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Jades Geheimnis

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
31.07.2013
14.10.2014
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31.07.2013 1.481
 
Am Anfang ging es darum ihre Mutter wieder zum Leben zu erwecken, was ohnehin schon all ihre Kraft beanspruchte. Mit der Möglichkeit, schon bald in Kürze ihren Vater kennenzulernen, befürchtete Jade, dass große Dinge auf sie zukommen würden. Dinge, die neue Fragen aufwarfen, wovon die wichtigste, die ihrer wahren Herkunft sein dürfte.

Als sie von ihrer Mutter erfahren hatte, dass sie ein Kind des Meeres war, hatte sich ein mulmiges Gefühl in ihr breit gemacht, welches durch die hinzugekommene Erkenntnis über ihren Vater stärker geworden ist.
Niemals hätte sie gedacht, dass sich ihr Leben in eine solche Richtung entwickeln könnte, die in unglaublichen Geschehnissen nicht mehr zu überbieten war. Es führte kein Weg daran vorbei, sie musste so oder so König Rafael gegenübertreten, wenn sie das Schicksal ihrer geliebten Mutter wenden wollte.

„Meine Mutter sprach von einem Schlüssel, den König Rafael besitzt?!“

Ohne eine Antwort erhalten zu haben, nahm Pippo sie bei der Hand und zog sie im rasanten Tempo neben sich her, ohne dass Jade seine Umklammerung als zerrend empfand. In Rekordgeschwindigkeit zog die Unterwasserlandschaft an ihnen vorbei, alles verschwamm zu einem wild besprenkelten Grün.

Hin und wieder nahm sie einzelne Pflanzen oder Fische wahr, doch der Großteil war nicht eindeutig zu benennen. Jade schloss die Augen, als Übelkeit in ihr hochstieg und sie drohte zu überkommen. Es kam ihr vor, als ob nicht einmal eine Achterbahnfahrt mit Pippos Tauch-Marathon mithalten konnte.
Der Vergleich war in Anbetracht der grundverschiedenen Umstände abwegig. Während bei einer Achterbahnfahrt lediglich physikalische Kräfte wirkten, die die Schienenwagen beschleunigten, kamen hier magische Kräfte zum Tragen, die wie ein messerscharfer Pfeil die einzelnen Wasserschichten durchtrennten und aufgewirbelte Schaumspiralen nach sich zogen. Es sah aus, wie der Luftschweif, der durch den Düsenantrieb eines Flugzeugs entsteht.

Als Jade die Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick auf ein vergoldetes Gittertor, vor dem sie standen. Pippo lächelte ihr aufmunternd zu, was ihr die Nervosität leider immer noch nicht nahm. Auf der einen Seite wollte sie es endlich hinter sich bringen, andererseits hatte sie Angst davor, auf Ablehnung zu stoßen.
Um Mut zu fassen, nahm sie Pippos Hand, welcher seine Stimmer erhob, um König Rafael durch eine liebliche Melodie auf sich und seinen Gast aufmerksam zu machen. Nachdem sich der Klang, wie bei einer Stimmgabel in alle Richtungen ausbreitete und schließlich die privaten Gemächer von König Rafael erreichte, öffnete sich das Tor wie von Geisterhand, woraufhin Jade und ihr Helfer eintraten.
Es war ein langer Weg bis hinauf zum Schloss, das aus Korallen erbaut war. Es sah überwältigend aus. Die große Frage, was für ein Geschöpf König Rafael wohl sein mochte, hatte sie während der ganzen Reise bis hierher begleitet und nun konnte sie es kaum erwarten, in sein Gesicht zu blicken.

Was?
Das sollte also ihr Vater sein?
Dieser schmähliche, unscheinbare Oktopus, der da auf sie zukam, mehr gebückten, als aufrechten Ganges. Fast so schien es ihr wie Ironie des Schicksals, als sie dem Ozean sei Dank feststellte, dass diese krüppelhafte Gestalt nicht mehr als ein Diener des Königs war, der sie in Empfang nehmen sollte.

„Darf ich vorstellen. Mein Name ist Octavius, ich bin der höchste Diener von König Rafael. Er erwartet Sie schon im großen Hauptsaal. Pippo, wie schön Sie mal wieder zu sehen. Ich hoffe, Sie hatten keine Unannehmlichkeiten.“

Pippo schüttelte ihm den Tentakel und trottete hinter ihm her. Jade folgte ihnen. Ihr Herz pochte wie wild, sodass sie befürchtete es könnte jeden Moment ein Seebeben auslösen.
Als sie das Foyer betrat, wurde sie geblendet von den Kristallwänden, die ein blaues Licht in alle möglichen Richtungen ablenkten. Es war ein atemberaubendes Farbspiel, wie man es nur in Schneekugeln betrachten konnte, nicht jedoch in einer solchen Größenordnung.
Eine Horde Seepferdchen schob sich an ihr vorbei, sie schienen in Hektik zu sein. Es musste sich um Bedienstete handeln. Jade konnte sich nicht an dem Kristallzauber sattsehen. Sie hätte am liebsten alles um sich herum vergessen, um sich dieser Schönheit voll und ganz hinzugeben. Sie schaffte es nur mit viel Mühe sich ins Gedächtnis zu rufen, auf welcher Mission sie sich befand, doch sie konnte den Gedanken, dass ihr eine wundervolle Kindheit in diesem Ambiente entgangen war, nicht verdrängen.
Wie konnte ihr Lydia verschweigen, dass sie so ganz anders war, als die Menschen in ihrem Umfeld, mit denen sie 16 Jahre in direktem Kontakt gestanden war. Sie war als Prinzessin auf die Welt gekommen. Wenn ihrer Mutter nicht ein solches Unglück widerfahren wäre, hätte sie ihre wahre Identität niemals entschlüsselt. Ihr nobler Stand interessierte sie dabei wenig, es war vielmehr ihre Neugier um ihren eigentlichen Ursprung.

Währenddessen waren sie im Hauptsaal angelangt, dem Ort des Aufeinandertreffens. Zunächst konnte sie nur Umrisse erkennen, die immer schärfer wurden, je näher sie anrückte, bis sie schließlich ihrem Vater ehrfürchtig von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand.
Obwohl sie sich nie gesehen hatten, herrschte eine tiefe Verbundenheit zwischen den beiden. Es war, als ob Jade von einer langen Reise nach Hause gekehrt war, ohne dass sie sich darüber im Klaren war, wie sie eine fremde Umgebung, als ihr Zuhause bezeichnen konnte. Sie fühlte sich schlichtweg geborgen und aufgenommen.

Ihr Vater schloss sie umgehend in die Arme, so als hätte er nie etwas anderes gemacht. Obwohl Jade es nicht wissen konnte, sagte ihr irgendetwas, dass ihr Vater schon immer auf sie gewartet hatte. Sie fühlte sich zum ersten Mal angekommen – in den kräftigen Armen ihres Vaters, der wie sie, ein Wassermann war – halb Mensch halb Fisch. Auf dem Kopf trug er eine achtzackige Krone, aus einem noch schöneren Kristall, als jener, welcher in den Wänden verarbeitet war. Über seine Brust spannte sich eine Tätowierung, die 3 Symbole umfasste, deren Bedeutung König Rafael kurzerhand offenbarte, als er Jades haftenden Blick bemerkte.

„Die 3 Symbole sind die Geburtszeichen all meiner Kinder. Ich habe 3 Töchter, wovon du eine bist. Die anderen beiden heißen Resi und Bellana. Sie sind oft bei mir, nur auf dich habe ich all die Jahre sehnsüchtig gewartet.
In unseren Chroniken, an die wir uns streng halten müssen, heißt es, dass wir unsere Kinder erst dann sehen dürfen, wenn ihre Mütter ihre Verantwortungspflicht nicht mehr wahrnehmen können, aus welchen Gründen auch immer.
Lydia ist jedoch gestorben, damit sich die Verheißung erfüllt. Ihr Tod war kein Zufall, als vielmehr ein notwendiger Akt, der wieder rückgängig gemacht werden kann, sobald wir unsere Mission erfüllen.“

Jade war sprachlos aus zweierlei Gründen. Sie hatte nicht nur erfahren, dass sie Schwestern hatte, sondern weitaus schlimmer war, was ihr Vater über den Tod ihrer Mutter gesagt hatte. Sie musste sterben. Wer hatte das Recht über Leben und Tod zu entscheiden?
Es war unvorstellbar, dass irgendjemand oder irgendetwas in den natürlichen Lauf der Dinge eingreifen konnte, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Sie konnte nicht anders, als ihrer Wut Platz zu machen.

„Ist das wahr?! Mama könnte eigentlich noch leben, wenn ich nicht dein Kind wäre? So etwas Absurdes habe ich noch nie gehört.“

König Rafael beschwichtigte sie, indem er versuchte ihr, in aller Ausführlichkeit die Geschichte ihres Lebens zu erzählen. Jade horchte gebannt. Was sie erfahren sollte, würde sie lange nicht mehr in Ruhe lassen.

„Du bist Jade, die Prinzessin des Mondgesteins. Du kommst direkt hinter Resi, der Prinzessin des Mondsees und die letzte im Bunde ist Bellana, die Prinzessin des Mondlichts.
Zusammen seid ihr Mondwächterinnen. Ihr beschützt, hütet und verteidigt das Geheimnis des Mondes, wenn es sein muss mit eurem Leben. Nur ihr habt eine Verbindung zu ihm.
Der Mond gibt und der Mond nimmt. Im Moment befinden wir uns in einer schwierigen Phase, da sich die Wirkung des Monds gewandelt hat. Er scheint nicht mehr unserem Wohle gesinnt zu sein, sondern richtet sich gegen uns.
Das ist ein Warnsignal, das wir genauer beobachten müssen. Dazu brauche ich jedoch alle meine Töchter, da sie nur in ihrer Gesamtheit die volle Entfaltung ihrer magischen Kräfte erreichen können. Wir wissen noch nicht genau, wie wir vorgehen müssen, doch eins ist klar, es gab keinen anderen Ausweg, als Lydia zu opfern – nur vorübergehend.
Es ist eine Notlösung, von der in den Chroniken oft die Rede ist. Das Wichtigste ist jedoch, dass sie sich in der Zwischenwelt befindet und ihr Leben noch nicht entschieden ist. Sie wird wieder zu uns kommen, wenn es uns gelingt den Mondgott zu beruhigen. Dazu brauchen wir aber noch einen guten Plan.“

Jade war die Prinzessin des Mondgesteins, was auch immer das bedeuten sollte. Ihre Mutter war eine Art Opferlamm. Er hatte erwähnt, dass sich der Mond gegen sie gerichtet hatte. Er war nicht mehr auf ihrer Seite, obgleich sie und ihre Schwestern seine Wächterinnen waren. Nun blieb noch eine Frage offen, die ihr dringend unter den Nägeln brannte.

„Was ist das für ein Schlüssel, den du für mich hast?“

Die Antwort stellte Jade vor neuen Fragen, wie nicht anders zu erwarten war.

„Es ist der Schlüssel zu Mako Island. Nur der Besitzer dieses Schlüssels hat den Zugang zu diesem magischen Ort, da er für alle anderen gefährlich ist.“
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