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Jades Geheimnis

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
31.07.2013
14.10.2014
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31.07.2013 1.536
 
Jade hatte viel Mühe die letzten Minuten bis zur Mittagspause still sitzen zu bleiben und den Ausführungen des Naturkundelehrers zu folgen. Sie war viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, die ihren Kopf bis ins letzte Eck füllten. Sie hatte sich im Sekretariat nach den Namen ihrer vermeintlichen Schwestern erkundigt und problemlos eine Auskunft erhalten.

Resi und Bellana gingen beide in die 11. Klasse, was Jade zu der Annahme verleitete, dass sie Zwillinge waren. Diese Überlegung konnte jedoch auch einen anderen Hintergrund haben. In Anbetracht der Tatsache, dass sie zwar alle den selben Vater hatten, jedoch verschiedene Mütter, lag es auch im Bereich des Möglichen, dass Rikki und Bella lediglich im selben Jahr zur Welt gekommen waren. Diese Möglichkeit hatte jedoch einen bitteren Nachgeschmack, als dass ihr Vater als Fremdgänger entlarvt war, der zur gleichen Zeit etwas mit 2 Frauen hatte.

König Rafael stand nicht gerade als  Typ mit weißer Weste da, unabhängig davon welchen Status er bekleidete. Jade hatte Lydia nie mit Fragen über ihren Vater bombardiert. Natürlich hatte es eine Zeit gegeben, wo sie endlich die Wahrheit wissen wollte, doch ihre Mutter hatte stets mit der knappen Begründung, dass ihr Vater in die Ferne gezogen war, um seine Pflichten wahrnehmen zu können, abgespeist. Mehr gab es da nicht zu sagen.
Jade hatte ihren Vater deshalb immer für ein hohes Tier gehalten, das weitaus wichtigere Angelegenheiten zu erledigen hatte, als seine Tochter zu vermissen. Darüber hinaus bezweifelte sie ohnehin, dass der König der Meere auch nur so etwas wie Mitgefühl empfinden konnte, schließlich war er doch der Herrscher über ein gigantisches Meeresimperium.
Da war gewiss wenig Zeit für derartige Nebensächlichkeiten. Trotz des Wissens um ihre besondere Stellung als Tochter eines Machthabers, hegte sie keinerlei Sympathien für ihren Vater. Alles was sie wollte, war es ihre Mutter wieder bei sich zu haben, denn diese war nicht einfach so aus ihrem Leben verschwunden, um sich von ihrem Gefolge bedienen zu lassen.
Lydia war es wert, wenn sie ihre magischen Fähigkeiten verlor. Eine Wächterin des Mondgesteins ist und war sie ohnehin nie gewesen. Sie wusste ja noch nicht einmal, wie sie mit so viel Verantwortung umzugehen hatte, geschweige denn ihre Kräfte richtig einzusetzen. Das reichte ihr, um sich einzureden, dass dieser Verlust kein wirklich Tragischer war.

Noch bevor Mr Simmons die Hausaufgaben ansagen konnte, war Jade wie der Blitz aus dem Raum gefegt. Sie hatte mithilfe der internen E-Mail-Adressen, die  ihr die Sekretärin zur Einsicht gegeben hatte, nachdem Jade ein Mentorenprogramm vorgegaukelt hatte, Bellana und Resi kontaktiert.
Da es eine Messenger-App für die Schüler der Highschool gab, war es ein Leichtes zeitnah eine Rückmeldung zu bekommen. Man hatte sich kurzerhand vor der Cafeteria verabredet. Es war makaber auf jemanden zu warten, den man nicht kannte bzw. den man, unbetroffen der jüngsten Ereignisse, gar nicht beabsichtigt hatte kennenzulernen. Es fühlte sich wie bei einem Blind Date an, obgleich Jade noch nie Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt hatte.
Ihr war unbehaglich zumute, doch an einem Treffen führte kein Weg vorbei. Sie brauchte die Unterstützung, wenn sie den Forderungen in den Chroniken nachkommen wollte, um damit ihre Mutter aus dem Jenseits zurückzuholen.

„Hey Nixe, wir sind hier“, rief ihr eine Stimme von Weitem entgegen, als sie noch auf dem halben Weg zur Cafeteria war.

Jade beschleunigte ihr Schritttempo, bis sie vor 2 Mädchen Halt machte, deren Schönheit zweifellos ncht von dieser Welt sein konnte. Sie wusste nicht so recht, wer von den beiden schöner war, da jede von ihnen ein besonderes Erscheinungsbild bot. Während Rikki einen sportlichen Look hatte, verkörperte Bella den femininen Gegenpart mit ihrem romantisch anmutenden Stil.

Sie wirkten im Gegensatz zu Jade wenig überrascht, dass sie von einer Fremden hierher befördert waren. Es schien fast so, als ob dieses Treffen schon lange fällig  und bereits in der Vergangenheit zum heutigen Zeitpunkt festgesetzt worden war. Wie die Prophezeiung eines Orakels.

Um ihre Nervosität zu bedecken, lächelte Jade und riss die Ansprache selbstbewusst an sich.

„Ich denke ihr wisst worum es geht. Unser Dad hat mir alles erzählt. Es ist eine verdammt wichtige Sache für mich und natürlich für meine Mutter. Ich hoffe, wir kommen miteinander klar.“

Resi zog eine Augenbraue hoch, was Jade als Verachtung interpretierte. Das machte sie, nach ihren saloppen Eingangsworten nur noch unsympathischer.

„Kleine, wir ziehen mit, wenn du mitziehst. So läuft bei uns der Hase. Wir wollen genausowenig mit dir zu tun haben, wie du mit uns. Wenn wir die Sache hinter uns gebracht haben, können wir wieder getrennte Wege gehen.“

Jade war während dieser feindseligen Ansage Bellanas böser Blick aufgefallen, der  Resi galt. Es war nicht schwer zu erraten, dass Bellana der Ansicht war, dass Resi sich ganz schön im Ton vergriffen hatte. Deshalb hielt sie sich nicht lange damit zurück, den misslungenen Start ihrer Schwester auszubügeln.

„Resi meint es nicht so. Sie ist nur etwas skeptisch gegenüber neuen Ereignissen. Vor allem, wenn sie so persönlich sind. Das ist nicht unbedingt ihre Stärke. Ich bin jedenfalls froh, dich endlich kennenzulernen.
Vater hat zwar von dir gesprochen, doch für uns bestand keine Chance auf dich zuzugehen und dich einzuweihen, obwohl es schon Situationen gegeben hat, wo ich kurz davor war, dich auf dem Heimweg abzupassen, weil ich es einfach nicht mehr ausgehalten habe, dich im Ungewissen zu lassen.
Es tut mir leid, aber es ist wichtig, dass wir uns an die Chroniken halten, wenn wir unser Geheimnis behüten wollen. Deine Mutter ist eine gute Seele. Wir haben unseren Vater schon vor Jahren kennengelernt, nachdem unsere Mütter warum auch immer nicht mehr für uns sorgen konnten. Sag mal, wann hast du dich eigentlich verwandelt", sagte sie mit einem Kloß im Hals, der darauf schloss, dass sie ihre Mutter eher unfreiwillig verloren hatte, im Vergleich zu Resi, die über ihre Vergangenheit Stillschweigen bewahrte.

Bellanas warme Worte hatten Jade wieder kooperativer gestimmt. Sie würde sich fortan nur noch an Bella halten, um ihre Mission zu erfüllen. Ob sie den Kontakt zu ihren Schwestern auch nach dieser Pflicht aufrechterhalten wollte, war noch nicht absehbar. Bellanas Chancen standen jedoch besser als Resis, so viel stand schon mal fest.

„Danke Bellana. Naja ich bin erst vor ein paar Tagen in diesen ganzen Hokuspokus reingeschubst worden. Wie ihr bestimmt schon wisst, hat man meine Mutter geopfert, nachdem der Mond sich gegen uns gerichtet hat.
Ich bin immer noch in einer Art Schockstarre, aber so langsam begreife ich die Zusammenhänge. Gestern hat mir König Rafael, unser Vater, diesen Schlüssel gegeben.“

Sie lockerte ihre Faust, die den Schlüssel zu Mako Island umschlossen hielt. Plötzlich begann dieser zu funkeln, so als ob er auf sich aufmerksam machen wollte. Obwohl die drei nicht genau wussten, was es damit auf sich hatte, hielten sie es für das Beste, sich dorthin zu begeben, wo das, für diesen Schlüssel vorgesehene Schloss darauf wartete, geöffnet zu werden.

Es war ein seltsames Bild für die umliegenden Strandbesucher, als die drei Wächterinnen des Mondes kurz nacheinander ins Meereswasser stürzten und nicht wieder auftauchten, so als ob sie von den Tiefen des Ozeans verschluckt worden wären.

Manch einem huschte ein Schmunzeln über das Gesicht, in dem das Halbwissen über die Dinge, die nicht von dieser Welt waren, mitschwang. Für den Rest blieb es bei einem nicht weiter zu beachtenden Zwischenfall, denn für solche Realisten gab es nichts Schlimmeres, als von ihrem Umfeld den Stempel eines Verrückten aufgedrückt zu bekommen.

Für Jade, Bellana und Resi hingegen waren diese Verrücktheiten alles was sie hatten. Sie waren auserkoren worden, in den Ungereimtheiten dieser Welt eine Hauptrolle zu übernehmen, ganz egal, ob sie vorher eingewilligt hatten, oder nicht.

Als sich das Unterwassergitter öffnete, tauchten die drei Meerjungfrauen nach einem kurzen Tauchgang an eine Oberfläche auf, die umsäumt war, von kraterförmigen Gesteinswänden. Sie bildeten einen geschlossenen Kreis, durch dessen Mittelpunkt, der nach oben zum Himmel hin geöffnet war, Licht in die Höhle einströmte.
Noch schien die Sonne, doch schon bald würde sie der Mond ablösen. Bis dahin blieb der eingeschworenen Gruppe etwas Zeit, sich auf den alles entscheidenden Moment vorzubereiten. Es durfte nichts schief gehen, wie Resi in ihrer nachfolgenden Erklärung scharf betonte.

„Morgen ist es soweit. Wir haben es in der Hand. Bellana und ich werden mithilfe unserer Kräfte dem Mondgott zu verstehen geben, dass wir bereit sind auf die Forderungen der Chroniken einzugehen. Anschließend wirst du deine Kräfte verlieren, deshalb kann es sein, dass du dich nach und nach schwächer fühlen wirst. Hat man dir schon gesagt, was auf dich zukommt?“

Mit dieser Frage hatte Jade nicht gerechnet. Sie wusste zwar, dass sie ihre angeblichen Kräfte aufgeben würde, doch Rikkis spitzen Unterton nach zu urteilen glaubte sie etwas herausgehört zu haben, dass ihr eine Gänsehaut einjagte.

„Was meinst du? Ich werde doch noch immer die alte Jade bleiben, abgesehen davon, dass ich dann nur nicht mehr ein Doppelleben als Fisch führen kann?“

Obwohl es nicht anders zu erwarten war, als dass Resi ihr unverhohlen die schaurig ungeschönte Wahrheit ins Gesicht schleuderte, war sich Jade plötzlich nicht mehr ganz so sicher, ob sie einen derartigen Pakt eingehen konnte.

Um sich ihren nicht mehr umkehrbaren Ausgang noch einmal in aller Klarheit vor Augen zu führen, sprach sie Resis letzten Satz nach. In ihm lag die vollste Schwermut einer sonst so lebenshungrigen jungen Frau.

„Ich werde für den Rest meines Lebens eine Meerjungfrau bleiben.“
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