte mit entsetzten auf seine beiden Hände, die er auf den Wespenstich gepresst hatte, bevor sein Blick hinab zu seinen Füßen wanderte, wo der Bund seiner blaue Hose um seine Knöchel schlackerte.

Zitternd schloss er wieder die Augen und begrüßte innerlich grinsend die Katastrophe, auf die er gewartet hatte.
Review schreiben