In den Tiefen der Seele

GeschichteThriller / P18
03.08.2013
08.11.2013
18
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Anmerkung des Autors:
Tja, da wären wie wieder. Das offene Ende von "iBreak your Soul" hat viel Raum für Spekulationen gelassen, wie die Geschichte weitergehen könnte.
Da ich aber möchte, dass die folgende Geschichte jeder lesen kann, auch ohne meine anderen Storys zu kennen, werde ich wie gewohnt so schreiben, dass man auch dieses
hier ohne den Rest gelesen zu haben, alles nachvollziehen kann.

Also, viel Spaß bei der Vollendung meiner Trilogie um den "Reisenden".
MfG
Antagonist




Wenn man sich das eigene Leben so anschaut, fallen einem meist hundert Dinge ein, die man hätte besser machen können. Es liegt in unserer Natur, falsche Entscheidungen zu bereuen und sich zu wünschen, die
Uhr noch einmal zurückdrehen zu können. So manch einer würde am liebsten sein ganzes Leben von vorne beginnen.
Nur leider geht das nicht.
So sehr wir es uns auch wünschen, aber getroffene Entscheidungen sind meist unumkehrbar. Und mit den Konsequenzen müssen wir leben.



Seattle
16 Uhr

Die junge Frau vor ihm spielte nervös mit dem Saum ihres Krankenhaushemdes. Das tat sie schon, seit sie auf dem kleinen Stuhl, welcher am Boden festgeschraubt war, platzgenommen hatte.
Zu oft war es vorgekommen, dass einer der Insassen, das Sitzmöbel als Waffe zweckentfremdet hatte. Durch die verspiegelte Scheibe betrachtet, sah sie irgendwie verloren aus und keinesfalls wie das,
als das sie ihre Krankenakte darstellte. Aber Doktor Richard wusste, dass der äußere Eindruck täuschen konnte.

Hellblaue Augen starrten ihn aufmerksam und misstrauisch an, als er die Tür zum Untersuchungszimmer hinter sich schloss.
Nun, das war schon mal etwas. Beim ersten Treffen hatte ihn die Frau sofort angegriffen und musste von zwei Pflegern unter Kontrolle gebracht werden.
Er setzte sich auf einen gegenüberliegenden, ebenfalls am Boden verschraubten Stuhl und legte sein Klemmbrett auf den niedrigen Tisch zwischen ihnen.

"Guten Tag, Miss Puckett. Sind sie bereit für unser Gespräch über ihre bevorstehende Entlassung?"

Stummes Nicken musste als Antwort reichen. Bei zwei Sitzungen pro Tag war er das bereits gewohnt.

"Nur fürs Protokoll. Wie ist ihr Name, wie alt sind sie und wo befinden sie sich gerade?"

Tiefes Seufzen. Na wenn da nicht mehr kam, würde das Gespräch einen ganze weile dauern.
Die Worte kamen gepresst und leise.

"Mein Name ist Samantha Puckett, aber alle nennen mich Sam. Ich werde in zwei Monaten einundzwanzig und wie es aussieht muss ich meinen Geburtstag in der
Anstalt "Troubled Waters" verbringen, dem Ort, an dem "Schinken" wohl ein Fremdwort zu sein scheint."

"Ja, das Essen ist hier wirklich nicht besonders. Können sie mir sagen, warum sie hier sind?"

Das war der Knackpunkt. Vor ein paar Wochen waren sie schon mal so weit gewesen, dann war Samantha durchgedreht. Innerlich machte sich Doktor Richard bereit, den Notfallknopf unter dem Tisch zu drücken,
um die Pfleger zu alarmieren. Vier Sekunden und Miss Puckett war aufs Neue mit genug Beruhigungsmittel vollgepumpt, um ein kleines Pferd außer Gefecht zu setzen.

Doch in den Augen, die ihn fixierten, lag mit einem Male etwas, auf das er schon nicht mehr gehofft hatte.
Waren ihre Gesichtszüge sonst von Wut verzerrt, mischte sich nun ein Hauch von Traurigkeit in ihre Mimik.
War das der lang erwartete Durchbruch?



"Ich bin hier, weil mein Leben zerstört wurde. Vor einem halben Jahr hat ein Psychopath, der unter dem Namen Robbie Shapiro unterwegs war, mich gefangen, eingesperrt und gefoltert.
Er hat den großen Bruder meiner besten Freundin, einen Mann, der für mich wie ein Vater war, dazu verleitet, meine Schwester umzubringen. Dieser Mann, Spencer Shay, sollte auch mich töten,
hat sich aber entschieden, mich zu verschonen. Robbie hat ihn umgebracht, so wie viele andere. Er hat eine alte Freundin von mir, Dana, mit einem Ziegelstein totgeprügelt.
Er hat Gibby, einen Jungen, der immer mit uns abhing, vor laufender Kamera aufgehängt. Und alles nur, weil er der festen Überzeugung war, auf einer Mission oder so was zu sein.

Robbie hat alles, was in meinem Leben gut gewesen war, in Stücke geschlagen. Deshalb bin ich hier."


Doktor Richard war überrascht. Fieberhaft machte er sich Notizen und stellte weiter Fragen. Nach einer halben Stunde war er der Ansicht, dass Sam keine Gefahr mehr für sich oder andere darstellte.
"Also, ihre Fortschritte sind wirklich beeindruckend. Ich hätte vor vier Monaten noch gedacht, sie würden nie wieder aus ihrem wahnhaften Zustand herauskommen."

Er machte eine kurze Pause, in der er das folgende sorgfältig abzuwägen schien.  

"Ich habe eine Kollegin, welche sich auf die Betreuung von Trauma Opfern spezialisiert hat. Um mich klar auszudrücken Sam, Sie sind noch nicht wieder auf dem Damm, aber wenn sich ihr Zustand in den nächsten Wochen weiter verbessert,
dann können Sie unsere Einrichtung verlassen. Wenn Sie gut mitarbeiten, können Sie bald in eine eigene Wohnung ziehen und müssen dann nur noch drei Mal die Woche zur Therapie."

Samanthas Finger hörten auf damit, Fusseln aus ihrem Hemdsärmel zu pulen und warf Doktor Richard einen prüfenden Blick zu, so als wolle sie ergründen, ob er sein Angebot ernst meinte.
Als sie nach einer halben Ewigkeit die alles entscheidende Frage stellte, hörte sich ihre Stimme rau und ungenutzt an.

"Wo lebt diese Kollegin?"










Detroit
Zur gleichen Zeit


"Das machst du hervorragend! Immer hübsch einen Schritt nach dem anderen."
Nancy wusste, wie wichtig es war, die Patienten zu motivieren. Zuspruch und Lob konnten den Unterschied ausmachen, zwischen einem positiven Heilungsverlauf und völliger Selbstaufgabe.
In ihren fünf Jahren, die sie mittlerweile als Krankenschwester arbeitete, hatte sie schon mehrere Fälle erlebt in dem ein vermeintlich hoffnungsloser Zustand durch eine positive Grundeinstellung gebessert wurde.
"Noch drei Schritte, dann haben wir es für heute geschafft."
Und dieses Mädchen war die Verkörperung dieses Prinzips. Als man sie vor einem Jahr einlieferte, hatte man geglaubt, dass sie die Nacht nicht überstehen würde. Und wenn man sie heute sah....
Es war schon ein Wunder, den Sturz aus dem vierten Stock auf eine gepflasterte Straße zu überleben. Das Ausmaß der Knochenbrüche und inneren Verletzungen war derart fatal, dass diese Methode des Suizides eigentlich unfehlbar sein sollte.
Aber dass dieses zierliche Mädchen mittlerweile in der Lage war, zu laufen, das grenzte nahezu ans Übernatürliche.
Rein äußerlich sah man ihr generell wenig an. Die Ärzte hatten meisterliche Arbeit geleistet und nach einer Reihe kosmetischer Operationen waren selbst die Narben kaum noch zu sehen.

In wenigen Wochen würde man sie entlassen können. Und dann war Cat Valentine frei, ein neues Leben anzufangen.
Es tat Nancy in der Seele weh, dieses Mädchen gehen zu lassen, mit dem sie sich im Laufe der Zeit angefreundet hatte. Sie war ein aufgeweckter Mensch, lebensfroh und höflich.
Kaum zu glauben, dass sie Selbstmord begehen wollte. Am Anfang hatte sie es gar nicht wahr haben wollen.

Aber nach dem, was ihr passiert war...
Wenn sie den Andeutungen, welche Cat im Verlauf des letzten Jahres gemacht hatte, Glauben schenken durfte, dann hatte sie furchtbares durchlitten.
Dinge, die kein Mensch erleben sollte.

Was man mit unumstößlicher Sicherheit wusste war, dass ihr Bruder zu den Opfern des berüchtigten Serienmörders Robert Shapiro zählte. Auf irgendeiner unterbewussten Ebene schien sie sich selbst dafür die Schuld zu geben, obwohl das
natürlich völliger Unsinn war. Niemand, außer diesem Psychopathen, trug daran die Schuld.
Offenbar lief sie nach dem Vorfall von Zuhause weg und trampte quer durchs Land, bis sie schließlich in dieser Stadt gestrandet war und dort versuchte sich umzubringen.
So viel zu den Fakten.

Nancy wusste, dass da noch mehr war. Sie spürte es einfach, dass ihr in Detroit etwas derart furchtbares zugestoßen sein musste, dass es sie dazu brachte, sterben zu wollen.
Niemand wusste etwas genaues, aber die Krankenschwester hatte da so einen Verdacht, worin dieser Todeswunsch noch begründet sein könnte.
Man hatte ihren zerschmetterten Körper in einem Viertel der Stadt gefunden, der für seine illegale Prostitution berüchtigt war.

Natürlich hatte man sie dahingehend verhört, aber Cat hatte sich standhaft geweigert, etwas über ihr Leben in den Monaten vor ihrem "Unfall", wie sie es nannte, preiszugeben.
Was verständlich war, schließlich hätte man sie für diesen speziellen Gelderwerb strafrechtlich belangen können.
Nancy lag es fern, diese junge Frau für ihre Entscheidungen zu verurteilen. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, durch welche Hölle sie gegangen sein musste, wenn sie das für bare Münze nahm, was die Chirurgen in der Kantine erzählten.
Es hatte wohl spezifische Verletzungen gegeben, welche sich nicht durch den Sturz erklären ließen.

Dazu passte auch die Tatsache, dass Cat in den ersten Monaten auf die männlichen Pfleger und Doktoren mit sprichwörtlicher Todesangst reagierte.
Als Brian, ein vertrauenswürdiger und netter Mitarbeiter ihre Therapie übernehmen sollte, bekam sie Herzrasen und Schweißausbrüche. Erst nachdem er sich aus dem Zimmer entfernt hatte, normalisierte sich ihr Zustand wieder.
Es hatte Ewigkeiten gedauert, bis Cat ihre Angst so weit verlor, dass es ihr gelang, zumindest ein Gespräch mit den männlichen Ärzten zu führen.

Nancy war sich nicht sicher, ob es eine gute Idee war, Cat in die Welt zu entlassen. Aber da sie nicht zugeben wollte, dass sie Suizidabsichten gehabt hatte und immer nur von einem "Unfall" oder "Missgeschick" sprach, hatte man keine Handhabe, um sie unter Beobachtung zu halten, wenn ihre körperlichen Wunden geheilt waren.


Nancy half Cat in den Rollstuhl. "Den wirst du bald schon nicht mehr brauchen."
Die junge, rothaarige Frau lächelte sie an.
"Das wäre schön."

"Was willst du in ein paar Wochen eigentlich machen? Wohin willst du gehen, ich meine, hast du was, wo du bleiben kannst?"
Cats Augen leuchteten vor Vorfreude.
"Ich gehe zurück nach L.A. und ziehe dort zu meiner Oma. Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen. Ich gehe auf irgendein College und dann sehen wir weiter."

Nancy schob ihre Patientin im Rollstuhl durch die Gänge des Krankenhauses. Ihre Schuhe verursachten ein quietschendes Geräusch auf dem mit Kunststoff überzogenen Boden, während sie die eine Frage stellte, die sie unzählige male
an die rothaarige gerichtete hatte.

"Wirst du zurecht kommen?"


"Ja."

Die Krankenschwester hoffte zutiefst, dass das stimmte.





Der Schmerz vergeht, aber die Angst ist für immer.
wenn man verletzt wurde, dann heilen die körperlichen Wunden in Laufe der Zeit, aber die tiefsten Risse sind für das Auge nie sichtbar.
Es ist zwar nicht unmöglich, dass auch diese im Laufe der Zeit verheilen, aber dieser Prozess kann die Dauer einer ganzen Existenz beanspruchen.
Je nachdem, wie stark man innerlich ist.

Und bis es so weit ist, wacht der Betroffene jeden Tag mit der Angst auf.
Geht mit der Angst durch den Tag.
Nimmt in manchen Fällen die Angst mit ins Grab.

Manche von uns verweilen den Rest ihres Lebens im schlimmsten Augenblick ihres Daseins.
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