Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Jades Geheimnis

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
31.07.2013
14.10.2014
24
28.814
 
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
31.07.2013 1.565
 
Sie holten Jade zu sich, als sie von der traurigen Botschaft erfuhren. Ihre Großeltern mochten zwar nicht die lässigsten Alten unter diesem Stern sein, doch sie behandelten ihre einzige Enkelin unglaublich großzügig, sodass es ihr nie an etwas mangelte.
Lydia hatte nie ein gutes Verhältnis zu ihnen gehabt, seitdem sie ihnen beichten musste, dass sie mit Jade schwanger war. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch nicht einmal 18 Jahre alt. Gerade einmal 2 Jahre älter, als ihre Tochter jetzt.

Die Liebe Lydias zu ihrer ersten und einzigen Tochter ging über irdische Gesetzmäßigkeiten hinaus. Zeit ihres Lebens hatte Jade nie eine Sekunde an dieser innigen Verbindung gezweifelt, selbst nicht in weniger vergnügsamen Stunden.
Sharon und Merlin hatten Jade zwar nie ausdrücklich verstoßen, doch es war nicht abzustreiten, dass sie ihrer Tochter bei jeder Gelegenheit, die sich ergab Salz in die Wunde streuten.
Irgendwann hatten sie es so weit auf die Spitze getrieben, dass Lydia bewusst Familientreffen vergaß oder unglücklicherweise anderweitig verplant war. Aufgrund dieser angespannten Eltern-Tochter-Beziehung hatte Jade ihre Großeltern seit nunmehr 2 Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen, wenn man von ein paar seltenen Anrufen absah. Sie hatte sie nie richtig vermisst, doch ihr wäre es trotzdem lieber gewesen, wenn der Kontakt regelmäßiger von statten gelaufen wäre, zumindest an ihren Geburtstagen. Trotz ihrer Überredungskünste schaffte es Jade nicht, die Familienbanden neu zu knüpfen. Somit hatte sie fortan beschlossen das Thema fallen zu lassen, obwohl es sie höchst traurig stimmte.

Es war kein Leichtes gewesen, Merlin und Sharon von dem Verlust ihrer einzigen Tochter zu unterrichten, schon gar nicht, wenn es aus dem Mund ihrer eigenen Enkelin kam. Zunächst hatten sie unglaubwürdige Gesichter aufgesetzt, doch ihre Mienen verzogen sich nach und nach zu einem Entsetzen, als sie gar nicht anders konnten, als sich mit der Wahrheit zu versöhnen.
Obgleich Tränen flossen und ratlose Mitleidsbekundungen ausgetauscht wurden, schien es Jade, als ob dies nicht viel mehr als ein unheilvolles Zwischenspiel war, nach welchem wieder der geregelte Tagesablauf folgen würde. Sie fragten nicht einmal nach dem Leichnam, geschweige denn nach einer Bestattung. Sie erregten den Anschein, sich so wenig wie möglich mit diesem schrecklichen Kapitel in ihren Leben beschäftigen zu wollen.
Jade war zum einen aufgebracht über das Ausmaß einer derartigen Gefühlskälte, vor allem gegenüber dem eigen Fleisch und Blut, auf der anderen Seite war sie nicht wirklich geschockt von ihren Reaktionen, da sie im Grunde nichts anderes erwartet hatte. Als ihre Mutter noch unter den Lebenden war, zeigte sich immer wieder ein ähnliches Muster, welches scheinbar auch über den Tod hinaus nicht zu korrigieren war.

Es blieb Jade nichts anderes übrig, als sich alleine um die Bestattung zu kümmern. Ohnehin konnte sie ihren Großeltern nicht ohne Weiteres anvertrauen was aus ihr geworden war. Sie würden sie für verrückt halten. Den Verlust ihrer Mutter als Grund für diesen Wahnsinn anführen. Bevor sie nicht genau wusste was sie war oder warum das alles passierte, würde sie ihre Großeltern in dem Glauben belassen, dass ihre Tochter auf dem städtischen Friedhof ewig ruhte.


Schon in aller Frühe machte sie sich auf den Weg zu der Stelle, wo sie den Leichnam versteckt hatte. Noch bevor sie ankam, spürte sie, dass etwas nicht stimmte.
Und tatsächlich. Lydias Körper lag nicht mehr dort.
Er war nicht mehr da.
Ihr lief ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ihre Mutter war spurlos verschwunden, wie in Luft aufgelöst. Es war unmöglich, dass jemand den Leichnam gestohlen haben könnte. Nicht dass allein diese Idee schon mehr als absurd war, Jade konnte schlichtweg keine andere Erklärung hinter dem rätselhaften Verschwinden finden.
Doch wer konnte ein Interesse an einer Toten haben?
Wenn dem so war, dann musste der- oder diejenige Lydia sehr gut gekannt haben. Es fiel ihr niemand ein, der dafür potenziell in Frage kommen könnte. Nachdem sie das gesamte Treppenhaus, den Vorgarten und die Straße abgesucht und keine Spur gefunden hatte, entschloss sie sich spontan zur Unglücksstelle zu gehen, wo sie verzweifelt einen Hinweis vermutete.

Auf dem Weg dorthin spukten schaurige Bilder in ihrem Kopf herum, was war, wenn sie keinen Erfolg hatte und niemals erfahren würde, was mit den Resten ihrer Mutter geschehen war? Es war nicht die richtige Zeit sich solche Obszönitäten auszumalen, erst recht nicht vor dem Hintergrund der jüngsten Vorkommnisse. Jade war kein normales menschliches Wesen, das musste sie schmerzhaft erkennen, als sie ins Wasser gesprungen war, um ihre Mutter zu retten.

Nein, sie war ein Etwas. Ihr fielen nicht die richtigen Worte ein. Sie fragte sich, ob es überhaupt einen Begriff für das gab, in das sie sich verwandelt hatte. Im ersten Augenblick flammte ihr die Bezeichnung „Meerjungfrau“ auf, schließlich war sie eine – halb Mensch halb Fisch. Später war sie sich dem nicht mehr ganz so sicher, schließlich war es verrückt zu glauben, ein Fabelwesen zu sein.
Es war nicht etwa so, dass sie noch nie von Meerjungfrauen und Nixen gehört hatte, doch sie war schon immer ein rational-sachlicher Mensch gewesen, der sich solchen Fantasien nicht hingab, ohne den Blick für die Wirklichkeit zu verlieren.
Kurzum, sie war jemand, der der Realität nicht davonrannte, sondern sich ihr stellte, ohne mit der Wimper zu zucken. Deshalb war es auch so erschreckend, wie gelassen sie blieb, als sie mit sich selbst um eine logische Erklärung rang– doch vergebens, die Schwanzflosse war nicht zu übersehen.
Selbst unter dem Deckmantel einer Einbildungserscheinung ausgelöst durch eine Panikattacke, ließ sich dieser Umstand nicht leugnen. Sie war, was sie war.
Eine Meerjungfrau.

Angesichts des Schiffbruchs und den sich daraus ergebenden Konsequenzen, hatte sich ihr eine neue Welt eröffnet – eine faszinierende Welt voller Geheimnisse.
Eines dieser rätselhaften Geheimnisse tat sich ihr auf, als sie nach dem Leichnam ihrer Mutter Ausschau hielt, den sie aus einem Bauchgefühl heraus an dem Ort des Geschehens vermutete. Wie sehr sie damit Recht gehabt hatte.

Lydia schwebte als Geist über dem Ozean, was einen Sturm heraufbeschwor. Trotz der Gefahr, hatte Jade keine Angst, dass ihr etwas passieren könnte, da sie sich in Lydias Anwesenheit, selbst der in Geistergestalt, in Schutz wähnte. In der Tat, noch nie hatte sie sich sicherer gefühlt. Als ob der Anblick ihrer Mutter nicht schon imposant genug wäre, begann der Geist zu Jade zu sprechen.

„Fürchte dich nicht meine Kleine. Ich bin immer bei dir. Ich liebe dich.“

Die Worte raubten Jade den Atem, nicht etwa, weil sie so von einem Geist kamen, sondern vielmehr der Tatsache geschuldet, dass sie ihr als die wertvollsten Worte, die sie je von ihrer Mutter gehört hatte, erschienen.

„Ich liebe dich auch“,

antwortete sie, ohne großartig zu überlegen.

Daraufhin weihte sie Lydia in das größte Geheimnis ein, dessen Lüftung sich als eine ihrer schwersten Aufgaben herausstellen sollte.

„Jade, meine wunderschöne Prinzessin. Es gibt da etwas, was ich mich nie getraut habe, dir anzuvertrauen, doch nun gibt es keine Ausreden mehr. Du musst es wissen. An deinem 16. Lebensjahr wirst du dich so zeigen, wie du wirklich bist, so prophezeite mir eine alte Dame bei deiner Geburt.
Ich hielt es zunächst für einen Aberglauben, doch als dieser Tag immer näher kam, passierten wundersame Dinge. Ich träumte jeden Abend von dieser schicksalhaften Begegnung und wachte jedes Mal auf, nachdem diese Worte fielen. Außerdem sah ich dich immer zunehmend mit anderen Augen.
Du warst nicht mehr mein kleines unscheinbares Mädchen, sondern solltest eines Tages zu etwas Höherem berufen sein. Du bist als ein Kind des Meeres zur Welt gekommen und musst an deinem 16. Lebenstag dorthin zurück, wo dein Ursprung ist.
Es tut mir so schrecklich leid, dass ich dich im Stich gelassen habe, doch man hat vorausgesehen, dass ich ein Hindernis darstellen würde auf deinem Weg zum Licht der Welt. Man musste mich beseitigen, um dir deinen Weg zu öffnen. Du solltest auf niemanden mehr Rücksicht zu nehmen brauchen, als einzig und allein auf deine bevorstehende Aufgabe.“

Als sie mit ihrer Rede geendet hatte, stockte Jade der Atem. Das einst unbeschwerte Mädchen verstand rein gar nichts mehr.
Wie konnte es sein, dass  ihre Mutter all die Jahre geschwiegen hatte. Plötzlich war der Unfall kein solcher mehr. Es musste geschehen, was geschehen war, damit sich die Prophezeiung dieser geheimnisvollen alten Dame erfüllte. Doch wer war sie? Fragen über Fragen und jede mögliche Antwort, zog weitere schleierhafte, nebulöse Fragen nach sich.
Nur eins war klar. Sie hatte es hier nicht mit Dingen zu tun, die sich mithilfe von gegenwärtigen Regeln erklären ließen. Nein. Sie war gefangen in einer Parallelwelt, in der eine andere Ordnung herrschte, dessen Systematik voller Mysterien war. Keine davon ließ sich einfach ergründen, wenn man nicht hinabtauchte in unbekannte Tiefen eines sich plötzlich neu formierenden Universums.

Jade stellte instinktiv die entscheidende Frage, die alles weitere ins Rollen bringen sollte.

„Was muss ich tun, um dich wiederzusehen?“

Die Antwort erfolgte kurz und knapp, ehe sich der Geist ihrer Mutter in Nebelschwaden auflöste und der Ozean sich wieder beruhigte.

„Du musst nur zum Pier schauen und an mich denken.“

Als sie diesen Rat befolgte, blitzte das wunderschöne Gesicht ihrer Mutter in ihren Gedanken auf. Sie hatte ein Lächeln auf den Lippen und das Funkeln in ihren Augen erwärmte ihr gebrochenes Herz.

Nach dieser alles verändernden Entdeckung war sie zu ihren Großeltern gegangen, um ihr Soll zu erfüllen. Sie würde ihre Mutter wieder bei sich haben, wenn sie das tat, wofür sie überhaupt auf die Welt gekommen war.
Die Menschheit brauchte sie. Sie waren alle auf sie angewiesen. Sie durfte nicht wieder versagen, zumal sie nun wusste, was sie wirklich war.
Ein Kind des Meeres.
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast